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Eva Maria Hinterhuber: Zwischen Überlebenssicherung und Partizipation

Cover Eva Maria Hinterhuber: Zwischen Überlebenssicherung und Partizipation. Zivilgesellschaftliches Engagement von Frauen im Bereich Sozialwesen in Russland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-6904-2.
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Thema und Überblick

Der Transformationsprozess seit 1991 in Russland änderte grundlegend die Gesellschaftsstrukturen und brachte große soziale Verwerfungen mit sich. Frauen als soziale Gruppe mussten mit erheblichen Einschnitten in ihren sozialen, zivilen und politischen Rechten konfrontieren. Vor allem Frauen ergriffen jedoch auch die entstandenen Partizipationschancen in der Zivilgesellschaft.

Der Gegenstand der Arbeit ist das Engagement von Frauen in sozial-karitativen zivilgeselschaftlichen Organisationen (civil society organisations) in Russland Anfang des Jahrtausends vor dem Hintergrund der Geschlechterverhältnisse, wie sie sich in Russland zehn Jahre nach dem Systemwechsel präsentierten. Der Bogen wird von der exemplarischen Vorstellung von Akteurinnen und ihres bürgeschaftlichen Engagements über die Strukturen und Prozesse in den frauendominierten CSOs im Bereich Sozialwesen bis hin zu den Auswirkungen des sozial-karitativen Engagements von Frauen auf die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse in Russland geschlagen (vgl. S.15). Für die vorliegende Studie ist die durchgängige Einnahme einer Geschlechterperspektive grundlegend.

Die Autorin will herausfinden:

  1. Welche Auswirkungen das Engagement von Frauen auf ihr Leben hatte, ob sie zu einer weitergehenden Demokratisierung der russländischen Gesellschaft beitrugen, und welche Konsequenzen ihr Einsatz in einem traditionell weiblichen Feld auf die Geschlechterverhältnisse insgesamt hatte;
  2. Welche Rolle die zivillgesellschaftlichen Organisationen in einem breiteren Kontext spielten (vgl. S.16).

Hinterhuber betont, dass es sich beim Forschungsgegenstand um ein relativ wenig untersuchtes Gebiet handelt und die Studie explorativen Charakter trägt.

Die Arbeit basiert auf qualitativen teilstrukturierten ExpertInneninterviews, die durch weitere Erhebungsverfahren ergänzt wurden, wie zum Beispiel die Auswertung von „grauer“ Literatur, teilnehmende Beobachtungen und Fachgespräche mit VertreterInnen aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Die Feldforschung fand in den frühen 2000er statt, wobei die Autorin elf sozial-karitative CSOs in Russlands Nordwesten besuchte (vgl. S.20).

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung des Engagements von Frauen in sozial-karitativen zivilgeselschaftlichen Organisationen in Russland Anfang des Jahrtausends von Bedeutung sind.

Das hier zu besprechende Buch besteht aus sieben Kapiteln.

Im Kapitel 1 („Themeneinführung: zivillgesellschaftliches Engagement von Frauen im Bereich Sozialwesen in Russland der Jahrtausendwende“) gibt die Autorin einen Einblick in das Forschungsfeld. Sie beschreibt ihr Forschungsinteresse und stellt die leitenden Fragen für ihre Arbeit. Hinterhuber stellt die Transformation in Russland als einen sehr komplexen Vorgang dar, der Männer und Frauen in unterschiedlichen Intensitäten und Formen betraf, wobei die Bilanz des Umbruchs aus der Genderperspektive ambivalent ausfiel. In diesem Teil werden die theoretischen Grundlagen aufgezeigt, die bei der Durchführung der Studie herangezogen werden und den Forschungsstand darstellen. Die Autorin wählt für ihre Studie qualitative sozialwissenschaftliche Methoden.

Daran anschließend wird im Kapitel 2 („Gender, Transformation, Zivillgesellschaft und Empowerment: Theoretischer Interpretationsrahmen und Analyseinstrumente“) der theoretische Teil der Arbeit dargestellt. Zu Beginn des Kapitels setzt sich die Autorin mit der Analysekategorie Geschlecht auseinander. Weiter wird eine Auseinandersetzung mit Transformation, Demokratisierung und Geschlecht dargestellt. Hinterhuber erörtert das Konzept Zivillgesellschaft und führt Empowerment als weiteres Analyseinstrument ein.

Im Kapitel 3 („Methodisch-empirischer Untersuchungsrahmen“) wird das methodische Design der Arbeit beschrieben. In diesem Teil werden die Zielgruppe, die Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung vorgestellt. Die Wahl der qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden wird begründet. Hinterhuber stellt die Quellen und die gewählten Methoden dar.

Im Kapitel 4 („Geschlechterverhältnisse im Transformationsprozess“) wird auf den Wandel der Geschlechterverhältnisse im russländischen Transformationsprozess eingegangen. Im Mittelpunkt der Betrachtung sind die Folgen des Systemwechsels für die politischen, sozialen und zivilen Rechte von Frauen. Dabei werden Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, in der instituonalisierten Politik sowie in Bezug auf Gewalt gegen Frauen dargestellt.

Im Kapitel 5 („Zum Engagement von Frauen in sozial-karitativen Nichtregierungsorganisationen in Russland“) wird der empirische Teil der Arbeit dargestellt. Hinterhuber stellt verschiedene Aspekte der Zivilgesellschaft in der Russländischen Föderation dar. Anschließend werden exemplarische ausgewählte Organisationen mit ihren Tätigkeitsbereichen und Aktionsformen vorgestellt. Die empirischen Ergebnisse der Untersuchung werden präsentiert.

Im Kapitel 6 („Zwischen Überlebenssicherung und Partizipation“) werden die empirischen Ergebnisse an den theoretischen Interpretationsrahmen rückgebunden. Die Empowerment-Prozesse werden als Prozesse der Partizipationsbeschaffung untersucht. Ferner setzt sich die Autorin mit der Frage, inwiefern die untersuchten Organisationen in der Lage waren, die der Zivilgesellschaft zugeschriebenen Kontroll-, Vermittlungs-, Sozialisierungs- und Kommunikationsfunktionen zu erfüllen.

Ein kurzes Resümee (Teil 7 „Zusammenfassung, Schlussfolkgerungen und Ausblick“) schließt die Studie ab. Hier werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst, die sich aus dem Forschungsprojekt ergebenden wissenschaftlichen und praktischen Konsequenzen werden dargestellt und es gibt einen Forschungsausblick. Die Autorin stellt die Ergebnisse in den Rahmen feministischer demokratietheoretischer Überlegungen zum Geschlechterverhältnis und Demokratie und geht auf die gegenwärtige Situation der Zivilgesellschaft ein.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich zunächst an die scientific community im Bereich Genderforschung, insb. Geschlechtersoziologie. Es richtet sich auch an die Leser und Leserinnen, die sich für die Gender Studies interessieren. Sie können durch das Buch interessante, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse gewinnen.

Fazit

Bei der Darstellung des Forschungsstandes beschreibt die Autorin die wissenschaftliche Forschungslücke hinsichtlich des zivillgesellschaftlichen Engagements von Frauen (auch) in Russland im Bereich Sozialwesen. Mit ihrer Arbeit versucht Hinterhuber, diese Lücke zu verkleinern.

Der Aufbau des Buches ist sehr übersichtlich, was einen angenehmen Eindruck beim Lesen vermittelt. Mit knapp dreihundert Seiten handelt es sich bei der Studie von Eva Maria Hinterhuber um ein umfangreiches Werk und es zeugt von dem immensen Wissen, über das die Autorin verfügt. Insgesamt erweist sich die vorliegende Veröffentlichung als informativ und lesenswert.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 25.02.2013 zu: Eva Maria Hinterhuber: Zwischen Überlebenssicherung und Partizipation. Zivilgesellschaftliches Engagement von Frauen im Bereich Sozialwesen in Russland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-6904-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13454.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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