socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?

Cover Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Gabriel Verlag (Stuttgart) 2011. 96 Seiten. ISBN 978-3-522-30267-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Philosophie regt nicht nur zum Denken an, sondern Philosophie erklärt in mancher Hinsicht unseren Stand in der Welt und das Dasein. Aber Philosophie thematisiert auch die Nicht-sichtbaren, nicht rational erfassbaren Dinge. Philosophie ist für manche Menschen eine lustvolle Herausforderung zum Denken, für andere ist das Wort an sich schon Abschreckung genug.

Dieses Buch will anregen: es will zum (Nach-) Denken anregen, will Philosophie so anschaulich machen, dass man/frau vielleicht auch Lust bekommt, sich weiter damit zu befassen. Das Buch will heranführen an die Komplexität der Philosophie ohne zu überfordern und einige wenige grundlegende Dinge erklären. Zu den wenigen Texten kommen erläuternde, illustrierende, darstellende Illustrationen hinzu, die dieses Buch ganz besonders machen

Aufbau und Inhalt

Anhand von antinomischen Begriffen werden Gegensätze dargestellt und diskutiert. Dabei wird jeder Begriff erst einmal für sich sehr kurz (thesenartig) dargestellt, dann wird eine Fragestellung aufgeworfen und dann werden in einem kurzen Text (DIN A 5 Seite) die Begrifflichkeiten in einer Art Diskussion erläutert, ohne dass es abschließende Bewertungen gibt, sondern damit zum eigenen Nachdenken aufgefordert wird. Die Begrifflichkeiten sind:

  • I. Eines – Vieles
  • II. Endlich – Unendlich
  • III. Sein – Schein
  • IV. Freiheit – Notwendigkeit
  • V. Vernunft – Leidenschaft
  • VI. Natur – Kultur
  • VII. Zeit – Ewigkeit
  • VIII. Das Ich – der Andere
  • IX. Körper – Geist
  • X. Aktiv – Passiv
  • XI. Objektiv – Subjektiv
  • XII. Ursache – Wirkung

Anhand von einfachen Beispielen aus dem Alltag wird erst der eine Begriff dargestellt und mit Illustration lebendig gemacht und verdeutlich, auf der nächsten Seite wird der zweite Begriff eingeführt, auf der dritten (Doppelseite) wird eine Frage „…oder…“ mit diesen beiden Begriffen aufgeworfen, bevor dann auf der nächsten Seite eine Erläuterung dazu erfolgt, die zum eigenen Nachdenken anregt. Daher wird jedem Begriffspaar 6 Seiten inklusive Illustrationen eingeräumt, was den Inhalt übersichtlich macht. Nach diesem Muster werden alle Begrifflichkeiten in dem Buch dargestellt. „Dieses Buch will uns mit seinen Texten und Bildern dazu anregen, über die Einheit des Seins nachzusinnen, die man durch all seine Gegensätze hindurch erahnen kann. Es weckt die Lust, an die Grenzen unseres Denkens zu gelangen – ganz unabhängig davon, wie alt wir sind“ (S. 7). Das Buch ist bereits mit dem LUCHS, dem Kinder- und Jugendbuchpreis von Radio Bremen und DIE ZEIT ausgezeichnet worden. Die Übersetzung aus dem Französischen hat Norbert Bolz (TU Berlin) vorgenommen, der dort Philosophie lehrt.

Um die Idee dieses Buch und dessen Inhalt entsprechend zu würdigen, wird dieses Buch doppelt rezensiert: einerseits aus der Sicht eines Nicht-Philosophen (der sich zwar früher im eigenem Studium mit Grundlagen der Philosophie befasst hat, aber die Philosophie insgesamt nicht weiter verfolgt hat) und aus Sicht eines Philosophen, der dieses Fach studiert und darin promoviert hat und es in der Lehre vertritt.

Diskussion ...

... aus nicht-philosophischer Sicht:

Das Buch ist toll gemacht, verführt zum Blättern, lesen, wieder zurückblättern etc. Die Sprache ist gut verständlich, knapp und auf den Punkt gebracht und die Erläuterungen sind ziemlich komplex, aber durch die Kürze kann man diese gerne zweimal oder auch mehrfach lesen. Die Illustrationen in Kombination mit dem Text sind herausragend, wirken erst einmal schlicht und lassen dann noch so manches Detail entdecken. Es ist deutlich zu merken, dass der Illustrator, dessen erste Bucharbeit hier vorliegt, die Texte intensiv durchdacht und danach seine Illustrationen gestaltet hat. Sie immer wieder anzusehen und neue Details zu den Texten zu entdecken macht uneingeschränkt Freude. Es mag für manche Menschen auch wohltuend sein, dass auf keine philosophischen Lehren verwiesen wird oder auf große Vertreter der Disziplin hingewiesen wird. Wer mit philosophischen Aspekten etwas vertraut ist, wird sicher die eine oder andere „Schule“ erkennen können, aber das ist nicht wesentlich und auch nicht beabsichtigt. Das Buch moralisiert nicht, aber fordert implizit auf, die eigene Moral zu prüfen wie auch viele andere Standpunkte zu sich selber und zu der Welt.

... aus philosophischer Sicht:

Wie soll man jemanden in die Philosophie einführen, der nicht schon eingeführt ist? Die allermeisten philosophischen Bücher schaffen es nicht diesen Zirkel, das jedes Verstehen schon ein Verstanden haben voraussetzt, zu durchbrechen.

Das Buch von Brenifer, Desparés und Bolz hat gute Voraussetzungen elementar zu sein. Der Grundgedanke, dass Gegensätze eine Voraussetzung sind, um überhaupt denken und sprechen zu können, erscheint evident. Niemand wäre schlank, gäbe es keine Dicken und nie würden wir sagen können, dass es dunkel ist, wenn es nicht auch hell wäre. Das Eine, das das Andere ausschließt, wäre wie die Nacht in der alle Kühe schwarz sind (um eine bekannte Replik Hegels auf die Philosophie des frühen Schellings zu bemühen).

Aber welche Gegensätze sind eigentlich grundlegend? Für Philosophen erschließt sich per se, dass die im Buch genannten Gegensätze elementar sind. Sie sind es, weil wir mittels ihrer die grundlegenden Unterscheidungen tätigen, die uns den Zugang zur Welt eröffnen. So bestimmen wir etwas als Einheit und grenzen es ab von andrem. Dies ist eine Grundform des Denkens, ohne deren Benutzung wir gar nicht denken könnten. Ähnlich grundlegend sind andere Gegensatzpaare wie insbesondere Sein und Schein, Freiheit und Notwendigkeit, Natur und Kultur, das Ich und der Andere, Körper und Geist sowie Ursache und Wirkung.

Der Stab im Wasserglas, der gebogen erscheint, ist Schein. Erst das Denken eröffnet: Der Stab ist gerade, seine Biegung nur eine Illusion, die durch den Wechsel der Medien (Wasser/Luft) erzeugt wird. Sehr schön stellen dies die Autoren durch den Fisch dar, der in der Form des Fischstäbchens nicht als Fisch erscheint, aber doch ein Fisch ist. Der Plastikfisch dagegen, erscheint als Fisch, ist aber kein Fisch. Um leben und überleben zu können, müssen wir scheiden, zwischen Sein und Schein. Wir leben wie in allen anderen Gegensätzen, die das Buch behandelt, auch in diesem Gegensatz. Nicht immer sind wir uns dessen bewusst. Meist sogar nicht! Sonst bräuchten wir gar keine Philosophen, die uns auf das Selbstverständliche, auf das immer Mitgedachte hinweisen.

Alles ist verknüpft durch Ursache und Wirkung. Diese Grundform des Denkens wenden wir immer an. Sie ist uns eingeschrieben als Folie, die Wahrnehmung und Denken ermöglicht. Erst der Philosoph stellt dieses Grundmuster des Denkens heraus und thematisiert es eigens. Im Buch von Brenifer, Desparés und Bolz sind wir einmal als verursacht dargestellt, aber dann auch als Wesen die wirken und damit auch auf sich zurückwirken. Wir selbst -nicht verursacht durch die Dinge der Vergangenheit, sondern durch etwas, das wir selbst erwirkt haben und das uns nun antreibt (z.B. ein Projekt bezogen auf unsere Zukunft).

Man sieht, die Begriffspaare, die die Autoren kontrastieren, sind zentral für unser Leben und sie sprechen elementare Fragen an, die jeden Denkenden umtreiben. Der Fisch, der fliegt, ist er ein Paradigma für Freiheit? Das wunderschöne Bild des fliegenden Fisches macht klar, dass hier etwas falsch verstanden wird. Man denkt unweigerlich, dass Freiheit hier nicht bekömmlich ist und für Fische, wie wir sie kennen, tödlich endet (ohne Wasser!). Freiheit also etwas, was den Raum des möglichen Existierens erweitert, ihn aber nicht überspringen kann. Das Bild vom fliegenden Fisch macht diesen Sachverhalt schlagartig evident und kann damit entsprechenden abstrakten Analysen visuelles Fleisch beisteuern – ganz dem Aspekt folgend, dass wir nicht nur Vernunft sind, sondern auch Leidenschaft, die durch Bilder ihre Klarheit und Gewissheit findet.

Die Gegensätze, die das Buch aufmacht bleiben am Ende nicht stehen. Nachdem sie jeweils zwei Doppelseiten lang expliziert wurden (durch kurze Texte und prägnante Bilder) erfahren sie auf der dritten Doppelseite jeweils eine Synthese. Ohne Leidenschaft wäre z.B. die Vernunft kraftlos, knöchern und trocken. Gerade große Philosophen haben dies immer wieder bewiesen – nichts war ihnen fremder als der emotionslose Stubengelehrte. Die Philosophie war ihre Leidenschaft bei der kein Glied nicht trunken ist (so Hegel angesichts der Wahrheit).

Und wie sieht es in diesem Buch mit den Lösungen aus? Nirgendwo wird apodiktisch argumentiert. Fragen werden aufgeworfen, Gegensätze werden deutlich gemacht. Die Synthesen sind Angebote das Paradoxe zusammenzudenken, ohne das die Einheit dogmatisch verordnet wäre. Freiheit und Notwendigkeit gehen nicht immer zusammen, genauso wenig wie das Eine und das Viele (dies gilt auch für die anderen Gegensätze). Die Autoren machen vorsichtige Angebote, zeigen Denkmöglichkeiten an, die zum Weiterdenken anstacheln. Sie legen keine Lösungen vor z.B. im Sinne von Hegelschen Synthesen. Sie negieren aber auch nicht das Paradoxe indem sie z.B. wie viele materialistische Monisten den Geist wegdiskutieren und als Epiphänomen diskreditieren. Der Geist bleibt bestehen! Wir sind uns dual (Körper und Geist) selbst gegeben und jede ehrliche Betrachtung muss zugeben, dass unsere Geistigkeit sich nur bei sehr einseitiger Betrachtung ausblenden lässt.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch – für Philosophen und Nicht-Philosophen, für kleine und große neugierige Menschen, die Lust auf (Nach-) Denken haben, gerne auch mal wieder Nachblättern, erneut herausholen, wieder weglegen und dadurch Anregungen bekommen. Es ist sehr gut lesbar, sehr liebevoll gemacht, mit tollen erklärenden und verdeutlichenden Illustrationen, ohne die das Buch nicht halb so viel Spaß machen würde. Kinder müssen schon eine große Portion Abstraktionsvermögen haben, damit sie diesem Buch folgen können und es bedarf sicher auch an der einen oder anderen Stelle noch der Erläuterung durch Erwachsene, aber auch dazu lädt das Buch ein: zum miteinander reden, diskutieren, erörtern, Fragen aufwerfen… Es ist für Studierende aller Studienrichtungen, die sich mit philosophischen Themen/ Aspekten beschäftigen (müssen), eine hervorragende Einführung in philosophisches Denken. Es ist kein Lehrbuch, sondern es fordert auf. Wer sich aber so auffordern lässt, der hat mit diesem Buch einen großen Gewinn erzielt.


Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
E-Mail Mailformular
und
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
E-Mail Mailformular


Alle 27 Rezensionen von Anton Schlittmaier anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier/Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 21.06.2012 zu: Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Gabriel Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-522-30267-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13406.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung