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Ina Rösing: Trance, Besessenheit und Amnesie

Cover Ina Rösing: Trance, Besessenheit und Amnesie. Bei den Schamanen der Changpa-Nomaden im lakakhischen Changthang. Weishaupt Verlag (Gnas) 2003. 270 Seiten. ISBN 978-3-7059-0174-2. 42,90 EUR.

Unter Mitarbeit von: Hans-Ulrich Pfeilsticker, Reinhardt Rüdel und Peter F. Tkaczyk.
Recherche bei DNB KVK GVK


Die Autorin und der Entstehungshintergrund

Die Autorin ist als Professorin für Kulturanthopologie an der Universität Ulm tätig. Sie beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit den nächtlichen Heilungsrituale in den Hoch-Anden in Bolivien, über die sie mehrere Bücher veröffentlichte. Nun untersucht sie die Heilungsrituale der Schamanen in dem Hochland von Chanthang, das in Indien liegt und zum tibetischen Kulturkreis gehört. Dorthin hat sie mehrere Forschungsreisen unternommen Dieses entlegene Gebiet, das an Tibet grenzt, hat sie ausgesucht, um noch von der Zivilisation unberührte Lebensweisen vor zu finden. Aber wie sie ausführt, haben sich in letzten Jahrzehnten dort doch erhebliche politische und wirtschaftliche Umwälzungen ergeben, u.a. durch die chinesische Besetzung von Tibet.

Sie besucht schamanistische Heilungsseancen, um diese mit Tonband, Kamera und Notizblock wissenschaftlich zu dokumentieren. Dabei sind auch ein oder zwei Mitarbeiter, die aus dem Lande stammen und die Sprache verstehen. Anschließend befragt sie die Schamanen noch allgemein zu ihrer Berufung, der Ausbildung, den Krankheiten, den Heilungsaktivitäten usw.

Das Buch hat eine sehr gute Ausstattung mit zahlreichen bunten Abbildungen bzw. Porträtaufnahmen der Schamanen. Ein Teil der Texte ist auch in tibetischer Schrift geschrieben.

Aufbau und Inhalte

Am Anfang des Buches in den ersten zwei Kapiteln stellt sie die Landschaft, die heutigen Lebensweisen, die Religion und die Menschen usw. vor ( S. 1 - 81 ).

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit den Schamanen in Ladakh. Sie grenzt die Medizinmänner, die unter Alltagsbedingungen arbeiten, ab von den Schamanen, die in einem Zustand außergewöhnlichen Bewusstseins heilen. Bei den Letzteren müssen noch folgende vier Merkmale dazu kommen:

  1. Schamanen sind Mittler zwischen zwei Welten, der Welt des Menschen und der Welt des Transzendenten.
  2. Sie gehen in Trance, um den Menschen dieser Welt zu helfen und sie zu heilen.
  3. Sie haben Kontrolle über den Bewusstseinszustand, denn sie können willentlich in diesen Zustand gehen und ihn auch willentlich wieder beenden.
  4. Dieser Zustand wird nur in sanktionierten institutionalisierten Kontexten verwendet.

Die Autorin berichtet die Berufungserlebnisse einiger Schamanen, die immer wieder die gleichen Elemente enthalten: "Wahnsinn" als Berufung zum Schamanen und die Transformation des Wahnsinns zur kontrollierten Besessenheit. Dabei muss dann auch die Entscheidung zwischen einer psychopathologischen Symptomatik oder einem Berufensein durch eine Gottheit getroffen werden.

Die Beschreibung einer schamanische Seance

Im Raum einer Küche versammeln sich bis zu zwölf Menschen. Weihrauch erfüllt den Raum. Der Schamane singt seine Gebete und kleidet sich ein. Er beginnt immer heftiger zu zittern, der Gesang erstirbt, der Gesichtsausdruck ist gequält, die Augen rollen immer wieder nach oben, der Schamane schaut sich zuckend um, als sei eine große Gefahr im Anzug. Dann hört man einen leisen Pfeifton, Zeichen des Eintritts des Gottes in den Leib des Schamanen, er setzt seine Schamanenkrone auf und beginnt mit Trommeln und Läuten ( S. 158 ).

Eine der wichtigsten Heilungshandlungen der dortigen Schamanen ist "das Aussaugen von flüssiger Verunreinigung, Schmutz, Verhexung, Schadenszauber oder auch von festen Gegenständen gleichen Ursprungs".

Schamanen-Trance unter dem Sichtspunkt der Amnesie

Die Autorin diskutiert die Schamanen-Trance unter den Aspekten der Amnesie, der spirituellen Kraft, Trance als Theater und Amnesie als Abwehrstrategie. "Es leiht also der Schamane der Gottheit seinen Leib, damit wird er zu dieser Gottheit, er heilt als diese Gottheit, er spricht mit der Eingebung und Weisheit und dem Wissen dieser Gottheit, er handelt mit der Macht der Gottheit und spricht mit ihrer Stimme" ( S.132 ).

Die Autorin erörtert die spirituelle Kraft bzw. das und weist daraufhin: nur wenn die spirituelle Kraft niedrig sei, könne eine andere Wesenheit, ein Gott, den Schamanen besetzen. Sie meint, dass man dies sich vorstellen kann in "Analogie zu einer psycho-immunologischen Verfassung." Ein Schamane sei also ein psychisch schwacher Mensch, dessen psycho-immunologische Verfassung gering ist.

Sechs Punkte werden unter dem Aspekt der Amnesie dargestellt ( S.151). Amnesie bedeutet, dass der Schamane sich an nichts erinnern kann, was mit ihm geschehen ist bzw. was er gemacht hat:

  1. Der ladakhische Schamane ist ein Heilungsexperte ohne Heilungswissen.
  2. Der ladakhische Heiler kann nicht lehren.
  3. Der ladhakische Heiler handelt ohne Verantwortung
  4. Der Arzt-Patientenkontakt beschränkt sich unvermeidlicherweise auf Eine-Minute-pro-Patient.
  5. Das höchste Qualitätsmerkmal des Heilers ist instabil.
  6. Das Wissen des Heilers ist unerforschbar.

Diskussion

Die Autorin hat die Absicht, die Phänomene Trance, Besessenheit und Amnesie zu untersuchen und zu klären. Dazu ist zu sagen, dass weder die Psychosomatik noch die Psychiatrie sich mit diesen Phänomenen beschäftigt haben, geschweige denn diese einigermaßen definiert hat. Sie befinden sich in der allgemeinen "Grauzone der psychischen Phänomene". Leider gelingt der Autorin eine weitere Klärung dieser psychischen Zustände auch nicht.

Die Beschwerden der Patienten oder Heilungssuchenden und eventuelle Besserungen werden praktisch nicht beschrieben. Das bedeutet, dass der andere

Teilnehmer der Therapie nicht ersichtlich ist. Die psychische Basis oder der Glaube der Patient ist ja ein wesentlicher Faktor in dem Geschehen. In diesem Zusammenhang wäre es auch wichtig, die Verbreitung bzw. die Nähe der modernen Medizin, z. B. Entfernung der Krankenhäuser, zu dokumentieren. Es ist aber klar, dass medizinische Probleme nur einen Teil der Heilhandlungen umfassen.

Die wissenschaftliche Qualifikation der Autorin ist unbestritten, wo bei einige Erläuterungen aus psychosomatischer oder psychiatrischer Sicht diskussionswürdig sind. Die Bemühungen der Autorin die Phänomene der Schamanen-Heilungen zu erfassen und zu erklären, sind lobenswert. Solche ausführliche Darstellungen derartige Heilungen haben wohl Seltenheitswert. Die Versuche diese Phänomene zu diskutieren und erläutern, sind für den Interessierten sehr interessant und aufschlussreich. Allerdings zeigen sich auch überall die Grenzen der wissenschaftlich-orientierten Methodik. Dies wird deutlich bei der Aufklärung der Amnesie, die die Heiler angeben. Ihre Testungen der Fähigkeiten der Heiler sind diskussionswürdig.

Fazit

Das Buch ist gut lesbar. Die Autorin beobachtet das Geschehen genau und erklärt es ausführlich. Die Untersuchung ist allen medizinischen und nichtmedizinischen "Heilern" zu empfehlen, die sich - insgesamt oder speziell - für die "alternativen" psychischen Heilmethoden interessieren.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 27.01.2004 zu: Ina Rösing: Trance, Besessenheit und Amnesie. Bei den Schamanen der Changpa-Nomaden im lakakhischen Changthang. Weishaupt Verlag (Gnas) 2003. ISBN 978-3-7059-0174-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1337.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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