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Ronald Lutz, Corinna Frey (Hrsg.): Poverty and poverty reduction

Cover Ronald Lutz, Corinna Frey (Hrsg.): Poverty and poverty reduction. Strategies in a global and regional context. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. 211 Seiten. ISBN 978-3-86585-906-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Internationale Sozialarbeit - Band 6.
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Der Anspruch auf ausreichende Ernährung ist ein Menschenrecht

In Artikel 25 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die als globale Norm und Ethik der Menschheit gilt, heißt es unmissverständlich u. a.: „(1) Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung und notwendiger sozialer Leistungen…“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S.53). Die Konferenz für Umwelt und Entwicklung hat im Juni 1992 in Rio de Janeiro in der Agenda 21 „Armutsbekämpfung“ als nachhaltige Sicherung der Existenzgrundlagen armer Bevölkerungsgruppen als ein wichtiges Ziel für eine humane, gerechte und friedliche Welt bezeichnet (Bundesumweltministerium, Agenda 21, Bonn <1994>, S. 18ff). Die Vereinten Nationen haben am 9. September 2000 beim Millenniums-Gipfel in New York vereinbart, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Weltbank und Internationaler Währungsfonds entwickelten daraufhin ein Strategiepapier (Poverty Reduction Strategy), das die Absicht in die Wirklichkeit umsetzen soll.

Dass dabei Absicht und Verwirklichung erheblich auseinander klaffen und wie nicht wenige Experten meinen, das Vorhaben bis zum Zielzeitraum 2015 nicht zu erreichen ist, wird immer mehr zur Gewissheit. Das New Yorker World Watch Institute, das alljährlich Berichte zur Lage der Welt herausbringt, stellt in der Analyse für 2011 nicht nur fest, dass es von Jahr zu Jahr mehr hungernde und unterernährte Menschen gibt, sondern dass gleichzeitig die Wohlhabenden immer wohlhabender werden, die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt also zunimmt (Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2011: Hunger im Überfluss. Neue Strategien im Kampf gegen Unterernährung und Armut, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php). Die Ursachen dafür sind vielfältig, und die Erkenntnis, dass „die Ernährung der Menschen und die Nährkraft des Planeten ( ) unauflöslich miteinander verbunden und lebensnotwendig für unsere Zukunft (sind)“, wächst nur zögerlich und viel zu langsam im Bewusstsein der Menschen, und zwar lokal und global. Dabei liegen seit Jahrzehnten die Lösungsmöglichkeiten bereit: In den Berichten an den Club of Rome, dem Brundtland-Bericht, den Analysen der Nord-Süd-Kommission und der Süd-Süd-Kommission, wie auch in den wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, etwa mit einer „Ethik des Bewahrens“ den humanen und existenzsichernden Herausforderungen für die Menschheit gerecht werden zu können (Paul Collier, Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13125.php), durch Kapitalismus-, Neoliberalismus- und Globalisierungskritik (Karl Georg Zinn, Wie Reichtum Armut schafft, Köln 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4493.php; Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird. Betrachtungen eines Psychoanalytikers, Bielefeld 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13080.php; Stefan Kreutzberger / Valentin Thurn, Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, Köln 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/13468.php), indem das ungerechte Weltwirtschaftssystem für Hunger in der Welt verantwortlich gemacht wird (Detlef Horster, Hrsg., Welthunger durch Weltwirtschaft. Hannah-Arendt-Lectures und Hannah-Arendt-Tage 2009, Weilerswist 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9744.php), wie die Zukunft der Welternährung gestaltet werden sollte (Wilfried Bommert, Kein Brot für die Welt, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8711.php), welche kapitalistischen und neoliberalen Vereinnahmungsstrategien derzeit entwickelt werden (Wilfried Bommert, Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13381.php), dass vor allem die Menschen im Kontinent Afrika unter der unmenschlichen Situation leiden und es einer internationalen Politik und eines interkulturellen Dialogs bedarf, um Wege aus der Armutsfalle zu finden (Walter Eberlei, Afrikas Wege aus der Armutsfalle, Frankfurt 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8110.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Aufklärung, Information und Bildung sind die besten Wege, Armut in der Welt zu reduzieren. Wenn es schon (in absehbarer Zeit) nicht gelingen dürfte, die eklatanten Ungerechtigkeiten in der Welt abzuschaffen, ist der schulische und universitäre, interkulturelle Diskurs ein Mittel dazu, um diesem Ziel wenigstens ein Stück näher zu kommen. Der Anthropologe und Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule Erfurt, Fakultät für Sozialarbeit („Menschen in besonderen Lebenslagen“), Ronald Lutz, hat, zusammen mit Christine Rehklau,. beim Paulo Freire Verlag in Oldenburg die wissenschaftliche Reihe „Internationale Sozialarbeit“ begründet und dort bereits zahlreiche Veröffentlichungen, etwa zur „Sozialarbeit des Südens“ (www.socialnet.de/rezensionen/5681.php), vorgelegt.

Entstehungshintergrund

Vom 6. bis 12. Juni 2010 veranstaltete die FHS Erfurt eine internationale Woche zum Thema „Poverty and poverty reduction strategies in a global and regional context“. Die Konferenzsprache war Englisch, weshalb auch der Tagungsband in englischer Sprache erscheint. Lehrende und Studierende der Jamia Millia Islamia Hochschule in Indien, der Universität Johannesburg in Südafrika, der Universität „Ivan Franke“ in Sambir und der Hochschule „Lvivska Polytechnika in der Ukraine, der Temple University in Philadelphia und der FHS Erfurt setzten sich mit den lokalen und globalen Ursachen von Armut und ihren Wirkungen auf Individuen und die jeweiligen Gesellschaften auseinander. Globalisierungsprozesse „regional as well as global changes… have and will still have main influences on every single country and must therefore be seen as an interlinked phenomenon“.

Aufbau und Inhalt

Ronald Lutz und die Sozialarbeiterin Corinna Frey geben den Tagungsband heraus. Er wird gegliedert in drei Kapitel.

Im ersten Teil „General poverty aspects“ referiert der an der Alice Salomon Hochschule in Berlin tätige Sozialwissenschaftler Johannes Kniffki über „The Significance of International and Transnational Activities in Social Work. Er fragt nach Gemeinsamkeiten und Besonderheiten in der Sozialen Arbeit und sucht nach Verständigungs- und Kooperationsmöglichkeiten „that is viable both on the north pole and the south pole, and above all in between?“.

Die Sozialwissenschaftlerin von der Lviv Polytechnic National University, Nina Hayduk, informiert über „Poverty Issues in Ukraine“, setzt sich mit der professionellen Situation der Sozialarbeit in ihrem Land auseinander und plädiert für eine zivilgesellschaftliche Entwicklung: „The social work profession needs to accentuate ist activist orientation, and advocate for change in social services and social policies…“.

Der kanadische Sozialwissenschaftler Brad McKenzie, der in Lviv in den Jahren 1999 bis 2003 das „Canada-Ukraine-Studien- und Entwicklungsprojekt“ koordinierte und an der University of Manitoba in Winnipeg lehrt, setzt sich mit „Poverty and Poverty Reduction in Canada“ auseinander. Es stellt fest, dass es Alternativen zu den unzulänglichen (staatlichen) Programmen gibt. „Research studies on poverty and information dissemination can help zu build public awareness“.

Henrietta Ferguson Ellis von der Universität in Johannesburg / Südafrika setzt sich auseinander mit „South Africa Government?s Poverty Reduction“. Sie stellt verschiedene, regierungsamtliche Sozialprogramme, wie „Poverty-Relief-Programme“, „Youth Economoc Participation and Empowerment“ und „Public Private Partnerschips“ vor.

Im zweiten Kapitel „Poverty and childhood“ referiert die Sozialwissenschaftlerin Anjali Gandhi von der Jamia Millia Islamia-Hochschule in New Delhi über „Child in India“. Sie stellt die Situation dar, wie sich Kindheit in ihrem Land in individuellen, gesellschaftlichen, rechtlichen und materiellen Situationen darstellt: „Child health in India is intrinsically linked zu maternal health… The childhood in India is stifted among others by poverty, rural-urban divide, state differentials, corruption, patriarchal forces and more importantly policial will“.

Der Sozialpsychologe von der Universität Erlangen-Nürnberg, Karl-Peter Hubbertz, informiert über seine Forschungsarbeiten zu „Child Poverty in India. Chances trough Social Work and parenting Programms. Er stellt das „International Child Development Programme (as) a competence training for parents and caregivers“ vor.

Henrietta Ferguson Ellis, Jean D. Triegaardt, Karin Luck und Sandra Verwey von der Universität in Johannesburg präsentieren „Care and Protection of Children in South Africa“, indem sie die Thematik differenzieren in: „Children in Poverty“ und „Children and Youth in Conflict with the Law“.

Lengwe-Katembula J. Mwansa, Tumari Malinga, Poloko N. Ntshwarang und Kgossietsile K. Maripe von der Universität in Botswana berichten über „Social Development and Child Protection in Botswana“. Sie verweisen auf Defizite in der praktischen und theoretischen Handhabung bei der sozialen Entwicklung in ihrem Land, machen aber auch deutlich, dass es Fortschritte und Erfolge dabei gibt: „Emphasis on childhood development is critical in order to ensure safe passage of children into adulthood“.

Die Doktorandin von der Ruhr-Universität Bochum, Ina Gankam Tambo, forscht über Kinderarbeit in Nigeria. Sie stellt (Teil-)Ergebnisse in ihrem Beitrag „Capabilities and Children?s Rights: Integrating a Child Rights Perspective into Anti-Poverty Strategies. The African Movement of Working Children and Youth as an Example“ vor.

Im dritten Kapitel „Perspectives“ formuliert Mark Lawrence von der Universität Iowa / USA mit seinem Beitrag „Insides out: Poverty, Policy, and the Necessity of New Regionalism“ Überlegungen und Konzeptionen, wie lokale und globale Armut reduziert werden kann. Dabei richtet er den Blick auf Afrika und hier speziell die Entwicklung in Kenia. Er plädiert für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen und stellt fest: „Put bluntly, a global PRSP (Poverty Reduction Strategy Papers) approach in another rendition of neocolonialism, but the past is littered also with innumerable examples of failed grassroots self-help efforts“.

Fazit

Die Initiative der Fachhochschule Erfurt, die Thematik „Poverty and Poverty Reduction im Rahmen einer internationalen, interkulturellen Woche mit Partnern aus Ländern des Südens zu diskutieren, ist lobenswert – und notwendig, soll der Perspektivenwechsel gelingen, der der Menschheit aufgegeben ist: Der Armut in der Welt den Kampf anzusagen! Dass dazu alle Menschen auf der Erde aufgefordert sind, sowohl diejenigen, die in den Industrieländern, als auch diejenigen, die in den so genannten Entwicklungsländern in Armut, Hungersnöten und fehlenden Grundbedürfnissen leben, sollte mittlerweile zum Allgemeingut eines Bewusstseins gehören, dass alle Menschen auf der Erde in EINER WELT leben; auch, dass dies eine Aufklärungs- und Bildungsfrage ist (vgl. dazu auch: Karl-Albrecht Immel / Klaus Tränkle, Aktenzeichen Armut. Globalisierung in Texten und Grafiken, Wuppertal 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12450.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.07.2012 zu: Ronald Lutz, Corinna Frey (Hrsg.): Poverty and poverty reduction. Strategies in a global and regional context. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. ISBN 978-3-86585-906-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13380.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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