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Robert Baar: Allein unter Frauen

Rezensiert von Dr. Claudia Dreke, 08.11.2012

Cover Robert Baar: Allein unter Frauen ISBN 978-3-531-17452-5

Robert Baar: Allein unter Frauen. Der berufliche Habitus männlicher Grundschullehrer. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 419 Seiten. ISBN 978-3-531-17452-5. 39,95 EUR.

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Autor

Robert Baar ist Akademischer Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Der Autor war einige Jahre selbst als Lehrer an Grund- und Hauptschulen tätig.

Thema

Können Männer in der Grundschule – gegenwärtig eine Minderheit von etwa 13 Prozent – tatsächlich als „Hoffnungsträger“ für ein (quantitativ) feminisiertes Berufsfeld gelten, dem in der öffentlichen Diskussion seit einigen Jahren unterstellt wird, zum schulischen Versagen von Jungen beizutragen? Diese Frage stellt Robert Baar im Zusammenhang mit jener nach dem beruflichen Habitus von männlichen Grundschullehrern. In der qualitativen, interviewbasierten Studie arbeitet er deren Handlungsorientierungen und Männlichkeitskonstruktionen in einem gegengeschlechtlichen Berufsfeld heraus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert:

  1. Theoretische Grundlagen,
  2. Methodologische Grundlagen,
  3. empirische Ergebnisse und
  4. Resümee.

Die empirischen Ergebnisse nehmen den größten Raum ein. Die Studie schließt mit einem Anhang, der die Richtlinien für die Transkription sowie den Interviewleitfaden enthält.

Im ersten Teil (A) entwirft Baar den geschlechterbezogenen Ansatz der Studie, indem er das Habituskonzept von Pierre Bourdieu mit dem Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ von Robert (bzw. Raewyn) Connell und damit zwei Konzepte verbindet, die in der soziologischen Männlichkeitsforschung der Gegenwart besonders prominent sind (vgl. Scholz 2012). Daraus ergeben sich Konsequenzen für seine Studie: Will man, im Anschluss an Bourdieu, wissen, was die berufliche Praxis von Grundschullehrern formt und in welcher Weise sie selbst in habitualisierter bzw. vorreflexiver Weise zu dieser Formung beitragen, seien sowohl die sozialstrukturellen Dimensionen „Milieu“ und „Generation“ als auch geschlechtliche Dimensionen zu berücksichtigen. Mit Connells Differenzierung von Männlichkeiten fragt Baar weiter, inwiefern Lehrer in einem „weiblichen“ Berufsfeld hegemoniale Männlichkeit beanspruchen und (machtvoll) durchzusetzen suchen oder auch, durch andere Männer, marginalisiert werden. In der Verknüpfung beider Ansätze wird der forschende Blick darüber hinaus geschärft an Michael Meusers These, dass ein Leben im Einklang mit dem männlichen Habitus innerhalb der für selbstverständlich gehaltenen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit „habituelle Sicherheit“ verleiht. Entsprechend fragt Baar, ob das Arbeiten in einem gegengeschlechtlichen Berufsfeld zu Verunsicherungen bei den Männern führt. Hinweise auf solche Verunsicherungen geben Untersuchungen aus anderen Berufsfeldern, etwa der Sozialarbeit, wie Baar an Forschungsergebnissen zur „geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes“ zeigt. Mit seinem theoretischen Konzept ordnet er sich einer konstruktivistischen Argumentationslinie der Erziehungswissenschaft zu und grenzt sich ausdrücklich von einem normativen Wissenschafts- und Geschlechterverständnis ab.

Um die Frage nach Orientierungen und Deutungen der Lehrer zu beantworten, wählt Baar ein qualitatives Forschungsdesign, das er im zweiten Teil (B) darstellt. Die elf problemzentrierten und durch einen Leitfaden gestützten Interviews mit Lehrern – berufserfahren und ohne Leitungsfunktion – analysiert er mit der Dokumentarischen Methode. Stimulus ist eine berufsbiographisch orientierte Eingangsfrage, der Fragen zur Schul- und Unterrichtsgestaltung sowie zur Zusammenarbeit in der Schule folgen. Das Thema „Geschlecht“ erwähnt Baar ausdrücklich nicht bei der Kontaktaufnahme; im Interview selbst wird es erst im zweiten Teil des Interviewleitfadens thematisiert.

Auf der Basis ausführlicher Fallanalysen von sechs Interviews kontrastiert er im dritten Teil (C) die Handlungsorientierungen der Lehrer im Hinblick auf deren Berufswahlmotivation, Berufsbiografie, Professionsverständnis, Stellung im Kollegium, Berufsprestige sowie vergeschlechtlichte Deutungsmuster im Arbeitsalltag. Er kommt zu dem Schluss, „dass die Konstruktion von Männlichkeit den beruflichen Habitus aller Interviewpartner entscheidend beeinflusst“ (367) – und nicht etwa die Berufswahlmotivation, die Größe der Schule oder anderes „Ursache für die Herausbildung eines bestimmten Habitus“ (ebd.) sind.

Zum Ausgangspunkt für die weitere Systematisierung der Daten wird die zentrale Kategorie „Sicherheit und Unsicherheit der eigenen Männlichkeit“. Vergleichend stellt Baar nun die beiden Typen eines „reflexiven“ und eines „nicht-reflexiven“ Habitus dar. Der reflexive Habitus beruhe auf großer Verunsicherung, die durch die „Makrostruktur des Feldes“ (392) verursacht werde: Einerseits wird den Lehrern von ihrer Umwelt suggeriert, dass sie in einem weiblich konnotierten Berufsfeld als „richtige Männer“ nichts zu suchen haben, andererseits erfahren sie eine positive Besonderung im Berufsfeld selbst, die mit Privilegien und sozialer Anerkennung einhergeht. Diese Ambivalenz macht nachdenklich – sie führe dazu, dass traditionale Geschlechterkonstruktionen (zumindest partiell) distanziert reflektiert werden. Dieser Habitus ermöglicht nach Baar nicht nur eine geschlechterbewusste Handlungsorientierung. Ihm gesteht er auch das Potential für die Entwicklung von pädagogischer Professionalität zu.

Der nicht-reflexive Habitus zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass in ihm Geschlechterverhältnisse als eindeutig und essentiell erscheinen und jene, die ihn verkörpern, entsprechende (bedrohte) Selbstverständlichkeiten durch unterschiedliche Strategien zu schützen wissen oder dies zumindest versuchen: durch höflich-charmierende „Sexierung“, durch klaren „Führungsanspruch“ oder durch „innere Emigration“. Dieser Habitus verhindere nicht nur das Infrage-Stellen der eigenen (geschlechtlichen) Deutungsmuster, sondern auch die kollegiale Kooperation – vor allem mit Frauen.

Allerdings sieht Baar Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Grundschullehrern: Während sich die jüngeren durch wahrgenommene Diskriminierung ihrer Männlichkeit in einem gegengeschlechtlichen Berufsfeld als eher verunsichert erleben und dieser Verunsicherung mit heftiger Abwehr begegnen, gilt dies für ältere Grundschullehrer kaum – sie scheinen es nicht (mehr) nötig zu haben, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen.

Grundsätzlich gilt: Je deutlicher hegemoniale Männlichkeit beansprucht wird, desto größer die Bedrohung des männlichen Selbstbildes. Das trifft vor allem auf die jüngeren Lehrer in diesem Typus zu. Gerade starke Abgrenzungen zu Weiblichkeit, heftiger Kampf um Führungspositionen oder verzweifelte Resignation zeigen dann das Krisenhafte der eigenen Männlichkeit an, die sich keiner habituellen Sicherheit als Mann mehr gewiss sein kann. Als hoffnungsvolle Identifikationsfiguren bzw. Vorbilder für Jungen in der Grundschule erscheinen diese Männer kaum. Für Lehrer mit diesem Habitus beantwortet Baar die einleitend gestellte Frage mithin eher pessimistisch.

Im abschließenden Resümee (D) fasst Baar die Ergebnisse seiner Arbeit zusammen und diskutiert sie. So fragt er nach Möglichkeiten eines Typenwechsels und sieht Anzeichen dafür in Äußerungen von Interviewten, die für unterschiedliche Altersphasen unterschiedliche Männlichkeitsstrategien beanspruchen. Fraglich erscheint hier allerdings, ob die erzählten Rückblicke der Interviewten damit für „bare Münze“ genommen und gerade nicht als (Erzähl-)Strategien der Herstellung von Männlichkeit gesehen werden. Baar selbst weist darauf hin, dass zu Fragen des Typenwechsels vor allem Längsschnittstudien auskunftsfähig sein können.

Letztlich gelten Baar sowohl massive Vorbehalte gegen Männer in der Grundschule als auch positive Diskriminierungen als kontraproduktive Dramatisierungen von Geschlecht, die eine professionelle Berufsausübung verhindern. Als Gegenmittel empfiehlt er eine „Entdramatisierung durch Dramatisierung von Geschlecht“. So müssten angehende wie erfahrene Lehrkräfte für Geschlechterkonstruktionen sensibilisiert und entsprechendes Wissen in kompetenten Umgang mit Geschlecht überführt werden. Als sinnvoll sieht er hier Ansätze der pädagogischen Praxisforschung oder, in der Fort- und Weiterbildung, fallorientierte Arbeit.

Diskussion

Baar bearbeitet in seiner Studie Fragen, die bisher nicht untersucht worden sind und schließt damit eine wichtige Forschungslücke. Zugleich regt er mit seiner Studie direkt und indirekt die Bearbeitung weiterer Fragen an. Er zeigt pointiert und differenziert, dass und wie Männer im gegengeschlechtlichen Feld Grundschule unterschiedliche Strategien entwickeln, hegemoniale Männlichkeit zu behaupten. Diese Strategien gelten zumindest für den nicht-reflexiven Typus und damit mehrheitlich im Hinblick auf das Sample. Vorbilder für Schuljungen wären Grundschullehrer mit diesem Habitus damit wohl am ehesten als Männer, die eine essentialistisch verstandene Männlichkeit reproduzieren und sich selbst nicht in Frage stellen. Überzeugend stellt Baar in diesem Kontext dar, dass der mediale Diskurs um die vermeintlich fehlenden Männer in Bildung und Erziehung vor allem eine „Steilvorlage“ dafür sei, „Hegemonieansprüche geltend zu machen“ (398). Nötig erscheinen vielmehr Lehrer (und Lehrerinnen) mit einem reflexiven Geschlechterhabitus.

Für den reflexiven, ambivalenten Typus findet Baar allerdings nur einen Interviewfall, und auch dieser erscheint nicht bruchlos reflexiv. Das macht ihn als Ausnahme um so interessanter. Wie oder wodurch gerade er zur Ausnahme wird, erscheint dabei nicht restlos geklärt – auch im nicht-reflexiven Typus zeigt sich ja bei jüngeren Männern Verunsicherung, die jedoch durch einseitige Auflösung von Ambivalenzen bearbeitet wird. Die Typen selbst sind sorgfältig systematisiert und werden abschließend auf die theoretischen Konzepte rückbezogen, die Fallanalysen sind gut lesbare, bisweilen spannende Lektüre. Verzeihlich erscheint da die eine oder andere eher überflüssige Paraphrase vor der reflektierenden Reflexion.

Überzeugend erscheint auch die Brisanz der Männlichkeitsstrategien für das berufliche Handeln und die Entwicklung professioneller Kompetenz der Lehrer. Zumindest gilt dies, wenn Baar mit Bastian & Helsper (2000, 182) als professionelle Kompetenz die Fähigkeit zum selbstbezüglichen Reflektieren und Verstehen des beruflichen Handelns und der eigenen, berufsbiografisch fundierten Deutungsmuster sieht. Man missversteht Baar hoffentlich nicht, wenn man die Deutungsmuster als das Handeln der Lehrkräfte orientierend und nicht determinierend versteht.

Während der Zusammenhang zwischen Geschlecht und der sozialstrukturellen Dimension „Generation“ gut nachvollziehbar und plausibel erscheint, bleiben mögliche Zusammenhänge zu den sozialen Milieus der Interviewten, die ja ebenfalls in Frage standen, nur angedeutet. Hier lohnt möglicherweise eine Nachlese. Baar legt zu Beginn der Darstellung seiner Fallanalysen selbst die Spur, indem er erwähnt, dass Interviewpartner David, der als einziger den reflexiven Habitus verkörpert, in einem „liberal-intellektuellen Milieu“ aufgewachsen sei (117).Woraus schließt Baar das, und welche Bedeutung hat dies für das berufliche Handeln und im Zusammenhang mit Männlichkeitskonstruktionen?

Einmal aufmerksam geworden, lässt sich die Spur weiterverfolgen: Wichtig für die Tätigkeit als Lehrer seien, so schreibt Baar, für David „Spaß“ und „authentisch“ sein können (119). Und auch den Kindern soll es Spaß machen, (auch) nach ihren Bedürfnissen soll es gehen. Baar rekonstruiert, dass David Disziplinierung ablehnt, jedoch zugleich die (männlich konnotierte) Fähigkeit präsentiert, Kinder disziplinieren zu können. Während ersteres sich als eine Distanznahme Davids zur Institution Schule und dem in ihr geforderten rollenförmigen Berufshandeln lesen lässt, weist seine Ablehnung von Disziplinierung auf moderne, reformpädagogische Orientierungen hin.

„Spaß“ scheint David nach Baars Darstellung mit Kindern zu haben, bei denen Disziplinierung gerade nicht nötig ist, sondern mit denen sich im Gegenteil gute Beziehungen herstellen lassen und die selbständig lernen (wollen) – eben im Akademikerviertel mit einer Schule, die Baar als „reformfreudig“ bezeichnet (117) und in die sein Interviewpartner von einer „Brennpunktschule“ mit „sehr sehr viel Russlanddeutschen“ (122) gewechselt ist. Hier kann der Lehrer „authentisch“ sein, und hier zeigt sich vielleicht auch dessen Selbstzuordnung zu einem sozialen Milieu, die sich mit seiner Männlichkeitsdarstellung kreuzt. In die „Brennpunktschule“ gehört David seinen Deutungen nach wohl nicht.

Die Milieus der anderen Lehrer, Träger des nicht-reflexiven Habitus, sind so ausdrücklich wie das von David nicht erwähnt. Aber auch bei ihnen werden bei der Lektüre milieuspezifische Spuren erkennbar, etwa in konservativen pädagogischen und gesellschaftlichen Orientierungen bei Herrn Maier oder in der Ortsverbundenheit mit einem Dorf und den Abgrenzungen Herrn Jehles von „offenem“ und „individuumszentrierten“ Unterricht. Eine Milieustudie von Schumacher (2002) sieht die Mehrheit der Grundschullehrkräfte in Deutschland dem liberal-intellektuellen Milieu zugehörig, deren Zugehörige Schüler als Individuum in den Mittelpunkt stellten. Fraglich ist, ob dies für weibliche und männliche Lehrkräfte gleichermaßen zutrifft. Historisch gesehen waren es zunächst die „höheren Töchter“, die Volks- und später Grundschullehrerinnen wurden – nicht etwa die „höheren Söhne“, für die dieser Beruf eher als sozialer Abstieg galt (vgl. Enzelberger 2001, 98).

Anschlussmöglichkeiten für weitere Differenzierungen bietet auch der Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“. Baar geht in seiner Untersuchung offenbar mit Connell von einer (traditionalen) hegemonialen Männlichkeit aus, die dann in der Grundschule im nicht-reflexiven Habitus strategisch in unterschiedlichen Formen zu behaupten versucht wird. Scholz (2012, 232 ff.) zeigte exemplarisch für die Felder Ökonomie, Politik und Militär unterschiedliche und noch einmal feldintern differenzierte hegemoniale Männlichkeiten auf. Weiter fragen ließe sich entsprechend – gerade mit Blick auch auf mögliche Zusammenhänge zwischen Geschlecht, pädagogischen Orientierungen und sozialen Milieus – welche Form von Männlichkeit in der Grundschule bzw. in der Pädagogik als hegemonial gelten kann und in welchen Beziehungen sie zu anderen Männlichkeiten stehen.

Zu bedenken wäre dabei mit Baar, dass es sich bei der Grundschule um ein weiblich konnotiertes Berufsfeld und damit für die Männer um ein gegengeschlechtliches Berufsfeld handelt – ebenso übrigens wie das der Frühpädagogik. In beiden Feldern könnte weiterführend sein, auch über „hegemoniale Weiblichkeit“ (vgl. zum Begriff und zur Kritik daran Meuser 2010, Scholz 2010, 2012) nachzudenken. Immerhin konstatiert Scholz Durchkreuzungen von Machtverhältnissen der Geschlechter und „massive Verschiebungen in den gesellschaftlichen Leitvorstellungen von Weiblichkeit“ (Scholz 2012, 246). Dies legt nahe, auch nach Leitbildern hegemonialer Weiblichkeit zu fragen und danach, inwiefern diese gerade in weiblich konnotierten Feldern orientierend für Frauen sind bzw. welche Weiblichkeitsvorstellungen dort miteinander konkurrieren und wie sie sich auf Männlichkeitsvorstellungen beziehen. Auch für die Frühpädagogik könnte dies interessant sein. Dort sind berufliche Positionen bis zur Professur momentan überwiegend von Frauen besetzt, gleichwohl sich die Relationen nach oben hin deutlich zugunsten der Männer verschieben (vgl. Keil, Pasternack & Thielemann 2012, 6 f.).

Scholz (2012, 243 f.) macht zudem auf unterschiedliche Männlichkeitskonstruktionen in Ost- und Westdeutschland und zugleich auf schichtspezifische Gemeinsamkeiten über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg aufmerksam. Mit Blick auf das Sample der von Baar Interviewten, die anscheinend überwiegend in Baden-Württemberg tätig sind, wäre zudem weiterführend, den Blick auch auf Lehrer aus anderen Bundesländern zu richten. Ob etwa Lehrer, die in ostdeutschen Kontexten aufgewachsen sind, Männlichkeit in spezifischer Weise konstruieren bzw. sie dabei andere Wissensbestände verarbeiten, müsste sich dann im Vergleich erweisen.

Fazit

Die Untersuchung setzt einen empirisch fundierten Kontrapunkt zu der in der Öffentlichkeit vorherrschenden dramatisierenden Sicht auf eine quantitative und zugleich unterstellte qualitative Feminisierung der Grundschule und der mit ihr angeblich verbundenen fatalen Folgen für Jungen. Die differenzierte Darstellung der Deutungsmuster von männlichen Grundschullehrern könnte diese Sicht wohltuend versachlichen. Verstrickt in ihre eigenen Männlichkeitskonstruktionen, erscheinen gerade die Lehrer im nicht-reflexiven Habitus kaum als Hoffnungsträger. Zudem erweist sich die Studie als anschlussfähig für weitere Forschungen, etwa zum Zusammenhang von Geschlecht und sozialem Milieu oder zu „hegemonialer Weiblichkeit“ in der Grundschule, aber auch in Kindertageseinrichtungen. Es bleibt der Studie zu wünschen, dass sie eine zahlreiche und irritierbare Leserschaft findet. Sowohl die weitere Forschung als auch die Aus- und Weiterbildung von Grundschullehrkräften und von frühpädagogischen Fachkräften könnten davon profitieren.

Literatur

  • Bastian, Johannes; Helsper, Werner (2000): Professionalisierung im Lehrberuf – Bilanzierung und Perspektiven. In: Bastian, Johannes u.a. (Hg.): Professionalisierung im Lehrberuf. Von der Kritik der Lehrerrolle zur pädagogischen Professionalität. Opladen: Leske und Budrich. S. 167-192.
  • Enzelberger, Sabina (2001): Sozialgeschichte des Lehrerberufs. Gesellschaftliche Stellung und Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern von den Anfängen bis zur Gegenwart. Weinheim und München: Juventa.
  • Meuser, Michael (2010): Geschlecht, Macht, Männlichkeit – Strukturwandel von Erwerbsarbeit und hegemoniale Männlichkeit. In: Erwägen Wissen Ethik (EWE), 21. Jg., Heft 3/2010, S. 369-398.
  • Keil, Johannes; Pasternack, Peer; Thielemann, Nurdin (2012): Frauen und Männer in der Frühpädagogik. Genderbezogene Bestandsaufnahme (HoF-Arbeitsbericht 2/2012). Hrsg. vom Institut für Hochschulforschung(HoF) an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg.
  • Scholz, Sylka (2010): Hegemoniale Weiblichkeit? Hegemoniale Weiblichkeit! In: Erwägen Wissen Ethik (EWE), 21. Jg., Heft 3/2010, S. 369-398.
  • Scholz, Sylka (2012): Männlichkeitssoziologie. Studie aus den sozialen Feldern Arbeit, Politik und Militär im vereinten Deutschland. Westfälisches Dampfboot: Münster.
  • Schumacher, Eva (2002): Die soziale Ungleichheit der Lehrer/innen – oder: Gibt es eine Milieuspezifizität pädagogischen Handelns? In: Mägdefrau, Jutta; Schumacher, Eva (Hrsg.): Pädagogik und soziale Ungleichheit. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 195-224.

Rezension von
Dr. Claudia Dreke
Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin
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Es gibt 2 Rezensionen von Claudia Dreke.

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Zitiervorschlag
Claudia Dreke. Rezension vom 08.11.2012 zu: Robert Baar: Allein unter Frauen. Der berufliche Habitus männlicher Grundschullehrer. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17452-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13276.php, Datum des Zugriffs 26.05.2024.


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