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Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Unbehindert arbeiten, unbehindert leben

Cover Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Unbehindert arbeiten, unbehindert leben. Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 186 Seiten. ISBN 978-3-17-021809-3. 29,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die von der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen vom 13.12.2006 (kurz: Behindertenrechtskonvention – BRK -) in vielen Staaten angestoßene Inklusionsdebatte wird durch die Beiträge in diesem Buch konzentriert auf die sich dadurch ergebende Problematik im Arbeitsleben generell und konkretisiert durch einen aktuellen (2012) Ländervergleich über den Grad der Behindertenarbeit (auch im jeweiligen historischen Rückblick) in Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich (wo die Konvention in den vergangenen Jahren ratifiziert wurde) sowie in der Schweiz (die sich im Ratifizierungsverfahren befindet).

Autoren

sind neben den Herausgebern zehn Vertreterinnen und Vertreter aus dem Hochschulbereich und dem Praxisbereich der Behindertenarbeit.

Helmut Schwalb, Dipl.-Sozialarbeiter (FH), Dipl.-Volkswirt, ist em. Prof. der Katholischen Hochschule Freiburg i. Br. und war Leiter der Integrativen Akademie sowie Entwicklungsberatung Himmelreich in Kirchzarten.

Dr. Georg Theunissen, Dipl-Päd., ist Professor für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau

In den ersten beiden Beiträgen geben die Herausgeber einen Überblick:

  1. Theunissen: Inklusion – Entwicklung und Diskussionsstand eines praxisgestaltenden Paradigmas in Europa (9 ff.)
  2. Schwalb: Wertschöpfung und Wertschätzung – Leitende Prinzipien der Inklusion von Menschen mit Behinderung im Erwerbsleben (24 ff.)
  3. Das 3. Kapitel enthält fünf Beiträge „Von der Integration zur Inklusion im Arbeitsleben in den (o. g.) ausgewählten europäischen Ländern“ (35 ff.).
  4. Im 4. Kapitel wird aus diesen Ländern durch Beispiele aus dem Gastronomie- und Hotelbereich der Entwicklungsstand exemplifiziert: „Gastronomische Integrationsbetriebe als Best-Practice-Beispiele praktizierter Inklusion“ (113 ff.).
  5. Im letzen Beitrag geben die Herausgeber ein(en) „Resümee und Ausblick“ (177 ff.).

Inhalt

In den einführenden „Historischen Skizzen“ wird im 1. Beitrag (Titel s. o.) dargelegt, dass – beginnend vor etwa 40 Jahren und gestützt durch zahlreiche Programme und Reformen auf der Ebene der Europäischen Gemeinschaft/Union – „Behinderung nicht mehr als eine Krankheitskategorie, sondern in erster Linie als ein gesellschaftliches Problem betrachtet wurde“ (9). Die BRK – in Deutschland seit 2009 verbindlich – erwies „sich als richtungweisend für eine moderne Heilpädagogik und Soziale Arbeit“ (11). Inklusion zielt dabei „als Vision auf eine Bürgergesellschaft für Alle“ (14): im Wohnumfeld, also in der Nachbarschaft (15), und in der Schule (16 ff.). Im letztgenannten Lebensbereich gibt es europaweit und international die größten Unterschiede, die einen „zuverlässigen Ländervergleich“ nicht möglich machen, was belegt wird (17 f.). Auch zur Entwicklung inklusiver Teilhabe am Arbeitsleben und zum Wohnen in der Gemeinde werden Tendenzen aufgezeigt.

Wertschöpfung und Wertschätzung werden im zweiten Beitrag (Titel s. o.) ausführlich und problematisierend als „korrespondierende Prinzipien“ einer „inklusiven Kultur“ begriffen: „Wertschöpfung als Beitrag des Mitarbeiters zum ökonomischen Erfolg des Betriebes, Wertschätzung als Beitrag des Betriebes und aller seiner Mitarbeiter zur sozialen Inklusion“ (26). „Erste Wege dazu sind beschritten“ (28 ff.): z. B. in Integrationsunternehmen und Sozialunternehmen.

Im 3. Kapitel widmet sich der erste Beitrag: „Deutschland: Inklusion im Arbeitsleben in Deutschland“ (35 ff.). Helmut Schwalb stellt dezidiert die Rechtslage zur Inklusion als verpflichtende Rechtsnorm dar und hebt hervor, dass die im deutschen Sozialleistungssystem so bedeutsamen Werkstätten für behinderte Menschen in der UN-Konvention nicht vorkommen (38). Im nächsten Schritt wird für das Arbeitsleben von der Norm zur gesellschaftlichen Praxis über die begrenzten Möglichkeiten des Zugangs Behinderter „zur Teilhabe an gesellschaftlichen Angeboten einschließlich des Arbeitslebens“ (39) geführt (Exklusion, Segregation und Integration). Schlussfolgerung: „Die Teilhabe am Arbeitsleben ist nach wie vor nach dem Grundmuster der Trennung der Lebensbereiche von Menschen mit und ohne Behinderung strukturiert“ (43). Aber: „Die Inklusionsdebatte zeigt Wirkung“ (44 ff.), was für den „gerade erst in Gang gekommenen“ Veränderungsprozess aufgezeigt wird.

Im Beitrag „Frankreich: Geschichte und Entwicklung der Inklusion in Frankreich unter besonderer Berücksichtigung des Hotel- und Gaststättengewerbes“ (49 ff.) wird Inklusion unter das Motto der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gestellt und unter dieser Devise erörtert. Ein wichtiger Schritt bei der diesbezüglichen Entwicklung ist das Behindertengleichstellungsgesetz von 2005. Diese soziale Sichtweise führte auch „zur Überlegung, ob nicht vielmehr die Gesellschaft den Bedürfnissen der behinderten Personen unangepasst ist“ (54). Exemplarisch wird dargelegt, dass die 2010 erfolgte Ratifizierung der BRK „für den Zugang behinderter Personen zur Beschäftigung“ im genannten Gewerbe „neue technische und pädagogische Möglichkeiten“ eröffnet (68).

Die BRK wurde in Italien 2009 ratifiziert. Sie wird dort „nur sehr zögerlich wahrgenommen und ihre grundlegende Ausrichtung noch nicht in vollem Umfang erkannt.“ Dies wird im Beitrag unter dem Titel „Italien: Von der Integration zur Inklusion im Arbeitsleben in Italien und in Südtirol“ (71 ff.) dargestellt: insbesondere für den schulischen Bereich, das Sozialwesen, den Bereich des Wohnens und im Arbeitsbereich. Hier spielen die Sozialgenossenschaften als integrative Betriebe im Bereich der Sozialwirtschaft eine wichtige Rolle – somit „nicht als Privatunternehmen, die ausschließlich im Interesse ihrer Mitglieder arbeiten“ (78). Dies wird ausführlich – auch widersprüchlich und kritisch – erörtert (79 ff.).

Die diesbezüglich zentrale BRK wurde in Österreich bereits 2008 ratifiziert und wird im folgenden Beitrag in das Zentrum der Betrachtung gerückt: „Österreich: Arbeiten mit Behinderung in Österreich“ (84 ff.). Denn: Hier arbeiten nach der geltenden Rechtslage noch viele (derzeit ca. 19 000) Menschen mit Behinderung in einem geschützten, vom Arbeitsmarkt segregierten Sektor, was ausführlich erläutert wird (86 ff). „Diese Diskriminierung widerspricht der UN-Konvention“ (87). „Spezielle Organisationsformen und Maßnahmen zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt“ werden ausführlich beschrieben (89 ff.): meistens angeboten von Gemeinnützigen Nichtregierungsorganisationen.

Folgender Titel trifft den Kern des Beitrages: „Von der Integration zur Inklusion im Arbeitsleben in der Schweiz“ (98 ff.), in der die Ratifizierung ja noch aussteht (s. o.). Trotzdem „hat die Schweiz in den letzten Jahren wichtige Schritte unternommen, befindet sich aber noch mitten in einem paradigmatischen Um- resp. Aufbruch“ (103). Dies wird ausführlich dargestellt und geschlussfolgert: „Die Entwicklung geht auch hier partiell in Richtung einer Perspektive der Inklusion“ (109).

Unter der oben angegebenen Überschrift werden im 4. Kapitel in fünf Berichten aus jedem dieser Länder „Best-Practice-Beispiele praktizierter Inklusion“ vorgestellt (Titel s. o.). Sie geben einen äußerst interessanten Einblick in das vielfältige und erfolgreiche Bemühen in diesem wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Die Beispiele aus dem Hotel- und Gastronomiebereich sind das Hofgut Himmelreich in Kirchzarten (Deutschland), La Main Verte (Frankreich), Hotel Masatsch in Kaltern (Südtirol/Italien), Chance B in Gleisdorf (Österreich) und DASBREITEHOTEL in Basel (Schweiz). (Anmerkung des Rezensenten: Der aktuelle Entwicklungsstand lässt sich im Internet nachlesen und unterstreicht allerdings auch die Exklusivität dieser Beispiele.)

Im abschließenden 5. Kapitel „Resümee und Ausblick“ kommen die Herausgeber zu dem Fazit, dass sich „eine unbehinderte Teilhabe am allgemeinen Arbeitsleben nur dann weiterentfalten kann, wenn sich Barrierefreiheit auch im Bereich der arbeits- und sozialpolitischen Gesetzgebung und Rahmenbedingungen niederschlägt. … Vor diesem Hintergrund gibt es im Hinblick auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention viel zu tun“ (183).

Diskussion

Ist die Behauptung der Herausgeber im ersten Beitrag zutreffend, „dass wir in Europa von einer unbehinderten Teilhabe von Menschen (mit) Lernschwierigkeiten und insbesondere mit komplexer Behinderung am allgemeinen Arbeitsmarkt noch weit entfernt sind.“ (13)?

In mehreren Beiträgen wird auf Sozialunternehmen verwiesen, die sowohl Wertschöpfung als auch Wertschätzung (s. o.) betreiben (z. B. 31, 78). Auch das „bewundernswerte Einzelbeispiel“ aus der Schweiz gehört dazu (176). Mehrfach werden dazu (auch in anderen Ländern) besondere Rechtsvorschriften gefordert, die diesen Status gesetzlich regeln und definieren. Ist das für sozial engagierte Unternehmer notwendig?

Fazit

Trotz des von den Herausgebern oben zitierten realistisch-pessimistischen Fazits begrüße ich als Rezensent aufgrund aller Beiträge in diesem Buch den Entwicklungsprozess zur inklusiven Gesellschaft positiv. Dies bestätigen nicht nur die ausführlichen – wenn auch äußerst exklusiven – Beispiele im vierten Kapitel (sowie weitere Beispiele aus anderen Arbeitsbereichen in den anderen Beiträgen), sondern auch die Wegbeschreibungen in den fünf Ländern im (jeweiligen) theoretischen (und rechtlichen) Kontext sowie die beiden einführenden Überblicksbeiträge. Deshalb wird das Werk allen in diesem Bereich Tätigen – vor allem auf der Wissenschaftsebene sowie der Führungsebene der Praxis – zur Lektüre empfohlen, jedoch auch allen, die aus anderen Perspektiven an diesem Entwicklungsprozess der Inklusion interessiert sind.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 08.02.2013 zu: Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Unbehindert arbeiten, unbehindert leben. Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021809-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13390.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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