socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinz Fassmann, Julia Dahlvik (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung

Cover Heinz Fassmann, Julia Dahlvik (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung. Multidisziplinäre Perspektiven ; ein Reader. V&R unipress (Göttingen) 2012. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. 357 Seiten. ISBN 978-3-89971-942-0. D: 19,30 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Migrations- und Integrationsforschung - Band 1.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wir stellen zunehmend fest, dass die Begriffe von Integration und Migration z. T. diffus sind und inflationär gebraucht werden; z. T. sind sie mit spezifischen Bedeutungen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft belegt, die auch nicht immer kompatibel sind. Sicher liegt es auch an die jeweiligen Blickwinkeln und Interessen, die die unterschiedlichen Akteure mit Problemen und Fragen der Migration und Integration verbinden. Und sicher befassen sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen je unterschiedlich mit den Begriffen.

Umso wichtiger erscheint ein multidisziplinärer Diskurs, der die verschiedenen Sichtweisen zu einem Ganzen zusammenfügt und gleichzeitig in der Lage ist, mit den Differenzen, die bestehen bleiben, konstruktiv umzugehen.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Heinz Fassmann ist Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordung an der Universität Wien.
  • Julia Dahlvik ist Universitätsassistentin und Koordinatorin der Forschungsplattform Migration and Integration Research, external Fellow des Initiativkollegs "Empowerment through Human Rights" der Universität Wien.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Politik- und Gesellschaftswissenschaften, der Geographie, der Sprach- und Kulturwissenschaften, der Geschichte und der Rechtswissenschaften.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer Ringvorlesung, die die Forschungsplattform Migration and Integration Research an der Universität Wien organisiert und durchgeführt hatte.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort folgen 14 Beiträge, die in vier große Kapitel untergliedert sind:

  • A: Gesellschaft und Raum: sozialwissenschaftliche Sichtweisen,
  • B: Historische Perspektiven,
  • C: Kommunikation, Schule Kulturalität,
  • D: Politik, Recht und Religion.

A: Gesellschaft und Raum: sozialwissenschaftliche Sichtweisen

In ihrem Beitrag "Migration und Integration: Soziologische Perspektiven und Erklärungsansätze" geben Christoph Reinprecht und Hilde Weiss einen Überblick über die sozialwissenschaftlich orientierte Migrations- und Integrationsforschung.

Zunächst gehen sie auf den soziologischen Begriff der Migration ein, der sich auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen der kulturellen, sozialen und ökonomischen Dynamiken bezieht. Danach werden historische Schritte der Migrationsforschung in den USA und Europa diskutiert, Migration und Mobilität ins Verhältnis zu einander gesetzt und das besondere soziologische Interesse der Migration bezüglich ihrer Auswirkungen auf wesentliche Aspekte der Sozialstruktur hervorgehoben.

Forschungskonzepte unterliegen einem Wandel, der stark mit den Veränderungen nationalstaatlicher Begründungszusammenhänge verbunden ist. So diskutieren die Autorin und der Autor

  • melting pot versus ethnischer Pluralismus,
  • Multikulturalismus versus Republikanismus,
  • Transnationalismus oder ethnische Unterschichtung.

Danach stellen die beiden Autoren konzeptionelle Ansätze der Migration vor, von denen sie sagen, dass Migrationsprozesse generell der Achse Zentrum - Peripherie, bzw. der Achse Süd – Nord zugerechnet werden können.

Konzepte der Integration werden in den Sozialwissenschaften sehr differenziert behandelt. Reiprecht und Weiss beziehen sich zunächst auch auf die Chicagoer Schule, die sich in der Tat mit dem Verhältnis von ethnischer Integration und Ausgrenzung auseinander gesetzt hat. Es ging damals bereits um Schritte der Assimilation, um eine Abnahme von kulturellen Wertkonflikten durch die Vermischung der unterschiedlichen Kulturen. Integration meint allerdings auch, dass diese Assimilation unterschiedliche Pfade kennt und nicht nur Schritte. Dabei spielt der Begriff der Community eine zentrale Rolle. Hier werden dann die klassischen soziologischen Konzepte diskutiert (z. B. Esser).

Sabine Strasser nennt ihren Beitrag "Über Grenzen verbinden: Migrationsforschung in der Sozial- und Kulturanthropologie". Nach einer kurzen historischen Verortung der Kultur- und Sozialanthropologie beschäftigt sich die Autorin mit der Migration unter dem besonderen Aspekt der Ethnizität. Auch sie geht mit einer kritischen Wendung auf den Begriff der Assimilation der Chicagoer Schule ein, zitiert auch einige klassische Studien, wendet sich dann aber dem Begriff der Ethnizität zu. Dabei ist wichtig, dass sich Ethnizität mit den Beziehungen zwischen Gruppen beschäftigt, also mit dem, was auch abgrenzt, damit Beziehungen konstituiert werden können. Wer sind wir im Verhältnis zu den anderen? setzt die Beziehung, aber zugleich die Abgrenzung voraus. Ethnizität ist also relational und zugleich auf die Situation bezogen.

Danach setzt sich S. Strasser mit der kritischen Reflexion der Ethnizität auseinander, in der konstruktivistische Ansätze – Ethnizität als soziales und kulturelles Produkt – kritisch gesehen werden.

Im Weiteren diskutiert die Autorin transnationale Studien. Mit Transnationalismus wird ein neuer Blick auf die Migration geworfen, zumal nationalstaatliche Konzepte im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung immer weniger Erklärungskraft haben. Migration ist keine Einbahnstraße; sie setzt die dialektische Wechselwirkung von Aufzunehmenden und Aufnahmeland in ihren Analysen voraus. Transnationalismus wendet sich gegen den methodischen Nationalismus und erhebt die Forderung des Einbezugs des Verständnisses für grenzüberschreitende Aktivitäten.

Inwieweit sich damit auch der Kulturbegriff verändert und ob Kultur noch nationalstaatlich oder nach Kulturkreisen diskutiert werden kann, bleibt ein Unbehagen; Anerkennung als Gleiche mit kulturellen (und sozialen) Differenzen bleibt ein Dilemma der Politik und die Autorin sieht in der kultur- und sozialanthropologischen Migrationsforschung eine Brücke.

Heinz Fassmann beschäftigt sich in seinem Beitrag mit "Konzepte(n) der (geographischen) Migrations- und Integrationsforschung". Eingeleitet wird der Beitrag mit der Feststellung, dass die Grenzen vor allem zwischen der soziologischen und der humangeographischen Migrations- und Integrationsforschung unscharf und fließend sind, zumal beide Disziplinen sich mit den strukturellen gesellschaftlichen Bedingungen und Auswirkungen von Integration und Ausgrenzung von Migration und Wanderung etc. beschäftigen.

Der Rückblick macht deutlich, dass Wanderungsforschung in der Geographie keinen Fokus hatte, der durch besondere Forschungsarbeiten präsent wäre. Die Länderkunde war sich einer der Ursprünge, wo man sich mit der sozialstrukturellen Zusammensetzung der Bevölkerung immer beschäftigt hat; auch die Demographie und Bevölkerungsgeographie hat sich mit der Zusammensetzung der Bevölkerung und deren Veränderungen beschäftigt.

Erst in den 70er Jahren beschreibt der Autor die Emanzipation einer eigenständigen Wanderungsforschung – angefangen von der geographischen Gastarbeiterforschung der 60er Jahre bis zur Erforschung von Segregations- und Integrationsprozessen in urbanen Kontexten.

Weiterhin beschreibt Fassmann die Begriffe und die empirisch-statistische Erfassung der Phänomene, um dann festzustellen, dass es kein einheitliches theoretisches Konzept gibt, das die geographische Migrationsforschung ausmachte. Dennoch macht der Autor einige Konzeptionen aus: Distanz als Erklärungskonstrukt, den Ansatz des subjektiv erwartbaren Nutzens (Umbrella-Ansatz, die Werterwartungstheorie), residentielle Segregations- und Integrationsprozesse, insbesondere Segregation als Gradmesser von gesellschaftlicher Eingliederung und Race Relation Cycle revisted (ein Ansatz, der die Zeitdimension in den Phasen der Assimilation berücksichtigt) und der Migrationszyklus mit dem Modell des Mobilitätsübergangs.

B: Historische Perspektiven

Dieses Kapitel wird eingeleitet mit einem Beitrag von Josef Ehmer: "Migrationen in der historischen Forschung – Themen und Perspektiven". Eine "sozialhistorische Migrationsforschung " (Bade) hat sich inzwischen herausgebildet, die "Migration als Sozialprozess so in den interdependenten Zusammenhang der Entwicklung der Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft einbettet, dass Multidimensionalität und Multikausalität … der gesellschaftlichen Wirklichkeit erfassbar werden" (vgl. Bade 1988, 63, hier S. 89).

Ist Migration ein Sonderfall oder ein Normalfall der Geschichte? War Migration immer vorhanden oder waren es bestimmte historische Konstellationen in bestimmten historischen Epochen, die Wanderungsbewegungen auslösten? Es gab Formen der Arbeitsmigration in Europa bereits in der frühen Neuzeit, die Weidewirtschaft zwang schon sehr viel früher zur Wanderung (Transhumanz); es gab schon sehr früh landwirtschaftliche Saisonarbeit; die Gesellenwanderung als massenhafte vorindustrielle Arbeitsmigration. Die Migrationsprozesse im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung im 19. Jahrhundert, die ein großes Thema der Sozialen Frage wurden, haben einen Schub von Forschungen ausgelöst.

Die Conclusio des Autors: Räumliche Mobilität ist keine Besonderheit der gegenwärtigen Gesellschaft und findet sich in allen historischen Epochen (1) und Migrationen sind keine Einbahnstraßen, sie waren immer schon auch mit Rückwanderungen verbunden (2).

Jürgen Nautz nennt seinen Beitrag "Frauenhandel: Eine spezifische Form der internationalen Migration: Ein dunkles Kapitel der Globalisierungswelle im 19. und 20. Jahrhundert". Einleitend werden relevante Forschungsansätze in der Ökonomie diskutiert, deren Bedeutung für das weitere Verstehen sich dem Leser/der Leserin erst später erschließt. Es geht aber – einfach ausgedrückt – um nicht freiwillige ausbeuterische Arbeitsmigration. Frauenhandel als eine spezifische Form der internationalen Migration wird bereits im 19. Jahrhundert in England thematisiert – ging es doch um Prostitution, die in der englischen Gesellschaft eine Debatte um Sittlichkeit und Sexualmoral heraufbeschwor. Der Autor geht ausführlich auf die Organisation des Frauenhandels ein, auf die dazu gehörenden Netzwerkstrukturen, Anwerbestrategien, Migrationswege, Herkunftsgebiete und Zielorte und auch auf die Stagnation des Frauenhandels in der Zwischenkriegszeit.

C: Kommunikation, Schule und Kulturalität

Es geht Mikael Luciak in seinem Beitrag um "Integration : Macht : Schule". Mit der ersten Frage: Macht Integration Schule? wird die Frage diskutiert ob in Österreich Migration an der Schule ein Thema ist. Die zweite Frage: Macht Schule Integration? beschäftigt sich mit integrationsfördernden und -hemmenden institutionellen Faktoren und die dritte Frage lautet. "Welche Machtverhältnisse bestimmen schulische Integration?"

Alle drei Fragen werden ausführlich dargestellt und diskutiert. Die zweite Frage wird auf Aspekte der strukturellen Integration, sprachlichen und kulturellen Integration, sowie der sozialen und identifikativen Integration hin beleuchtet.

Das Fazit der Analyse ist, dass Schule nicht alleine für die mangelnde Integration von Schülern mit Migrationshintergrund verantwortlich gemacht werden kann. In Verbindung mit außerschulischen Kontextfaktoren des Milieus verstärken schulische und schulorganisatorische Faktoren die Reproduktion von sozialer Ungleichheit und Benachteiligung.

Dagmar Strohmeier und Christiane Spiel untersuchen "Peer-Beziehungen in multikulturellen Schulen". Dabei geht es zunächst um psychologische Zugänge zum Thema Migration und soziale Integration, anschließend werden Freundschaft und Feindschaft als Peer-Beziehungen empirisch und theoretisch diskutiert und zum Schluss wird das WiSK-Programm vorgestellt, das auf die Förderung von sozialer und interkultureller Kompetenz abzielt.

Rudolf de Cillias Beitrag befasst sich mit "Migration und Sprache/n. Sprachenpolitik -Sprachförderung – Diskursanalyse". Es ist ein linguistischer Zugang der Migrationsforschung, der hier vorgestellt wird. Welchen Stellenwert bestimmte Sprachen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs haben, ist eine Frage der Sprachenpolitik. Dazu werden Zahlen und Fakten vorgestellt und die sprachenpolitischen Rahmenbedingungen und sprachenrechtlichen Grundlagen diskutiert. Anschließend setzt sich de Cillia mit der Sprachförderung für Migrantinnen und Migranten in Österreich ausführlich und kritisch auseinander.

Wie Gemeinsamkeit und Differenz konstruiert werden, ist Gegenstand der Diskursanalyse, die ausführlich beschrieben wird. Entsprechende Forschungsergebnisse werden dazu diskutiert.

Wiebke Sievers Beitrag heißt "Zwischen Ausgrenzung und kreativem Potential: Migration und Integration in der Literaturwissenschaft". Die Literaturwissenschaft bietet noch einmal einen anderen Zugang zum Thema Migration und Integration. W. Sievers geht der Frage nach, wie die Auseinandersetzung mit Immigrantinnen und Immigranten und ethnischen Minderheiten zu spezifischen Interpretationsansätzen geführt hat und den Blick auf die Literaturwissenschaften verändert hat. Nach einer ausführlichen Schilderung der Unterschiede zwischen einzelnen literaturwissenschaftlichen Fächern stellt die Autorin unter der Fragestellung Eingrenzung und Ausgrenzung? Konzepte und Theorien vor. Dabei macht sie auf unterschiedliche Phasen aufmerksam, in denen die Literaturwissenschaft vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen (Gastarbeiter/Arbeitsmigration, Protestbewegung, Auseinandersetzung mit National- und Migrationsliteratur) auf die Literatur der Migranten unterschiedlich reagierte. Im weiteren Verlauf beschäftigt sich Sievers mit literatursoziologischen Fragestellungen der Dispositionen, Diskriminierung und internationalen Disparitäten vor dem Hintergrund der sozialstrukturellen Bedingungen der Autorinnen und Autoren nimmt zur Ästhetik der Migration Stellung und diskutiert die Folgen der Literaturkritik für die Literaturwissenschaft.

Petra Herczeg beschäftigt sich unter dem Titel "Massenmedien und Integration" mit "kommunikationswissenschaftliche(n) Fragestellungen und Perspektiven". Dabei geht es ihr einmal um die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung der mit Migration zusammenhängenden Fragen und zum anderen stellt die Autorin bedeutsame empirische Ergebnisse vor. Zunächst werden der konzeptionelle Hintergrund beleuchtet, kommunikationswissenschaftliche Analyseebenen vorgestellt und der Begriff der Integration als Schlüsselbegriff der Kommunikationswissenschaft erörtert. Integration ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der gleichsam endlos ist. Weiter wird auf soziologische Integrationsbegriffe zurückgegriffen (R. Münch), wo vor allem Kommunikation und Partizipation in einer Bürgergesellschaft im Vordergrund stehen. Dabei wird relativ ausführlich zwischen System- und Sozialintegration unterschieden, wobei der Sozialintegration auf der Kommunikationsebene eine besondere Bedeutung zukommt.

Der empirische Forschungsstand zu den theoretischen und konzeptionellen Überlegungen deutet auf eine Reihe von Untersuchungen hin, die vor allem in den Medienwissenschaften durchgeführt wurden.

D: Politik, Recht und Religion

Ilker Atac nennt seinen Beitrag "Migrationspolitik und Inkorporation von Migranten: politikwissenschaftliche Perspektiven". Der Beitrag hat drei Schwerpunkte:

  • Der Zusammenhang von Migrations- bzw. Zuwanderungspolitiken einerseits und Inklusion und Exklusion andererseits.
  • Das Wechselverhältnis zwischen Migrationspolitiken und sozialen und politischen Rechten.
  • Wie werden unterschiedliche Mechanismen der Inkorporation mit institutionellen Faktoren erklärt?

Dynamiken der Migration führen zu Migrationsnetzwerken und verändern die Migrationsforschung und -politik, die nicht mehr davon ausgehen können, dass Wanderungsbewegungen aus rein ökonomischen Gründen entstehen und bürokratisch steuerbar sind. Der Autor weist auf die Bedeutung von Rechten hin und diskutiert die Migrationspolitik in Österreich. Anschließend stellt der Autor Modelle von Inklusion und Exklusion vor.

Gerhard Muzak diskutiert in seinem Beitrag "Migration und öffentliches Recht" die Aufgaben und Methoden der Rechtswissenschaften im Migrationsbereich in Österreich, gibt einen Überblick über die für Integration und Migration relevanten Rechtnormen auf nationaler Ebene, auf EU-Ebene und im Völkerrecht und geht dann auf das österreichische Fremden- und Asylrecht ein.

Richard Potz“ Beitrag heißt "Religionspolitische und religionsrechtliche Herausforderungen in einer multikulturellen Gesellschaft". Nach einer historischen Einführung – Migration aus religiösen Gründen hat eine lange Tradition – beschäftigt sich Potz mit dem Zusammenhang von Religionsbekenntnis und Migration, wobei er auf die besondere Bedeutung der Religion für die Identitätssicherung und die kulturelle Integration bei Migrantinnen und Migranten verweist.

Anschließend stellt der Autor die Vielfalt der europäischen religionsrechtlichen Systeme vor und diskutiert deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Zum Schluss diskutiert Potz die religionsrechtlichen Systeme als integrationspolitische Konzepte und nennt die Aleviten als Beispiel für die (gelungene?) Identitätssicherung und das Selbstverständnis in Abgrenzung zu anderen Systemen unter den Bedingungen einer multikulturellen Gesellschaft.

Mit einem ähnlichen Thema setzt sich auch Regina Polak in ihrem Beitrag "Religion im Kontext von Migration: mehr als ein Integrationsfaktor" auseinander. Wie zeigt sich Religion im Kontext von Migration? Religion darf nicht ausgespart werden bei Migration und es geht um die Frage, worin der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn läge, wenn das Phänomen der Religion aus der Perspektive der Geschichte, der Religionssoziologie und -psychologie sowie der praktischen Theologie betrachtet werden würde. Auch hier geht es um österreichische, speziell Wiener Verhältnisse. Es geht darum, dass die Migrationsforschung das Phänomen Religion überhaupt als einen bedeutsamen Einflussfaktor wahrnimmt bzw. was es heißt das Phänomen nicht wahrzunehmen.

Anschließend werden die unterschiedlichen disziplinären Zugänge vorgestellt und erörtert und zum Schluss wird auf die Kirchen als Akteure im Migrationsprozess ein kurzer Blick geworfen.

Diskussion

Wenn man einen Überblick über die verschiedensten disziplinären Zugänge zur Integrations- und Migrationsforschung erhalten will, bieten sich multidisziplinär gestaltete Reader immer an. Und es ist sicher dem Charakter einer Ringvorlesung geschuldet, dass sich die einzelnen Vertreter/innen ihrer Disziplinen auf ihre Disziplin beschränkt haben.

Bei allem, was die einzelnen Beiträge an Tiefgang entwickeln und sehr differenziert ihre Themen bearbeiten – der im Vorwort formulierte Anspruch, das Defizit auszugleichen, das darin bestünde, dass die einzelnen Disziplinen in ihren Denk- und Theorietraditionen verhaftet blieben - dieser Anspruch wird auch hier nur schwerlich eingelöst. Der multidisziplinäre Diskurs muss zu einem interdisziplinären Diskurs werden. Ein interdisziplinärer Diskurs wird es erst, wenn er erlaubt, die eigene Wissenschaft der anderen gegenüber verstehbar zu machen und im Gegenzug verstehen zu wollen, welchen Geltungsanspruch die andere Argumentation hat. Es geht schließlich darum seine eignen Erkenntnisse und Methoden reflexiv ins Verhältnis zu setzen zu denen der anderen Disziplinen.

Dies kann der Leser/die Leserin bei nur wenigen Beiträgen rudimentär herausfinden.

Und trotzdem ist dieses Buch ein Fundus mit sehr gründlichen Argumentationen, die jetzt erst erlaubten, über inter- oder gar transdisziplinäre Kontexte der Bearbeitung von Integrations- und Migrationsfragen in der Forschung und der Theorie- und Methodenentwicklung nachzudenken.

Das Buch macht deutlich, wie wichtig ist, über Integration und Migration in komplexen Gesellschaften anders nachzudenken, weil in hoch funktional differenzierten und hoch individualisierten Gesellschaften mit dem Anspruch einer rational ausgeformten kulturellen Basis der Wert- und Normdiskurse die Fragen der kulturellen Differenzen zugleich Fragen der sozialen Differenzen in der Betrachtung kultureller Phänomene sind. Auch in der Auseinandersetzung mit der Ökonomie, Politik und der Gestaltung des Sozialen, in der Betrachtung des Individuums als einem, das sich ständig ins Verhältnis setzen muss zu anderen und zur Welt u. v. m. werden wir immrt mit kultureller Diversität zu tun haben. Daraus erwächst auch ein anderes Integrationsverständnis, das eher von einer unvollständigen Integration als Merkmal moderner Gesellschaften und als Normalfall der Integration ausgeht und zugleich als ein realistisches Modell von Integration darstellbar ist.

Diese Perspektive wird im soziologischen Zugang auch annäherungsweise deutlich, bleibt aber auch dort verhaftet.

Fazit

Ein Buch, das man gelesen haben sollte, wenn und bevor man sich mit interdisziplinären Fragen der Integrations- und Migrationsforschung auseinandersetzt.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
E-Mail Mailformular


Alle 152 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 12.07.2012 zu: Heinz Fassmann, Julia Dahlvik (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung. Multidisziplinäre Perspektiven ; ein Reader. V&R unipress (Göttingen) 2012. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-89971-942-0. Reihe: Migrations- und Integrationsforschung - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13352.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!