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Julia Roth: Eltern-Kind-Beziehung und elterliche Werteinstellungen

Cover Julia Roth: Eltern-Kind-Beziehung und elterliche Werteinstellungen. Eine vergleichende Untersuchung in Deutschland, Finnland und Polen mittels Erweiterung und Evaluation des Parent-Child Relationship Inventory (PCRI) [...]. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 464 Seiten. ISBN 978-3-7815-1859-9. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Entstehungshintergrund

Die Studie stellt eine Dissertation an der Fakultät für Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Heidelberg dar. Sie ist in das internationale Forschungsprojekt „Dialogische Entwicklung bei Säuglingen“ eingebettet und baut auf den Erkenntnissen von Ursula Horsch zur Bildungskompetenz ab Geburt auf.

Thema

Werteverlust, Wertewandel, Rückbesinnung zu alten Werten und Wertevermittlung sind in Europa derzeit viel diskutierte Themen. Darüber, dass Werte zu grossen Teilen in Familien vermittelt werden, herrscht weitgehend Konsens, allerdings beschäftigen sich diesbezügliche Studien zumeist mit älteren Kindern, Wertevermittlung im Säuglingsalter wird dagegen kaum thematisiert. Werden zur jüngsten Altersgruppe Daten über die Eltern-Kind-Beziehung erhoben, so sind diese fast immer bindungstheoretisch orientiert, und kümmern sich wenig um das Vermitteln von Werten. Diese Lücke versucht die Forscherin zu schliessen, indem sie gleich mehrere Ziele verfolgt:

  1. Soll das aus den USA stammende Erhebungsinstrument PCRI (Parent-Child Relationship Inventory) mit einigen leichten Anpassungen für die frühe Kindheit nutzbar gemacht werden.
  2. Soll mit einigen zusätzlichen offenen Fragen die Werteorientierung der Eltern differenzierter erfasst werden und
  3. werden die elterlichen Einstellungen eines Samples in Deutschland, Polen und Finnland auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede geprüft.

Die der Studie zugrunde liegende Frage ist also jene, ob über regionale Unterschiede hinweg von gesamteuropäischen Werten gesprochen werden kann, die Kleinstkindern vermittelt werden.

Aufbau

Die Gliederung des Buches folgt dem klassischen Aufbau einer quantitativen Forschung: Zuerst werden die theoretischen Grundlagen dargestellt, dann folgt die Diskussion des methodischen Vorgehens inkl. der zu prüfenden Hypothesen. Schliesslich werden die Ergebnisse detailliert dargelegt und abschliessend in ihrem Gesamtkontext mit der bereits angeführten, sowie mit weiterer theoretischer Literatur ausführlich besprochen.

Inhalt

Das von Anthony B. Gerard 1994 entwickelte PCRI enthält 78 Items mit denen die Skalen elterliche Unterstützung, Elternzufriedenheit, Involviertheit, Kommunikation, Grenzen setzen, Autonomie und Rollenbild gemessen werden. Zusätzlich werden mit einigen Items die soziale Erwünschtheit und die Konsistenz der Antworten getestet. Dieser Fragebogen, in die jeweilige Sprache übersetzt, leicht modifiziert, damit er für Eltern von Säuglingen Sinn macht und um einige offene Fragen ergänzt, wurde 2006 über Kindergärten, Kindertagesstätten und Krabbelgruppen in den drei Ländern verteilt, wobei deutsche Eltern aus verschiedenen Städten weit stärker vertreten waren als polnische und finnische. Die Studie weist aufgrund des schriftlichen Fragebogens sicher einen Mittelschichtsbias auf, und die Eltern in Deutschland waren heterogener bezüglich Religion und ethnischer Herkunft als die polnischen und finnischen Mütter und Väter.

Einige ausgewählte Resultate: Die Skalen des PCRI zeigen für alle drei Länder ähnliche T-Werte, so „dass sich Eltern-Kind-Beziehungen in Deutschland, Finnland und Polen vergleichbar zu gestalten scheinen.“ (Roth, 207). Allerdings lassen sich auch Unterschiede finden, es zeigen sich etwa mehr finnische und weniger polnische Eltern hoch kompetent in der Erziehung während die deutschen im Mittelfeld liegen. Erstaunlicherweise wird ein traditionelles Rollenbild von weit mehr finnischen als deutschen oder polnischen Eltern favorisiert.

Der qualitative Teil der Studie zeigt, dass sich in allen drei Ländern dieselben Werte, Themen und Schwierigkeiten in der Kindererziehung finden lassen, allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung. So wird beispielsweise in der finnischen Erziehung mehr Wert auf Toleranz gelegt, während in Deutschland die selbstbewusste Aussendarstellung mehr Gewicht erhält und in Polen die Sozialität am stärksten betont wird. Ebenso ist kindlicher Trotz eine Belastung, mit der die Eltern aller drei Länder zu kämpfen haben, am meisten jedoch die polnischen. Deutsche und finnische Eltern legen mehr Wert auf Zärtlichkeit und Rituale mit den Kindern und zeigen sich insgesamt empathischer.

Die Autorin diskutiert die vorgefundenen Resultate sorgfältig und stellt vorsichtige Überlegungen zu allfälligen Zusammenhängen mit Wirtschaftslage, religiöser Prägung, Vorhandensein von familienexterner Kinderbetreuung, Gender Mainstreaming, Geschwistersituation oder Allgemeinwissen über frühkindliche Entwicklung an.

Diskussion

Die Fragestellung, ob in unterschiedlichen europäischen Ländern ähnliche Werte und Haltungen in der Erziehung vertreten werden, ist sehr interessant und von hochbrisanter politischer Aktualität, wenn man der Autorin zustimmt, dass Werte schon früh im Elternhaus vermittelt werden. Die Studie ist wohltuend strukturiert und logisch aufgebaut, so dass eine hohe Reliabilität gegeben sein dürfte. Etwas weniger überzeugt war die Rezensentin von der Validität einiger Items, sah sie doch beispielsweise bei der Aussage „in unserer Familie ernähren wir uns gesund“ vor ihrem geistigen Auge ihre Mutter eine starke Zustimmung ankreuzen, da es zu den Fischstäbchen immer gehackten Rahmspinat aus der Tiefkühlpackung gab.

Fazit

Die Studie ist sowohl lehrreich für Forschende, die mehr über das PCRI oder andere Messinstrumente in der Erziehung erfahren möchten, wie auch für politisch oder sozial Interessierte, die etwas über elterliche Werthaltungen in den besagten drei Ländern wissen möchten. Wem es jedoch in erster Linie um die inhaltlichen Resultate geht, dessen Geduld dürfte durch die lange, ausführliche und kompetente Darstellung von Methode und Auswertung arg strapaziert werden.


Rezension von
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 30.07.2012 zu: Julia Roth: Eltern-Kind-Beziehung und elterliche Werteinstellungen. Eine vergleichende Untersuchung in Deutschland, Finnland und Polen mittels Erweiterung und Evaluation des Parent-Child Relationship Inventory (PCRI) [...]. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1859-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13385.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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