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Michael Zirkler, Werner R. Müller (Hrsg.): Die Kunst der Organisationsberatung

Cover Michael Zirkler, Werner R. Müller (Hrsg.): Die Kunst der Organisationsberatung . Praktische Erfahrungen und theoretische Perspektiven. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2003. 252 Seiten. ISBN 978-3-258-06628-8. 32,00 EUR.
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"Ohne meinen Berater sag ich nichts"

Mit den großen Unternehmenspleiten, zuletzt Enron als weltgrößtem Energiekonzern, sind vor allem die (großen) Wirtschaftsprüfungsgesellschaften unter Druck geraten, da sie existentielle Risiken nicht kommuniziert, Fehlverhalten nicht entdeckt oder gar bei betrügerischem Handeln aktiv mitgewirkt haben. Aber auch die Beraterzunft gerät immer mehr unter Druck. Überzogene Honorare, Standlösungen und Phrasen statt individuellem Rat und scheiternde Restrukturierungsprojekte tragen dazu bei, den Nimbus von Kompetenz und Freikauf von eigener Verantwortlichkeit des Managements zu zerstören.

Auch in der Sozialwirtschaft haben große Beratungsgesellschaften und "renommierte Kanzleien" schon von sich reden gemacht:

  • preiswerte Berufsanfänger ohne Erfahrung werden zu horrenden Stundensätzen abgerechnet
  • branchenunkundige Berater lassen sich interessiert erzählen, wie denn die Sozialwirtschaft so funktioniert
  • mangels spezifischer Prozess- oder Fachkompetenz werden falsche Auskünfte erteilt oder aussichtslose Vorgehensweisen empfohlen.

Zuletzt geriet immer mehr die Politik als Kunde (und Opfer) der großen Beratungsgesellschaften in die Presse. Enorme Honorarsummen wurden aus den Steuereinnahmen abgezweigt. Aktuelles Highlight ist die Stellenbörse der Bundesagentur für Arbeit, die von Accenture (vormals Anderson Consulting) gestaltet wurde. Sie überstieg die geplanten Kosten deutlich, und war technisch sowie von der Funktionalität ein Reinfall. Sie wurde von der Computerzeitschrift Chip mit dem Negativpreis "Bremse des Jahres" gekürt, da die dilettantisch gestaltetet Website der Bundesagentur dem Image des IT-Standorts Deutschland einen schweren Schlag versetzt habe.

Vor diesem Hintergrund ist es wohl angebracht, kritisch die Funktionen von Beratung und ihre Wirksamkeit zu reflektieren.

AutorInnen und Entstehungsgeschichte

Der Band geht auf das Symposium "Organisationsberatung: Perspektiven und Wirklichkeit" zurück, dass von den Herausgebern im Frühjahr 2002 mit dem Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel veranstaltet wurde. Die Beiträge wurden teilweise für die Veröffentlichung deutlich überarbeitet. Sie zeichnen sich durch einen teilweise sehr umfangreichen Apparat mit Anmerkungen und Literaturverweisen aus.

Die Autorinnen und Autoren stammen aus den Bereichen Hochschule und Beratungsunternehmen, teilweise haben Sie gerade von der Hochschule zur Beratung gewechselt oder sind in beiden Feldern tätig. Allen ist gemeinsam, dass sie ihr Verhalten bzw. den Beratungsprozess in hohem Maße reflektieren und analysieren. Die meisten Beiträge haben einen deutlichen Bezug zu einer systemischen Sichtweise.

Inhalte

Trotz eines verbindenden Vorworts stehen die Beiträge eher isoliert neben einander. Sie befassen sich mit

  • dem Beratungsverständnis (Werner R. Müller),
  • der Rolle der Unternehmensberatung und ihrer Definitionsmacht (Joachim Freimuth; Michael Zinker Christof Baitsch),
  • Lernen in Organisationen als wesentlichen Aspekt der Beratung (Stephan Burla und Getrude Schmidlin-Trachsler; Rudolf Wimmer),
  • der systemischen Sicht auf Berater und Organisation (Dirk Baecker),
  • der Balance zwischen Fachberatung und Organisationsentwicklung (Walter Häfele und Norbert Lanter) sowie zwischen Personalentwicklung und Organisationsentwicklung (Silvia Payer)
  • sowie den Teilaspekten Organisationsaufstellung (Reto Zbinden) und Wissensmanagement (Martin Hurter und Stefan Odenthal).

In den Beiträgen wird auch auf die Entwicklung des Beratungsmarktes und seine Perspektiven eingegangen.

Wie bei jedem Sammelband ist der Nutzwert einzelner Beiträge unterschiedlich und die Abdeckung von Themen nicht gleichmäßig dicht. Selbstverständnis, Wirkung und Wirksamkeit von Beratung werden recht umfassend und facettenreich beleuchtet. Bei den Methoden der Beratung steht der Beitrag über Organisationsaufstellung singulär dar. Er kann mit seiner subjektiven Darstellung nur ein erstes Interesse wecken. Zur Vertiefung sei das Buch Kristine Erb: Organisationsaufstellung empfohlen, welches im Literaturverzeichnis nicht zu finden ist.

Überwiegend findet eine (Selbst-)Reflexion auf hohem Niveau statt. Beispielhaft sei der Beitrag von Wimmer "Die Steigerung der Lernfähigkeit von Organisationen" genannt. Er analysiert den Nachfragerückgang in der Beratungsbranche, die Vorstellungen von einer "lernenden Organisation" und die Beraterrolle in einer systemisch verstandenen Organisation. Einige Thesen aus seinem Beitrag sind die Auflösung der Grenzen zwischen Fach- und Prozessberatung, der Berater als Experte für den Umgang mit Nichtwissen und blinden Flecken in der Organisation und schließlich die Aufgabe des Beraters, produktive Irritationen in einem Betrieb hervorzurufen.

Programmatisch ist, auch für einige der anderen Beiträge, dieses längere Zitat von Wimmer: "Beratung schafft in diesem Sinne ungewöhnliche soziale Räume, in denen ein Klientensystem sich selbst in seinen jeweils existenzgefährdenden Facetten auf den Prüfstand stellen kann, ohne sich dabei in seine tradierten Sehgewohnheiten und Kommunikationsmuster zu verfangen. Beratung sorgt darauf aufbauend für Prozessarchitekturen, in denen die als notwendig empfundene Selbsttransformation konstruktiv bewältigt werden kann, ohne dabei die eigene Leistungsfähigkeit als Organisation zu gefährden; ganz im Gegenteil, um dadurch ein neues Niveau in der Bewältigung geänderter Umweltanforderungen zu gewinnen."

Für Berater oder Beratungskunden?

Für Unternehmensberater bieten die Beiträge zahlreiche Impulse, die eigene Arbeitsweise kritisch zu hinterfragen und die Beraterrolle bewusst weiter zu entwickeln.

Obwohl die meisten Beiträge aus Beratersicht geschrieben werden, können auch Beratungskunden Anregungen daraus erhalten, bei welcher Gestaltung von Beratung sie am meisten profitieren.

Fazit

Für Berater ist die Lektüre auf jeden Fall anregend. Ihnen sollte die überwiegend abstrakte Darstellung keine Probleme bereiten und sie zu einem Transfer in ihre eigene Beratungspraxis anregen. Beratungskunden müssen zusätzlich zu dem Praxistransfer noch den Perspektivenwechsel leisten, da die Beiträge eher die Beratersicht einnehmen.

Wer kein "Praxishandbuch" mit Methoden und Tipps erwartet, sondern sich gerne auf eine theoretische Reflexion einlässt, und wer mit dem offenen Prozess, den eine Sammlung von Beiträgen impliziert, umgehen kann, erhält viele wertvolle Impulse.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 20.04.2004 zu: Michael Zirkler, Werner R. Müller (Hrsg.): Die Kunst der Organisationsberatung . Praktische Erfahrungen und theoretische Perspektiven. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2003. ISBN 978-3-258-06628-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1336.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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