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Olga Lyra: Führungskräfte und Gestaltungsverantwortung

Cover Olga Lyra: Führungskräfte und Gestaltungsverantwortung. Inklusive Bildungslandschaften und die Theorie U. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 322 Seiten. ISBN 978-3-7815-1849-0. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Autorin

Dr. Olga Lyraist derzeit am Madeira Interactive Technologies Institut als „Postdoctoral Fellow“ tätig und forscht zum Thema „Inklusive Bildung“.

Thema

Der vorliegende Band (insgesamt 332 Seiten) versucht, die von Otto Scharmer am MIT entwickelte Theorie U (vgl. die Rezension) exemplarisch für die Entwicklung inklusiver Bildungslandschaften fruchtbar zu machen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist die überarbeitete Dissertation der Autorin an der Universität Köln mit dem Originaltitel: Führungskräfte und Gestaltungsverantwortung in schulischen Bildungsfeldern. Theorie U als Impuls für tief greifenden Wandel in inklusiven Bildungslandschaften.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort des Urhebers der „Theorie U“, Otto Scharmer, folgt der Aufbau des vorliegenden Bandes folgender Gliederung. In 12 Schritten (Kapiteln) versucht die Autorin, Scharmers „Theorie U“ dahingehend fruchtbar zu machen, dass das Erreichen von Inklusion im Bildungswesen am Beispiel eines konkreten Projektes mithilfe der „Theorie U“ konzeptionalisiert werden kann.

Ihren Überlegungen stellt die Autorin eine Definition der „Theorie U“ vor, deren Ansatz es ist, die Voraussetzungen für „tief greifenden Wandel“ im Bildungssystem nicht nur in veränderten Rahmenbedingungen zu sehen, sondern vielmehr in Veränderungen, die die involvierten Personen selbst betreffen (S. 18).

Dabei beschreibt Lyra zunächst (S.21ff.) die institutionalisierten Rahmenbedingungen für den Diskurs zur Inklusion im Bildungswesen als Forschungsimpuls, um dann den Blick auf jene zu lenken, die mit der Steuerung dieses Prozesses betraut sind (S. 32). Das Problemfeld „Behinderung“ kontextualisiert sie in der Auffassung der Vereinten Nationen (S.32f.) und die Erreichung von Inklusion als Aufgabe von Führungskräften (S. 35ff.). Inklusion wird dabei zweifach konnotiert: einerseits als Innovation selbst, als auch als Katalysator für „tief greifenden Wandel“ (S. 51). Als quasi Transferbedingung stellt die Autorin im weiteren Verlauf Möglichkeiten didaktisch-pädagogischer Settings vor, die die beteiligten Personen dazu befähigen sollen, das „höchste Potential“ (S. 66) und die Realität zu reflektieren.

Kapitel 4 widmet sich dann ganz der „Theorie U“ und beschreibt deren Potentiale zunächst hinsichtlich ihrer Prozesshaftigkeit (S. 80); ihrem Vermögen, kollektiv getragenen Wandel zu ermöglichen (S. 82) und als „holographische Theorie“, in der die einzelnen Bestandteile stets das Ganze widerspiegeln (S. 83).

In Kapitel 5 wird das Projekt „LehrerIn-Bildung-Kultur, BeWEGung pro Inklusion“ vorgestellt. Somit skizziert Lyra einen ersten Ausgangspunkt eines „Veränderungsvorhabens“ nach der Theorie U: das „Downloaden“ (S. 90). Der weitere Veränderungsprozess wird als „Prozess des Sich-Öffnens, Loslassens, des Wahrnehmens fremder Perspektiven, des Sich-mit-höchstem Potenzial-Verbindens und Neues-in-die-Welt-Bringens übernehmen“ (S. 95) beschrieben und anhand konkreter Beispiele aus dem Projektverlauf in praktischer Perspektive unterfüttert.

Auch im sechsten Kapitel (S. 102) in dem das „Seeing“ im Mittelpunkt steht, wird Praxis der Theorie U anhand von Interviewpassagen verdeutlicht und auf den konkreten Projektkontext bezogen.

Das siebte Kapitel (S. 123) behandelt die Sensibilisierung für zukünftige Entwicklungen, damit sind nicht etwa Trendbeschreibungen gemeint, sondern vielmehr „Lernreisen“. In der Terminologie der Theorie U beschreibt diese Phase das „Sensing“. Hier wird eine Art „Metareflexion“ der Kommunikation über den Gegenstand an sich angestrebt, die aufmerksam hinsichtlich verschiedener Wahrnehmungsstrukturen machen soll.

Im Kapitel 8 ( S. 183) wird das Refraiming nach der Theorie U behandelt. Dieser Prozess, soll Teilnehmer am Projekt dazu befähigen, die Ausgangsfrage auf der Basis der neuen Erfahrungen neu zu überdenken und dabei Konsequenzen hinsichtlich des eigenen Fortschritts zu überdenken. Ebenfalls wird in diesem Kapitel ein Feedback von C.O. Scharmer zum vorgestellten Projekt selbst auszugsweise vorgestellt.

Anschließend wird im neunten Kapitel (S. 199) darauf eingegangen, wie die nächste Stufe in der Theorie U, die „Gegenwärtigung“, bzw. „Precencing“ zu gestalten sei. In dieser Passage werden die Teilnehmer an U-Prozessen, hier wieder am konkreten Projekt geschildet, durch eine Phase der Reflexion dahingehend getragen, als dass nun die konkrete Absprache, der konkrete Beschluss der Gruppe ansteht und dieser von allen getragen werden muss.

Schließlich findet im zehnten Kapitel eine Auseinandersetzung damit statt, inwieweit die Realisierungsphase (S. 235). Hier spielt die Reflexion von „kollektiven und individuellen Wandlungsprozessen (Ebenda) eine wichtige Rolle.

Zum Schluss findet in Kapitel 11 (S. 285) eine Gesamtreflexion aller Stufen und Prozesse der Theorie U – rückgebunden an den vorgestellten Projektkontext statt.

Diskussion

Olga Lyra leistet mit ihrem Buch einen Beitrag zur Rezeption Scharmers Werk im deutschsprachigen Raum. Die Projektbeispiele erfahren an sich durch zahlreiche Interviewpassagen von Projektteilnehmern Farbe, und werden durch umfangreiche Zitate aus Primärliteratur reflektiert. Das sich somit eröffnende Kaleidoskop Scharmer?scher Konzeption von reflektiertem individuellen und kollektivem Wandel verliert sich jedoch an einigen Stellen an Textpassagen, deren stark meta-reflexiver Charakter durch den Leser objektiv an vielen Stellen nicht mehr nachvollziehbar ist. Die Terminologie Scharmers und der Duktus seiner Reflexionen sind sicherlich in „intimeren“ Kontexten gruppendynamisch gestalteter Entwicklungsprozesse sinnvoll, lassen sie doch eine reichliche Befüllung der Begriffe durch den Rezipienten zu. Für sach- und ergebnisorientiertes Vorgehen in konkreter Planung und Durchführung von Veränderungsprozessen, z.B. auf lokaler Ebene, bietet ein so opaques Koordinatensystem nur bedingt Orientierung.

Fazit

Das vorliegende Buch richtet sich daher an alle, die an Scharmers Theorie U interessiert sind und methodologische Inspiration hinsichtlich der Gestaltung von Innovationsprozessen suchen. Wenngleich das vorliegende Buch nicht recht zum Einstieg empfohlen werden kann, und auch nicht Ausgangspunkt zur wissenschaftlichen Erschließung von Perspektiven auf inklusive Bildungslandschaften dienen kann, so liegt seine Stärke im Bericht von zahlreichen „Innenansichten“ aus einem exemplarischen Innovationsprozess im Bildungsbereich. Hier liegen, so meine Überzeugung, die Stärken des vorliegenden Buches.


Rezension von
Robert Fischbach


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Zitiervorschlag
Robert Fischbach. Rezension vom 22.10.2012 zu: Olga Lyra: Führungskräfte und Gestaltungsverantwortung. Inklusive Bildungslandschaften und die Theorie U. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1849-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13279.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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