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Rainer Wohlfarth: Individuelle Wege des Alterns?

Cover Rainer Wohlfarth: Individuelle Wege des Alterns? Studie zur Konsistenz und Kohärenz der Identität im hohen Lebensalter und ihrer Bedeutung für die Gesundheitsförderung. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 450 Seiten. ISBN 978-3-86226-155-0. D: 28,80 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 32,80 sFr.

Reihe: Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung - 29.
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Thema

„Das Buch basiert auf autobiographischen narrativen Interviews mit 20 hochaltrigen Menschen. Die Interviews geben einen Einblick in das Leben im sehr hohen Alter. Wenn alte Menschen über ihr Leben erzählen, dann ordnen, bewerten und bilanzieren sie ihr Leben. Sie beschreiben ihre persönlichen Überzeugungen, wie und warum die Probleme bewältigt – oder eben nicht bewältigt – werden konnten. Sie stellen dar, was und wer ihnen im Laufe ihres Lebens Mut und Zuversicht gab, und woraus sie Kraft schöpften. Die Hochaltrigen schildern auch, wie es ihnen möglich ist, trotz der Änderungen im hohen Alter, trotz der erlebten Verluste, trotz des Erlebens körperlicher und psychischer Einschränkungen, immer auch in ‚ihrer Haut‘ und ‚mit sich identisch‘ zu bleiben. Der spezifische Ansatzpunkt der empirischen Arbeit ist die Ebene der Interpretationsleistungen und Sinnstiftungsprozesse, das heißt die Art und Weise, wie hochaltrige Menschen die Erlebnisse, Erfahrungen und Veränderungen im Zusammenhang mit dem Älterwerden und dessen Folgen bearbeiten und sie in ihre biographisch begründete Selbstsicht und Erfahrungsgeschichte integrieren“ (Klappentext)

Autor

„Rainer Wohlfarth ist Diplom-Psychologe, Neuropsychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er arbeitet als akademischer Mitarbeiter im Fach Public Health & Health Education und als Studiengangsverwaltung des BA/MA Gesundheitspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg“ (S. IV).

Aufbau

Der Haupttext gliedert sich in 19 Kapitel die sich auf 8 Schwerpunktbereiche verteilen, die anhand römischer Ziffern gekennzeichnet sind. Die einzelnen Kapitel weisen zwischen 0 und 7 Unterkapitel auf, die jeweils ebenfalls zwischen 0 und 8 weitere Unterkapitel aufweisen. Das Buch erstreckt sich über 453 Seiten.

Inhalt

Part I beinhaltet die Einleitung. Diese umfasst 2 Seiten und gibt einen Einblick in den Entstehungshintergrund des Buches.

Part II steht unter dem Titel Forschungstheoretischer Hintergrund und umfasst drei Kapitel auf 15 Seiten. Das erste Kapitel beleuchtet die Strukturen des Alterns anhand demographischer Entwicklungen und Dimensionen des Alterns aus biologischer, sozialer und biographischer Sicht und gibt einen Einblick zum Forschungsbedarf in Bezug auf das vierte Lebensalter. Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Altern als (Identitäts-) Krise und stellt dar, dass zunehmende Gebrechlichkeit im Alter nicht zwangsläufig mit einer Minderung der Lebenszufriedenheit alter Menschen einhergeht. Im dritten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit Identitätstheoretischen Grundlagen und stellt dabei den Identitätsbegriff aus verschiedenen Perspektiven dar.

Part III befasst sich auf 44 Seiten mit dem Theoretischen Hintergrund und untergliedert sich in zwei Kapitel. Kapitel 4 steht dabei unter dem Titel Autobiographisches Gedächtnis, welches vom Autor als Voraussetzung für Identität betrachtet wird. Das Kapitel untergliedert sich dazu weiterhin in verschiedene Unterkapitel, die zunächst die verschiedenen Gedächtnissysteme und anschließend die Merkmale, Organisationsprinzipien, Informationsverarbeitung, Inhalte und Funktionen des autobiographischen Gedächtnisses darstellen. Daran schließt das fünfte Kapitel an, indem es Autobiographisches Gedächtnis, Lebenserzählung und Identität in Bezug zueinander setzt. In diesem Kapitel kristallisiert sich die Kohärenz der Identität als Schwerpunkt heraus, die anhand der Darstellung verschiedener Untersuchungen zur personalen Identität im hohem Alter vertieft aus verschiedenen Perspektiven dargestellt wird.

Part IV zum Thema Methodischer Hintergrund beinhaltet 3 Kapitel auf 21 Seiten. Kapitel 6 steht dabei unter dem Titel der Methodischen Spezifika bei Interviews mit Hochaltrigen. Hier stellt der Autor zunächst Hürden im Vorfeld der Interviews dar wie den schweren Zugang zu nicht befragbaren Personen, Aspekte der Freiwilligkeit, der Einwilligung und Terminvereinbarung. Anschließend zeigt er auf, welche Faktoren ein Interview beeinflussen können, wie interpretative Aspekte aus Sicht des Interviewers aber auch des Befragten, die kommunikativen Aspekte zwischen diesen Personen, den Leistungsdruck, den ältere Menschen in Interviewsituationen empfinden können, die Anwesenheit Dritter und Aspekte der Vertraulichkeit. Kapitel 7 beschreibt die Methodologischen Grundlagen in Bezug auf die Grundlagen, Phasen und die Textanalyse narrativer Interviews. Kapitel 8 stellt die Fragestellung dar, die wie folgt lautet: „Welche spezifischen Erfahrungen nehmen Menschen im sehr hohen Alter wahr, wie bearbeiten sie diese und wie gliedern sie diese in ihr Leben mit seinen Identitätsansprüchen und Weltbildern ein?“ (Wohlfahrt, 2012, S. 84). Weiterhin werden verschiedene andere Fragen aufgelistet, die für das Forschungsvorhaben leitend waren.

Part V befasst sich auf 8 Seiten mit der Methode und beinhaltet 1 Kapitel. Kapitel 9 beschäftigt sich mit der Dokumentation des Forschungsprozesses und stellt Schritt für Schritt das Forschungsvorgehen von der Entwicklung der Einstiegsfrage, über die Auswahl der Interviewpartner, Beachtung von Datenschutz- und Ethikaspekten, Darstellung der untersuchten Gruppe, Durchführung und Auswertung der Interviews bis hin zur Gütebeurteilung dar.

Part VI ist der ausführlichste, befasst sich mit dem Thema Ergebnisse und stellt diese in 3 Kapiteln auf insgesamt 221 Seiten dar. Kapitel 10 führt dabei kurz unter dem Titel Darstellung der Ergebnisse in die beiden folgenden Kapitel ein. Kapitel 11 stellt anschließend eng am Datenmaterial des Autors die Besonderheiten narrativer Interviews mit Hochaltrigen dar. Dabei geht der Autor sowohl auf die Anwesenheit Dritter, die Schwierigkeiten hochaltriger Menschen im Umgang mit ihrem monologischen Rederecht in narrativen Interviews aber auch auf den Verlust des roten Fadens, und den Umgang mit sehr detaillierten, stark kondensierten oder auch vagen, kaum zusammenhängenden Erzählungen der Interviewpartner ein. Außerdem stellt er dar, wie man vagen Erzählungen mit Re-Tellings, also einer Wiederholung einzelner Interviews zu späteren Zeitpunkten begegnen kann und stellt aus seinen Erfahrungen im Forschungsprozess Folgerungen für die Rekonstruktion narrativer Identität. Kapitel 12 steht unter dem Titel Die Konstruktion narrativer Identität im hohen Alter und gliedert die Ergebnisse der Interviews in vier inhaltliche Kategorien, die der Autor formuliert als 1. das Fundament: Wo ich herkomme und was mich geprägt hat, 2. Tragende Wände: Was ich erreicht habe, 3. Das Dach: Was ich heute bin und 4. Die Arbeit am Haus: Wie ich das geschafft habe. Sämtliche Einflussfaktoren wie z.B. Familie, soziale Bedingungen, Elternschaft oder Wohnen als Beweis der Selbstständigkeit sind unter diesen Kategorien in Unterkapitel aufgeführt.

Part VII stellt die Zusammenführung & Diskussion der Ergebnisse auf 67 Seiten dar und ist in 7 Kapitel unterteilt. In Kapitel 13 werden die Aspekte Narrative Identität, Autobiographisches Gedächtnis und Diskursive Praktiken anhand der empirischen Daten abschließend diskutiert. Kapitel 14 beinhaltet Die Darstellung – Das „Was“: Aspekte der Identität im hohen Alter und stellt dar, dass die alten Menschen in den Interviews häufig Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend berichteten und die eigene Familie als Ausgangspunkt der eigenen Entwicklung betrachteten. Die Erfahrungen, die in der Kindheit gemacht wurden, wirken bis in die Gegenwart hinein. Das Erwachsenenalter wird in den Interviews zwar auch thematisiert, jedoch verstärkt in Bezug auf beruflichen Werdegang und Rollenerwartungen. Das hohe Alter wird kaum bzw. erst auf Nachfrage thematisiert, was zeigt, dass sich alte Menschen nicht über ihr Alter definieren. Kapitel 15 beschreibt Die Herstellung – Das „Wie“: Kohärenz als Verteidigung des Selbst. Dabei geht der Autor darauf ein, dass die Befragten trotz altersbedingten Einschränkungen und Verlusten primär die positiven Momente ihres Lebens berichten und versuchen ihr Leben als wert- und sinnvoll darzustellen. Dabei stellt er dar, wie sie dies anhand temporaler und sozialer Vergleiche, Geltungseinschränkungen oder auch durch das Verschweigen bedrohlicher Erfahrungen umsetzen. Weiterhin zeigt er aus seinen Ergebnissen heraus verschiedene Schlussfolgerungen für die Gesundheitsförderung auf. Kapitel 16 steht unter dem Titel Methodische Limitierung und stellt dar, dass die Aspekte der Vagheit, der Anwesenheit Dritter und des Selektionsbias die Verallgemeinerbarkeit der Forschungsergebnisse einschränken. In Kapitel 17 verdeutlicht der Autor welch Wissenschaftlicher Nutzen und Forschungsausblick aus seiner Arbeit abzuleiten ist. Kapitel 18 besteht aus einem kurzen Schlusswort. Kapitel 19 ist ein Literaturverzeichnis, das sich über 25 Seiten erstreckt und weitere Literatur zum Thema enthält.

Part VIII besteht aus einem Anhang. In diesem sind Merkmale der untersuchten Gruppe, zusammengefasste Lebensgeschichten der Interviewpartner, ein Informationsblatt, ein Nachfrageteil und die Transkriptionsregeln zu finden.

Diskussion

Bei der Lektüre des Buches fällt zunächst der rote Faden positiv auf. Die einzelnen Beiträge greifen ineinander und sind somit vom theoretischen Hintergrund bis zur Ergebnisdarstellung sinnvoll gegliedert. Besonders angenehm für den Leser gestaltet sich die Darstellung des Forschungsvorgehens und der Ergebnisse anhand der direkten Forschungserlebnisse des Autors und des Datenmaterials der Interviews. So erhält der Leser einen sehr praxisnahen Einblick in die Umsetzung des Forschungsvorhabens, aber vor allem auch in die damit verbundenen Hürden.

Als positiv zu betrachten ist auch, dass sich der Autor mit einer zukünftig zahlenmäßig steigenden Personengruppe befasst und deren Perspektiven als Denkanstoß für das Gesundheitswesen nutzt, welches sich zukünftig aufgrund der steigenden Zahlen vermehrt mit dieser Personengruppe befassen muss.

Fazit

Das Buch richtet sich sowohl an Personen aus der Praxis als auch aus der Lehre und der Wissenschaft. Es ist leicht verständlich geschrieben und kann sowohl von Personen aus dem Gesundheitswesen als auch aus der Sozialen Arbeit genutzt werden, die sich praktisch oder wissenschaftlich mit der Personengruppe der hochaltrigen Menschen befassen.


Rezension von
Dr. Helen Schneider
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Zitiervorschlag
Helen Schneider. Rezension vom 15.06.2012 zu: Rainer Wohlfarth: Individuelle Wege des Alterns? Studie zur Konsistenz und Kohärenz der Identität im hohen Lebensalter und ihrer Bedeutung für die Gesundheitsförderung. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-155-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13340.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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