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Christian Tapp, Roland Reinehr (Hrsg.): Ewige Jugend?

Rezensiert von Prof. Kurt Witterstätter, 06.07.2012

Cover Christian Tapp, Roland Reinehr (Hrsg.): Ewige Jugend? ISBN 978-3-402-12920-3

Christian Tapp, Roland Reinehr (Hrsg.): Ewige Jugend? Aspekte eines alten Menschheitstraums. Aschendorff Verlag (Münster) 2012. 97 Seiten. ISBN 978-3-402-12920-3. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.

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Thema

Es hat sich herum gesprochen, dass gerontologische Probleme Querschnittsaufgaben sind, an denen viele Wissensgebiete zu beteiligen sind. So hat auch die Nordrhein-westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste in ihrem Jungen Kolleg sechs Wissenschaftler der Frage nach den Implikationen der zunehmenden Langlebigkeit nachgehen lassen. In diesem Sinn haben der Theologe Christian Tapp und der Molekularbiologe Roland Reinehr bei Aschendorff in Münster den 98seitigen, lesenswerten Sammelband „Ewige Jugend?“ über Grenzfragen in einem tendenziell immer längeren Leben heraus gegeben.

Herausgeber

Molekularbiologe und Internist PD Dr. med. Roland Reinehr lehrt an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Prof. Dr. phil. et Dr. rer. nat. Christian Tapp ist katholischer Theologe (mit Lizentiat), Naturwissenschaftler und Philosoph und lehrt als Juniorprofessor auf dem Gebiet der philosophisch-theologischen Grenzfragen an der Ruhr-Universität Bochum.

Aufbau und Inhalte

Die zunehmende Langlebigkeit wird kulturhistorisch, biotechnisch, rechtsgeschäftlich, kognitiv, zellbiologisch und theologisch eingeordnet und problematisiert. Dabei stoßen die sechs Autoren des Bandes „Ewige Jugend?“ immer wieder zu Grenzfragen menschlicher Existenz vor. Darauf bereitet Altphilologin Anja Bettenworth die Leserschaft nach einer Rekapitulation mythischer Bilder von ewiger Jugend (Thitonos, Sibylle) einführend vor.

Historisch schildert Cornel Zwierlein den Übergang von der vorherigen Gerontokratie in der Neuzeit zur Jugendsympathie (mit Sturm und Drang und Avantgarde), erwähnt aber auch den Vertrauensvorschuss prominenter Alter (wie Helmut Schmidt, Martin Walser, Ursula Lehr).

In der Wellness-Welle für Ältere sieht Anke Schmeink einen starken Wachstumsmarkt. Zunehmend könnten alte Patienten ihre Risikowerte zuhause selbst bestimmen. Die Autorin warnt aber davor, dass mehr Daten auch mehr Kranke produzieren können.

Bei der Problematik der Patientenverfügungen arbeitet Sebastian Lohsse das Spannungsfeld zwischen Wille und Wohl Sterbender heraus. Das wie auch immer ausgeübte Selbstbestimmungsrecht sterbender Patienten darf auch von ihren handelnden Vertretern nicht nachträglich normativ umgedeutet werden.

Auch bei nachhaltiger Demenz sieht Gottfried Vosgerau das Selbst der Persönlichkeit aufgrund ihrer noch vorhandenen sozialen Positionierung und ihrer früheren Verdienste nicht untergehen.

Zellstrukturell ist das Absterben von Lebewesen für Roland Reinehr zugleich ein Weg zur Entstehung von für den Überlebenskampf geeigneteren Gattungs-Exemplaren. In das Zell-Absterben in der Seneszenz kann man theoretisch und praktisch eingreifen. Das darf aber nicht unkritisch geschehen.

Für Menschen mit Jenseits-Hoffnung bleibt Gott Christian Tapp zufolge auch in ihrem und nach ihrem Tod Hoffens-Garant. Fragmentarisches im diesseitigen Leben kann sich vollenden. Ängste reduzieren sich.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge des Sammelbandes „Ewige Jugend?“ eröffnen, so isoliert sie auch ihrer jeweiligen Herkunfts-Wissenschaft gemäß angelegt sein mögen, hoffnungsvolle Perspektiven. Die endliche, individuelle Existenz scheint eingebettet und aufgehoben in historische, individuelle, normative und transzendentale Dimensionen. Das ist tröstlich. Denn auch die Autoren dieses Grenzfragen menschlicher Existenz ausleuchtenden Bandes sind sich der Endlichkeit individuellen menschlichen Lebens bewusst. Einem Kulturpessimismus reden sie aber genauso wenig das Wort wie euphorischer Fortschrittsgläubigkeit. Vielmehr verbleiben die Beiträge auch unter Würdigung neuer neurophysiologischer und molekularbiologischer Erkenntnisse in einem gesunden Realismus.

Die Beiträge lesen sich trotz ihrer Kürze von durchschnittlich 15 Seiten nicht immer leicht. Einige naturwissenschaftliche Gedankenexperimente erscheinen in ihrer Dinglichkeit nicht hilfreich. Eine interdisziplinäre Verklammerung der Beiträge findet nicht statt. Der Band ist weniger für Endverbraucher gedacht, die Tipps für die Lebensendzeit erwarten. Eher wendet er sich an ein gerontologisches Fachpublikum mit Interesse an geriatrisch-philosophischen Grenzfragen.

Rezension von
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Es gibt 98 Rezensionen von Kurt Witterstätter.

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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 06.07.2012 zu: Christian Tapp, Roland Reinehr (Hrsg.): Ewige Jugend? Aspekte eines alten Menschheitstraums. Aschendorff Verlag (Münster) 2012. ISBN 978-3-402-12920-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13415.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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