socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Senf, Michael Broda: Praxis der Psychotherapie

Cover Wolfgang Senf, Michael Broda: Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch ; 92 Tabellen. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2012. 5., vollst. überarb. Auflage. 812 Seiten. ISBN 978-3-13-106095-2. D: 139,99 EUR, A: 144,00 EUR, CH: 196,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch erscheint in der 5. Auflage in korrigierter und durchgesehener Form.

Zu Recht zählt es in Aus- und Fortbildungen zu den Standards in der psychotherapeutischen Ausbildung: als ein „integratives Lehrbuch“ macht das Werk es sich zur Aufgabe, Grundlagen, Richtungen und Krankheitsbilder der Psychotherapie vorzustellen und hierbei weniger auf Abgrenzungen als vielmehr auf konsensfähige Gemeinsamkeiten und therapeutische Kompetenzen innerhalb des differenzierten Fachgebietes von Medizin und Psychologie, der Psychotherapie, zu fokussieren.

Herausgeber

Die Herausgeber vertreten in wechselseitigem Respekt beide Fachrichtungen: Senf ist Mediziner und Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der medizinischen Fakultät Duisburg-Essen, zudem Direktor am Universitätsklinikum Essen im gleichen Fachgebiet.

Broda ist promovierter Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in eigener Praxis, zudem Lehrtherapeut.

Beide Herausgeber sind auch (Mit-) Autoren des Buches – dessen Stärke liegt gerade an den ausgewiesenen Mitautoren, die Kompetenz in jedes Kapitel des Buches bringen.

Aufbau und Inhalt

Das Werk umfasst sieben Teile mit insgesamt 54 Kapiteln.

In den Teilen geht es um die übergeordneten Themenstellungen (Was ist Psychotherapie?; Grundlagen, Therapietheorien, Diagnostik, Krankheitsbilder; Besondere Problemstellungen und Rahmenbedingungen für die Berufspraxis) die dann eine Feinjustierung in den Kapiteln erfahren (für das ausführliche Inhaltsverzeichnis und das Verzeichnis der Autoren sei auf http://webshop.thieme.de/webshop verwiesen).

Die Anschaulichkeit und Praxisnähe des Werkes wird unterstützt durch leserfreundliche Hilfestellungen in Form von Fallbeispielen, Merksätzen und Definitionen, die im Text hervorgehoben werden. Verzichtet wird auf Literaturangaben nach den Einzelkapiteln zugunsten eines umfassenden, das Buch abschließende Literaturverzeichnis.

Was Psychotherapie (heute) ist, wird einleitend dargestellt, hier nehmen die Autoren eine überzeugend vorgetragene integrative und wissenschaftlich fundierte Haltung ein; sie grenzen sich einerseits von starrer Schulenorientierung ab und plädieren im Sinne der behandelten Patienten für einen rationalen Diskurs, der schließlich dazu führt, dass als wirksam erwiesene Zugänge aus verschiedenen Richtungen in der Beziehungsgestaltung zwischen Klient und Therapeut zum Einsatz kommen. Hierbei wird insbesondere auf bestehende Ansätze Bezug genommen, die solche Methodenintegration schon in Theorie und Praxis betreiben- z.B. auf die „Allgemeine Psychotherapie“ sensu Grawe. (Kapitel 5).

Im zweiten Teil des Buches – den Grundlagen – wird das Spektrum von neurobiologischen, allgemein- und sozialpsychologischen Grundlagen über die Bindungstheorie bis hin zu Psychotherapieforschung und Qualitätssicherung thematisiert.

Teil II gehört den Therapietheorien, die als sog. Richtlinienverfahren wissenschaftliche und sozialrechtliche Akzeptanz finden und von einschlägigen Autoren und Vertretern dieser Richtungen vorgestellt werden (Mertens bspw. für die psychoanalytischen Zugänge, Reinecker für die verhaltenstherapeutischen). Dass Systemische und Humanistische Verfahren hierbei berücksichtigt werden entspricht gut dem integrativen und respektvollen Zugang in der Würdigung verschiedener „Schulen“ der Psychotherapie – dass kein vermeintlich vollständigen Katalog von sich eigenständig erklärenden Verfahren (hiervon könnte man dann mehr als 400 aufzählen) geliefert wird, beweist die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit des Ansatzes und das Bemühen, integrationsfähige Kompetenzen der Beziehungsgestaltung und Behandlung herauszuarbeiten.

Teil IV gehört der Diagnostik, die in zwei Zugängen vorgestellt wird: dem psychodynamischen und dem verhaltenstherapeutischen – ergänzt durch eine Zusammenschau gängiger testdiagnostischer Verfahren.

Der weitaus größte Teil des Werkes gehört im Sinne seiner Akzentsetzung als „Praxis der Psychotherapie“ stimmig den „Krankheitsbildern“ (im Text wird dann auch treffender von „Störungen“ gesprochen). Das vorgestellte Spektrum reicht von früher „neurotisch“ oder „psychotisch“ genannten Störungen (Angst, Depression, usw. und Schizophrenie) über somatoforme Störungen bis zu körperlichen Krankheiten mit deutlich psychischer Beteiligung (Asthma, dermatologische Veränderungen) und psychotherapeutischer Behandlungsbegleitung bspw. bei Krebserkrankungen.

Schön, dass auch diese Darstellungen von im Fach und Krankheitsbild tätigen AutorInnen geschrieben werden – ihre Praxisnähe durch Fallbeispiele ist überzeugend.

Die „Besonderen Problemstellungen“ in Teil VI beschäftigen sich mit Notfällen, Kinder- und Jugendlichen-Therapie, Therapie bei und mit Migranten und anderem – auch sie berücksichtigen schwierige Konstellationen des Praxisalltags.

Teil VII schließlich widmet sich der Berufspraxis und thematisiert hier insbesondere gesundheitspolitische und rechtliche Grundlagen, sowie Fragen einer verbindlichen Ethik in der Praxis der Psychotherapie.

Diskussion

Das Buch hat auch in seiner 5. Auflage nichts von seiner Bedeutsamkeit und Aktualität verloren – es zeigt die dynamische Entwicklung im Bereich der Forschung und ihrer Umsetzung in die Praxis überzeugend auf.

Es gilt nach wie vor, was die Autoren in der ersten Auflage als Ziel formuliert haben: Lernenden, Lehrenden und Praktikern einen gut lesbaren und fundierten Ein- und Überblick über die relevanten und aktuellen Themen der Psychotherapie zu geben; hierbei verzichtet es bei aller gebotenen Prägnanz nicht auf gründliche Auseinandersetzungen (Beispiel: Eklektizismus vs. Methodenintegration) und hervorragende Übersichten (als nur ein Beispiel: Kap. 22 Überblick über Testverfahren) und eine überragende Darstellungsklarheit (auch hier nur als ein Beispiel von vielen (Mertens im Kap. 15 über psychoanalytische Ansätze). Dass natürlich EIN Buch nicht alles darstellen kann, was in den Entwicklungen selbst „nur“ der Richtlinien-Verfahren sich abspielt (etwa die Ansätze der sog. Schema-Therapie oder der Akzeptanz- Commitmenttherapie – ACT - im Rahmen der gründlichen und sehr guten Darstellung der Verhaltenstherapie in Kap.17) ist klar.

Umso wichtiger ist die durchgängige Offenheit für – empirisch begründete – Veränderungen im gesamten Feld der Psychotherapie. Wie die Autoren im Vorwort zur 5. Auflage es sagen: hinter den ehemals sich abgrenzenden Therapie-Schulen stecken psychotherapeutische Kompetenzen, die je nach Störungsbild, Persönlichkeit und psychosozialem Setting operational und passend genutzt werden können und müssen – im Sinne einer Verhaltens- und Erlebensoptimierung beim Patienten.

Fazit

Im gesamten Ansatz, in seiner umfassenden Fundierung und Gestaltung ein unverzichtbares Buch in der Aus- und Fortbildung im Psychotherapiekontext!


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 83 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 28.08.2012 zu: Wolfgang Senf, Michael Broda: Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch ; 92 Tabellen. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2012. 5., vollst. überarb. Auflage. ISBN 978-3-13-106095-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13460.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung