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Heidrun Schulze, Ulrike Loch u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen

Cover Heidrun Schulze, Ulrike Loch, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen. Plädoyer für eine psychosoziale Traumatologie. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 216 Seiten. ISBN 978-3-8340-1019-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Grundlagen der sozialen Arbeit - Band 28.
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Thema

Zentrales Anliegen des Buches ist, den eigenständigen Beitrag der Sozialen Arbeit in der Arbeit mit traumatisierten Menschen sichtbar zu machen, und damit die Grundlage einer „psychosozialen Traumatheorie“ zu schaffen.

Herausgeberinnen und Autor

Heidrun Schulze ist Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden, u.a. mit den Schwerpunkten qualitative Forschung sowie Trauma und Kontext. Ulrike Loch hat eine Assistenzprofessur für Sozialpädagogik der Lebensalter an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt inne. Silke Birgitta Gahleitner ist Professorin für Klinische Psychologie und Klinische Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Neben den drei Herausgeberinnen tritt als Mitautor eines Beitrags Martin Kühn auf (Bereichsleiter im SOS-Kinderdorf Worpswede sowie Leiter des „traumapädagogischen instituts norddeutschland“).

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf über 50 qualitativen ExpertInneninterviews aus Deutschland und Österreich . Diese wurden von den Herausgeberinnen sowie von Studierenden mit Professionellen in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen geführt. Ebenso wurden Erkenntnisse aus anderen Forschungsprojekten der Herausgeberinnen hinzugezogen (vgl. Kap. 3).

Aufbau und Inhalt

Nach einem einführenden Kapitel erhält die Leserin im Kapitel 2 (von den drei Herausgeberinnen gemeinsam verfasst) einen theoretischen Überblick zum Thema Trauma. Hervorgehoben wird neben den psychologischen Aspekten die Bedeutung situativer und sozialer Bedingungen für die Entwicklung (oder auch das Ausbleiben) einer längerfristigen posttraumatischen Belastung. Durch fehlende gesellschaftliche Anerkennung und weitere Unrechtserfahrungen kann es zu einer kumulativen Traumatisierung kommen. Anhand einiger Beispiele sozialer Ungleichheit (z.B. Alter, Behinderung, Rassismus, Armut) werden diese Mechanismen verdeutlicht.

Die Autorinnen gehen auf unterschiedliche Gewaltformen ein, wobei sie ein Feld von psychischer über körperliche und sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung, (sexualisierte) Kriegsgewalt und Folter bis hin zu Flucht und Asyl aufspannen.

Ein Abschnitt zu physiologischen und psychischen Traumafolgen sowie Bewältigungsstrategien – aufgrund derer Betroffene zu Klientinnen der Sozialen Arbeit werden können - beschreibt u.a. aktuelle Ansätze der Traumaarbeit (z.B. salutogenetische Orientierung, Traumapädagogik).

Kapitel 3 (von Loch/Schulze) umfasst Angaben zum Forschungsdesign und zur Auswertungsmethode. Durch hermeneutische und fallvergleichende Rekonstruktionen sollten auch implizite Wissensbestände der befragten Professionellen zugänglich werden.

Im mit „Aufmerksamkeitslinien in der traumaintegrierenden Sozialen Arbeit“ überschriebenen Kapitel 4 nennt U. Loch als Ergebnis der Studie zunächst Voraussetzungen für Soziale Arbeit mit Menschen, die unter den Folgen von Traumatisierungen leiden. Diese beziehen sich auf die Ebene der Institution ebenso wie auf die Ebene der Kompetenzen und des Wissens einzelner Professioneller.

Die folgenden Unterkapitel beschäftigen sich anhand von Beispielen aus dem Interviewmaterial jeweils konkret mit einzelnen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit

  • Besonderheiten traumasensibler Arbeit im ambulanten Setting (Schulze),
  • Arbeit mit Bezugspersonen und den weiterhin bestehenden Bindungen als essentielle Unterstützung für traumatisierte Kinder bei Fremdunterbringung (Loch),
  • traumasensible Unterstützung von Flüchtlingskindern, die auch die aktuelle Situation als Teil des Traumaprozesses wahrnimmt (Schulze), als Beispiel einer kritischen Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Anforderungen von Recht und Pädagogik
  • unbeabsichtigte Re-Traumatisierung von KlientInnen in professionellen Beziehungen bzw. institutionellen Abläufen aufgrund fehlenden Wissens (Loch)

sowie der notwendigen Psychohygiene der Professionellen (Loch).

Die Kapitel 5-7 greifen jeweils eine der „Kerndimensionen“ Sozialer Arbeit auf, die aus den Interviews herausgearbeitet wurden und verknüpfen diese mit traumaspezifischem Wissen und sozialarbeitsrelevanten Theorien.

In Kapitel 5 (Schulze) wird wiederum anhand von Fallbeispielen dargestellt, wie Fachkräfte Sozialer Arbeit in stationären Settings Alltagssituationen traumabezogen gestalten und nutzen, ohne jedoch diese Kompetenz explizit zu benennen. Die Autorin arbeitet unter Bezugnahme auf sozialphänomenologische und alltagssoziologische Ansätze sowie auf das Konzept der Lebensweltorientierung von Thiersch die Chancen professionell mitgestalteter Alltagserfahrungen für die Traumabewältigung heraus. Ein Beispiel: routinehafte alltägliche Abläufe können dazu beitragen, Menschen mit traumatischen Erfahrungen ein Stück Sicherheit und verloren gegangenes Vertrauen in eigentlich Selbstverständliches wiedergewinnen zu lassen (S. 145).

Kapitel 6 (Loch) thematisiert die Bedeutung von professionellen Beziehungs- und Bindungsangeboten für Menschen, die unter den Folgen von Traumatisierungen leiden. Soziale Beziehungen können sich in Traumakontexten schützend auswirken. Zum anderen erhalten AdressatInnen durch die Erfahrung einer sicheren Bindung erst die Möglichkeit, ggf. konstruktive Veränderungen in Gang zu setzen. An dieser Stelle liegen auch die Grenzen Sozialer Arbeit, da dieser Veränderungsprozess letztendlich durch die Betroffenen getragen werden muss.

Im abschließenden 7. Kapitel schildern Schulze/Kühn die Notwendigkeit, traumasensible Soziale Arbeit als institutionelles Konzept zu verfolgen. Eine lebensweltliche Orientierung und Verständnis für das subjektive Alltagserleben sowie stabile Bindungsangebote werden aufgrund der traumatischen Vorerfahrungen von KlientInnen zugrunde gelegt. Im weiteren wird das von Kühn entwickelte Konzept der „Pädagogik des Sicheren Ortes“ vorgestellt, auf dessen Basis traumasensible Institutionen entwickelt werden können. Die Zusammenarbeit im Team sowie zwischen beteiligten Institutionen werden kurz angerissen.

Diskussion

Angesichts der bislang fehlenden theoretischen Bearbeitung des vielschichtigen Themas Trauma in Bezug auf die Soziale Arbeit kommt dem Buch grundlegende Bedeutung zu.

Theoretisches Wissen und Handlungswissen zu Traumatisierungen wird aus sozialarbeiterischer Sicht gebündelt und aufbereitet, arbeitsfeld-/praxisbezogen ebenso wie theoriebezogen. Die LeserInnen erhalten so einen professionsspezifischen, fundierten Überblick über die Thematik, was meines Wissens bisher einmalig ist. Die Bedeutung des sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes für den Umgang mit Traumatisierungen durch zwischenmenschliche Gewalt und Anforderungen an die sozialarbeiterische Praxis werden deutlich. Nachvollziehbar ist auch die Argumentation, dass Soziale Arbeit aufgrund ihrer Alltagsnähe und Lebensweltlichkeit sowie ihrer Person-Kontext-Perspektive auf eine eigenständige Kompetenz gerade in der Arbeit mit Menschen mit Traumaerfahrung zurückgreifen kann.

Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben und als Ganzes wie auch in Teilen gut zu lesen. Dazu tragen auch die zahlreichen Fallbeispiele aus den Interviews bei.

Es handelt sich dabei weder um eine klassisch aufgebaute wissenschaftliche Arbeit (wie es aufgrund der zugrunde liegenden empirischen Daten zu erwarten wäre), noch um einen typischen Herausgeberband.

Möglicherweise wurde diese Form der Veröffentlichung gewählt, um den bereits in der Einleitung von den Herausgeberinnen (die ja im wesentlichen auch die Autorinnen sind) problematisierten unterschiedlichen disziplinären Verortungen und Schwerpunktsetzungen Rechnung tragen zu können.

So unterscheiden sich die einzelnen Kapitel teils erheblich hinsichtlich ihrer Bezugnahme auf andere Teile des Buches, ihres theoretischen Abstraktionsniveaus und ihrer Nähe zum Interviewmaterial. Aussagekräftige Überleitungen und systematische Zusammenfassungen fehlen über weite Strecken, so dass sich ein roter Faden nicht sofort erschließt. Indem sie die Thematik jedoch mit jeweils eigenem Schwerpunkt bearbeiten, machen die Herausgeberinnen/AutorInnen die spezifischen Unterstützungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit für Menschen, die an den Folgen von Traumatisierungen leiden, in verschiedenen Facetten sichtbar.

Die drei vorgeschlagenen, sich gegenseitig durchdringenden Kerndimensionen der Alltagsorientierung, der professionellen Beziehungsgestaltung und der institutionellen Rahmung umreißen Grundzüge einer psychosozialen Traumatheorie und bieten Anknüpfungspunkte für eine weitere wissenschaftliche Bearbeitung.

Fazit

Aufgrund der spezifisch sozialarbeiterischen Sichtweise auf Traumatisierungen und den hilfreichen Umgang mit betroffenen Menschen in den verschiedensten Arbeitsfeldern empfiehlt sich das Buch für Studierende und PraktikerInnen gleichermaßen. Die Verknüpfung von Traumatheorien und Theorien der Sozialen Arbeit eröffnet zudem Perspektiven für Forschung und Lehre.


Rezensentin
Margit Baldauf
MSW
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Zitiervorschlag
Margit Baldauf. Rezension vom 17.07.2012 zu: Heidrun Schulze, Ulrike Loch, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen. Plädoyer für eine psychosoziale Traumatologie. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-1019-3. Reihe: Grundlagen der sozialen Arbeit - Band 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13399.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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