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Evangelisches Johanneswerk (Hrsg.): Quartiersnah. Die Zukunft der Altenhilfe

Cover Evangelisches Johanneswerk (Hrsg.): Quartiersnah. Die Zukunft der Altenhilfe. Vincentz Verlag (Hannover) 2011. 79 Seiten. ISBN 978-3-86630-183-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.

Reihe: Management Tools. Altenheim.
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Thema

In dem Buch geht es um die quartiersnahe Versorgung als alternatives Wohnkonzept, des Evangelischen Johanneswerks, zu den bisherigen stationären Alten- und Pflegeheimen.

Herausgeber

Das Evangelische Johanneswerk ist ein diakonischer Dienstleister, dessen Angebote sich an „(…) alte und kranke (…) [,] sowie Menschen mit Behinderung, Kinder und Jugendliche (…)“ (www.johanneswerk.de/de/über-uns.html am 5. Juni 2012) richtet. Es unterstützt Wohnprojekte, die hilfsbedürftigen Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollen.

Entstehungshintergrund

Das Evangelische Johanneswerk ist Mitglied im Netzwerk SONG (Soziales neu gestalten), deren Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Sozialraum für das Leben im Alter bedarfsgerecht an die veränderten Gegebenheiten, die der demographische Wandel mit sich bringt, anzupassen (Vgl. www.johanneswerk.de/de/angebote/leben-im-alter/wohnprojekte.html, 29.05.2012). Das Buch ist auf Basis einer Fachtagung dieses Netzwerks „(…) zur Quartiersnahen Versorgung im September 2010 (…)“ (S. 11) entstanden und dokumentiert die Beiträge der Teilnehmer. Die Veröffentlichung soll als Anreiz verstanden werden, sich mit dem Sachverhalt der quartiersnahen Versorgung auseinanderzusetzen und weiterzuentwickeln.

Aufbau

Dem Buch geht eine Einleitung und ein Vorwort von Dr. Bodo de Vries voraus, sowie ein Positionspapier des Netzwerks SONG und eine Beschreibung über den inhaltlichen Aufbau des Buchs.

Der Hauptteil ist in zwei Teile gegliedert.

  1. Der erste Teil geht auf die allgemeine Betrachtung der Quartierskonzepte aus fachlicher und soziologischer Perspektive ein.
  2. Der zweite Teil befasst sich mit der Darstellung des Netzwerks SONG in Verbindung mit der quartiersnahen Versorgung.

Erster Teil

Ursula Kremer-Preiß betont die stärkere Sozialraum- und Beteiligungsorientierung von quartiersnahen Konzepten im Vergleich zu stationären Pflegeeinrichtungen und dass sie somit mehr den veränderten Bedürfnissen der alternden Bevölkerung entsprechen. Hierzu sollen sowohl die Sozialstruktur als auch die Infrastruktur, letztere eine Aufgabe der Kommunen, an die veränderten Lebensbedingungen angepasst werden.

Bodo de Vries stellt in seinem Beitrag neun Thesen vor, die er im Laufe seiner Arbeit konkretisiert. Er veranschaulicht die Bedeutung der veränderten Bedürfnisse der alternden Bevölkerung im Zuge des demographischen Wandels und bezweifelt, dass die bisherigen staatlichen Sicherungssysteme und die Wirtschaft diesen Anforderungen gerecht werden können. Mit seinem Verweis auf bereits bestehende „Sozialunternehmen“, zeigt er Alternativen zu stationären Pflegeeinrichtungen auf, wie „(…)Wohncafés [und] Pflegestützpunkte (…)“ (S. 23) und darauf, dass sich das Evangelische Johanneswerk an der Mitgestaltung solcher Veränderungen partizipieren möchte. Er stellt die Struktur und Aufgaben des Netzwerks SONG vor. Es möchte sich anhand bestehender „(…) Good-Practice-Modell[e] (…)“ (S. 23) an der Entwicklung von „(…) allgemeingültigen und den individuellen Bedürfnissen Rechnung tragenden Angeboten und politischen Rahmenbedingungen (…)“ (s.o.) beteiligen. Dann geht er auf den Solidaritätsbegriff ein, der eine tragende Rolle in diesem Konzept spielt und zu monetären und machtspezifischen Aspekten neupositioniert werden muss. Dies unterlegt er mit einer Explikation von Jürgen Habermas. Eine Lösung, der Solidarität ihren zwanghaften Charakter zu entziehen, sieht er in der quartiersnahen Versorgung und stellt den Aufbau und die Funktionen des Konzepts vor und zeigt auch seine (wirtschaftlichen) Vorteile auf. Hierzu zieht er Ergebnisse einer „(…) Mehrwertanalyse ausgewählter Wohnprojekte der Netzwerkpartner (…)“ (S. 32), durchgeführt vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, heran.

Klaus Dörner hält die Beantwortung der Frage, ob quartiersnahe Konzepte eine allgemeingültige Lösung darstellen, noch für verfrüht. Die bereits etablierten Modelle auf kommunaler und regionaler Ebene, deren Struktur dem Leitgedanken der quartiersnahen Versorgung entsprechen, stellen erst den Anfang einer universellen Manifestierung solcher Lebensformen dar. Er sieht sowohl den Quartiersbegriff, als auch die Implementierung eines bedarfsgerechten und sozialraumorientierten Ausbau der QVN als verbesserungswürdig an. Auch gibt er zu bedenken, ob man die Befähigung, sich um Pflegebedürftige zu kümmern, überhaupt einem genügend hohen Anteil der Zivilgesellschaft zuschreiben kann.

Jürgen Gohde spricht über die Berichte des „(…) Beirats zur Überarbeitung des Pflegebedürftigkeitsbegriff (…)“ (S. 39), welcher in dessen Neudefinition auch einen „Paradigmenwechsel“ in den Anforderungen an der praktikablen Umsetzung in der Pflege sieht, welche sich nur im Zuge parallel gesetzter Anpassungen auf politischer Ebene umsetzen lassen. „In erster Linie wäre hier an sozialräumliche Konzepte für Menschen mit Pflegebedarf und/ oder Behinderungen, an Leistungsformen besonders im ambulanten Bereich sowie verstärkte Anstrengungen in der Prävention und Rehabilitation zu denken.“ (S. 41) Es besteht laut Gohde noch Klärungsbedarf im Bereich der Finanzierbarkeit der QVN und der Pflege im Allgemeinen. Die Neudefinition des Begriffs soll dann auch Einfluss auf die Ausbildungskonzeption zukünftiger Pflegekräfte nehmen und sagt: „Eine inklusive Gesellschaft, die Selbstbestimmung und Teilhabe, sozialen Schutz und ein menschenwürdiges Leben für alle sichern soll, erfordert das Zusammenwirken von Eigenverantwortung, familiärer Unterstützung, bürgerschaftlichem Engagement, professionellen Sozialdiensten und staatlicher Absicherung.“ (S. 46)

Frauke Schönberg gibt einen Überblick zur Entstehungsgeschichte der Pflegecharta und stellt deren acht Artikel vor. Das Evangelische Johanneswerk agiert auf Grundlage dieser Charta und hat sie in Form von Modulen implementiert. Diese werden vorgestellt. Dann geht sie auf den Begriff des „Quartiers“ ein. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe macht diesen Begriff anhand der Elemente „Wohnen“, „Soziales“, und „Pflege“ fest. „Im Fokus der QNV des Evangelischen Johanneswerks steht die Versorgungssicherheit für hilfs- und pflegebedürftige alte Menschen und Menschen mit Behinderungen in einzelnen Wohnprojekten, aber auch die Integration von Angeboten des Gruppenwohnens für Zielgruppen mit hohen Unterstützungsbedarf (de Vries 2010). Ziel ist der Verbleib in der eigenen Wohnung auch bei steigender Hilfebedürftigkeit.“ (S. 51) Letztlich zeigt sie noch eine Gegenüberstellung der „Artikel der Pflegecharta“ und der „Umsetzung der Pflegecharta für QVN (…)“(S.53) exemplarisch auf.

Zweiter Teil

Ulrike Overkamp stellt in ihrem Beitrag das Netzwerk SONG und deren Mitglieder vor. Das Netzwerk ist Begründer des Projekts LoVe (Lokale Verantwortungsgemeinschaften in kleinen Lebenskreisen), das „(…) insgesamt 110 Mitarbeiter/innen der Netzwerkpartner (…)“ (S. 56) auf den Ebenen des Managements, der Assistenz und auf der zivilgesellschaftlichen Ebene qualifiziert. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, sehen sie eine Veränderung der bisherigen Versorgungsstrukturen von jenen „(…) ohne Sozialraumvernetzung (…)“ (S. 57) zu „(…) innovative[n] Wohn- und Assistenzmodelle[n], die „lokale Verantwortungsgemeinschaften in kleinen Lebenskreisen“ ermöglichen (…)“ (S. 57) als notwendig an. Auch dem Problem der alternden Erwerbsbevölkerung, soll mit den Vorteilen alternativer Wohnkonzepte begegnet werden. Hier sieht man laut Overkamp die Möglichkeit, diese Personengruppe in die Aufgabenbereiche der QNV zu involvieren „(…) zum Erhalt ihrer Motivation, Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit.“ (S. 58) Die Nachhaltigkeit des Projekts soll durch Implementierung und Modifizierung der Strategien zur Personalentwicklung bei den Netzwerkpartnern gewährleistet werden.

Ulrich Kuhn gibt einen Einblick über das „(…) Memorandum „Lebensräume zum Älterwerden – Für ein neues Miteinander im Quartier“ (S. 64), mit der Betonung auf die „(…) Renaissance des Subsidiaritätsprinzips (…)“ (S. 65), sowie auf die „(…) Förderung neuer Solidaritätsstrukturen (…)“ (S. 65), um mit diesen Ressourcen diese Projekte finanzierbar zu machen. Einen weiteren Schwerpunkt in seinem Beitrag bilden zukünftige Visionen und Ziele der Netzwerkpartner im Bereich der Implementierung, der Weiterentwicklung der Konzepte, sowie auch die nachhaltige Einflussnahme in der Sozialpolitik. Letzlich verweist er noch auf die Hompage des Netzwerks SONG als Informations- und Austauschplattform.

Ulrike Overkamp gibt zum Schluss noch einen Einblick in ein bereits implementiertes Projekt der quartiersnahen Versorgung in der Stadt Steinheim in Nordrhein Westfalen.

Diskussion

Das Konzept der QNV wird vom Leitgedanken der Subsidiarität und der freiwilligen Solidarität getragen und gründet somit auf dem Kollektivismus, um die Lücken in der (zukünftigen) Altenhilfe zu schließen. Die Konzeption wird im Buch sehr ausführlich und verständlich erklärt. Da es sich um eine Dokumentation einer Fachtagung handelt, fokussieren sich die Beiträge stringend an der QNV des Evangelischen Johanneswerks und greift nicht, wie der Buchtitel vielleicht zunächst vermuten lässt, unterschiedliche Konzepte oder Theorien über die zukünftige Ausgestaltung der Altenhilfe auf. Trotz der Ambition die Thematik von unterschiedlichen Gesichtspunkten zu betrachten, wurden einige Inhalte recht häufig wiederholt. Die Beantwortung fundamentaler Fragen zur Instandsetzung und -haltung dieser Wohnraumkonzepte wurden, meiner Meinung nach, in dem vorliegenden Buch zu kurz gehalten. So wurde die Frage nach der bedarfsdeckenden Finanzierung mit der notwendigen Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements beantwortet und diese Stärkung wiederum damit, dass man die Solidarität in ihrem Verhältnis zu Macht und Geld neupositionieren muss. Es fehlen, meines Erachtens nach, die Benennung jener Anreize, welche die Zivilgesellschaft zum wahrhaftigen freiwilligen Handeln, über einen langen Zeitraum und notweniger Intensität, überzeugen sollen. Zudem wäre es auch hilfreich gewesen, die Perspektive der Zivilgesellschaft zu thematisieren, inwiefern sich die Idee der QNV überhaupt mit den individuellen Bedürfnissen und Interessen vereinbaren lässt. de Vries führt zwar in seinem Beitrag Untersuchungsergebnisse u.a. zu diesem Thema auf, allerdings sind diese sehr allgemein verfasst. Es wäre wünschenswert, wenn man hier Einblicke in die Primärquelle der Studie bekommen würde.

Fazit

Das Buch thematisiert ein mögliches Konzept zur Gestaltung der zukünftigen Altenhilfe, dass bereits teilweise von den Mitgliedern des Netzwerks SONG implementiert wurde. Es ist eine Dokumentation einer Fachtagung zu diesem Thema. Es enthält zahlreiche Informationen über den Aufbau, Inhalt und über die Ambitionen des Projekts und bietet eine solide Grundlage für weiterführende Diskussionen und Ideen über die zukünftige Ausgestaltung der Altenhilfe.


Rezension von
Katharina Lott
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Zitiervorschlag
Katharina Lott. Rezension vom 01.08.2012 zu: Evangelisches Johanneswerk (Hrsg.): Quartiersnah. Die Zukunft der Altenhilfe. Vincentz Verlag (Hannover) 2011. ISBN 978-3-86630-183-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13443.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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