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Jens Clausen, Frank Herrath (Hrsg.): Sexualität leben ohne Behinderung

Cover Jens Clausen, Frank Herrath (Hrsg.): Sexualität leben ohne Behinderung. Das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 308 Seiten. ISBN 978-3-17-021906-9. 32,00 EUR.
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Thema

Wissenschaftler mühen sich mit einem neuen Buch an die Themen „Sexualassistenz und Sexualbegleitung für behinderte Menschen“ heran. An Themen also, die von der deutschen Selbsthilfe Behinderter oder von Einrichtungen wie der Spastikerhilfe Berlin schon seit 1997 entwickelt wurden und zurzeit von Hollywood („The Sessions“) in die Massen getragen werden: Helen Hunt war in diesem Jahr (2013) für den Oscar nominiert. Sie spielt die Sexualtherapeutin Cheryl Cohen, die in den USA schon vor 25 Jahren als Surrogat arbeitete.

In sehr vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe hat es schon Fortbildungen zum Thema gegeben. Fast alle Träger haben schon Kongresse dazu organisiert. Hunderte behinderte Menschen haben schon über Sexualbegleitung ihren ganz individuellen Zugang zu Sexualität gefunden. Das hier rezensierte Buch ergänzt nun all diese Praxiserkenntnisse mit anfänglichen Überlegungen der Wissenschaft (unter Beteiligung von behinderten Autorinnen und Autoren). Als Anlass wird die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung genannt, während die Konvention (obwohl geltendes Recht) in ihren wesentlichen Fortschritten soeben im deutschsprachigen Raum grandios ausgebremst wird.

Aufbau und Inhalt – jeweils mit Diskussion

Joachim Walter, der Wissenschafts-Pionier zum Thema „Sexualassistenz für behinderte Menschen“, verfasste das Vorwort, nach dem schon bald der verstorbenen, selbst behinderten Vor-Kämpferin Aiha Zemp aus der Schweiz gedacht wird.

Frank Herrath, einer der Herausgeber dieses Buches, antwortet dann auf die selbstgestellte Frage “Was behindert Sexualität“. Frank Herrath entstammt der protestantischen Volmarsteiner Tradition. „Volmarstein“ ist seit gefühlten tausenden Jahren eine Großeinrichtung der Behindertenarbeit (gegründet 1904). Den tapferen, längst verstorbenen Pastor Ulrich Bach durfte ich in den 1970er Jahren stolz darüber erleben, dass Volmarstein die geschlechtsbezogene Unterbringung Behinderter aufgehoben hat. Daran hatte er mitgewirkt. Frank Herrath müsste nun aber mal jemand sagen, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Behinderte als „die uns Anvertrauten“ zu denken und dann auch noch in einem aktuellen Buch so zu benennen. „Wenn man sich die soziale Gesamtlage vieler Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung ansieht“, so mutet Herrath in Zeiten der Inklusion der Leserschaft zu, „wäre dauernde Masturbation also verständlich motiviert“, auch im „halböffentlichen Raum“. Sie seien ja sonst eher frustriert im Alltag.

Nach dem Beitrag von Frank Herrath schreibt eine der Aktivistinnen der Behindertenbewegung, Sigrid Arnade, zu den Zusammenhängen der Behindertenrechtskonvention und der sexuellen Selbstbestimmung. Sie gehört zu den unermüdlichen Kämpferinnen, die für die Umsetzung der Konvention werben, gegen alle Exekutiven in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihr Buchbeitrag ist ein Beispiel dafür.

Zu „Rechtsfragen der Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung“ schreibt die Professorin für Zivil- und Sozialrecht Julia Zinsmeister. Eine gründliche, durch zahlreiche Geschichten aus der Praxis belebte Übersicht. Besonders wichtig sind ihre Ausführungen zum Betreuungsrecht, das ganz besonders die gesetzlichen BetreuerInnen für Behinderte nicht zu kennen scheinen. Sie handeln in ihren Praxen wie die Vormünder früherer Rechtslagen weiter. In der aktuellen Behindertenarbeit scheint es nur wenige zu interessieren, dass das Gesetz Behinderte nicht mehr als Unmündige sehen will.

Im Folgenden kommen behinderte Menschen selber zu Wort: Dunja Fuhrmann, Stefan Göthling und Anita Kühnel per Interview und viele andere Behinderte durch Niederschriften

aus Filmen, die das „Medienprojekt Wuppertal“ in den Jahren 2008 und 2009 produziert hat. Der Leiter des Projekts, Andreas von Hören, berichtet dazu. Interessierten Konsumenten empfehle ich dringend, sich die Filme aus der Reihe „Behinderte Liebe“ vom Medienprojekt zu besorgen. Die Texte im Buch nehmen den Filmen die so wichtige Dimension der nonverbalen Aussagen.

Ilse Achilles, streitbare Mutter eines behinderten Sohnes, wird sehr oft zu Veranstaltungen eingeladen. Denn sie hat vor 20 Jahren das legendäre Büchlein „Was macht ihr Sohn denn da“ geschrieben, das sich rühmen darf, die Selbsthilfe Behinderter zum Thema motiviert zu haben. Noch immer ist ihr Schreibstil ein Leseschmaus. So nah, so authentisch, so mutig und empfehlenswert für alle Fachkräfte. Eltern sind Schicksal, aber gegen sie kann Pädagogik nicht arbeiten. Ilse Achilles macht Eltern verständlich und leichter in die Pädagogik integrierbar.

Swantje Köbsell ist auch ein Urgestein der deutschen Behindertenbewegung und international Vertreterin der Interessen behinderter Frauen. Sie lenkt den Blick auf die vielen Gründe für Behinderte, das Thema „Sexualität Behinderter“ selber zu tabuisieren. Behinderte haben keine Hoffnung, dass die öffentliche Diskussion ihnen etwas bringt, so wie einst der feministische Ansatz die Sexualität revolutionierte. Was Köbsell verschweigt ist die Hoffnungslosigkeit. Im modernen, ganz individuellen Kampf behinderter Menschen, so nichtbehindert wie möglich zu sein, ist ganz besonders Sexualität gnadenlos, weil sie keine Illusion zulässt, normal zu sein. Sexualassistenz ist Beweis für diese These.

Kein Buch zum Thema Sexualität Behinderter ohne Aussagen zur sexualisierten Gewalt und das zu Recht. Im hier rezensierten Buch übernahm das Martina Puschke. Sie ist Projektleiterin in der Politischen Interessenvertretung behinderter Frauen des „Weibernetzes e.V. Das „Weibernetzwerk“ ist eines der Überbleibsel der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Ihre Zusammenfassung des aktuellen Standes der Forderungen ist wichtig aber für Fachleute ohne Überraschungen.

Martin Rothaug ist psychologischer Psychotherapeut und arbeitet in der Spastikerhilfe Berlin eG. Das ist nicht irgendeine Großeinrichtung für Behinderte. Auch weil Martin Rothaug dort arbeitet, ist in der Einrichtung schon seit 15 Jahren an körpernahen erotischen Hilfen gearbeitet worden unter selbstbestimmter Mitgestaltung durch Behinderte. Vieles ist mutig ausprobiert worden und hat Erfolge gebracht. Rothaugs Beitrag berichtet davon.

Im Folgenden reiht sich das Kapitel der Wissenschaftler ein: Ralf Specht, Barbara Ortland, Beate Martin, Gudrun Jeschonnek und Rosemarie Czarski. Sie alle sindvoll des guten Willens der Sexualassistenz und der Sexualbegleitung gegenüber, obwohl sie die Praxis außerhalb der Einrichtungen dazu nicht kennen. Innerhalb der Einrichtungen bemerken sie aber das aktive Desinteresse des pädagogischen Personals, der Eltern, der Öffentlichkeit. Trotz aller Beteuerungen, als Pädagogik ganzheitlich zu arbeiten, werden sexuelle Angebote allenfalls in einem angstbesetzten Kontext vermittelt: Angst vor sexualisierter Gewalt, Angst vor Schwangerschaft. Sexualbegleitung als Prävention ist in den Einrichtungen bekannt, erscheint dem pädagogischen Personal aber persönlich zu bedrohlich. An den bestehenden Einstellungen könnte Wissenschaft und Lehre tatsächlich etwas ändern.

Die im Buch geforderte Sexualbegleitung im großen Stil wird sich in absehbarer Zeit nicht realisieren lassen, weil sich die aktiven SexualbegleiterInnen zu sehr gezwungen sehen, sich zu verkaufen, und die Kunden über kein Geld verfügen. Erst wenn die Wissenschaft emanzipatorisch akzeptable finanzielle Ressourcen eröffnen kann, wird sie Alltags-Lösungen beschreiben können, die über das sowieso schon praktizierte hinausgehen.

Zum Ende des Buches hin zeichnet es sich aus durch die Blickerweiterung auf behinderte Eltern und die besondere Situation psychisch behinderter Frauen. Ursula Pixa-Kettner und die selber behinderte Mutter Christine Rischer, beschreiben die Situation behinderter Eltern, insbesondere körperbehinderter Mütter. Silvia Krumm gibt einen Überblick über die Geschichte der Behandlung psychisch behinderter Frauen von den historischen Anfängen der Behandlung bis heute.

Fazit

Das „Lesebuch“ hat seinen stärksten Inhalt in den Berichten über konkrete Erfahrungen aus der Praxis. Die wissenschaftlichen Beiträge machen den Eindruck als würden sie die Praxisberichte des gemeinsamen Werkes nicht kennen. Warum wurden die Erfolge der Berliner Spastikerhilfe noch nicht wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit hin untersucht? Dabei kämen Ergebnisse heraus, die die progressiven Kräfte in der Pädagogik stärken würden. Von der Wissenschaft muss mittlerweile mehr Empirie gefordert werden, statt die Leserschaft mit so vielen ungeprüften, wenn auch warmherzigen Meinungen zu behelligen.

Da es aber so wenig Literatur zu den bestehenden Praxiserfahrungen gibt, empfehle ich das Buch dennoch. Wer liest schon ein wissenschaftliches Werk, aufgebläht auf 308 Seiten, vollständig?


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 29.04.2013 zu: Jens Clausen, Frank Herrath (Hrsg.): Sexualität leben ohne Behinderung. Das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021906-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13392.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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