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Joachim Dabisch (Hrsg.): Spannungsfeld der Moderne

Cover Joachim Dabisch (Hrsg.): Spannungsfeld der Moderne. Paulo Freire in heutiger Zeit. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. 122 Seiten. ISBN 978-3-86585-013-3. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Reihe: Freire-Jahrbuch - 13.
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Thema

Spannungsfeld der Moderne – Paulo Freire in heutiger Zeit. Die dreizehnte Ausgabe des Freire-Jahrbuches stellt eine Sammlung von Artikeln dar, die als Übersicht über ein aktuelles Verständnis einer dialogischen Pädagogik im Kontext des Freire´schen Konzeption gibt.

Herausgeber

Das Freire-Jahrbuch wird von der Freiere-Kooperation Oldenburg herausgegeben, die sich seit ihrer Gründung in den 1990er Jahren intensiv mit den theoretischen Ansätzen von Paulo Freire und deren Gestaltungs- und Umsetzungsmöglichkeiten in die pädagogische Praxis auseinandersetzt.

Aufbau

Das Freire-Jahrbuch 13 beinhaltet neun ausgewählte Fachbeiträge verschiedener AutorInnen, die sich mit Frage nach der Aktualität einer Befreienden bzw. Dialogischen Pädagogik beschäftigen. Dabei werden sowohl philosophische, gesellschaftstheoretische als bildungswissenschaftliche Aspekte aufgezeigt, die in einem direkten oder indirekten Bezug zur Konzeption Freires aufweisen.

Inhalt

Zwei Beiträge im vorliegenden Jahrbuch stellen explizit einen Bezug zu Paulo Freire her: Stefan Berzel und Heinz-Peter Gerhardt zeigen in ihrem Artikel auf, welche Aspekte der Pädagogik Freires im Kontext von „Grundschulpädagogik und dialogisches Lernen“ mit GrundschullehrerInnen bearbeitet wurden. Ein dreitägiger Studientag mit einem Grundschulkollegium in Ludwigshafen wurde durchgeführt und darin die grundlegenden Fragen nach der Beziehung von Lehrern und Schülern, der Berücksichtigung des Vorwissens von Schülerinnen und Schülern und das Spannungsfeld von „dialogischen und direktiven Anteilen“ des Unterrichts diskutiert. Es wird anhand dieses Berichtes vom Studientag sehr schön aufgezeigt, welche Herausforderung eine auf Partnerschaft und Dialog basierende Schulpädagogik darstellt, wie der situative, problemformulierende und an generativen Themen orientierte Lernprozess gestaltet werden kann. Auch die dabei auftretenden Fragen nach der Rolle der Lehrenden und die kritische Reflexion der rezeptiv-passiven Haltung von Lehrenden werden aufgezeigt. Den Moderatoren des Studientages (H.P. Gerhardt und Joachim Dabisch) gelingt es, konkrete Lösungsvorschläge und Ergebnisse mit den TeilhmerInnen zu erarbeiten, die zu einer Verbesserung des Lerngeschehens in der Grundschule führen sollen.

Einen weiteren direkten Bezug zu Paulo Freire stellt Ronald Lutz in seinem Beitrag „Zur Anthropologie der Hoffnung“ her. Lutz setzt sich kritisch mit den Fragen der Moderne auseinander und stellt fest, dass diese „an einem Punkt angekommen (ist), an dem ihre Versprechungen sich immer weniger in den Wirklichkeiten spiegeln“. Es wird begründet und aufgezeigt, wie wichtig eine Anthropologie der Hoffnung ist, die von einem Menschen als Subjekt ausgeht, dessen Gestaltungsmöglichkeiten und -fähigkeiten in der Gestaltung von gesellschaftlicher Realität -wider eine Parzellierung des Menschen- entwickelt und in den Mittelpunkt pädagogischen und sozialarbeiterischen Handelns gestellt werden muss. Ermächtigung und Integration der Individuen in der Gestaltung ihrer sozialen, gesellschaftlichen und politischen Bezüge, aufbauend auf der Idee der (sozialen) Gerechtigkeit, eines positiven Menschenbildes, der Menschenrechte, der menschlichen Solidarität und Nachhaltigkeitsaspekte werden als notwendige Basis einer positiven Entwicklung gesehen, die dringend wieder neu gedacht und in Erinnerung gerufen werden müssen. Die Moderne wird als Projekt verstanden, das nur dann gelingend gestaltet werden kann, wenn eine Wiederentdeckung des humanistischen Zugangs, das Denken und Handeln `vom Menschen aus` und ein dialogische Prinzip in den Mittelpunkt gestellt werden, um die „Ungewissheitsstrukturen“ bewältigen zu können.

Die kritische Reflexion gegenwärtiger Realitäten nimmt Roland Lutz in seinem zweiten Beitrag „Erschöpfung und Moderne“ vor, der einleitend im Freire-Jahrbuch positioniert ist. Die Debatten über eine Postmoderne und einer „Zweiten Moderne“ werden hier diskutiert und die Frage nach der Selbstwerdung des Menschen darin gestellt. Fundamentalismen, gewaltsame und kriegerische Auseinandersetzungen, Armut und Unterdrückung werden als Problemstellungen konkret aufgezeigt und -ohne gleich Antworten geben zu wollen- dringende Fragen (Terror der Ökonomie?, Freiheit in Gefahr?, Wiederkehr der Religion? – um nur einige zu nennen) werden im Kontext der modernen, globalen Gegenwart gestellt.

Weiter finden sich unterschiedlich akzentuierte Ausführungen in dieser Sammlung: Arnold Köpcke-Duttler zeigt sehr prägnant die Ansätze, Probleme und Notwendigkeiten von „Integration und inklusive Bildung“ auf. Thomas Friedrich beschreibt „Swami Vivekananda und die Erfindung hinduistischer Sozialarbeit“. Borjana Ivanova gibt eine kurze Übersicht über „Lebenslanges Lernen in Bulgarien“, bevor Fr. Antonysamy S. unter dem Titel „Die Armen winken uns herbei – Alternative Seelsorge“ berichtet. Einen interessanten Ausflug in die „Anfänge der Philosophie Aurobindos“ unternimmt Thomas Friedrich. Einen Schlusspunkt in diesem Band setzt Arnold Köpcke-Duttler mit seinem Appell „Noch ist Zeit umzukehren – Der Wandel des Weltklimas“.

Diskussion

Die aktuelle Ausgabe des Freire-Jahrbuches ist ein interessanter Sammelband, der aus unterschiedlichen Perspektiven und Themenstellungen der VerfasserInnen einen Beitrag zum Diskurs einer dialogorientierten Pädagogik (respektive Sozialen Arbeit) liefert. Der Untertitel „Paulo Freire in heutiger Zeit“ kann dabei hohe Erwartungen der Lesenden des Bandes wecken, die eine vielseitige und umfassende Darstellung der gegenwärtigen Rezeption des Werkes des brasilianischen Pädagogen erwarten, nicht abschliessend erfüllen, dennoch zeigt er deutlich auf, wie wichtig eine intensive und neu kontextualisierte Interpretation dieses „Klassikers der Pädagogik“ (Heinz-Elmar Tenorth) ist. Zu brennend und notwendig sind die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Entwicklung und Gestaltung einer sich sowohl individualisierenden als globalisierenden Gesellschaft, die immer auch poltischer Natur sind. Der Anspruch einer „problemformulierenden Pädagogik“, wie sie Paulo Freire formuliert hat und die (selbst-)kritische Reflexion gegenwärtiger Entmündigungs- und Unterdrückungsmechanismen sog. zivilisierter Gesellschaften im Zeitalter der Moderne und Ansätze einer Umsetzung im pädagogischen Arbeiten aufzuzeigen, wird in diesem Band Rechnung getragen. Er lädt ein, sich wieder mit den theoretischen Ansätzen Freires auseinanderzusetzen und ihre Aktualität zu entdecken. Dass wir alle von Paulo Freire und seinen Überlegungen lernen können, dass es notwendig ist, einen kritischen und kontroversen Diskurs über gesellschaftliche Gegenwartsformen und ihre immanenten Ungerechtigkeitsstrukturen zu führen, dazu lädt dieser Band ein. Wünschenswert in der Gestaltung des Jahrbuches wäre, mehr Auskunft über den professionellen Hintergrund der AutorInnen zu erhalten.

Fazit

Das Freire-Jahrbuch 13 ist wiederum ein interessantes Werk, das von der Paulo-Freire-Kooperation vorgelegt wird und das die verschiedensten Zugänge zur Freire-Pädagogik aufzeigt. Zur Einbettung der Ausführungen dieses Bandes ist es lohnenswert, die Schriften Freires neu zu lesen und aus aktueller Sicht betrachten.


Rezensent
Dipl. Pädagoge Andreas Schauder
Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten / Basel
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Andreas Schauder. Rezension vom 21.08.2012 zu: Joachim Dabisch (Hrsg.): Spannungsfeld der Moderne. Paulo Freire in heutiger Zeit. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. ISBN 978-3-86585-013-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13377.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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