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Fritz Deppert: Ein Bankier steigt aus

Cover Fritz Deppert: Ein Bankier steigt aus. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. 228 Seiten. ISBN 978-3-86099-887-8. 19,90 EUR.
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Vom Reichen zum Penner

Im langsam ansteigenden, deutlich vernehmbaren Konzert für diejenigen, die hören wollen, hat der Begriff „Perspektivenwechsel“ eine besondere Bedeutung. In den Warnungen, wie sie die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 in das Stammbuch der Menschen geschrieben hat – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – mischen sich beschwichtigende bis dramatisierende Takte, endlich Alternativen zum kapitalistischen und neoliberalen „Raubtierkapitalismus“ (Peter Jüngst, 2004) und „Kamikaze-Kapitalismus“ (David Graeber, 2012) zu denken und zu entdecken, zu begreifen, dass „Geld, Gier & Betrug“ (Tilmann Moser, 2012) die Menschen unmenschlicht macht, zu erkennen, dass „Immer mehr nicht genug“ ist, sondern der „Wachstumswahn“ (Petra Pinzler, 2011) zu noch mehr Unzufriedenheit führt und die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht.

Aber „Aussteigen“, das ist leichter gesagt als getan; und für diejenigen, die sich in ihrem Leben an ein gewisses Maß an Wohlstand gewöhnt, sich im Immer-mehr-immer-höher-immer-schneller eingerichtet haben, gehört es zu den Undenkbarkeiten, die auch nicht überlegt werden mussten. Das business as usual hat längst von ihnen Besitz ergriffen – und in ihrem Bewusstsein ist meist kein Platz für alternatives Denken; es sei denn, es dient der Vermehrung ihres Besitzstandes und ihrer Macht. In der Wochenzeitung DIE ZEIT erscheint regelmäßig die Rubrik „Was bewegt…“, in der jeweils Menschen vorgestellt werden, die in ihrem Denken und Handeln nicht der stromlinienförmigen und in den Kreisen der Wohlhabenden angesagten Lebensgestaltung folgen, sondern ein Gespür von sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft entwickeln und gewissermaßen vorbildhaft verantwortungsbewusst handeln und deutlich machen, was die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin von 2009 mit der Entdeckung benennt: „Was mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, 2011). Doch auch in diesen Fällen geht es nicht so weit, alles Erworbene aufzugeben, sondern eher mit der Tendenz, etwas vom Überfluss abzugeben.

Entstehungshintergrund und Autor

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ein radikaler Perspektiven- und Existenzwechsel nur im Märchen denkbar ist – und im Roman. Der Titel des Buches „Ein Bankier steigt aus“, zielt auf die öffentliche Meinung – die sich im übrigen ja auch in den Heuschrecken- und Finanzkatastrophen bestätigt – dass das Geschäft der Banker es ist. Kapital zu vermehren, zuvorderst darauf zu achten, dass der eigene Geldbeutel dabei gefüllt wird und keine Gefühle oder gar Skrupel zu zeigen, wenn dabei die Verlierer den Bach runter gehen.

Der Germanist, Kunstgeschichtler und Philosoph, bis zu seiner Pensionierung Leiter eines Oberstufengymnasiums in Darmstadt, Fritz Deppert, ist bereits mit Lyrik und Prosa hervorgetreten, und er ist für sein schriftstellerisches Schaffen mit dem Literaturpreis der Stadt Darmstadt ausgezeichnet worden. In seinem Roman packt er ein Thema an, das erst einmal allzu unglaubwürdig klingt – und doch an die Wurzeln der kapitalistischen Wachstumsideologie geht. Ob die Romanphantasie irgendwelche reale und persönliche Hintergründe hat, wird nicht vermittelt; glaubhaft jedoch wirkt die Erzählung durch die durchaus nachvollziehbaren Prozesse, wie sie sich in der Finanzpraxis des „Raubtierkapitalismus“ ereignen und sich als hochspekulative Geschäfte darstellen.

Aufbau und Inhalt

Es geht um einen Bankier „der alten Schule“, der von seinen Vorfahren die Privatbank übernommen und jahrzehntelang erfolgreich geleitet hat, mit Vorstellungen und Praxen, bei denen der Wert im Vordergrund stand, der die Bankgeschäfte bestimmte: Vertrauen. Als er die Privatbank, wie es üblich war und von ihm erwartet wurde, an seinen Sohn übergab, erlebte er mit immer größerem Unbehagen, wie dieser die Bank in ein Konsortium überführte und die Geschäfte immer rigoroser und habgieriger tätigte, dabei des Profits wegen auch Personalabbau betrieb und für sich und die Direktionsmitglieder immense Gehälter und Boni genehmigte. Seine Vorbehalte und Warnungen wurden als „ewig gestrig“ ignoriert. Die deutlichen Hinweise, sich künftig aus den Bankgeschäften heraus zu halten. Seine Frau, die ihm im beruflichen und privaten Leben Rückhalt gab, war vor einiger Zeit gestorben, und er fühlte sich in dem großen Haus, das er zusammen mit seinem Sohn und seiner Familie bewohnte, immer entbehrlicher; selbst von seinem Enkel, zu dem er sich, solange das Kind zu Hause war, hingezogen fühlte und eine gewisse Erziehungsaufgabe spürte, entfremdete er sich mehr und mehr; und als der Junge von den ehrgeizigen Eltern auch bald in ein Elite-Internat geschickt wurde, hielt ihm eigentlich nichts mehr dort. Die Mitteilung, er wolle sich als Obdachloser auf den Weg machen, verursachte in der Familie Panik und Unverständnis.

Als er sich aufmachte, unterwegs seinen Anzug in einem Gebrauchtkleiderbasar gegen eine robuste und strapazierfähige Hose, Hemd, Pullover und Unterwäsche austauschte und seine vielen Kreditkarten zerriss und vergrub, meinte er gerüstet zu sein für sein neues Leben. Immerhin, gewissermaßen als doppelten Boden für sein Vorhaben, verständigte er sich mit seinem besten Freund, der ihm zwar diesen Schritt ausreden wollte, aber dann, als er merkte, dass es ihm Ernst war, auch nicht davon abhielt, dass er zu einem Konto Zugang hatte, auf dem ein gewisser Betrag für ihn zur Verfügung stand und von dem er von Zeit zu Zeit geringe Summen abheben konnte. Bis zu der Stelle kommt beim Leser der Verdacht auf, dass es Albrecht, wie er sich künftig nur mit Vornamen nannte, um ein Abenteuer eines frustrierten Wohlhabenden ging.

Doch die Erfahrungen, die Albrecht auf seinen Weg weg von seinem Wohnort machte, zu Fuß, als „Penner“, veränderten ihn. Die Begegnungen mit anderen Obdachlosen, seine Bleibe unter einer Brücke, die gelegentlichen Ausflüge in sein früheres Leben, etwa um eine Ausstellung oder ein Konzert zu besuchen, ließen gewohnte Bedeutungen immer bedeutungsloser werden. Er achtete zwar darauf, nicht äußerlich zu verkommen; doch bald war er tatsächlich vom Aussehen her nicht mehr von den anderen Obdachlosen zu unterscheiden. Das irritierte ihn, und so wuchs er beinahe ungesteuert und automatisch in das Leben als „Penner“ hinein. Und seine Reaktionen auf die misstrauischen Blicke und ablehnenden Gesten der Passanten, wenn er mal in der Stadt unterwegs war, entwickelten sich bald zu den von ihnen erwarteten und gewohnten.

Sein Nachtlager unter der Brücke musste er aufgeben, je kälter es wurde. Er zog mit seinen neuen Kumpanen, vor allem mit Franz, mit dem er sich beinahe anfreundete und ein gewisses Vertrauensverhältnis zu ihm entwickelte, in den ehemaligen Luftschutzpunker, der als Obdachlosenasyl primitiv eingerichtet war. Wenn er was vermisste, war es seine Geige, die er nicht mitnehmen konnte; und über das Geigenspiel eines alten, kranken Mannes, der in der Fußgängerzone musizierte, begegnete er einem kleinen, verwahrlosten Mädchen, das zum ehemaligen Konzertgeiger gehörte. Bei einer Weihnachtsfeier, die von den Stadtoberen und der Prominenz für die Obdachlosen im Punker organisiert wurde, natürlich mit entsprechender Presseberichterstattung, trat auch das kleine Mädchen auf und spielte auf der Geige; wie im Zwang, griff auch Albrecht zum Instrument und spielte ein Stück. Das Foto und der Bericht in der Lokalzeitung am folgenden Tag brachten die Information über seine Existenz auch an seinen Sohn und seine Schwiegertochter. Es kam zu einer Begegnung zwischen Albrecht und ihr, die in einem Geschlechtsakt zwischen ihnen mündete. Dadurch erfuhr Albrecht auch, dass sich sein Sohn mit seinen Bankgeschäften verspekuliert hatte und ihm der Ruin drohte, wenn der Vater nicht sein Vermögen, vor allem aber das wertvolle Mondrian-Gemälde, an den Sohn übertrug.

Als Franz bei einem Autounfall ums Leben kam, schien sich bei Albrecht etwas zu ändern. Seine Gedanken an den Tod, die Fragen danach, wie es weitergehen solle, ob er nach Hause, das nicht mehr sein Zuhause war, zurückkehren wolle; weil die Witterung es zuließ, auch sein Umzug wieder in seine vertraute Umgebung unter der Brücke. Da erhielt er die Nachricht, dass das kleine Mädchen mit der Geige aufgetaucht sei; ihr Großvater sei gestorben und sie wisse nicht, wohin. Wie selbstverständlich war für Albrecht klar: „Ich sorge für sie!“. War es ein Ausstieg aus dem Ausstieg? Nein, eher eine Bestimmung!

Fazit

Auch wenn einige der Schilderungen von Fritz Deppert in seinem Roman „Ein Bankier steigt aus“ gelegentlich als allzu konstruiert, aufgesetzt, manieriert und auch mal mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger daher kommen, etwas hergeholt formuliert sind und es damit dem Leser schwer machen, sich empathisch in die Motive Albrechts hineinzudenken, ist seine Erzählung lesenswert, weil sie die Irrungen, Wirrungen und Wirklichkeiten des real existierenden Kapitalismus verdeutlichen und Alternativen aufzeigen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.06.2012 zu: Fritz Deppert: Ein Bankier steigt aus. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-86099-887-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13444.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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