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David Simon, Ed Burns: The Corner. Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt

Cover David Simon, Ed Burns: The Corner. Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2012. 796 Seiten. ISBN 978-3-88897-744-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Die mehrfach preisgekrönte, us-amerikanische TV-Produktion „The Wire“ hat auch in Deutschland einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Nicht zu Unrecht wird die Fernsehserie, die zwischen 2002 und 2008 in Baltimore (Maryland) gedreht wurde, vom Feuilleton gefeiert. Inhaltlich beleuchtet „The Wire“ die Arbeit einer Polizeieinheit im Kampf gegen den ortsansässigen Drogenhandel und -konsum. Im Verlauf der einzelnen Folgen wird der Zuschauer dabei immer mehr mit der Frage konfrontiert, wo die Grenzlinien zwischen Gut und Böse eigentlich verlaufen, erweisen sich die Repräsentanten des Staates – also Politiker, Behördenvertreter und Polizisten – doch in nicht wenigen Fällen als moralisch verkommener, machtbesessener und gewaltaffiner als die Dealer, Kleinkriminellen und Ghettobewohner, die gemeinhin mit diesen Attributen assoziiert werden. Für den deutschen Zuschauer erweist es sich als besonders aufschlussreich, dass die Serie mit ihren komplexen, ineinander verschlungenen Handlungssträngen und den zahlreichen Charakteren ein bedrückendes Bild der sozialen Verwerfungen in US-amerikanischen Innenstadtbezirken entwirft, die in Gewalt, Drogenelend und Rassismus zu ersticken scheinen.

Über den ursprünglichen Entstehungshintergrund der Serie ist hierzulande kaum etwas bekannt. So ist es interessant zu wissen, dass das Material der TV-Produktion zu einem großen Teil auf einer ethnographischen Beobachtungsstudie basiert, die von den Journalisten David Simon – seinerseits Hauptideengeber und Mit-Produzent von „The Wire“ – und Ed Burns Mitte der 1990er Jahre realisiert wurde. Die Ergebnisse dieser Studie sind von den beiden Publizisten in einem Buch mit dem Namen „The Corner – A Year in the Life of an Inner-City Neighborhood“ festgehalten worden. „The Corner“ ist dabei nicht auf ein konkretes literarisches Genre festgelegt; das Buch bedient zwar in erster Linie die Gattung des Romans, repräsentiert jedoch darüber hinaus eine Mischung aus Familiendrama, Sozialreportage und Gesellschaftsanalyse. Diese Publikation, die es im Folgenden zu besprechen gilt, liegt nunmehr seit vergangenem Jahr auch in deutscher Übersetzung vor.

Autoren

David Simon ist Journalist, Drehbuchautor und Produzent. Er wurde 1960 in Washington D.C. geboren und lebt in Baltimore. Er war lange Jahre Polizeireporter bei der Baltimore Sun. Neben „The Corner“ ist er insbesondere durch das Buch "Homicide" bekannt geworden.

Ed Burns ist Autor, Drehbuchschreiber und Produzent. Er war 20 Jahre Detective bei der Mordkommission Baltimores und danach Lehrer an einer öffentlichen Schule in Baltimore.

Entstehungshintergrund

Ein Jahr lang hielten sich David Simon und Ed Burns zu Beginn der 1990er Jahre in einem als problembehaftet markierten Stadtviertel im Westen von Baltimore auf. Der Stadtbezirk rund um den Franklin Square, der größtenteils von Afro-Amerikanern bewohnt wird, gilt als sozial segregiert, da er von massiven sozialen Problemen, die von bitteren Armutsverhältnissen bis hin zu überbordender Gewalt- und Drogenkriminalität reichen, belastet ist. Folgt man den beiden Autoren, dann kann das ausgewählte Stadtviertel als Prototyp für all diejenigen Innenstadtbezirke der USA angesehen werden, „die vom Drogenhandel überschwemmt“ werden (775). Im Rahmen dieses brisanten sozialen Kontextes war es das Anliegen der beiden Autoren, das Geschehen rund um die „Monroe Street/Fayette Street“ zu beobachten. Diese Straßenkreuzung („Corner“) ist dafür bekannt, ein hoch frequentierter Umschlagplatz des ortsansässigen Drogenhandels zu sein; nicht zuletzt aus diesem Grund wird sie von staatlichen Ordnungshütern beständig kontrolliert. Neben dem Erkenntnisinteresse, Einblicke in die Praxis des örtlichen Drogenhandels zu gewinnen, verfolgten Simon und Burns das Ziel, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Stadtviertels in Kontakt zu treten, um mehr darüber zu erfahren, wie diese ihr Leben unter den belastenden sozialen Kontextbedingungen bewältigen. Immer wieder begleiteten die Autoren die Menschen des Viertels und beobachteten sie bei der Bewerkstelligung ihres Alltags. Dabei machten sie Beobachtungsnotizen und führten ergänzend Interviews mit den Beteiligten. Schenkt man den Autoren von „The Corner“ Glauben, dann basieren in etwa drei Viertel der im Buch geschilderten Fallgeschichten auf wahren Erlebnissen (vgl. 777).

David Simon und Ed Burns standen zu Beginn des Projekts vor einem Problem, das jede Form des ethnographischen Arbeitens am Anfang umtreibt: Es muss ein tragfähiger Zugang zum Feld realisiert werden, der Forscher muss gewissermaßen mit dem untersuchten Kontext verschmelzen. Hierzu erweist es sich als zentral, dass er das Vertrauen der Beobachtungsobjekte gewinnt. In einem Milieu wie dem der Drogenszene, in welchem angesichts fehlender rechtlicher Regulierungsmöglichkeiten stets die latente Gefahr mitschwingt, Opfer von Kriminalität und Gewalt oder von polizeilicher Überwachung und Repression zu werden, gestaltet sich ein vertrauensvoller Beziehungsaufbau freilich als besonders schwierig. Im Rahmen der Studie kam besonders erschwerend hinzu, dass Ed Burns zwei Jahrzehnte bei der Polizei gearbeitet hat und Teilen der Bewohnerschaft in dieser Funktion bereits bekannt war. Vor diesem Hintergrund waren die beiden Journalisten zu Beginn ihrer Forschungsarbeit mit dem ständigen Vorwurf konfrontiert, „Polizeispitzel“ zu sein, ein Vorwurf, der erst nach mehreren Monaten und beständiger Vertrauensarbeit aus dem Weg geräumt werden konnte. Zugleich wurden Ed Burns und David Simon aber auch von der Polizei misstrauisch beäugt, denn wer sich über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder an einem bekannten Drogenumschlagplatz aufhält, ist von vornherein dem Verdacht ausgesetzt, selbst in den Drogenhandel integriert zu sein. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die beiden Autoren mehrmals von der Polizei aufgegriffen wurden und mit ihrer Festnahme gedroht wurde. Diese von den Autoren gesammelten Erfahrungen machen „The Corner“ besonders ertragreich, denn wer am eigenen Leibe spürt, wie es sich anfühlt, seinen Alltag in einem kulturellen Klima des wechselseitigen Misstrauens und unter Bedingungen der permanenten staatlichen Repression zu verbringen, kann realistischer über die Lebensbewältigung in einem sozialräumlich segregierten Stadtviertel schreiben als derjenige, der diese gesellschaftlichen Verhältnisse nur vom Schreibtisch aus unter die Lupe nimmt.

Inhalt

Hauptfiguren von „The Corner“ sind die getrennt lebenden Eheleute Fran Boyd und Gary McCollough sowie deren noch minderjährige Kinder DeAndre und DeRodd. Auf über 700 Seiten wird geschildert, wie die einzelnen Familienmitglieder ihren Alltag unter überaus erschwerten Lebensbedingungen bewältigen. Es wird beschrieben, wie die beiden Erwachsenen – hart von der Heroinsucht gezeichnet – ihre gesamte Lebensführung auf Drogenbeschaffung und -konsum ausrichten. Dabei hangeln sie sich von einem Gelegenheitsjob zum anderen und ziehen obendrein das ein oder andere „kleinkriminelle Gaunerstück“ durch. Die beiden Kinder können vor diesem Hintergrund so gut wie kaum mit der sozialen und emotionalen Unterstützung durch ihre Eltern rechnen. Von früh an müssen sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Der Schulbesuch wird auf ein Mindestmaß reduziert, denn der Handel mit Drogen repräsentiert für sie die attraktivere, da finanziell ergiebigere Alternative zum High-School-Abschluss. Einen Großteil des Tages verbringen die Jugendlichen auf der Straße, wo sie zusammen mit ihren Freunden „abhängen“, Alkohol und Drogen konsumieren und auf „Brautschau“ aus sind; auf öffentlichen Plätzen – und nicht im Kontext der Bildungs- und Erziehungsinstitutionen von Familie und Schule – erwerben die Jugendlichen die für ein Leben in sozial marginalisierten Verhältnissen erforderlichen Alltagskompetenzen. „The Corner“ beschreibt, dass für junge, im Ghetto aufwachsende Menschen letztlich nur eine einzige Möglichkeit besteht, um sozialen Aufstieg zu realisieren und Anerkennung durch signifikante Andere zu erfahren: die Partizipation am ortsansässigen Drogenhandel. Minderjährige werden auf diese Weise frühzeitig auf eine Karriere als Drogendealer und/oder -konsument festgelegt.

Von Beginn an wird der Leser mit der harten und rauen Lebenswirklichkeit des US-amerikanischen Ghettos konfrontiert, mit dem verglichen das hierzulande so viel gescholtene Berlin-Neukölln als reinste Wohlfühloase erscheint. Folgt man „The Corner“, dann herrschen in den Innenstadtbezirken der USA bürgerkriegsähnliche Zustände. Gewissermaßen an jeder Straßenecke wird mit Drogen gehandelt, Gewaltexzesse und (Banden-)Kriminalität sind an der Tagesordnung. Das Leben der Bewohner wird als ein alltäglicher Kampf um das pure Überleben beschrieben. Das Hobbes„sche Topos, wonach der Mensch des Menschen ein Wolf ist, scheint im Ghetto von West-Baltimore grausame Realität zu sein. Eigentums- und Gewaltkriminalität, Drogenkonsum und Sucht untergraben jegliche Möglichkeit, dass sich auch nur der Hauch des wechselseitigen Vertrauens zwischen einzelnen Individuen entwickeln kann. Die Frage, wie man an den nächsten „guten Schuss“ gelangt, erscheint für alle Beteiligten weitaus wichtiger zu sein als der Aufbau tragfähiger und stabiler sozialer Beziehungen. Dass sich einzig und allein um die Befriedigung der Drogensucht kreisende Alltagsleben wird damit zu einer zerstörerischen Belastung für den Einzelnen, für Familien, für Nachbarschaften. Die stets drohende Gefahr, „abgezogen“, bestohlen und betrogen zu werden, macht jede Form der sozialen Stabilität von Vornherein zu einem Ding der Unmöglichkeit. Eltern bestehlen ihre Kinder, Kinder ihre Eltern; von der Sucht getriebene Menschen brechen in Nachbarhäuser ein, und lassen dabei alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest ist; rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich bis aufs Äußerste. Ohne Aussicht, diesen ghettoisierten Lebensraum jemals verlassen zu können, werden afroamerikanische Kinder und Jugendliche in eine Welt einsozialisiert, die das Recht des Stärkeren prämiert und den Schwachen nicht nur sprichwörtlich zum Tode verurteilt. Von früh an machen sie die Erfahrung, dass es im Ghetto nur einen legitimen Weg gibt, Konflikte auszutragen, nämlich den mit Faust und Schusswaffe.

Über all dem thront ein Staat, der – so die Logik von „The Corner“ – es schon längst nicht mehr als seine eigentliche Aufgabe betrachtet, für bessere Lebensverhältnisse zu sorgen. Gegenüber der afro-amerikanischen Unterschicht scheint keinerlei soziale Verantwortung zu bestehen. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützungsleistungen sind auf ein äußerstes Minimum beschnitten, Geldleistungen weitgehend durch Sachmittel und Lebensmittelausgaben ersetzt worden. Im Gegenzug scheint der us-amerikanische Staat bestrebt, die durch seine Kürzungspolitik hervorgerufenen sozialen Verwerfungen mit den Mitteln einer rigiden Verurteilungs- und Inhaftierungspraxis Herr zu werden. Der Staat erscheint in der Fratze eines kompromisslos und mit aller Härte durchgreifenden Leviathans, dem jedes Mittel legitim erscheint, das ein Übergreifen des „Drogen- und Kriminalitätsvirus“ auf andere Stadtviertel verhindert. Bürgerrechte scheinen in den Innenstadtbezirken der USA außer Kraft gesetzt. Gewaltförmige Übergriffe von Seiten der Polizei gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung werden in „The Corner“ als die Regel – und nicht als die Ausnahme – beschrieben; anlasslose Leibesvisiationen und Hausdurchsuchungen sind im Ghetto von West-Baltimore an der Tagesordnung.

Diskussion

Seit den 1970er Jahren führt der US-amerikanische Staat einen Krieg gegen Teile seiner eigenen Bevölkerung. Martialische Begrifflichkeiten wie „war on drugs “, „getting tough on crime“, “zero tolerance“ oder “three strikes and you are out“ geben hierbei den Ton an. Etabliert wurde eine Form der Kriminalpolitik, die in erster Linie auf die Bekämpfung der „Kleinkriminalität“ und sog. „anti-soziale Verhaltensweisen“ (etwa Betteln, Obdachlosigkeit und Schwarzfahren) und damit auf diejenigen Bevölkerungsgruppen fokussiert ist, die im Kontext eines weitgreifenden sozioökonomischen Abschwungs am untersten Ende der gesellschaftlichen Statuspositionen rangieren. Der Soziologe Loïc Wacquant (2009) spricht treffend davon, dass die US-amerikanische Kriminalpolitik darauf abzielt, nicht Kriminalität an sich, sondern vielmehr Armut zu kriminalisieren. Auf diese Weise erreichte die Gefangenenrate der USA bekanntlich exorbitante Höhen: Seit den 1970er Jahren bis zum Jahr 2000 stieg die Zahl der Gefangenen jährlich um durchschnittlich 6 Prozent, wobei sich die Zahl der afroamerikanischen Gefangenen zwischen 1970 und 1995 verfünffacht hat (vgl. Wacquant 1997, 58).

Die verheerenden Auswirkungen dieser rigiden Verurteilungs- und Inhaftierungspolitik werden in „The Corner“ auf eine dramatische Art und Weise beschrieben. Die Bewohner von West-Baltimore sind in einem Teufelskreislauf aus Armut, Drogenkriminalität, Sucht und Kriminalisierung gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt. David Simon und Ed Burns werden vor diesem Hintergrund nicht müde, auf die Schattenseiten des Us-amerikanischen „war on drugs“ hinzuweisen. Der Drogenkrieg wird von den Autoren als ein „Krieg gegen die sozial Benachteiligten in ihrer Gesamtheit“ (241) eingestuft und entsprechend plädieren sie für eine Abkehr von dieser verfehlten politischen Strategie.

Auch wenn die beiden Journalisten gerade in den analytischen Teilen des Buches den „Krieg gegen Drogen“ immer wieder mit größtmöglicher Skepsis kommentieren, so ist doch kritisch anzumerken, dass Simons und Burns die Tragweite einer Kriminalisierung des Drogenkonsums nicht in Gänze erfassen. So gewinnt man als Leser den Eindruck, dass die Autoren bisweilen unentschlossen sind, was ihre Kritik an der Repression des Drogenhandels und -konsums anbelangt. Oftmals scheint es, dass sie nicht die Kriminalisierung an sich überwinden wollen, sondern lediglich deren Mängel in der konkreten Durchführungspraxis. So werden Willküraktionen und gewalttätige Übergriffe von Polizisten angeprangert, gleichzeitig aber darauf hingewiesen, dass die Kriminalisierung des Drogenkonsums „politisch sicherlich unumgänglich“ ist (239). Es werden die negativen Auswirkungen des „war on drugs“ vor Augen geführt, der es mit sich bringt, dass selbst noch der kleinste Drogenhändler bzw. -konsument mit drastischen Strafen zu rechnen hat; gleichzeitig wird aber von den beiden Autoren problematisiert, dass die Strafen überhaupt keine abschreckenden Effekte auf die Drogenszene hätten, da viele Nutzer nur zu kurzen Bewährungsstrafen verurteilt würden: „Der Mangel an wirklicher Abschreckung hat bei den Dealern des neuen Schlags eine erschütternde Dummheit entstehen lassen. Kaum einer lernt noch etwas daraus, wenn er erwischt wird. Wieder und wieder landen sie wegen derselben Delikte vor Gericht“ (103). Mit dieser Argumentationslogik verkennen Simons und Burns die negativen Folgeeffekte von Kriminalisierungserfahrungen. Es ist bekannt, dass der Kontakt mit Polizei und Justiz stigmatisierend wirken und zu sozialer Ausgrenzung führen kann. Dass Drogen- bzw. Kriminalitätskarrieren insbesondere durch institutionelle Kriminalisierungsprozesse – und eben nicht alleine durch individuelle Delinquenzneigungen – stabilisiert werden, bleibt in „The Corner“ unterbelichtet. Vollends ins Absurde triften Simon und Burns ab, wenn sie davon sprechen, dass ein Gefängnisaufenthalt durchaus auch positive medizinische Effekte für Konsumenten hat: „Wenn ein Süchtiger durch eine Haftstrafe zu einer Auszeit verdonnert wird, verschafft man ihm damit, so widersprüchlich das klingt, eine echte Erholungspause. Er bekommt ordentlich zu essen, kann schlafen, und vielleicht kriegt er sogar ein paar Antibiotika“ (129). Den Freiheitsentzug mit einem medizinischen Nutzen zu rechtfertigen, entbehrt sicherlich nicht eines gewissen Zynismus, ist doch weithin bekannt, dass nicht in erster Linie der Drogengebrauch an sich, wohl aber die kriminalisierenden Rahmenbedingungen des Konsums die gesundheitlichen Gefahren exorbitant potenzieren. Kriminalisierung wird von Simons und Burns als ein Lösungsweg für Probleme ins Spiel gebracht, die erst durch sie hervorgerufen werden.

Darüber hinaus gewinnt man als Leser immer wieder den Eindruck, dass die Autoren die politischen und gesellschaftlichen Transformationen, die sich seit den 1970er Jahren gerade in den USA vollzogen haben, in ihrer Bedeutung für die soziale Marginalisierung der afro-amerikanischen Bevölkerung nur sporadisch erfassen. „The Corner“ hinterlässt beim Leser den Eindruck, dass nicht die sozioökonomischen Wandlungsprozesse und die damit korrespondierenden Veränderungen hin zu einer neoliberalen Politik sozialer Probleme für die sozialen Verwerfungen in den Innenstadtbezirken der USA verantwortlich sind. Vielmehr wird die afro-amerikanische Bevölkerung zumindest implizit selbst für das Elend verantwortbar gemacht wird, innerhalb dessen sie ihr Leben zu führen hat. Die Bewohner von West-Baltimore werden von den Autoren bisweilen als willensschwache, gefühlskalte und moralisch deformierte Personen porträtiert, die von ihrer Sucht getrieben und jeglicher Selbstkontrolle beraubt sind. Dass sie ein Leben in Arbeitslosigkeit, Krankheit, Wohnungsnot und Kriminalität fristen müssen, wird ihnen tendenziell als eigenes Versagen zur Last gelegt. Nicht Prozesse der De-Industrialisierung und eine damit verbundene Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, nicht die immer weiter um sich greifende „Workfare“-Politik, nicht das Versagen der öffentlichen Bildungs- und Erziehungsinstitutionen, nicht die finanziellen Einschnitte im Gesundheits- und Sozialsektor, nicht Alltagsrassismus und Diskriminierung und auch nicht der verheerende Kreislauf von Kriminalisierung und sozialer Ausgrenzung, sondern in allererster Linie der um Drogenhandel, -konsum, -kriminalität und -sucht kreisende Lebensstil von Afro-Amerikanern erscheinen nach der Lektüre des Buches von Simon und Burns als ursächliche Faktoren für die Ghettoisierung der amerikanischen Innenstädte.

Folgt man der Darstellungslogik von „The Corner“, dann sind Crack, Kokain und Heroin als das Böse schlechthin anzusehen; wie ein todesbringender Virus scheinen diese Substanzen von außen in die amerikanischen Innenstädte eingedrungen zu sein und dort krankheitsanfällige, schwächliche Individuen infiziert zu haben. Gerade ein in der Drogenthematik unkundiger Leser wird in dem Vorurteil bestätigt, dass Drogen per se etwas Gefährliches und moralisch Anstößiges sind. Einem Drogenverbot und einer Politik der Kriminalisierung wird in dieser Hinsicht eine gewisse Alternativlosigkeit attestiert, scheinen manche psychoaktive Substanzen doch aufgrund ihres immensen Suchtpotentials das Potential zu besitzen, Individuen, Familien, Nachbarschaften und mit ihnen ganze Stadtteile in den Abgrund zu reißen. Dass die sozialen und politischen Kontextbedingungen entscheidende Auswirkungen auf drogenbezogenene Verlaufsentwicklungen haben und dass es unter günstigen Bedingungen durchaus möglich ist, auch die sog. harten Drogen kontrolliert zu konsumieren, wird von den beiden Journalisten nicht thematisiert. Die Autoren erwecken den Eindruck, dass drogenbezogene Entwicklungsverläufe nur eine Richtung kennen. Drogenkarrieren erscheinen als Einbahnstraßen, die – angefangen vom ersten Konsum in frühen Lebensjahren – unausweichlich auf die soziale Verelendung im Erwachsenenalter programmiert sind. Umso überraschender ist es vor diesem Hintergrund freilich, wenn man als Leser im Nachwort des Buches plötzlich erfährt, dass einige der Protagonisten von „The Corner“ sich des Kreislaufs von Drogenkonsum, Sucht und sozialem Elend durchaus entziehen und eine solide bürgerliche Existenz aufbauen konnten. Weshalb derartige Ausstiege aus Drogenkonsumkarrieren nur im Nachwort, nicht aber im Buch selbst thematisiert werden, wird wohl das Geheimnis der beiden Autoren bleiben. Es kann nur gemutmaßt werden, dass die Thematisierung von Ausstiegsprozessen der erzählerischen Dramaturgie des Romans, die darauf bezogen ist, den durch Drogenkonsum verursachten Niedergang einer Familie zu skizzieren, im Wege gestanden hätte.

Festzuhalten bleibt, dass „The Corner“ die zumindest implizite Tendenz beinhaltet, ein weit verbreitetes Stereotyp des „typischen“ Drogenkonsumenten und Dealers zu transportieren. Auch wenn den Autoren das Bemühen nicht abzusprechen ist, politische Aufklärungsarbeit in Sachen Drogenpolitik und Kriminalisierung zu leisten, so muss dieses Vorhaben doch scheitern, wenn Drogen für alle nur denkbaren sozialen Probleme verantwortlich gemacht werden. Darüber hinaus ist es kritisch zu sehen, dass in „The Corner“ die für die Ghettoisierung der amerikanischen Innenstädte maßgeblichen Prozesse unterkomplex dargestellt werden. Zu oft werden städtische Segregation und soziale Marginalisierung mit „Drogenkriminalität und Sucht“ in einem ursächlichen Zusammenhang gestellt, die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe der Ghettobildung kommen in „The Corner“ dagegen zu kurz. Würde das Buch einzig und alleine das literarische Genre des Romans bedienen, würden diese Kritikpunkte nicht schwer ins Gewicht fallen. Da David Simon und Ed Burns mit ihrer Monographie allerdings eine Mixtur aus Familiendrama, Sozialreportage und Gesellschaftsanalyse vorlegen, müssen sie sich diese Kritik gefallen lassen.

Fazit

„The Corner“ wirft ein für den deutschen Leser bedrückendes Schlaglicht auf die prekären Lebensbedingungen in einem sozial abgehängten Stadtviertel in Baltimore/USA. Das Buch überzeugt dort, wo es sprachgewaltig und in intimsten Details beschreibt, wie die Bewohner unter der scheinbar erdrückenden Last der sozialen und politischen Verhältnisse einen alltäglichen Kampf ums Überleben führen. „The Corner“ hat allerdings immer dann Schwachpunkte, wenn die Autoren das literarische Genre des Romans verlassen und sich auf das Terrain der Gesellschaftsanalyse begeben. Hier verbleiben David Simon und Ed Burns zu oft in einer Darstellungslogik gefangen, die idealisierend die vermeintlich gute, alte Vergangenheit beschwört und wehmütig deren Niedergang durch Drogenkonsum, Gewalt und Kriminalität beklagt.


Rezensent
Dipl. Päd. Michael Schabdach
Universität Siegen, Fachbereich Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Michael Schabdach. Rezension vom 28.02.2013 zu: David Simon, Ed Burns: The Corner. Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2012. ISBN 978-3-88897-744-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13365.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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