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Monika Lang, Arno Koch (Hrsg.): Gestützte Kommunikation - gestütztes Handeln

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Susanne Wachsmuth, 03.02.2004

Cover Monika Lang, Arno Koch (Hrsg.): Gestützte Kommunikation - gestütztes Handeln ISBN 978-3-89693-225-9

Monika Lang, Arno Koch (Hrsg.): Gestützte Kommunikation - gestütztes Handeln : Fachtagung vom 16. März 2002 an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Weidler Buchverlag (Berlin) 2003. 107 Seiten. ISBN 978-3-89693-225-9. 14,90 EUR.

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Einführung in das Thema

Das Thema "Gestützte Kommunikation" oder auch "Facilitated Communication (FC)" polarisiert wie nur wenige andere Themen die Meinung von Fachleuten der Sonderpädagogik. Mit dem vorliegenden Tagungsband gelingt es der Herausgeberin ein sehr breites Spektrum von Meinungen, Erfahrungen und Forschungsergebnissen vorzulegen. Es kommen Eltern, Stützerinnen, Pädagogen und Pädagoginnen aus dem schulischen und außerschulischen Bereich sowie Wissenschaftlerinnen zu Wort. Daraus ergibt sich, dass unterschiedliche Perspektiven und Probleme angesprochen werden.

Inhalte

Der erste Beitrag stammt von Christine Lachenmeier, einer erfahrenen Stützerin. Sie sieht FC als eine Form des gestützten Handelns an, die bei Menschen, die keine andere Methode der Unterstützen Kommunikation nützen können, zur Anwendung kommt. Dabei betont sie die physische Einflussnahme des Stützenden, verneint aber klar eine psychische Beeinflussung, so dass sie die Äußerungen von gestützt Kommunizierenden als authentische Mitteilungen interpretiert.

Brita Schirmer weist ebenfalls auf den engen Zusammenhang zwischen gestütztem Handeln und Gestützter Kommunikation hin. Sie belegt, dass autistische Störungen bereits seit ihrer Beschreibung durch Kanner und Asperger als mit motorischen Beeinträchtigungen verbunden gelten. Durch eine äußere Stabilisierung, Initiierung von Handlungen und die Vermittlung kinästhetischer Informationen werden die Erfolge des Stützens im Handlungsbereich und in der Kommunikation erklärt.

Marlies Zöller, die Mutter eines gestützt kommunizierenden Autors, beschreibt, wie sie durch Stützen ihrem Sohn zu mehr Selbstbestimmung verholfen hat, so dass er heute zeitweise ohne Stütze schreibt.

Susanne Nußbeck, die sich im Rahmen ihrer Habilitation mit der Thematik beschäftigt hat, fordert eine theoretische widerspruchsfreie Erklärung für die beschriebenen Phänomene. Sie weist nach, dass die von den Befürwortern vermuteten Theorien nicht in der Lage sind, das Phänomen FC zu erklären. So widerspricht sie der "Dyspraxietheorie" indem sie Beobachtungen anführt, dass untersuchte Kinder sinnvoll auf Bilder - nicht aber auf Buchstaben zeigen können. Dieses Ergebnis entzieht sich einer Erklärung durch motorische Störungen und spricht für kognitive Ursachen. Darüber hinaus bezweifelt Nußbeck, dass von Fachleuten als geistigbehindert diagnostizierte Schülerinnen und Schüler die Schriftsprache leichter erwerben als Regelschüler, die im Gegensatz zu FC-Nutzerinnen und Nutzern einen intensiven Lese- und Schreiblehrgang durchlaufen.

Adrienne Biermann hat sich im Rahmen ihrer Dissertation intensiv wissenschaftlich mit FC beschäftigt. Sie untersucht 44 kontrollierte FC-Studien mit insgesamt 364 Versuchspersonen. Dabei stellt sie fest, dass sich Authentizität von mit FC erstellten Äußerungen nur in 20% solcher Äußerungen ermitteln lassen, bei denen die Versuchspersonen eine Auswahl zwischen Einwortmitteilungen treffen konnten. Eine Einflussnahme durch die Stützerinnen und Stützer wird bei drei Viertel der Versuchspersonen nachgewiesen. Sie rät explizit von der Gestützten Kommunikation ab, fordert vermehrte wissenschaftliche Studien zu diesem Thema und empfiehlt den Einsatz anderer weniger umstrittener alternativer Kommunikationsmethoden.

Monika Lang, auch eine Wissenschaftlerin, weist darauf hin, dass FC eine Methode ist, die für die Eltern der betroffenen geistigbehinderten Kinder tiefgreifende Änderungen und Verunsicherungen birgt. Häufig ändert sich das Verhalten ihrer Kinder, sie verstehen ihre Kinder teilweise zum ersten Mal, und sehen sie auf neue Weise. Das ist mit Trauer und Scham über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen und vermehrte Anforderungen verbunden.

Im folgenden Kapitel wird dargestellt, wie die Karl-Georg-Haldenwang Schule in Leonberg FC im Rahmen der Einführung von Unterstützter Kommunikation in ihr Schulprofil integriert.

Den Abschluss bildet ein Bericht von Georg Schade. Er stellt dar, wie durch die Einführung von FC in einer Wohneinrichtung die Einstellung gegenüber den betreuten geistigbehinderten Menschen verändert wird. Gleichzeitig weist er auf die Probleme hin, die sich zwischen den Befürwortern und Gegnern sowie zwischen erfolgreichen und erfolglosen Stützerinnen innerhalb der Mitarbeiterschaft ergeben. Er nennt FC ein für ihn "unerklärliches Phänomen".

Fazit

Das vorliegende Buch trägt durch die differenzierten und vielfältigen Beiträge dazu bei, dieses "unerklärliche Phänomen" der gestützten Kommunikation und des gestützten Handelns aus vielerlei Blickwinkeln zu betrachten und leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, eine emotional geführte Diskussion zu versachlichen.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Susanne Wachsmuth
Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Heil- und Sonderpädagogik Geistigbehindertenpädagogik

Es gibt 39 Rezensionen von Susanne Wachsmuth.

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ISSN 2190-9245