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Paul-Stefan Roß: Demokratie weiter denken

Cover Paul-Stefan Roß: Demokratie weiter denken. Reflexionen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 632 Seiten. ISBN 978-3-8329-6470-2. 49,00 EUR.
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Thema

Der Autor entwickelt auf der Grundlage umfangreicher Praxisforschungsprojekte ein zivilgesellschaftliches Konzept zur Engagementförderung in der Bürgerkommune. Es baut auf einem theoriebasierten gesellschaftspolitischen Leitbild Bürgerkommune auf, das auf die lokale Gemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Akteursfeldern bezogen wird. Roter Faden ist die Frage nach der Zukunft von Demokratie. Paul-Stefan Roß formuliert das Ziel, „Demokratie in einer Weite zu denken, die über die klassischen Formen repräsentativer und direkter Demokratie hinausreicht“ (592). Dabei sind Modelle wie partizipative Governance und kooperative Demokratie Ziel führend.

Autor

Paul-Stefan Roß ist Professor für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit und Leiter des Masterstudiengangs „Governance Sozialer Arbeit“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg-Stuttgart, Fakultät Sozialwesen sowie Fachberater des Gemeindenetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Baden-Württemberg

Aufbau und Inhalt

Die umfassende dreiteilige Studie will ein in sich konsistentes, tragfähiges Konzept kommunaler Engagementförderung entwickeln. Es soll theoriebasiert und praxisbezogen sein.

Referiert wird zunächst im Kapitel Kontext der Diskussionsstand zum freiwilligen Engagement und seiner Förderung in Deutschland. Leitfragen lauten:

  • „Wer engagiert sich?“ (28),
  • „Wie viele Menschen engagieren sich und in welchen Bereichen?“ (26) und
  • „Warum engagieren sich Menschen und was erwarten sie von ihrem Engagement?“ (31).

Der Wandel der Begriffe von Ehrenamt über freiwilliges Engagement, bürgerschaftliches Engagement bis hin zu Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility (CSR) wird umfassend referiert. Als lokale Modelle zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements werden das baden-württembergische Landesprogramm Bürgerschaftliches Engagement, das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, das CIVITAS-Netzwerk bürgerorientierter Kommunen der Bertelsmann-Stiftung sowie die Forschungsprojekte „Aktivierender Staat“ und „Bürgerkommune“ der Hans Böckler Stiftung vorgestellt.

Sehr umfangreich ist das 2. Kapitel ausgefallen, das unter „Reflexion im Kontext sozial-, politik- und sozialarbeitswissenschaftlicher Diskurse“ firmiert. Es macht mit 465 Seiten den Hauptteil der Studie aus. Paul-Stefan Roß spannt ideengeschichtlich einen großen Bogen von der Antike bis zur Neuzeit. Der gesellschaftliche Rahmen neuerer Diskurse reicht von den Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen Ostmitteleuropas (1970er – 1980er Jahre) über Postmarxismus, Neue Linke, Studentenbewegung, Neue soziale Bewegungen in Westeuropa bis hin zu Postdemokratie, multipler Demokratie und Bürgerdemokratie. Kein großer Theorieansatz fehlt. Dahrendorfs liberales Konzept von Zivilgesellschaft ist ebenso vertreten wie die Kommunitaristen Charles Taylor, Michael Walzer und Benjamin Barber. Auch der deliberative Theorieansatz mit den Vertretern Jean L. Cohen, Andrew Arato und Jürgen Habermas wird referiert und eingeordnet. Gleiches gilt für das radikaldemokratische Konzept von Zivilgesellschaft, vertreten durch Urich Rödel, Günter Frankenberg und Helmut Dubiel. Die Politikpraxis ist mit Gerhard Schröder, Alois Glück und Warnfried Dettling vertreten, die für aktive Subsidiarität und den „Dritten Weg“ (Zivilgesellschaft zwischen Staat und Markt) stehen. Dieser Komplex wird abgeschlossen mit dem institutionentheoretischen Konzept von Zivilgesellschaft, wie es Rainer Schmalz-Bruns beispielhaft vertritt. Ähnlich umfangreich wie der Diskurs zur Zivilgesellschaft werden die „Überlegungen zur Bürgerkommune“ (248-311) dargestellt. Auch hier werden alle wesentlichen Konzepte und Ansätze referiert. Harald Plamper (KGSt) steht für die „Bürgerkommune als moderne Allmende“ (260), Jörg Bogumil, Lars Holtkamp und Gudrun Schwarz repräsentieren die „pragmatische Erweiterung von Bürger-Rollen in einer Bürgerkommune light“ (263), Roland Schäfer steht für „Aushandlungsprozesse zwischen kommunaler Bürgerschaft, Politik und Verwaltung“ (269) und Roland Roth für „Bürgerkommune als anspruchsvolles Reformprojekt“ (271). Neben zentralen Stichworten wie Zivilgesellschaft und Bürgerkommune kommen in diesem Kapitel auch Welfare-Mix, Governance und sozialraumorientierte Arbeit zur Sprache. Damit rekurriert der Autor nach eigenen Angaben auf Theorien, „deren Bezug zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements unstreitig ist, die jedoch bislang kaum konsequent im Zusammenhang betrachtet und für die Engagementförderung fruchtbar gemacht worden sind.“ (7-8) Der Versuch, neben den theoretischen Grundlagen alle „Spannungen, Widersprüchlichkeiten und Grenzen“ (8) herauszuarbeiten, die die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements begleiten, hat allerdings zu epischer Breite geführt. Damit wird die Studie zu einer Herausforderung für LeserInnen, aber auch zu einer Fundgrube für alle, die sich in die Theorie und Praxis bürgerschaftlichen Engagements und der Bürgerkommune einlesen wollen und Hinweise für die intensivere Beschäftigung mit den Themen suchen.

Erfreulich kompakt ist das 3. Kapitel „Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune“ (547-590). Es umfasst das Leitbild und das „Grundverständnis von Bürgerkommune im Horizont der Idee der Zivilgesellschaft (549), „Leitsätze zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune“ (563) sowie „Akteure und ihre Rollen“ (577). Dies ist der spannendste Teil der Studie. In fünf Basisthesen skizziert Roß eine „mehrdimensionale Definition von Bürgerkommune“ (550). Zentral ist dabei die Idee der Zivilgesellschaft. In diesem Sinne „zeichnet das Leitbild ‚Bürgerkommune‘ eine Vision für die Entwicklung der gesamten lokalen Gesellschaft mit ihren Teilbereichen“ (550). Obwohl es nicht nur um die politische Kommune, sondern auch um die gesamte lokale Entwicklung und Daseinsvorsorge mit ihrem umfassenden Sozial- und Wirtschaftsraum geht, bleibt Roß beim eingeführten Terminus „Bürgerkommune“, was zu begrüßen ist. Seine zentrale These: „Die ‚Bürgerkommune‘ ist ein theoretisch fundiertes und ethisch vertretbares gesellschaftspolitisches Leitbild für die lokale Ebene, an dem sich Städte und Gemeinden orientieren sollten, weil von ihm eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der demokratischen Teilhabe sowie ein erhöhte Qualität lokaler Daseinsvorsorge erwartet werden kann.“ (554) Möglicherweise ist dies „sogar für die Zukunftsfähigkeit der Städte und Gemeinden unabdingbar“ (555). 17 normative Leitsätze stellen schließlich „das Scharnier zwischen den theoretischen Reflexionen und den konzeptionellen Perspektiven“ (563) dar. Sie beinhalten Kernerwartungen an die Akteure der Zivilgesellschaft, der Politik und der Verwaltung.

Dies ist keine Absage an die repräsentative Demokratie, wie Roß in seinem Fazit schreibt. Dem pessimistischen Ansatz einer „Postdemokratie“, den Crouch vertritt, stimmt Roß nicht zu. Für Ziel führender hält er Noltes Rede von der „multiplen Demokratie“, in der die repräsentative Form ebenso ihre Berechtigung hat, auch wenn sie an ihre Grenzen gestoßen ist, wie die direkte Demokratie. Ein Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist „partizipative Governance“ (568) unter Einbeziehung möglichst vieler lokaler Player. So kommt Roß zum Schluss „Demokratie wird bunter und vielfältiger werden, wird noch andere, stärker verhandlungsorientiert ausgerichtet Formen kennen als Wahlen und Abstimmungen.“ (592) Mit solchen partizipativen Governance-Arrangements gebe es eine erhöhte Problemlösungskompetenz auf lokaler Ebene.

Diskussion und Fazit

„Demokratie weiter denken“ ist vermutlich die bisher umfassendste Theorie-Praxis-Studie zur Bürgerkommune. Die theoretischen Grundlagen und der wissenschaftliche Diskurs zu Bürgerkommune und Zivilgesellschaft sind sehr breit ausgeführt. Erfreulich kompakt sind die Leitbilder und vor allem die Leitsätze zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune, die praxiserprobte Empfehlungen für Politiker, Verwaltungen und Stakeholder der lokalen Gemeinschaft enthalten. Der Anspruch, „Demokratie weiter zu denken“, wird im Hinblick auf eine stärker zivilgesellschaftliche Ausrichtung der Demokratie eingelöst.


Rezension von
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 12.11.2012 zu: Paul-Stefan Roß: Demokratie weiter denken. Reflexionen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-6470-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13455.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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