socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Georg Kreis (Hrsg.): Babylon Europa. Zur europäischen Sprachlandschaft

Cover Georg Kreis (Hrsg.): Babylon Europa. Zur europäischen Sprachlandschaft. Schwabe Verlag (Basel) 2011. 137 Seiten. ISBN 978-3-7965-2690-9. D: 20,00 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Sprachenvielfalt oder Sprachverwirrung?

„Ich spreche mit dir in deiner Sprache und verstehe dich in meiner“; mit dieser Charakterisierung, die gleichzeitig ein Votum für die Bewahrung der eigensprachlichen Identität, der Prozesshaftigkeit und Veränderbarkeit der Muttersprache und der Forderung nach Kulturaustausch darstellt, hat der aus Martinique stammende, französischsprachige Schriftsteller Edouard Glissant (1929 – 2011) die Bedeutung der menschlichen Sprache dargestellt („Über Babel hinaus“, Deutscher UNESCO-Kurier 7/1983, S. 9); der mehrsprachige englische Romanschriftsteller und Komponist Anthony Burgess (1917 – 1993) hat die Bedeutung des menschlichen Sprechens charakterisiert mit dem Hinweis: „Als ein Tier zu sprechen begann, nannte es sich Mensch" (“Unser größter Besitz“, a.a.o., S. 4): und der afrikanische Sprachwissenschaftler und Historiker Clifford N. Fyle (1933 – 2006) hat darauf hingewiesen, dass Sprache „eine wichtige Form der Identifikation (ist). Sie verbürgt dem Einzelnen eine bestimmte Zugehörigkeit, indem sie ihn fest in eine Gemeinschaft einwurzelt und ihn mit den übrigen Angehörigen der gleichen Kultur verbindet“ („Landessprachen und kulturelle Identität“, a.a.o., S. 6). Mit diesen Splittern aus dem differenzierten Diskurs über die Bedeutung der (Mutter- und Fremd-)

Sprache, insbesondere im Zusammenhang mit der sich immer interdependenter, entgrenzender und digital entwickelnden (Einen?) Welt und damit auch der (neuen) Bedeutungsfrage nach dem Kommunikationsmittel Sprache, soll auf das traditionelle Bild von der „babylonischen Sprachverwirrung“ aufmerksam gemacht werden. Die UNESCO, die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen, hat am 20. Oktober 2005 unter Bezugnahme auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) und die internationalen Übereinkünfte, wie etwa die zur kulturellen Vielfalt der Menschheit (2001) das „Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ beschlossen. Zu dem Hinweis, „dass die kulturelle Vielfalt ein bestimmendes Merkmal der Menschheit ist“, wird auch hingewiesen, „dass die Sprachenvielfalt ein grundlegender Bestandteil der kulturellen Vielfalt ist, und… (dabei) die Bildung beim Schutz und bei der Förderung kultureller Ausdrucksformen (eine besondere Bedeutung) spielt“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen – Magna Charta der Internationalen Kulturpolitik, Bonn, o. J. <2006>, 111 S.).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

„Denk ich an Europa…“, gibt es viele Bilder, die sich aufdrängen. Anlässlich des vom Europa-Parlament 1991 durchgeführten Kolloquiums „Das Universelle und Europa“ hat der damalige Parlamentspräsident Enrique Barón Crespo das Janus-Gesicht Europas beschworen, „eine doppelte Identität, schwankend zwischen Gut und Böse“ („Das Doppelgesicht Europas“, Deutscher UNESCO-Kurier 7/8/1992, S. 6): Das „Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“, ist immer noch nicht, wie das bisherige Scheitern einer „Verfassung für Europa“ zeigt (Europäischer Konvent, Entwurf eines Vertrags über eine Verfassung für Europa, 2003, S. 5), in die europäische Wirklichkeit umgesetzt worden. Mit der Feststellung: „Man kann Europa nicht von den Bildern trennen, die sich die Europäer von ihrem Kontinent gemacht haben“ (Benjamin Drechsel, Hrsg., Bilder von Europa. Innen- und Außenansichten von der Antike bis zur Gegenwart, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10660.php) wird eine historische Nachschau vollzogen; und in der wissenschaftlichen Forschung liegen Vorschläge und Theoriebildungen über „Europa – Europäisierung – Europäistik“ vor (Michael Gehler / Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9268.php). Im Rahmen des Bologna-Prozesses werden Entwicklungen und Möglichkeiten, etwa für europäische Studien und Berufspraxis diskutiert (Friedrich W. Seibel, Günter J. Friesenhahn, Walter Lorenz, Oldřich Chytil, Hrsg. Europäische Entwicklungen und die Sozialen Professionen. Gemeinwesen, Ausbildung, Forschung, Professionalisierung. European Centre for Community Education, Koblenz 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11477.php), und es wird, angesichts der neuen Wanderungen von Menschen nach Europa ein Politikwandel gefordert (Jens Wassenhoven, Europäisierung deutscher Migrationspolitik. Policy-Wandel durch Advocacy-Koalitionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11890.php). Weil „der Schritt in die Mündigkeit ist nicht einfach … (und auch nicht ungefährlich), sondern ein humaner Auftrag an jeden von uns (ist)“, können uns durchaus Lebensbeispiele von aufgeklärten Menschen ermutigen, Utopien zu denken und daran mitzuarbeiten, dass sie Wirklichkeit werden (Manfred Geier, Aufklärung. Das europäische Projekt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13289.php).

Im Vergleich mit anderen Kontinenten gibt es in Europa verhältnismäßig wenig Sprachen. In der Europäischen Union existieren offiziell 23 Amtssprachen, und natürlich werden in Europa mehr Sprachen gesprochen; aber die historisch gewachsenen, dominanten Verkehrssprachen, wie etwa Englisch, Französisch und nicht mit der gleichen Bedeutung Spanisch, Deutsch, Portugiesisch und einige andere Sprachen, erreichen nicht annähernd die Sprachvielfalt, wie z. B. in Afrika mit fast 2000 Sprachen. Trotzdem hat die „babylonische Sprachverwirrung“ in der Geschichte des Kontinents intensiv gewirkt, und gewinnt heute, bei den Bemühungen um die Bildung eines gemeinsamen Europas erneut größere Bedeutung.

Der Historiker und Leiter des Europainstituts an der Universität Basel, Georg Kreis, benutzt den Begriff „Babylon“, um damit zum einen die Metapher der „Verwirrung“, also der nachteiligen Positionen im „Sprachenstreit“ in Europa deutlich zu machen, vor allem aber und zuvorderst den Aspekt der „Vielfalt“ als positive Erscheinung und Wirkung im zusammenwachsenden Europa und der (Einen) Welt zu diskutieren. Dazu hat er Sprachwissenschaftler, Soziologen, Historiker und Europawissenschaftler zusammen geführt und lässt sie zu den je spezifischen Aspekten der Sprachenvielfalt in Europa zu Wort kommen.

Aufbau und Inhalt

Georg Kreis thematisiert mit seinem Beitrag „Europa: Vielfalt in der Einheit“ die Entwicklungen, wie sie sich historisch, politisch und kulturell im Kontinent vollzogen haben, welchen Dominanzen und Einflüssen sie unterlagen und wie sich sprachliche Vielfalt heute, im „Brüsseler Babylon“ und als „Voraussetzung für den politischen Einigungsprozess in Europa“ positiv darstellt.

Der Münchner und Berliner Philologe Konrad Ehlich benutzt nicht ohne Grund den militärischen Begriff des „Regiments“, wenn er sich mit den Voraussetzungen und Perspektiven der „europäischen Sprachregime“ auseinandersetzt. Die Vor- und Ohnmachtspositionen der 6 000 – 7000 Sprachen in der Welt, ohne Berücksichtigung von Dialekten, werden durch die Kategorisierung in „Millionensprachen“, „Kleinen Sprachen“ und „Zwergsprachen“ dargestellt. Die meisten der europäischen Sprachen weisen durch die indoeuropäische Herkunft und Verwandtschaftsgrade sprachliche Ähnlichkeiten und Strukturen auf, die es ermöglichen, national eine Sprachenpolitik zu betreiben, die sich als franco-, anglo-, germano- (euro-)zentriert artikulieren und sich als multilinguale Politik etablieren sollte.

Die Ordinaria für Linguistik des Englischen an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel, Miriam A. Locher, referiert über „Englisch als Weltsprache“. Sie stellt die Strukturen der Varietätenlinguistik vor und informiert über Forschungsergebnisse in der Sprachwissenschaft. Dabei filtert sie auch die verschiedenen Begrifflichkeiten im „terminologischen Labyrith“ und verdeutlicht am Projekt „Swiss English“ die Entwicklungen, wie sie sich als Varietät beim Zugriff „Weltsprache Englisch“ darstellen und als Forschungsbedarf herauskristallisieren, bis hin zur Frage, „wie sich die englische Sprache durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Nichtmuttersprachler verändern wird“.

Die Baseler Ordinaria für Deutsche Sprachwissenschaft, Annelies Häcki Buhofer, analysiert in ihrem Beitrag „Unterschiedliches Reden in der gleichen Sprache“ die verschiedenen Variationen, wie sie sich in einer Sprache darstellen und als plurizentische Ausdrücke entwickeln und gebraucht werden. Am Beispiel der deutschen Sprache zeigt sie auf, welche Schwierigkeiten und Entwicklungen sich beim Spracherwerb und -gebrauch des Deutschen in Österreich, der Schweiz, Belgien, Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Deutschland darstellen und in der Sprachforschung zu berücksichtigen sind.

Georges Lüdi, Sprachwissenschaftler für Französisch und als wissenschaftlicher Beirat für sprachpolitische Fragen des Europarats tätig, fragt in seinem Beitrag „Unperfektes und mehrsprachiges Reden“, was es heißt, „perfekt“ zu reden. In einem historischen Aufriss über die Bedeutung eines „bon usage“ und einer Analyse der aktuellen Bedeutung von „Sprachkompetenz“, sowohl im Fremdsprachenunterricht, als auch in der alltäglichen und beruflichen, fremdsprachigen Kommunikation, kommt der Autor zu dem Ergebnis, „dass es mehrsprachige – und nicht bloß zweisprachige – Repertoires sind, die als Ressourcen für eine erfolgreiche Interaktion in polyglossischen Gesellschaften benötigt werden und kognitive und ökonomische Vorteile für das Individuum und für die Unternehmen … mit sich bringen“.

Die wissenschaftliche Angestellte am Linguistischen Seminar der Universität Lausanne, Gabriele M. Müller, setzt sich mit “Mehrsprachigkeit an Hochschulen“ auseinander, indem sie die Bedeutung des Englischen als Wissenschaftssprache hervorhebt, gleichzeitig aber auf die Gefahren „einer wissenschaftlichen Monokultur“ aufzeigt und am Beispiel des Forschungsprojektes DYLAN an den Universitäten Lausanne und Genf die Bedeutung einer mehrsprachigen Schul- und Forschungspraxis aufzeigt.

Den Sammelband beschließen der Sprachsoziologe und Direktor des Instituts für Mehrsprachigkeit an der Universität / Pädagogischen Hochschule Fribourg, Alexandre Duchêne und die Sprachwissenschaftlerin Ingrid Piller von der Macqarie Universität in Sydney/Australien mit ihrem Beitrag „Mehrsprachigkeit als Wirtschaftsgut: Sprachliche Ideologien und Praktiken in der Tourismusindustrie“. Mit den Methoden der Gegenwartssoziolinguistik und der linguistischen Anthropologie diskutiert das Autorenteam die vielfältigen, positiven und negativen Entwicklungen, wie sie sich in der weltumspannenden Tourismusindustrie darstellen und am Beispiel des Schweizer Tourismus auswirken.

Fazit

Die im Sammelband „Babylon Europa“ diskutierten und dargestellten Entwicklungen in der europäischen Sprachlandschaft sind ohne Zweifel wichtig und bedeutsam für die in den unterschiedlichen individuellen, gesellschaftlichen und institutionellen Ebenen sich darstellenden Formen in der europäischen Sprachenvielfalt. Um einerseits die Möglichkeiten bei der Bildung von dominanten Sprachen, etwa dem Englischen als Weltsprache einschätzen und für die Sprachpraxis und -politik zu nutzen, andererseits aber auch die Chancen von Mehrsprachigkeit für eine gelingende, interkulturelle Kommunikation erkennen zu können, sind die dargestellten Positionen und Forschungsergebnisse wichtig und verweisen auf den aktuellen Diskurs, wie er sich am Beispiel der Schweizer Sprachforschungslandschaft darstellt. Die Beiträge verdeutlichen auch die Notwendigkeit zur (mehr-)sprachigen, individuellen und globalgesellschaftlichen Kommunikation und zum Erfahrungs- und Forschungsaustausch.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1522 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.06.2012 zu: Georg Kreis (Hrsg.): Babylon Europa. Zur europäischen Sprachlandschaft. Schwabe Verlag (Basel) 2011. ISBN 978-3-7965-2690-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13319.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht