socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ursula Enders (Hrsg.): Grenzen achten (Sexueller Missbrauch)

Cover Ursula Enders (Hrsg.): Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen ; ein Handbuch für die Praxis. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2012. 408 Seiten. ISBN 978-3-462-04362-4. 14,99 EUR.

Reihe: KiWi - 1230. KiWi-Paperback.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch informiert über Möglichkeiten, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Institutionen (Schulen, Heimen, Sportvereinen, Kindertagesstätten, Freizeiten,…) vor sexuellem Missbrauch zu schützen.

Herausgeberin

Die Herausgeberin ist seit vielen Jahren als ausgewiesene Expertin für das Thema sexueller Missbrauch bekannt. Als Leiterin von Zartbitter in Köln spezialisierte sie sich auf die Beratung und Therapie von Opfern sexuellen Missbrauchs. Die weiteren AutorInnen arbeiten ebenfalls bei Zartbitter bzw. sind/ waren damit fachlich verbunden.

Aufbau

Das Buch ist in mehrere, große Abschnitte gegliedert.

  • Im ersten Kapitel („Wissen ist Macht“) werden zunächst Fakten zur Thematik und Beispiele für das Verständnis vorgestellt.
  • Der nächste Abschnitt („Das geplante Verbrechen“) beschäftigt sich mit möglichen Strategien von Tätern und Täterinnen und wird durch die spezifischen Umstände („Ein Täter kommt niemals allein!“) in Institutionen vertieft.
  • Ausführungen zur Unterstützungsmöglichkeiten von Mädchen, Jungen, Müttern und Vätern und Aspekte zum Aspekt „Wenn die eigene Einrichtung zum Tatort wurde“ sind in den Abschnitten vier und fünf enthalten.
  • Sexuelle Übergriffe unter Kindern, Fallbeispiele, sichere Orte für Mädchen und Jungen und Schutz vor sexualisierter Gewalt in den Medien runden das Buch ab.
  • Ein Anhang mit ausgewählten Hinweisen ergänzt den Inhalt des Buches.

Verständliche Zusammenfassungen und Handlungsanweisungen für die Praxis sind in alle Abschnitte eingestreut.

Inhalt

Unter der Überschrift „Wissen ist Macht“ werden einleitend – immer angereichert durch unterschiedliche Fallbeispiele – Risikofaktoren von Mädchen und Jungen und das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Institutionen (in Deutschland) dargestellt und die aktuellen Diskussionen aus den letzten Jahren mit einbezogen. Jeweils kurz werden sexuelle Übergriffe unter Kindern im Vor- und Grundschulalter, jugendliche Täter, Frauen als Täterinnen und die Anzahl der Opfer pro Täter thematisiert. Am Ende dieses Abschnittes wird auf die mangelhafte, statistische Erfassung von sexueller Ausbeutung in Institutionen in Deutschland verwiesen.

Grenzverletzung, sexueller Übergriff oder sexueller Missbrauch als zentrale Grundfragen gerade für die praktische Arbeit werden im zweiten Kapitel diskutiert. Über Definitionen hinaus wird hier der Blick auf spezifische Aspekte gerichtet: Grenzverletzung als Folge fachlicher Defizite, grenzverletzende Zärtlichkeiten, verletzende Spitznamen, grenzverletzende Kleidung, das Recht auf Intimsphäre und das Recht am eigenen Bild, grenzverletzende Gespräche und Konzeptionen. Sexuelle Übergriffe in seinen verschiedenen Formen und sexueller Missbrauch werden anschließend prägnant dargestellt. Eine übersichtliche Zusammenstellung zur Frage psychischer und körperlicher Gewalt schließt das Kapitel ab. In allen Kapiteln finden sich eingestreut Verweise auf weiterführende Quellen oder konkrete Beispiele. Im anschließenden Abschnitt „Selbst ernannte ‚Kinderfreunde‘“ wird kurz die Selbstdarstellung von pädosexuellen Tätern angesprochen.

Der zweite, größere Abschnitt beleuchtet die verschiedenen Strategien der Täter und Täterinnen insbesondere unter dem Blickwinkel von Institutionen. Unter Bezug auf das Modell von Finkelhor werden Fragen, die Opfer, Eltern, Kolleginnen betreffen können, durch Beispiele konkretisiert und praktische Hinweise ergänzt. Die bisher kaum thematisierte sexuelle Gewalt während einer Ausbildung, „wenn die Kollegin missbraucht“ und die wichtige Frage der Anzeigepflicht und des Opferschutzes werden hier aufgegriffen. Der nächste Abschnitt wendet sich institutionellen Strukturen (Leitungsstrukturen, geschlossene und offene Systeme) und konzeptionellen Mängeln u.a. (berufliche und private Kontakte, Rollenbilder, Beschwerdemanagement) zu, die Missbrauch begünstigen können. Weiterführend vertieft wird die Thematik mit einem Abschnitt zu fachlichen Mängeln, die den Schutz vor sexuellen Übergriffen und Missbrauch vernachlässigen. Dabei stehen die verschiedenen Strukturen von Institutionen im Blick. Gewaltrituale in Jugend- und Sportverbänden werden ausführlich als weiteres Beispiel für Grenzüberschreitungen angesprochen. Im vierten Abschnitt werden konkrete Reaktions- und Hilfsmöglichkeiten für betroffene Mädchen, Jungen, Mütter und Väter dargestellt und im fünften Abschnitt werden Fragen des Umgangs von Einrichtungen aufgegriffen, wenn Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen sexuell übergriffig werden. Hier werden alle potentiellen Betroffenengruppen, deren Reaktionen und der Umgang damit sowie sinnvolle Unterstützungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen institutionellen Ebenen konkret angesprochen. Sexuelle Übergriffe unter Kindern und die notwendigen, fachlichen Reaktionen (besonders in Institutionen) werden dargestellt. Die letzten Abschnitte des Buches widmen sich spezifischen Aspekten von präventivem Handeln: wie können Institutionen Kinder und Jugendliche schützen, grenzachtender Umgang im Schulalltag, die Verwendung von Kinderbüchern, das Thema Cyber-Mobbing, Präventionstheater.

Im Anhang wird kritisch auf eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen eingegangen und auf ausgewählte, hilfreiche Adressen zur Thematik verwiesen.

Diskussion

Das Buch bündelt die Diskussionen der letzten Jahre über den sexuellen Missbrauch in Einrichtungen und bei Trägern der Kinder- und Jugendarbeit als ein Handbuch für die Praxis. Dabei überzeugt das Buch aus verschiedenen Gründen. Für Fachkräfte, die sich bisher wenig mit der Thematik auseinandergesetzt haben, bietet es einen anschaulichen und konkreten Ratgeber für das Alltagshandeln. Aber auch für erfahrene Fachkräfte gibt dieses Buch die Gelegenheit, bestehende Strukturen und eingeschliffene Verhaltensweisen kritisch zu reflektieren und neu zu bewerten. Besonders beindruckend ist der fundierte Praxisbezug und dass die verschiedenen AutorInnen, die Grundthematik – Grenzverletzungen – auch auf bisher kaum thematisierte Handlungsfelder der Sozialarbeit (Stichworte. Jugend und Sport, Gesundheitswesen, Schule etc.) als Fragestellung durchgängig anwenden. Nach meiner Einschätzung ist es daher weit mehr als ein Handbuch für die Praxis, da es auch für Ausbildung und Forschung eine neue Blickrichtung anbietet, die eine fachliche Weiterentwicklung – die in Deutschland dringend nötig wäre – im Bereich Kinderschutz gewährleisten könnte.

Fazit

Das Buch sollte in jeder Einrichtung und bei jedem Träger der Kinder- und Jugendhilfe als Handbuch vorhanden sein. Auch in den Bereichen Sport, Schule, Gesundheitswesen und ehrenamtlichen Handlungsfeldern sollte es als Standardwerk Verwendung finden. Es bietet klare, verständliche und sachlich fundierte Hinweise und Richtlinien für präventives Handeln und für klare Strukturen von Institutionen zum Thema sexueller Missbrauch und Grenzüberschreitungen. Für die Arbeit mit den unterschiedlichen Betroffenengruppen enthält es wertvolle Handlungsanweisungen und Reaktionsmöglichkeiten, so dass auch erfahrene Fachkräfte dieses Buch mit Gewinn lesen werden.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Ulrich Paetzold anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 17.09.2012 zu: Ursula Enders (Hrsg.): Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen ; ein Handbuch für die Praxis. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2012. ISBN 978-3-462-04362-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13433.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung