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Karl-Ludwig Kunz: Kriminologie. Eine Grundlegung

Cover Karl-Ludwig Kunz: Kriminologie. Eine Grundlegung. UTB (Stuttgart) 2003. Nachdruck der 3., vollständig überarbeiteten Auflage. 460 Seiten. ISBN 978-3-8252-1758-7. 21,90 EUR.

ISBN 3-258-06361-3 (Haupt).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-4683-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Einführung

Der umfassende und zugleich kompakte Band "Kriminologie" von Kunz hat im Jahr 2001 seine 3. Auflage erfahren und wird daher nicht das erste Mal besprochen. Die bisher vorliegenden Rezensionen kommen - mit Ausnahme einiger Detailkritik - zu einem insgesamt sehr positiven Urteil über den Band. Dies ändert sich auch mit der Besprechung der nunmehr vorliegenden Neuausgabe nicht. Bei der vorliegenden Schrift handelt es sich um eine reflektierte und kenntnisreich geschriebene Einführung in die Kriminologie, die sich allem Anschein nach vornehmlich an Studierende der Rechtswissenschaften richtet, die aber auch von Lesern aus anderen sozialwissenschaftlichen Fächern mit einigem Ertrag gelesen werden kann.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Bandes folgt einer in den Rechtswissenschaften üblichen Gliederung in Kapitel, Paragraphen und Randnummern und bedient sich dabei einer nicht so stark hierarchischen, sondern vor allem sequenziell angeordneten Gliederung.

  • Die Kapitel 1 bis 3 spannen im wesentlichen den Rahmen der Kriminologie als Teildisziplin der rechtswissenschaftlichen wie der sozialwissenschaftlichen Forschung zum abweichenden Verhalten auf. Hier wird eine kurze Geschichte der Kriminologie ebenso geboten wie eine kritische Reflexion verschiedener vorhandener Grundpositionen, ohne diese jedoch bereits theoretisch zu fundieren.
  • Dies geschieht erst im nachfolgenden Hauptkapitel 4 des Bandes. Hier werden alle gängigen Kriminalitäts- und Kriminalisierungstheorien dargestellt und diskutiert, reichend von biosozialen Theorien über Persönlichkeitstheorien und Sozialisationstheorien bis hin zu Anomie- und Kontrolltheorien sowie dem labeling approach. Auch die Ansätze von Gottfredson und Hirschi sowie die Theorie der rationalen Wahl werden im Blick auf die Kriminologie ausgewertet.
  • Ebenfalls relativ ausführlich werden im Kapitel 5 ausgewählte Ergebnisse zur Verbreitung von Kriminalität vorzugsweise im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich und der Schweiz) referiert. Dabei werden dem Leser Ergebnisse der amtlichen Statistiken und zum Hellfeld ebenso mitgeteilt wie zum Dunkelfeld.
  • In einem weiteren Kapitel des Hauptteils (Kapitel 6) beschäftigt sich der Autor dann mit den spezial- und generalpräventiven Funktionen und Wirkungen des Strafrechtes, soweit das in westlichen Demokratien implementiert ist, unter besonderer Berücksichtigung empirischer Untersuchungen zu ihrer spezial- und generalpräventiven Wirkung. Diese Bewertung der Konsequenzen und Auswirkungen des Strafrechtes erfolgt von einer klaren Werteposition, die jedoch nicht einfach implizit im Text unterlegt, sondern die explizit dem Leser mitgeteilt wird. Dieser konsequenten Aufrechterhaltung des Wertfreiheitspostulates aus einer reflektierten Perspektive kommt besondere Bedeutung für den vorliegenden Band zu.
  • Im abschließenden 7. Kapitel wird aus der Kritik aus der bisherigen Wirksamkeit des Strafrechtes in spezial- und generalpräventiver Hinsicht ein Vorschlag zur Reform der Kriminalpolitik und des Strafrechtes entwickelt. Dabei geht es weniger um einen grundsätzlichen Umbau der Kriminalpolitik, wie sie etwa von der kritischen Kriminologie gefordert wird, sondern vielmehr um eine behutsame Umgestaltung in Anerkennung der grundsätzlichen Wichtigkeit und Richtigkeit der derzeitigen Kriminalpolitik.

Diskussion

Die Leser erhalten mit dem vorliegenden Band einen umfassenden Einblick in die wissenschaftstheoretische und wissenschaftsgeschichtliche Position der Kriminologie, in die hauptsächlichen theoretischen Ansätze und in die Erträge der kriminologischen empirischen Forschung. Damit kommt der Band seinem Anspruch, eine Grundlegung der Kriminologie zu leisten, im wesentlichen nach. Der schöne sprachliche Stil und der übersichtliche Aufbau des Bandes tragen wesentlich zu seiner Lesbarkeit bei.

Wollte man kritische Anmerkungen und Vorschläge zur Überarbeitung einer zukünftigen Ausgabe machen, so wird man im wesentlichen auf die ungleiche und zum Teil mangelnde Aktualität der statistischen Angaben im Kapitel 5 verweisen müssen, wo eine Vielzahl von Zahlenangaben zum Zeitpunkt des Erscheinens der 3. Auflage bereits mehr als fünf Jahre alt sind. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive würde man sich weiter eine stärkere Berücksichtigung der soziologischen und psychologischen Literatur zum abweichenden Verhalten wünschen. Dies könnte u. U. zu einer Befruchtung und Weiterentwicklung kriminologischer Theorieansätze durchaus beitragen, aber auf jeden Fall den Kenntnisstand der hauptsächlichen Konsumenten dieses Bandes - nämlich der Studierenden der Rechtswissenschaften - erheblich erweitern. Schließlich bietet es sich an, für zukünftige Auflagen verstärkt auf die europäische Perspektive einzugehen, insbesondere im Kapitel über die Verbreitung von Kriminalität. Aber auch im kriminalpolitischen Teil wäre eine Ausweitung auf kriminalpolitische Diskurse außerhalb des deutschsprachigen Raumes durchaus hilfreich.

Fazit

Insgesamt aber handelt es sich um eine der lesenswertesten Einführungen in die Kriminologie, die nicht nur für Juristen, sondern für Sozialwissenschaftler allgemein von großem Nutzen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Marek Fuchs
Universität Kassel, FB Gesellschaftswissenschaften
Professur für empirische Sozialforschung


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Zitiervorschlag
Marek Fuchs. Rezension vom 18.05.2004 zu: Karl-Ludwig Kunz: Kriminologie. Eine Grundlegung. UTB (Stuttgart) 2003. Nachdruck der 3., vollständig überarbeiteten Auflage. ISBN 978-3-8252-1758-7. ISBN 3-258-06361-3 (Haupt).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-4683-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1341.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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