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Silke Birgitta Gahleitner, Björn Kraus u.a. (Hrsg.): Über Soziale Arbeit und über Soziale Arbeit hinaus

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Björn Kraus, Rudolf Schmitt (Hrsg.): Über Soziale Arbeit und über Soziale Arbeit hinaus. Ein Blick auf zwei Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, Forschung und Promotionsförderung. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2012. ISBN 978-3-89918-206-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich, wie es der Untertitel ankündigt mit drei Themenfeldern: Wissenschafts- und Forschungsentwicklung sowie Promotionsförderung in der Sozialen Arbeit. Faktischer Schwerpunkt ist jedoch die professionsinterne Promotionsförderung, um die sich die beiden anderen Themenfelder gruppieren.

AutorInnen und HerausgeberInnen

Die drei HerausgeberInnen und MitautorInnen des Bandes sind aktive Mitglieder der Fachgruppe Promotionsförderung in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit. Die übrigen AutorInnen sind bekannte Vertreter des Faches (S. Staub-Bernasconi, W. R. Wendt), überwiegend jedoch Personen, die über ein grundständiges Studium in der Sozialen Arbeit zur Promotion gekommen und zum Teil inzwischen HochschullehrerInnen geworden sind.

Entstehungshintergrund

Das Buch kann als Danksagung an Albert Mühlum verstanden werden, der die professionsinterne Promotionsförderung mit angeregt und über viele Jahre maßgeblich mitgestaltet hat.

Aufbau

Nach einer Einführung gliedert sich das Buch in zwei Teile.

  1. Der erste Teil geht auf die Entwicklung einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit ein, die zugleich die Grundlage für eine professionsinterne Promotionsförderung darstellt.
  2. Der zweite Teil besteht aus Kurzberichten bzw. Zusammenfassungen ausgewählter, zum Teil schon mehrere Jahre zurückliegender Dissertationen im thematischen Rahmen der Sozialen Arbeit. Das Auswahlprinzip für die Berücksichtigung von sieben Dissertationsthemen wird nicht mitgeteilt.

Inhalt

Der Teil mit den „Einführenden Artikeln“ beginnt mit einem Beitrag von Kraus, der sich mit Grundlagen einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit befasst. Es wird über die Umbenennung und Umorientierung von der Sozialarbeitswissenschaft zur Wissenschaft der Sozialen Arbeit berichtet, wissenschaftstheoretische Grundpositionen – allerdings auf basalem Niveau – werden gestreift und bekannte Positionen um eine Gegenstandsbestimmung für eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit wiederholt. In diesem Zusammenhang wird auf die ursprünglich scholastische Unterscheidung von Formal- und Materialobjekten erneut eingegangen. Die von Kraus favorisierte Bestimmung der Wissenschaft der Sozialen Arbeit über Formalobjekte brächte diese in die Rolle eines Beobachters „zweiter Ordnung“ (S.27). Eine solche Wissenschaft wäre nicht durch die Entwicklung wissenschaftlicher Theorien, sondern – wie im Mittelalter die Theologie – durch die „Beobachtung“ von Theorien gekennzeichnet. Folgte man einer solchen Festlegung konsequent, würde sich die Soziale Arbeit aus der interdisziplinären Bearbeitung von relevanten Forschungsfragen von vornherein ausschließen. Darüber hinaus wären bei dieser Definition die im zweiten Teil des Buches vorgestellten Dissertationen – mit Ausnahme des Dissertationsprojekts von Heiko Kleve über Postmoderne Sozialarbeit und vielleicht der Arbeit von Benjamin Benz über europäische Sozialpolitik – nicht einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit zuzurechnen.

Einen Einblick in die wechselvolle Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit verschafft der Beitrag von Wendt. Er zeigt auf, wie – abhängig von gesellschaftlichen und professionsinternen Entwicklungen – die Soziale Arbeit bereits in ihren Anfängen um 1900 in den USA verschiedenen Zyklen und Schwerpunktverlagerungen (von der Ausrichtung auf das Individuum oder auf das Gemeinwesen) ausgesetzt war. Weiterhin geht Wendt auf den Sonderweg in der deutschen Entwicklung ein und auf die Ausbildung einer Sozialpädagogik neben der Sozialarbeit, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Fazit kann man mit Wendt aus der Dynamik und den Entwicklungslinien, die sich in der Sozialen Arbeit beobachten lassen, ziehen: „Folgerichtig gibt es keine fertige und wissenschaftlich fixierte Identität Sozialer Arbeit.“ (S.52) Die Offenheit gegenüber wechselnden Aufgaben und Problemlagen erschließt für eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit nach Wendt ein Betätigungsfeld auch jenseits eng definierter fachlicher Zuständigkeiten.

Auf forschungsmethodologische Fragen geht der Beitrag Gahleitners ein. Die Kernbotschaft der Autorin lässt sich in dem Statement zusammenfassen, wonach wegen der „Vielfalt der Sozialarbeit“ die entsprechende Forschung „auf die gesamte Palette qualitativer und quantitativer Verfahren“ (S.69) zurückgreifen müsse. Allerdings ist Gahleitner berechtigterweise skeptisch, was den naiven Einsatz von Methodenintegration oder Triangulationsverfahren betrifft. Ihre Vorbehalte gegen eine Überbewertung quantitativer Forschung macht sie vornehmlich an evidenzbasierten Ansätzen fest, bislang eher nachrangige Ansätze praktischer Anwendung medizinischer (und psychologischer) Forschungsergebnisse. Aufmerksamkeit verdienten meines Erachtens diese Ansätze eher deshalb, weil sie das Modell klassischer Professionen, zu denen die Soziale Arbeit aufschließen möchte, faktisch in Frage stellen. Wer studentische Qualifikationsarbeiten in der Sozialen Arbeit betreut weiß, wie manchmal fahrlässig und unwissenschaftlich mit dem Wirkungsbegriff umgegangen wird. Solchen Missverständnissen könnte Gahleitner Vorschub leisten, wenn sie den Begriff der „Wirkung“ nicht nur von statistisch zu prüfender Wirksamkeit abgrenzt, sondern dadurch zu liberalisieren versucht, indem sie darin Wirkung bedingende oder moderierende Prozesse einschließt. Bedingungen und Moderatoreffekte zu identifizieren erfordert jedoch gerade ausgeklügelte, in der Regel statistischen Modellen folgende Forschungsdesigns. Den Begriff der Wirkung zudem auf Strukturrekonstruktionen und -generalisierungen qualitativer Forschung auszudehnen, dürfte ebenfalls eher Verwirrung stiften, wenn dieser Versuch ohnehin nicht an der Eigenheit dieser Forschung vorbeigeht.

Die Promotionsförderung in der Sozialen Arbeit skizziert Schmitt in seinem Beitrag. Er zeichnet die Entwicklungslinien nach und formuliert Forderungen zur Stützung des Förderanliegens. Schmitt benennt konkret die Aktivitäten der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und liefert – etwas knapp – Argumente für die Stützung des Vorhabens „Promotionsförderung“.

Über die Anfänge des Fachhochschul-DoktorandInnenkolloquiums der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit berichtet Staub-Bernasconi, eine seiner MitbegründerInnen. Sie kontrastiert die dort zu überwindenden Hürden mit aktuellen Entwicklungen und Forderungen in der Schweiz, in der in puncto Promotionsförderung ein etwas aufgeschlosseneres Umfeld als in Deutschland zu bestehen scheint. Am Schluss wird die Autorin grundsätzlich und kehrt zu den (potenziellen) Problemen zurück, die für eine Weiterentwicklung der Promotionsförderung zu bewältigen sind. Staub-Bernasconi nennt das Problem möglicher Verknappung von Studienplätzen durch die konsekutiven Studiengänge, was den Professionalisierungsprozess der Sozialen Arbeit behindern könnte. Sie weist aber auch auf die Notwendigkeit innerhalb der Sozialen Arbeit hin, den bisher weitgehend abstrakt gehaltenen Rahmen für die zu erwerbenden Qualifikationen im (konsekutiven) Studium der Sozialen Arbeit mit Inhalten zu füllen.

Die Beiträge des zweiten Teils enthalten formal ziemlich unterschiedliche Zusammenfassungen und/oder Kommentierungen der Dissertationen von in der Sozialen Arbeit Tätigen. Die Beiträge sind thematisch so vielfältig wie die Soziale Arbeit. Aus diesem Grund und da der Rahmen durch die „Einleitenden Artikel“ des Buches geliefert werden sollte, reicht es hier aus, die Themen und Autoren zu benennen: Postmoderne Sozialarbeit (Heiko Kleve), Kindesinteressenvertretung (Heike Schulze), Europäische Sozialpolitik (Benjamin Benz), Gelingende Jugendhilfe bei schwierigen Fällen (Regina Rätz), HipHop-Szene (Sebastian Schröer), Psychiatrie-Erfahrene in der Freiwilligenarbeit (Andrea Dischler), Beteiligung benachteiligter Gruppen an der Stadtentwicklung (Ina Zimmermann).

Diskussion

Kritisch bleiben einige Punkte der Buchkonzeption anzumerken:

  1. Verschiedene Beiträge lassen redaktionelle Sorgfalt vermissen, wenn auf nicht dargestellte Abbildungen verwiesen wird (Zimmermann, S.222) oder Sätze unvollständig bleiben (z.B. Gahleitner, S.66). Redaktionelle Bearbeitungen hätten auch manche Formulierungen verdient, wenn hinter „Soziologendeutsch“ logische und inhaltliche Stringenz verborgen bleibt. Was ist beispielsweise mit der „Methode der teilstrukturierten Konzipierung“ (Rätz, S.173) gemeint? Und was will Wendt mitteilen, wenn er schreibt: „In der Vielfalt der (pädagogisch und sozialpolitisch inspirierten, psychoanalytischen, systemtheoretischen, lebensweltbezogenen) Theorien zu den Vorgehensweisen in der Lösung von Problemen macht sich die Langzeitwirkung der ‚scientific charity‘ seit den Anfängen der COS bemerkbar, fortgezeugt von Mary Richmond mit der Basierung der Profession auf ihre Methode.“ (S.50)
  2. Die Zusammenfassungen bzw. Kommentierungen von Dissertationen in dem Buch liefern das Bild einer beachtlichen thematischen Breite. Die Prinzipien, nach denen diese Dissertationen ausgewählt wurden, und die wissenschaftlichen Kriterien, die diese Dissertationsprojekte beinhalten bzw. nicht beinhalten, hätten jedoch mehr als nur die üblichen knappen Bemerkungen in der Einleitung verdient. Es fällt etwa auf, dass nur Arbeiten berücksichtigt wurden, die entweder theoretisch-konzeptionelle Ziele verfolgen oder dem sog. interpretativen Paradigma zuzurechnen sind. Inwieweit sind diese Einschränkungen dem Stand einer jungen Wissenschaft geschuldet oder manifestiert sich darin eine für die Forschung in der Sozialen Arbeit typische oder gar unabdingbare Besonderheit?
  3. Auch wenn man in einer Veröffentlichung nicht alle Fragen anschneiden kann, so hätte dem Buch ein ausführlicher Diskussionsbeitrag zur Fundierung der Promotionsförderung in der Bachelor- und Masterphase gut getan. Ein zweiseitiger Ausblick in dem Beitrag von Schmitt und kritische Anmerkungen von Staub-Bernasconi sind hierfür zu wenig. Eine solche Diskussion wäre konstruktiver gewesen als ein wiederholter Bezug auf die diskursiv nicht lösbare Gegenstandsfrage für eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit.

Trotz der aufgezeigten Schwächen präsentiert sich die Profession der Sozialen Arbeit in dem Buch – in Umkehrung der bekannten Charakterisierung von Fritz Schütze – als eine eher unbescheidene Profession. Ob diese Selbstdarstellung für die mittel- und langfristige Zukunft der Profession Erfolg versprechend oder ihrer Entwicklung abträglich ist, kann an dieser Stelle nicht prognostiziert werden.

Fazit

Die Veröffentlichung könnte zum einen für Studierende der Sozialen Arbeit und für in diesem Feld Tätige interessant sein, die mit dem Gedanken an eine Promotion spielen. Allerdings sind die hier erhaltenen Informationen schon deswegen ergänzungsbedürftig, weil sich der Band – verständlicherweise – nur mit Promotionsförderung beschäftigt. Wie eine Promotionsförderung durch das vorausgehende Bachelor- und Masterstudium und durch eine hinreichende Berufspraxis erleichtert werden könnte wäre gesonderter Überlegungen wert.

Zum anderen könnte das Buch Hochschullehrende in der Sozialen Arbeit anregen, sich mit dem Thema Promotionsförderung verstärkt und differenziert, auch kritisch auseinander zu setzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Walter
Berlin
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 08.08.2012 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Björn Kraus, Rudolf Schmitt (Hrsg.): Über Soziale Arbeit und über Soziale Arbeit hinaus. Ein Blick auf zwei Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, Forschung und Promotionsförderung. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2012. ISBN 978-3-89918-206-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13330.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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