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Sabrina Kulin (Hrsg.): Soziale Netzwerkanalyse

Cover Sabrina Kulin (Hrsg.): Soziale Netzwerkanalyse. Theorie, Methoden, Praxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2012. 300 Seiten. ISBN 978-3-8309-2672-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Netzwerke im Bildungsbereich - Band 5.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Band ist in einem konkreten lokalen Kontext entstanden: im Jahre 2009 wurde in einer Kooperation der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung und der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg das Hamburger Zentrum zur Unterstützung der wissenschaftlichen Begleitung und Erforschung schulischer Entwicklungsprozesse etabliert, dessen Aufgabe es ist, als Serviceeinrichtung einerseits das Erkenntnisinteresse und die Forschungsfragen der Schuladministration zur Schulentwicklung zu formulieren und auf der anderen Seite die Forscherinnen und Forscher der Universität bei der Beantragung und Durchführung entsprechender Forschungsprojekte zu unterstützen. Die Beiträge des vorliegenden Bandes beziehen sich auf diesen Kontext und sind im Rahmen einer im Jahre 2011 gemeinsam durchgeführten Tagung „Soziale Netzwerkanalyse und ihr Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Forschung“ entstanden. Die Aktivitäten des Zentrums und die vorliegende Veröffentlichung sollen dazu beitragen, die Akteure in Forschung und Bildungsadministration in ihrer Kooperation und Vernetzung zu unterstützen und insbesondere der Fragestellung nachgehen, „…wie solche Netzwerke im Bildungssystem identifiziert, beschrieben und ggf. auch weiterentwickelt werden können.“(10)

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neben Einleitung und Zusammenfassung in vier Abschnitte gegliedert:

  • Einführung in die Netzwerkforschung (2 Beiträge)
  • Bildungsnetzwerke in Hamburg (2 Beiträge)
  • Methoden der Netzwerkforschung (3 Beiträge)
  • Netzwerkanalysen in der Forschung (9 Beiträge).

Im Abschnitt „Einführung in die Netzwerkforschung“ beabsichtigt Holger von der Lippe mit seinem Beitrag „Zur Fundierung der psychologischen Netzwerkforschung“ die spezifische Sichtweise der Psychologie auf das Konstrukt „soziale Netzwerke“ nachvollziehbar zu machen. (19) Er skizziert, „dass und aus welchen guten Gründen heraus die akademische Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie mit einiger Berechtigung als skeptische Disziplinen bezeichnet werden können, wenn es um die Etablierung eines fortgeschrittenen und echten Netzwerkansatzes in ihren theoretischen wie methodischen Kanon geht“ (25). Dieser Skepsis versucht er mit der Darstellung von Beispielen für eine erfolgreiche Implementierung „netzwerkartiger“ Ansätze entgegen zu treten und arbeitet deren innovatives Potenzial für die Disziplin heraus. Werbend tritt er dafür ein, Netzwerkkonzepte künftig stärker in der Pädagogischen Psychologie zu berücksichtigen und verspricht sich davon für beide Seiten hilfreiche Synergieeffekte.

Im zweiten Beitrag dieses Abschnittes verortet Nicoline Scheidegger den Netzwerkbegriff zwischen einem normativ-qualitativen Verständnis als Instrument der institutionellen Steuerung einerseits und einem deskriptiv-analytischen Verständnis zur Beschreibung und Analyse sozialer Beziehungen. „Gemeinsam ist den beiden Netzwerkbegriffen, dass sie durch ihre metaphorischen Bezeichnungen Assoziationen hervorrufen, die die Einbettung von Akteuren in Beziehungsstrukturen betonen und darauf aufbauend Erklärungsmodelle für die Konsequenzen solcher Einbettungen formulieren.“ (48)

Die beiden Beiträge des Abschnittes „Bildungsnetzwerke in Hamburg“ widmen sich exemplarisch zwei zentralen Netzwerken des eingangs erwähnten Projektzusammenhangs: dem „Netzwerk für Bildung in Hamburg“ und dem „Netzwerk der Ganztagsschulkoordinatoren“ ebenfalls in Hamburg. Beide Netzwerke werden ausführlich in ihren Strukturen und ihrer Arbeitsweise dargestellt und im Hinblick auf ihre Funktionalität und Steuerung diskutiert.

Die drei Beiträge zu den „Methoden der Netzwerkforschung“ haben sehr unterschiedliche und teilweise sehr spezielle methodische Ansätze zum Gegenstand. Hummell & Sodeur stellen mit dem „Triadenzensus“ ein PC-gestütztes standardisiertes Verfahren zur qualitativen Analyse von Beziehungs- bzw. Netzwerkstrukturen vor. Es dient dazu, die Strukturmerkmale Zentralität, Dichte, Intensität, Wechselseitigkeit und Multiplexität sowie die Verbundenheit der Interaktionspartner abzubilden. Das angewandte Verfahren ist ähnlich dem des Mannheimer Interviews zu Sozialen Unterstützung.

Andreas Herz beschreibt in seinem Beitrag die „Erhebung und Analyse egozentrierter Netzwerke“. Er skizziert die Entwicklung der Erhebungsmethoden in den letzten Jahrzehnten und arbeitet ihre gemeinsamen Charakteristika heraus: „Erstens wird anhand bestimmter Kriterien (Namensgenerator) versucht, eine möglichst vollständige Liste der Referenzpersonen (also der Alteri) zu erstellen; zweitens werden über sogenannte Namensinterpretationen sowohl Eigenschaften der Beziehungen zwischen den befragten Egos und deren Referenzpersonen (Ego-Alter-Relationen) spezifiziert sowie Eigenschaften der Alteri (Alter-Attribute) erfragt. Im dritten Schritt werden Angaben über die Beziehungen zwischen den Referenzpersonen (Alteri) in einer Alter-Alter-Matrix bestimmt.“(135) In seinem Beitrag wird das konkrete Vorgehen entlang dieses Dreier-Schrittes ausführlich erläutert.

Gamper & Kronenwett stellen in ihrem Beitrag schließlich die „Visuelle Erhebung von egozentrierten Netzwerken mit Hilfe digitaler Netzwerkkarten“ vor. Die digitale Netzwerkkarte „…bietet neue Möglichkeiten der Visualisierung und Erhebung sozialer Netzwerke, indem die visuelle Datenerhebung mit digitalen Hilfsmitteln, wie beispielsweise Computer oder Tablet-Computer, kombiniert wird“ (151) Die Autoren erläutern mögliche Anwendungen und verweisen auf die bereits entwickelten Software-Tools.

Der Abschnitt „Netzwerkanalysen in der Forschung“ wird mit einem kurzen, zusammenfassenden Beitrag von Tobias Stubbe eingeleitet. Diese „ordnende Hand“ ist auch notwendig, weil sich der inhaltliche Zusammenhang der in den anschließenden Beiträgen präsentierten Anwendungen und inhaltlichen Fokussierungen nicht ohne weiteres erschließt. Diese Vielfalt reicht von der „Egozentrierten Netzwerkanalyse in der Gesundheitsforschung“ (Wiebke Bruns) über die Analyse egozentrierter Managernetzwerken (Nicoline Scheidegger), der Anwendung qualitativer Netzwerkanalysen in der wirtschaftsgeographischen Internationalisierungsforschung (Michael Rehberg), Policy-Netzwerke in der Bildungspolitik (Jens Ridderbusch), der Frage „Wie bedeutsam sind Schulentwicklungsnetzwerke?“ (Irene Leser & Rubina Vock), der Untersuchung der Netzwerke im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (Nina Kollek) sowie der Publikations- und Forschungsnetzwerke von Nachwuchswissenschaftlerinnen (Martina Kenk) hin bis zur Analyse der „Netzwerke von Instrumentallehrkräften …im Rahmen des Programms „Jedem Kind ein Instrument“ (Sabrina Kulin). Eine wahrlich beeindruckende Bandbreite forschungspraktischer Anwendungsmöglichkeiten egozentrierter Netzwerkmöglichkeiten – aber eben doch sehr speziell und deutlich orientiert an dem breit gefächerten Projektkontext der Veröffentlichung.

Fazit

Dem vorliegenden Reader haftet sehr deutlich der projektbezogene Kontext der ihm zugrunde liegenden Tagung an. Für professionelle Akteure, die sich in diesem Kontext bewegen oder an dessen spezifischen Fragestellungen und Praxisbereichen interessiert sind, bietet der Band eine Fülle von Informationen und Einsichten. Er ist indes eindeutig kein einführendes Handbuch in die „Soziale Netzwerkanalyse“, wie der Titel suggeriert. Dazu sind die in den einzelnen Beiträgen erörterten Aspekte der Netzwerkanalyse zu spezifisch und die Einzelbeiträge zu wenig systematisch aufeinander bezogen. Deutlich widersprochen werden muss auch der abschließenden Behauptung der HerausgeberInnen: „Die Beiträge dieses Bandes tragen dem Desiderat, dass kein Handbuch oder eine ähnliche Publikation für die Erhebung und Auswertung egozentrierter Netzwerke vorliegt, insofern Rechnung, als dass der Methodenteil einen ersten Überblick über die Erhebung und Auswertung egozentrierter Netzwerke bietet, der in dieser Form in der deutschen Forschungsliteratur noch nicht vorliegt“. (293)


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 20.03.2013 zu: Sabrina Kulin (Hrsg.): Soziale Netzwerkanalyse. Theorie, Methoden, Praxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2012. ISBN 978-3-8309-2672-6. Reihe: Netzwerke im Bildungsbereich - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13436.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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