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Elisabeth Heite: Bürgerschaftliches Engagement älterer Menschen im Stadtteil

Cover Elisabeth Heite: Bürgerschaftliches Engagement älterer Menschen im Stadtteil. Gleiche Beteiligungschancen und Mitgestaltungsmöglichkeiten für alle? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 100 Seiten. ISBN 978-3-86226-127-7. 18,80 EUR.
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Thema

Das Alter ist bunt und vielfältig – diese Botschaft wird schon durch das ansprechend gestaltete Cover der vorliegenden Publikation deutlich. Der Inhalt zeigt, dass dies unter gewissen Umständen auch für bürgerschaftliches Engagement älterer Menschen gelten kann bzw. sollte. Mittels einer in Gelsenkirchen durchgeführten qualitiativen Studie macht die Autorin deutlich, dass ein Engagement Älterer in ihrem Stadtteil – entgegen manch anders lautendem Befund – nicht zwingend von Voraussetzungen wie einem hohen Bildungsabschluss, finanziellen Spielräumen und einer guten gesundheitlichen Verfassung abhängen muss, sofern die Rahmenbedingungen stimmen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin Elisabeth bzw. Lisa Heite hat ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Dortmund absolviert und nimmt seit 2011 den Masterstudiengang „Alternde Gesellschaften“ an der Technischen Universität Dortmund wahr. Neben ihrer Tätigkeit im Seniorennetz Gelsenkirchen ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund tätig. Dort begann im Jahr 2010 ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsvorhaben zur Lebensqualität Älterer im Wohnquartier (LiW) unter der Leitung von Prof. Dr. rer. pol. Harald Rüßler, Dipl.-Ökonom und Dipl.-Sozialgerontologe, der auch gemeinsam mit Prof. Dr. Luitgard Franke das Vorwort zur vorliegenden Publikation verfasst hat. Praxispartner des LiW-Projekts ist die Stadt Gelsenkirchen, die in diesem Zusammenhang an einer wissenschaftlichen Begleitung ihres derzeitigen seniorenpolitischen Reformprozesses interessiert ist. Nach Angaben der Autorin entstand die Idee zur vorliegenden Studie, die zugleich ihre Abschlussarbeit darstellt, im Kontext dieses Forschungsprojekts sowie im Rahmen eines Praxismoduls, das sie im Büro des Senioren- und Behindertenbeauftragten der Stadt Gelsenkirchen absolvierte.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung ist im Wesentlichen in zwei Teile gegliedert, einen ersten zu theoretischen Erörterungen und einen zweiten zur empirischen Untersuchung.

Im Teil I – Theoretische Überlegungen wird zunächst im ersten Kapitel geklärt, wer mit dem Begriff der „Älteren“ im Folgenden gemeint ist, der Strukturwandel des Alters skizziert und das Konzept der Lebenslagen eingeführt. Im zweiten Kapitel rückt der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements in den Mittelpunkt. Es werden Begrifflichkeiten geklärt, Trends umrissen und auch hier bereits ein Zusammenhang zu sozialer Ungleichheit hergestellt. Das Interesse der Autorin wird deutlich, zu untersuchen, wie gerade ein Engagement derer gefördert werden kann, die aufgrund von sozialen Benachteiligungen nicht dieselben Voraussetzungen wie andere mitbringen, sich zu engagieren. Vertieft wird dies in Kapitel drei, in dem die Faktoren für die Aufnahme bürgerschaftlichen Engagements Älterer dezidierter betrachtet werden. Hilfreich für den Leser erscheinen dabei kurze Zwischenfazits, in denen dargestellt wird, wie bürgerschaftliches Engagement gestaltet sein müsste, um sich dem (Nicht-)Vorhandensein der jeweiligen Ressource wie z.B. Zeit oder Bildung anzupassen. Es folgt ein viertes Kapitel, das forschungsleitende Thesen und Fragestellungen benennt. Die zentrale Annahme der Arbeit wird dabei folgendermaßen formuliert: „Um Engagement nicht nur privilegierter Gruppen Älterer zu fördern, bedarf es […] der Schaffung von Ermöglichungs- und Ermächtigungsstrukturen für sehr unterschiedliche Gruppen älterer Menschen“ (S. 77).

Im Teil II – Empirische Untersuchung werden diese theoretischen Vorüberlegungen exemplarisch am Projekt „Seniorenvertreterinnen bzw. Nachbarschaftsstifter“ in einem Gelsenkirchener Stadtteil untersucht und diskutiert. Im fünften Kapitel werden dazu zunächst das Projekt und seine Rahmenbedingungen vorgestellt sowie Methode und Design der empirischen Untersuchung beschrieben und Ergebnisse zusammengeführt. Eine weitere Unterteilung dieses Abschnitts wäre sicher möglich gewesen. Die Diskussion der Ergebnisse erfolgt im sechsten Kapitel. Ein kurzes Resümee schließt die Ausführungen ab.

Diskussion

Der inhaltliche Schwerpunkt der Untersuchung bewegt sich an einer spannenden Schnittstelle gleich drei aktueller Diskurse: Neben den Forschungslinien zum demographischen Wandel und dem bürgerschaftlichen Engagement gibt es zentrale Berührungspunkte zur sozialen Ungleichheitsforschung. Aus der Engagementforschung ist bekannt, dass bürgerschaftliches Engagement nicht voraussetzungslos ist. Die Beteiligungsquoten folgen oftmals Mustern sozialer Ungleichheit, so dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen in der Regel in diesem Zusammenhang deutlich unterrepräsentiert sind.

Umso interessanter erscheint es, dass in der vorliegenden Studie drei ältere Engagierte im Mittelpunkt stehen, die allesamt weder über einen hohen Bildungsabschluss noch ein hohes Einkommen verfügen und gesundheitlich deutlich beeinträchtigt sind. Dies zeigt sich z.B. darin, dass alle Befragten entweder aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig berentet wurden bzw. nicht mehr erwerbstätig sein könnten (S. 103). Heute sind sie als „Seniorenvertreterinnen/Nachbarschaftsstifter“ in Gelsenkirchen aktiv. In dieser Funktion sind sie Ansprechpartner für ältere Menschen in ihrem Stadtteil, denen sie Informationen weitergeben und Kontaktstellen bzw. weitere Hilfen vermitteln. Zugleich nehmen sie deren Interessen, Anregungen und Beschwerden auf und vertreten sie auf der gesamtstädtischen Ebene (vgl. S. 79f.). Alle drei haben dazu in Kooperation mit weiteren Partnern einen Büroraum in ihrem Stadtteil für regelmäßige Sprechzeiten sowie die nötige technische Ausstattung (Computer, Handy) zur Verfügung gestellt bekommen. Aus Sicht der Autorin ist es schlüssig, für ihre Untersuchung ein Projekt mit einem Quartiersbezug zu wählen, da die Bereitschaft zum Engagement gerade bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen vor allem im direkten sozialen Nahraum gegeben ist. Mit den drei Vertretern führte sie qualitative, leitfadengestützte Interviews durch, um deren Perspektive und subjektive Wahrnehmung zu erheben.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass es in dem Gelsenkirchener Projekt scheinbar gelungen ist, Engagement-Möglichkeiten zu schaffen, die es älteren Menschen erlauben, sich relativ unabhängig von ihrer finanziellen Situation, ihrer gesundheitlichen Lage und ihrem Bildungsstand in ihrem Stadtteil aktiv einzubringen (S. 117). Dabei erscheint insbesondere die Balance zwischen einem klar umrissenen Aufgabenprofil auf der einen Seite und der Freiheit in der spezifischen Rollenwahl auf der anderen Seite für die Befragten reizvoll zu sein und dazu zu führen, dass sich hier trotz der kleinen Fallzahl bereits drei durchaus verschiedene Engagementtypen für eine Beteiligung in diesem Projekt entschieden haben. Bei der Identifikation hilfreicher Faktoren, die auch für andere Kommunen interessant sein können, die Formen bürgerschaftlichen Engagements für ältere Freiwillige in unterschiedlichen, auch benachteiligten Lebenslagen öffnen möchten, kommt die Autorin zu dem Schluss: „Dass sich alle trotz ihrer eingeschränkten Spielräume dennoch engagieren, liegt zum einen an den günstigen Rahmenbedingungen, und/oder daran, dass sie persönlich einen Gewinn aus ihrem Engagement ziehen. Zudem ist der Ort des Engagements der Nahraum, der eigene Stadtteil, sodass selbst in ihrer Mobilitäteingeschränkte ältere Menschen tätig sein können. Diesem Umstand trägt ebenso das vom Umfang her und inhaltlich mitbestimmte Aufgabenspektrum Rechnung“ (S. 118).

Mit diesen Ergebnissen bietet die kleine Untersuchung vielfache Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsvorhaben, die beispielsweise die Zielgruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund, deren Lebenslage ebenfalls oftmals von einem niedrigeren sozioökonomischen Status geprägt ist, genauer in den Blick nehmen könnten. Aufgrund der relativ kleinen Fallzahl könnten zudem weitere vergleichende Studien interessant sein. Einen kleinen Wermutstropfen stellen bei der vorliegenden Publikation Satz und Lektorat dar, die teils etwas sorgfältiger hätten sein können.

Fazit

Die Studie löst mit ihren Ergebnissen den Anspruch (vgl. S. 38) ein, einer Stigmatisierung Älterer, insbesondere mit einem schwächeren sozioökonomischen Status, durch andere Engagementberichte und -zahlen entgegenzuwirken. Sie stellt vielfach bestehende Bilder älterer Engagierter und Nicht-Engagierter in Frage und ist damit eine gewinnbringende Ergänzung zur bestehenden Literatur in diesem Feld.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 07.01.2013 zu: Elisabeth Heite: Bürgerschaftliches Engagement älterer Menschen im Stadtteil. Gleiche Beteiligungschancen und Mitgestaltungsmöglichkeiten für alle? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-127-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13402.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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