socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Seligman: Flourish - wie Menschen aufblühen

Cover Martin Seligman: Flourish - wie Menschen aufblühen. Die positive Psychologie des gelingenden Lebens. Kösel-Verlag (München) 2012. 473 Seiten. ISBN 978-3-466-30934-4. 24,99 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Martin Seligman berichtet im vorliegenden Buch über Ergebnisse der von ihm entwickelten „Positiven Psychologie“ und setzt hiermit in erweiterter Form sein Buch aus 2003 (deutsch) „Der Glücks-Faktor“ mit Anleitungen für ein „gelingendes Leben“ fort.

Autor

Seligman ist 1942 geboren, Klinischer Psychologe und Lehrender an der University of Pennsylvania. Einen Namen in der Psychologie hat er sich zunächst durch das Konzept der „gelernten Hilflosigkeit“ gemacht, sich später immer mehr mit Fragen von Gesundheit und Wohlbefinden befasst und diesbezüglich auch seine Präsidentschaft bei der American Psychiatric Association seit 1997 genutzt.

Entstehungshintergrund

Der Autor selbst (er-)klärt die Motivation zum Schreiben des Buches sehr persönlich: es sei ihm auf Santorin einfach draußen zu heiß gewesen, sodass er sich drinnen an den Schreibtisch gesetzt habe… Natürlich haben ihn die Ergebnisse verschiedener Studien seiner selbst und von Studierenden seiner Veranstaltungen und Kollegen gedrängt, seine Erkenntnisse zum Thema: Was macht eigentlich ein „gelingendes Leben“ aus und wie können wir uns in Richtung hierauf entwickeln? auf den neusten Stand zu bringen und sie als Botschaft möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

Aufbau

Der Autor teilt sein Buch grob in 2 Teile:

  1. Teil 1 beschäftigt sich mit der sog. Positiven Psychologie,
  2. Teil 2 mit „Wegen zum Aufblühen“.

Teil 1 umfasst 5 Unterkapitel, in denen die Entwicklung des Autors selbst hin zur sog. Positiven Psychologie nachgezeichnet wird. Hierbei stellt der Autor zunächst das Konzept von „Wohlbefinden“ dar, fragt danach, was Menschen glücklich macht und grenzt sich entschieden gegen ein Glück durch Medikamente ab, da solch eine „Behandlung“ nicht Heilung, sondern bestenfalls und auf fragwürdige Art Symptomlinderung (wie- so der Autor.- übrigens auch manche Psychotherapie!) bewirken kann. Im Weiteren berichtet Seligman von Versuchen, „seine“ Psychologie in der Lehre (Masterstudiengang und dessen Inhalte) und Erziehung umzusetzen.

Im zweiten Teil wird wiederum in 5 Unterkapiteln über Möglichkeiten und Voraussetzungen des „Aufblühens“ berichtet. Hierbei bezieht der Autor sich überwiegend auf eigene Studien und Auftragsforschung und macht deutlich, welche Merkmale maßgeblich bei der Entwicklung von Fertigkeiten sind, auch unter Schwierigkeiten ein gelingendes Leben zu führen: Entschlossenheit, Charakter und Leistung, so ein Titel des 6 Kapitels. Viele Daten für seine „Aufblüh-Hypothese“ bezieht Seligman aus Fragebogen-Daten, die er im Auftrag des Pentagon an Soldaten erhoben hat- hierauf bezieht er sich mit der Zielrichtung „Eine starke Armee“ im Kap. 6 und baut im Kap 7 mit der Frage hierauf auf, in wieweit man die sich häufenden Belastungsstörungen von Soldaten durch Trainingsmaßnahmen verhindern, ihnen vorbeugen kann. Das anschließende Kapitel befasst sich dann mit positiver körperlicher Gesundheit (Focus: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs-Erkrankungen – auch hierzu Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe um Seligman). Eine Übertragung der geschilderten Erkenntnisse auf die Ebene politischen Handelns wird schließlich in Kap. 10 versucht und schließt das Buch ab.

Inhalt und Diskussion

Wie schon gesagt biete das Buch einen Überblick über den Stand der Positiven Psychologie, die sich -über den Namen von Seligman hinaus- ja durchaus auch in der bundesdeutschen Psychologie-Landschaft etabliert hat. Hierbei beruft der Autor sich immer wieder auf seinen Wissenschaftlichen Background- sicher auch, um sich von quasi-esoterischen Adaptation der Positiven Psychologie abzugrenzen. Er adressiert zudem bewusst den „normalen“ Leser, den er zudem motivieren will, bei sich selbst übend Erfahrungen mit dem Ansatz des Aufblühens zu machen. Es gibt einige Übungen im Buch und auch den von Seligman entwickelten Fragebogen zur Eruierung eigener Charakter-Stärken -hier kann der Leser sozusagen eine Bestandsaufnahme machen und- bisher zu wenig oder nicht entwickelte- Stärken erkennen.

Der Anspruch des Autors ist hoch- aber durchaus kompatibel mit der von ihm vertretenen Positiven Psychologie: „Schon ein flüchtiger Blick auf die Vision des blühenden menschlichen Lebens kann ihr Leben verändern“ (S.15) Allein die Beschäftigung als Leser mit Themen wie Glück, Flow, Sinn, Liebe, Dankbarkeit, Zielerreichung, Wachstum, bessere Beziehungen… könne Menschen schon glücklicher machen! ( S.14)

Es soll den Autor und seine Verdienste nicht herabwürdigen, wenn man sich von euphemistischen Einschätzungen dieser Art abgrenzt: fraglos und vielfach belegt kann der mentale Zustand eines Menschen, seine Orientierung und sein Optimismus / Pessimismus das „Sein“ des Manchen beeinflussen – fraglos ist allerdings auch, dass der Weg zur Veränderung über das Tun geschieht und sich hier reichlich Fallstricke auftun: mancher Weg ins Unglück ist halt durchaus mit guten Vorsätzen gepflastert! Auch wenn der Autor einige ( m.E. enttäuschend wenig) Übungen vorschlägt, unterlässt er es, Hilfestellungen bei der Umsetzung im Alltag zu geben und begibt sich in die Gefahr, dass die Lektüre beim Leser irgendwie dazu führt, zu denken: ja, der Autor hat recht, auch ich kann mehr aus meinem Leben machen: Glück, Gesundheit, Zufriedenheit … nur um schon am nächsten Tag die bittere Wahrheit der Differenz zwischen Gedanken und Handeln zu spüren … und ggf. zu resignieren.

Aus Sicht der Psychologie muss dem Autor der Vorwurf gemacht werden, dass er sich ausschließlich mit eigenen Untersuchungen und deren Ergebnissen zum Thema beschäftigt … wo doch die Gesundheitspsychologie bspw. durchaus kompatible Ereignisse anderer Forscher ähnliche Ergebnisse durchaus auch besser empirisch belegt; bei der Thematik des Autors z.B. die Ansätze zur sog. Salutogenese von Antonovsky und das Konzept des Köhärenzgefühl nicht einmal zu erwähnen, erscheint sträflich oder ignorant. Ganz zu schweigen von der Philosophie und ihrem Bemühen zur Erfassung von Glück – dies nicht einmal respektvoll zu erwähnen, lässt sich kaum erklären.

Unverständlich ist auch, dass der Autor nicht auf die Interaktion von „Sein und Bewusstsein“ eingeht – selbst wenn er dies in seinem Buch nicht ausführen mag, so sollte er auf die Bedeutung von Lebensbedingungen und „Aufblühen“ hinweisen – alles andere erscheint zynisch. Schließlich ist die Wechselwirkung zwischen Person und Situation nicht zu leugnen … auch nicht beim Zusammenhang zwischen Aufgaben und Handeln von Soldaten, ihren fragwürdigen und menschenverachtenden Einsätzen und nachfolgenden Posttraumatischen Belastungsstörung (s.S 183 ff).

Fazit

Natürlich kann man von der These ausgehen, dass bei viel Übel in der Welt und Medienwelt es allein schon verdienstvoll ist, Hoffnung zu machen und Menschen Mut zuzusprechen, ihre Stärken zu entwickeln – bei einem hochqualifizierten Autor erwartet man mehr und Differenzierteres. Seligmans „neues“ Buch bringt inhaltliche nichts Neues. Da es zudem eine sehr auf die Person des Autors bezogenen Perspektive kaum verlassen kann, erscheint die Lektüre zumindest für mit der Positiven Psychologie vertrauten Lesern entbehrlich.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 83 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 18.07.2012 zu: Martin Seligman: Flourish - wie Menschen aufblühen. Die positive Psychologie des gelingenden Lebens. Kösel-Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-466-30934-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13461.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung