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Joachim Lennefer, Gerd Palm: Kooperationsmanagement in der Altenhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Hochenbleicher-Schwarz, 02.11.2012

Cover Joachim Lennefer, Gerd Palm: Kooperationsmanagement in der Altenhilfe ISBN 978-3-8288-2882-7

Joachim Lennefer, Gerd Palm: Kooperationsmanagement in der Altenhilfe. Führungskultur in Zeiten von Fachkräftemangel, Leistungsorientierung und Transparenz. Tectum-Verlag (Marburg) 2012. 148 Seiten. ISBN 978-3-8288-2882-7. 24,90 EUR. CH: 30,90 sFr.
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Autoren und Thema

Beide Autoren kommen aus der stationären Altenhilfe und verfügen über langjährige Erfahrungen in Leitungspositionen. Die Problematik, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, ist ihnen aus der direkten Erfahrung bewusst. Um Fachkräfte dauerhaft halten zu können, bedarf es einer entsprechenden Organisationsstruktur und -kultur, die die Motivation fördern und gerechte Leistungsanreize bieten können. Welche Konsequenzen und Anforderungen daraus für die Führungskräfte erwachsen, bilden die zentralen Fragen des Buches

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit wird in drei Kapitel gegliedert.

Das erste, einführende Kapitel befasst sich mit dem Themenhintergrund. Die Verfasser gehen davon aus, dass sich angesichts komplexer sozial- und vertragsrechtlicher Bestimmungen Einrichtungen der stationären Altenhilfe dann erfolgreich positionieren können, wenn sie „Führungskultur und Umgang mit Human Resources“ (S. 9) als zentrale Managementaufgabe annehmen, sodass „die Frage nach dem richtigen Umgang der Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern zu einem zentralen Erfolgs- und Wettbewerbsfaktor“ (ebd.) wird.

Im anschließenden zweiten Kapitel, dem Theorieteil, der die wesentlichen Ausführungen des Buches umfasst, geht es um die zentralen Anliegen, das Kooperationsmanagement und leistungsorientierte Anreizsysteme theoretisch zu rahmen. Die Systemtheorie wird als kategoriale Perspektive gewählt, aus der heraus die neuen Managementfunktionen gesehen werden. Diese orientieren sich nicht mehr an der „Kapitänsmetapher“; vielmehr gilt es nun multiperspektivisch und den Kontext berücksichtigend kooperativ und moderierend die Führungsaufgaben wahrzunehmen.

Nach dieser kategorialen Rahmung werden die grundlegenden Begriffe und theoretischen Ansätze zur Mitarbeitermotivation vorgestellt. Gemäß einer abschließenden Betrachtung „kann Motivationsmanagement nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt die Mitarbeiter so zu irritieren, dass sie ihr Verhalten und ihre Interpretationsmuster selbständig hinterfragen und entsprechend ihrer Selbstreflexion ändern“ (S. 63).

Nach einem kurzen, aus der Transaktionsanalyse hervorgehenden Abriss zu den „inneren Antreiber(n) als Motivatoren“ (S. 64ff) gehen die Verfasser in den folgenden zwei, ebenfalls sehr kurzen Unterpunkten auf die „Kontextsteuerung aus systemischer und betriebswirtschaftlicher Perspektive“ (S. 69ff) und auf „gerechtigkeitstheoretische Überlegungen“ (S. 76ff) ein.

Bei der Kontextsteuerung formulieren die Verfasser die Möglichkeit, klassische Managementfunktionen mit einem systemischen Ansatz zu verbinden. Mitarbeiter sollen dabei „in einem kooperativ-zirkulären Prozess von ’top-down und bottom-up’ beteiligt“ sein (S. 74). Damit die vorgesehene Leistungsorientierung jedoch von den Mitarbeitern akzeptiert wird, muss nach Ansicht der Verfasser prozessuale Gerechtigkeit bei der Mitarbeiterführung und im Entlohnungssystem nachvollziehbar sein.

Im letzten Unterkapitel des Theorieteils befassen sich die Autoren mit „intraorganisational-leistungsorientierten Kooperationsmodellen“ (S. 84). Zwei Modelle werden hier vorgestellt. Zunächst das sogenannte „A-B-C-Leistungsmodell“ (S.84ff) von Welsh; ursprünglich entwickelt für das globale Unternehmen General Electric, und dessen kriteriengeleiteten Weiterentwicklungen. Dieses Modell passt nach Ansicht der Verfasser jedoch nicht für ein Familienunternehmen (vgl. S.89f). Als geeignet wird stattdessen das Mitunternehmertum gesehen, das das Dienstleitungsmodell ablösen soll. Das Dienstleitungsmodell wird als ungeeignet bewertet, da es sich dem Organisationsverständnis einer totalen Institution verpflichtet sieht. In einem Wohngruppenkonzept, das Bewohner wie Mitarbeiter Gestaltungsspielräume bietet, soll sich das Mitunternehmertum entfalten können. „Letztlich kommt es darauf an, ob wir es schaffen, einen Führungsstil zu etablieren, bei dem sich Mitarbeitende verstärkt autonom und eigenverantwortlich und somit als Mitunternehmer fühlen“ (S.113).

Das dritte Kapitel, mit Anwendungsimplikationen überschrieben, sowie der Anhang liefern praktische Instrumente zur Umsetzung des Kooperationsmanagements.

Diskussion

In dem Buch, insbesondere im Theorieteil, werden zahlreiche theoretische Ansätze der Managementtheorie und Motivationspsychologie aufgegriffen und aus der Perspektive der Systemtheorie reflektiert. Dieses sehr ehrgeizige Unterfangen gelingt allerdings nicht. Die theoretischen Bezüge werden jeweils nur kurz gestreift, auf Kosten einer eingehenderen Argumentation. So werden beispielsweise auf 25 Seiten die bekannten Motivationstheorien abgehandelt, eine Vertiefung ist nicht möglich. Auch die Ausführungen über Kontextsteuerung und die gerechtigkeitstheoretischen Überlegungen werden der Thematik nicht gerecht. Dies kann bei einem dermaßen komplexen Programm auch nicht gelingen, da dies den Rahmen der Arbeit in mehrfacher Hinsicht sprengen würde, was die Verfasser auch an einigen Stellen erwähnen. Aus diesem Grunde wird in den Zusammenfassungen, die jeweils am Kapitelende erfolgen, nicht schlussfolgernd, sondern lediglich konstatierend formuliert.

Einige Aussagen, die nicht weiter hinterfragt werden, irritieren den Leser. So hätte man gerne gewusst, warum ein Dienstleitungsmodell dem Leitbild einer totalen Institution unterliegen soll. Eigenwillige Wortverbindungen, wie z. B. „moralethisch“, lassen zwar die Intentionen der Verfasser erahnen; sie sind jedoch semantisch nicht korrekt.

Manchmal überraschen auch gedanklich Sprünge oder Wechsel von Referenzebenen, wenn beispielsweise das Managementmodell eines Weltkonzerns unvermittelt mit einem Familienunternehmen in Verbindung gebracht wird oder in einem Fazit plötzlich die Globalisierung erwähnt und das Ende der Gewerkschaftsbewegung konstatiert wird (vgl. S.90f)

Wie der Widerspruch zwischen den Grundannahmen der Systemtheorie und der Motivationstheorien gelöst werden kann, bleibt offen. Wenn Personen nach der Systemtheorie subjektfrei, selbstreferentiell und autopoetisch bestimmt werden, stellt sich die Frage, wie damit die ausdrückliche Subjektbezogenheit der Motivationspsychologie theoretisch und praktisch konsistent verbunden werden kann.

Man hätte diesem Buch ein sorgfältiges Lektorat gewünscht. Vielleicht hätten dann die vielen sprachlichen Ungenauigkeiten und Druckfehler vermieden werden können. Dass der Gliederungspunkt 5.1 doppelt erscheint, bleibt demgegenüber unerheblich.

Fazit

Das Buch gibt einen Überblick über die aktuell diskutierten Managementansätze und einen Einblick in die Motivationstheorien. Auch die praktischen Instrumente im letzten Kapitel und im Anhang können Impulse für die Personalentwicklung geben.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Hochenbleicher-Schwarz
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Es gibt 7 Rezensionen von Anton Hochenbleicher-Schwarz.

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Zitiervorschlag
Anton Hochenbleicher-Schwarz. Rezension vom 02.11.2012 zu: Joachim Lennefer, Gerd Palm: Kooperationsmanagement in der Altenhilfe. Führungskultur in Zeiten von Fachkräftemangel, Leistungsorientierung und Transparenz. Tectum-Verlag (Marburg) 2012. ISBN 978-3-8288-2882-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13362.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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