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Simone Willig, Silke Kammer: Mit Musik geht vieles besser

Cover Simone Willig, Silke Kammer: Mit Musik geht vieles besser. Der Königsweg in der Pflege bei Menschen mit Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2012. 152 Seiten. ISBN 978-3-86630-155-9. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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Thema

In den meisten Einrichtungen der Altenhilfe gehört Musik zum Programm. Gemeinsam wird gesungen oder Radio gehört. Musik kann aber mehr, als unterhalten. Meist ist wenig darüber bekannt, wie, wann und wofür Musik eingesetzt werden kann. Das gilt besonders für die Pflege und Betreuung von demenzkranken Menschen.

Autorinnen

Simone Willig ist studierte Musiktherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, mit einer Zertifizierung in neurologischer Musiktherapie (NMT). Sie arbeitet freiberuflich für verschiedene Alten- und Pflegeheime mit dem Schwerpunkt Demenz und Neurologie.

Silke Kammer studierte Lehramt an Sonderschulen und daran anschließend Diplom-Musiktherapie. Sie hat ebenfalls eine Zertifizierung in NMT. Als Musiktherapeutin arbeitet sie freiberuflich mit alten und dementen Menschen und in der neurologischen Rehabilitation.

Beide Autorinnen sind bundesweit als Referentinnen zum Thema Musiktherapie tätig und geben Fortbildungen. Sie sind Mitglied in dem bundesweiten Netzwerk „Musik auf Rädern – ambulante Musiktherapie“.

Aufbau

Im ersten Teil des Buches erläutert Silke Kammer die theoretischen Hintergründe zu Musik und Demenz.

Der zweite Teil von Simone Willig stellt praxisnah dar, wie im Pflegealltag Musik und Musiktherapie eingesetzt werden können. Sie orientiert sich dabei an den sogenannten Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Lebens (AEDL) nach Monika Krohwinkel.

Im Abschlusskapitel des Buches beschreibt Silke Kammer die Vorteile und Besonderheiten von Musiktherapie bei Demenz.

Inhalt

Nach Silke Kammer stellt Musik eine wichtige Ressource in der Begleitung von demenzkranken Menschen dar. Neurophysiologisch können bei fortschreitender Demenz besonders die Inhalte aus dem Langzeitgedächtnis, also die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend abgerufen werden. Dort sind auch die biografisch relevanten Musikerfahrungen gespeichert. Musik und Rhythmus aktivieren zudem gleichzeitig motorische, sprachliche und kognitive neuronale Systeme.

Außerdem setzt Musik bei den sozialen und emotionalen Bedürfnissen an. Gemeinsames Musizieren kann die demenzbedingte Isolation aufheben. Eine Verbesserung der Kommunikations- und Kontaktfähigkeit ist die Folge. Für den dementen Menschen Unaussprechliches findet einen Ausdruck.

Die Situation des Musikhörens oder Musizierens muss wie das Musikstück selbst immer zur Biografie passen. Die Autorin geht neben sozialgeschichtlichen auch auf technische Hintergründe ein. Beispielsweise überfordern die Verbesserungen in der Tonqualität Menschen mit Demenz. Das frühere Rauschen und Knistern beim Abspielen der Schallplatten mit dem Grammophon fehlt.

Silke Kammer stellt einen musikbiografischen Fragebogen vor, der die Persönlichkeitsentwicklung mit einschließt. So kann systematisch und individuell der Einsatz von Musik in der Pflege und Betreuung geplant werden. Zugleich erfordern auch die verschiedenen Phasen einer Demenzerkrankung einen unterschiedlichen Einsatz von Musik.

Im Praxisteil zeigt Simone Willig anhand von Fallbeispielen wie Musik bzw. Musiktherapie im (Pflege-)Alltag eingesetzt werden kann. Sie orientiert sich dabei an dem für die Pflege entwickelten Modell der AEDL:

  1. Kommunizieren können,
  2. Sich bewegen können,
  3. Vitale Funktionen des Lebens aufrechterhalten können,
  4. Sich pflegen können,
  5. Essen und Trinken können,
  6. Ausscheiden können,
  7. Sich kleiden können,
  8. Ruhen und schlafen können,
  9. Sich beschäftigen können,
  10. Sich als Mann/Frau fühlen können,
  11. Für eine sichere Umgebung sorgen können,
  12. Soziale Bereiche des Lebens sichern können,
  13. Mit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehen können.

Am Ende der Kapitel werden Vorschläge für Einzel- und Gruppenangebote und dazu passende Lieder aufgeführt. Darüber hinaus geht die Autorin auf den therapeutischen Einsatz von Musik ein, beispielsweise zur Sturz- oder Pneunomieprophylaxe. Nach Simone Willig können Musiktherapeuten aufgrund ihrer speziellen Ausbildung neue Wege aufzeigen, um die Lebensqualität der dementen Menschen im Laufe der Erkrankung zu erhalten.

Im letzten Teil des Buches geht Silke Kammer vertiefend auf Musiktherapie ein. Sie erläutert, in welchen Fällen eine musiktherapeutische Fachkraft hinzugezogen werden sollte. Die Unterschiede zu Musik als Beschäftigungsangebot thematisiert sie ebenso wie die Frage der Wirksamkeit von Musiktherapie.

Diskussion

Musik in den Pflegealltag zu integrieren, kann Entlastung bringen sowohl für den dementen Menschen als auch den Mitarbeiter. Das Buch von Silke Kammer und Simone Willig zeigt hierfür Wege auf. Ein Schwerpunkt im Buch liegt auf dem Einsatz von Volksliedern, weil sie an die verbleibende Erfahrungswelt der demenzkranken Menschen anknüpfen. Gerade in der jetzigen Generation, die gepflegt wird, nimmt das Singen und Hören von Musik eine wichtige Rolle ein. Vorbehalte von Mitarbeitern gegenüber dem Einsatz von Musik in der Pflege oder Betreuung, wie beispielsweise man sei unmusikalisch oder könne nicht singen, hilft das Buch zu entkräften. Die eigene momentane Unsicherheit ist die gleiche, die der demente Mensch täglich aufgrund seiner Erkrankung erlebt.

Musik als universelle Sprache, die ohne große Worte verstanden wird, kann dazu beitragen mit dementen Menschen zu kommunizieren und ihnen Verständnis für ihre Gefühle und Situation zu vermitteln. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass Biografiearbeit und Validation die Grundlage sein müssen, um eine positive Wirkung mit Musik bei Demenz zu erreichen. Musik und Musiktherapie können richtig eingesetzt, unter anderem eine Reduzierung von Angst oder Unruhe bewirken. Dies wird durch Studien belegt.

Die Orientierung an den AEDL erleichtert es stationären Einrichtungen, ein eigenes Konzept für den Einsatz von Musik bei dementen Menschen zu entwickeln.

Fazit

Die Autorinnen zeigen anschaulich und gut lesbar, warum mit Musik vieles in der Pflege von Menschen mit Demenz besser geht. Mitarbeiter aus der Pflege und Betreuung finden im Buch Hinweise und eine große Bannbreite an Vorschlägen, wie Musik in den Alltag integriert werden kann. Einrichtungen, die überlegen Musiktherapie einzusetzen, finden außerdem ausführliche Informationen.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 17.09.2012 zu: Simone Willig, Silke Kammer: Mit Musik geht vieles besser. Der Königsweg in der Pflege bei Menschen mit Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2012. ISBN 978-3-86630-155-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13313.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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