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Thorsten Benkel: Die Verwaltung des Todes

Cover Thorsten Benkel: Die Verwaltung des Todes. Annäherungen an eine Soziologie des Friedhofs. Logos Verlag (Berlin) 2012. 172 Seiten. ISBN 978-3-8325-3126-3. 23,50 EUR.

PeriLog - Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung, Bd. 6. Mit einem Beitrag von Matthias Meitzler.
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Thema

Der Tod ist immer und überall eine Angelegenheit der Lebenden als ein Wissen um das eigene Lebensende. Als anthropologische Konstante und entsprechend komplexes Kulturphänomen ist der Umgang mit dem Tod in jeder Kultur und historischen Epoche eine öffentliche Angelegenheit, er setzt Zeichen und ist zugleich jene Wirklichkeit, die außerhalb aller Zeichen liegt (Jacques Lacan). Als höchst universelles Ereignis ist der Tod aber immer auch Symbol für die Individualität des Menschen, denn Sterben bleibt immer das Sterben des Einzelnen. Mit dem Verschwinden kollektiver Sinngebung sterben Individuen, die ihre Integrität noch nach dem Tod zu halten oder zu beweisen suchen. Der Tod zieht zwar eine Grenze zum Leben, doch sind damit zugleich auch alle sozialen Verhältnisse beendet? Eine Frage, die uns in diesem Buch von Thorsten Benkel noch häufiger begegnen wird und die er durch die Integration zweier zunächst unterschiedlicher Perspektiven im Umgang mit Tod in modernen Gesellschaften zu beantworten sucht. Mit dem Wandel der diskursiven Ordnung des Lebensendes in der Moderne geriet auch der Tod zunehmend unter medizinische, rechtliche und bürokratische Kontrolle. Mit der ‚Verwaltung des Todes‘, so Benkel, setzt die Transformation des Lebenden zum Toten ein. Diese wird begleitet von Bestattungsriten, die den Verstorbenen in ein neues Leben einweihen und den Hinterbliebenen die Möglichkeit bieten, den Tod sinnhaft zu erleben. Das Gros der Menschen entscheidet sich nach wie vor, ihre Verstorbenen gemäß traditioneller Zeremonien zu verabschieden. Dies, obwohl der Glaube an ein Leben nach dem Tod und die religiöse Eingebundenheit in bereits bestehende, umfassendere Sinnzusammenhänge heute kaum noch intersubjektiv nachvollziehbar und in ihrer ursprünglichen Form verstehbar sind. In diesem Zusammenhang erlangen auch Friedhöfe an Bedeutung, begreifbar als Orte der Erinnerung oder lediglich als Orte der Entsorgung, wie sie oft in einem Atemzug mit einem zunehmenden Verfall der Friedhofs- und Bestattungskultur genannt werden. Mit dem Gedanken der ‚Verräumlichung‘ des Sterbens werden Fragen nach Sinnzusammenhängen menschlichen Handelns akut und man begreift, dass auch ein Friedhof eine Form des reflektierten Umgangs mit Ereignissen und Zusammenhängen der Vergangenheit ist, die über die Trauer- und Erinnerungsleistung hinaus Beständigkeit gewährt. Vor diesem Hintergrund gesellschaftlicher Relevanzen versucht Thorsten Benkel eine ‚Annäherung an eine Soziologie des Friedhofs‘ und damit den Sinnrahmen der Sepulkralkultur als Erscheinungsform, die mit Tod, Bestattung und Totengedenken zu tun hat, aus seinem Schattendasein in der Soziologie zu befreien.

Autor

Thorsten Benkel, geboren in Kaiserslautern, ist seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte und Systematik sozialwissenschaftlicher Theoriebildung im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Wissenssoziologie, Mikrosoziologie, Empirische Sozialforschung, Rechtssoziologie, Soziologie der Sexualität und Soziologie der Kunst. Nach absolviertem Abitur im Jahre 1997 begann er 1999 das Studium der Soziologie, Psychologie und Neueren Deutschen, das er 2003 abschloss und noch im selben Jahr sein Zweitstudium der Philosophie begann. 2006 folgte die Promotion zum Dr.phil im Studienfach Soziologie. Zurzeit verfasst er seine Habilitationsschrift über „Beobachten und beobachtet werden – Zur sozialen Relevanz von Visualität.“ Benkel ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, in denen er wesentliche Erkenntnisse vor allem aus Projekten einer Leserschaft näherbringt, darunter unter anderem eine Sozialstrukturanalyse des Frankfurter Bahnhofsviertels (2010) sowie gemeinsam mit Fehmi Akalin „Soziale Dimensionen der Sexualität“ (2010).

Entstehungshintergrund

Die gesellschaftlichen Veränderungen seit dem späten 20. Jahrhundert haben neue Lebenswelten hervorgebracht, die auch den Umgang mit Sterben und Tod, vor allem fehlender, konkreter Erfahrungen und Sprachen, berühren und folglich aus zweiter Hand geprägt sind. Eine dieser Entwicklungen ist auch die Professionalisierung des Bestattungsgewerbes und der Wandel des Trauerverhaltens. Die zunächst entlastende Wirkung bürokratischer Abläufe führt zur Unfähigkeit, Tod und Trauer eigenständig zu durchleben. Durch diese Entwicklung und die zunehmende Entfremdung im Umgang mit dem Tod lösen sich jene traditionellen Verhaltensmuster und Rituale ab, die auf konkreten sozialen Kontakten beruhen. Damit hat der Tod seine feste gesellschaftliche Verortung verloren, dies im wahrsten Sinn des Wortes, denn anhaltende Säkularisierungstendenzen und die zumindest in den Städten immer beliebtere zeichenlose Bestattung sind Ausdrucksformen einer Gesellschaft, in der eine besondere emotionale Bindung an bestimmte Gedächtnisorte keinen Sinn mehr zu haben scheinen. Während in der Öffentlichkeit die sinnlich-konkrete Präsenz von Tod, Trauer und Erinnerung immer weniger zu beobachten ist, spielt diese Tendenz auf den Friedhöfen selbst nur eine marginale Rolle, denn das Gesamtbild der Friedhöfe verändert sich nur allmählich und schrittweise. Anhand von ‚Spaziergängen‘ durch verschiedenste Friedhofsanlagen groß- und kleinstädtischer Gemeinden zeigt der Buchband exemplarisch Einblicke in den Status quo der Sepulkralkultur. Dass es hier nur um eine erste ‚Annäherung an eine Soziologie des Friedhofs‘ gehen kann, verdeutlicht bereits der Untertitel des Buches, und ist weiter zu verstehen, wenn man die Schwierigkeit dieses Unterfangens in seinem Ausmaß begreift, sowohl, was hinter dem Friedhof als Ort der ‚Verräumlichung‘ und seiner soziologischen Deutung steht, als auch in der Frage nach der ‚Präsenz der Sinnsetzung‘ und Sinnzuschreibung.

Aufbau und Inhalt

Vorliegendes Buch ist als Band 6 in der Reihe ‚PeriLog- Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung‘, herausgegeben von Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt, im Logos Verlag Berlin erschienen. Der Buchband umfasst gut 170 Seiten Text und Abbildungen sowie ein einführendes Kapitel von Matthias Meitzler. Neben Prolog und Epilog besteht der Hauptteil aus drei Kapiteln, die in mehrere Unterkapitel unterteilt sind.

Während zunächst im „Prolog: Musik für das Ende“ einleitende Erläuterungen und eine erste Hinführung zum Entstehen des Beitrages und zum Thema geliefert werden, nimmt Matthias Meitzler eine erste Analyse der institutionellen (Ausgliederungs-)Mechanismen vor, die losgetreten werden, „Wenn einer stirbt…“. Mechanismen, die greifen, wenn der Tod nicht unerwartet und plötzlich passiert. In dieser soziologischen Deutung des Verständnisses von Sterben und Tod heute zeichnet er die Entwicklung der Professionalisierung des Bestattungsgewerbes als Antwort auf den ‚Verlust der Primärerfahrung‘ (Klaus Feldmann) im Umgang mit Sterben und Tod nach. Den praktischen Aufgaben enthoben, wird die gesamte Organisation von ExpertInnen in die Hand genommen. Der Weg führt weiter, weg vom ‚Arbeitsobjekt Leiche‘, weg von einem inszenierten Verabschieden hin zur ‚Letzten Ausfahrt: Friedhof‘ und der Frage nach den Bestattungszeremonien und Übergangsriten. Im Anschluss skizziert Thorsten Benkel ‚Konturen einer neuzeitlichen Soziologie des Friedhofs‘ in Anbetracht der gesellschaftlichen Bedeutung der Sterblichkeit.

In Kapitel 1, „Die Gemeinschaft der Toten“, wird die Bedeutung des Friedhofs als sozialer Ort und seine Funktion einer symbolischen Vergemeinschaftung über den Tod hinaus in mehreren Unterkapiteln umrissen. Die Ausführungen beginnen mit einem Zitat, „Es ist noch keiner vergessen worden“, das zweierlei beinhaltet: einerseits die ‚Dimension des Gedenkens‘, die Potenzialität des Erinnerns beinhaltend, die ihre Verortung am Friedhof wiederfindet; anderseits aber spiegelt die Aussage auch die Unausweichlichkeit des Todes wider, denn wir alle müssen sterben. Daran erinnern Grabsteine und Grabinschriften, Bilder, Symbole und Artefakte, nicht nur für die Hinterbliebenen zur Trauer- und Verlustverarbeitung, sondern prinzipiell für jeden, der des Weges kreuzt. Sie geben Zeugnis über die Einzigartigkeit des Menschen, seine Singularität, und die Gewissheit, einmal Teil einer Gemeinschaft gewesen zu sein, bis der Tod die soziale Ordnung aufgehoben hat. Tatsächlich aber ist das individualisierte Grab eingebettet in den Kollektivraum Friedhof in seiner eigenwilligen Vergemeinschaftung unter vielen Toten. „Friedhöfe sind per se Orte der Kollektivierung und zugleich/dadurch auch Areale der Versöhnung von Individualität und Gemeinschaft“ (S. 51.). Dass die Erinnerung an den Verstorbenen wichtig und zugleich Leistung der Hinterbliebenen ist, drückt sich nicht nur in Grabinschriften (‚unvergessen‘) aus, sondern zeigt sich auch in der Trauer und ihrer Zeitlichkeit. In der Totenfeier, im Begräbnis und im Gräberkult zeigt der Gestorbene sich als Verstorbener. In Trauer und Erinnerung gehen wir mit ihm wie mit einem Lebenden um. Verlust und Erinnerung stehen in einem Spannungsverhältnis, die Trauer zeigt uns, dass die Situation, wie sie einmal war, nicht mehr gegeben ist. Von der Gemeinschaft auferlegt ist die Trauer eine ‚Pflicht‘ (Emile Durkheim), eine ‚rituelle Handlung‘, losgelöst vom Empfinden des Einzelnen. Ziel der Rituale ist es, das Überleben der Gruppe zu sichern, Bindungen der Hinterbliebenen und die Solidarität zu stärken, die Lücke, die durch den Toten hinterlassen wird, wieder zu schließen. Damit verbürgt der Tod des Einzelnen die Gewissheit des Überlebens der Gemeinschaft. Ausführungen über das „Image des Todes“ führen zum „Sterben der anderen“ und schließen den Kreis mit „Ordnung und Mysterium“. Den Tod als Mysterium zu begreifen, besteht vor allem darin, dass er ein Mysterium ist (S. 81). Wie über den Tod gesprochen wird, ist das Ergebnis von Betrachtungsweisen, die vor der Erfahrung des Todes stehen, wir sprechen also von Erfahrungen, die wir nicht selbst gemacht haben und darum zu ‚Erfahrungen der Kommunikation‘ werden. Unser Wissen vom Tod ist zunächst die Erfahrung, dass andere Menschen sterben, oder deutlicher: wir erfahren den Tod der anderen nicht wirklich, sondern sind nur dabei. Es ist das individuelle Verbundensein zu einer konkreten Person und nicht der Tod des anderen im Allgemeinen, nicht das bloße Miterleben des Todes, das die Verbindung zum eigenen Tod herstellt. Der Tod jedoch, der gefürchtet oder mithin sogar verdrängt wird, ist der eigene Tod und der der Tod der Menschen, die einem nahe stehen. Der Tod wird damit zum Ereignis, das geschieht, und zwar alltäglich und permanent, unausweichlich in seiner Unvermeidbarkeit. „Der Tod verspricht, wenn man so will, inmitten einer Welt, deren Funktionieren in vielen Bestandteilen auf der Erfassung und Systematisierung des Gegebenen und Tatsächlichen beruht, einen (un-)heimlichen Einblick in die Sphäre des Undenkbaren“ (S. 82).

Kapitel 2, „Die Gesellschaft des Friedhofs“, versucht zunächst die Frage nach dem Schattendasein soziologischer Diskurse zum Thema Friedhof und Tod (trotz bedeutsamer Pionierarbeiten) zu beantworten, Forschungsfelder, die innerhalb der Soziologie und Sozialwissenschaften schwach entwickelt und mangelhaft strukturiert scheinen, in dem aber auch die Grenzen der Soziologie sichtbar werden. „An der Endstation des Sozialen“ wird deutlich, dass der Friedhof tatsächlich als solches begreifbar scheint, weil es kein Fortleben mehr gibt. Auf der anderen Seite bietet er aber einen Ort, der Mitglieder post mortem vereint, ihnen im Tode quasi eine ‚Rück-Vergemeinschaftung‘ gewährt, die zu Lebzeiten und unter Anbetracht von Individualisierungstendenzen schon nicht mehr gegeben oder gar entfallen ist. Die Individualisierung macht auch vor der Verwaltung des Todes nicht halt, niemand ist toter als der andere und trotzdem sind die vielfältigen gesellschaftlichen Verhältnisse noch nach dem Tod wahrnehmbar, z.B. in der Art und Weise, wie Gräber gestaltet werden. Trotz Differenzen in der Grabgestaltung besticht der Friedhof der westlichen Kultur im Auge des Betrachters durch eine stabile, rationale Ordnung, er bildet also eine Einheit, die stärker an ‚Materialitäten‘ denn an konkreten sozialen Prozessen festzumachen ist (S. 100). Weiterführend beleuchtet Benkel ‚Lebenszeitverlustumstände‘, den Umgang mit der Zeit und den richtigen Zeitpunkt des Todes. Sozial tradierte Denkmuster und gesellschaftliche Bewertungen zwischen gutem und schlechtem Sterben/Tod beruhen auf dem Bedürfnis, dem Unausweichlichen einen Sinn zu geben. Im Zerrinnen der zunächst individuellen Lebenszeit liegt jedoch auch ein allgemeines Problem: „das Wissen, das man lebt im Angesicht des ‚todsicheren‘ Sterbens, muss gesellschaftlich so verwaltet werden, dass es alle anderen, ‚begrenzteren‘, weniger ‚letztgültigen‘ Wissensbestände nicht überlagert“ (S. 104). Von Interesse für Friedhofsbürokratiker ist weniger wichtig, wer stirbt, als vielmehr, dass gestorben wird. Nur so treten routinierte und gleichförmige Abläufe in Gang, trotz Individualität der Toten, die das Markenzeichen dahinterliegender Professionalisierung zeigen, die das Sterben als ‚expressive Normalität‘ inkorporieren. Im Abschluss dieses Kapitels beschreibt der Autor einzelne Dimensionen (juristische, materielle, ökonomische und moralische), die im ‚Sinnrahmen Friedhof‘ vereinigt sind. Sie sind generell von Bedeutung, wenn ein Todesfall eintritt und insbesondere bei der Gestaltung von Gräbern.

Im letzten Kapitel 3, „Bilder, Gräber, Leichen“, steht zunächst die sich veränderte Grablandschaft im Mittelpunkt, die, so der Autor, den Besucher zuweilen überrascht, schockiert und fasziniert (S. 128). Dies im Gegenzug zu der pietätvollen Zurückhaltung der Friedhöfe, die, so scheint es, eben dieses Verhalten bewirkt, das tief in uns verwurzelt liegt und erst gesamtgesellschaftlich in seiner ganzen Tragweite zu fassen ist. Erstaunlich dann doch die Erkenntnis, dass jede noch so ausgefallene Gestaltung ‚Kernfunktionen‘ erfüllt. Benkel resümiert, dass Friedhöfe sich nicht zur „Darstellung fundamentaler Ichbezogenheit“ (S. 131) eignen, noch, dass sie als Orte für die Toten verschwinden, wie gerne konstatiert wird. Beziehungen zu den Erinnerungsorten sollen sich in einem grundlegenden Sinn verändert haben, und damit auch zu den Orten von Tod und Trauer. Sie werden zu partikularisierten Lebenswelten mit Durchgangs-Charakter, vergleichbar mit den ‚Nicht-Orten‘, wie sie der französische Ethnologe Marc Augé beschrieb. Das Flüchtige wird zum Selbstverständlichen und lässt alles Dauerhafte als historisches Relikt erscheinen. Von Widersprüchen geformt auch der Umgang mit dem toten Körper, die Vorstellung des verwesenden Körpers von Personen, die uns nahestanden, ist uns gänzlich fremd. Fotografien am Grabstein zeigen Abbilder einer Realität, die nicht mehr gegeben ist, bereits schon nicht mehr, wenn durch spezialisierte Maskenbildner die besänftigende Inszenierung der Leiche begonnen hat. So ist der Friedhof ein Ort, wo Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des Todes aufeinanderprallen. Man soll zwar wissen, dass sich hier Leichen(-reste) befinden, aber diese nicht ‚wahrnehmen‘. „Auf dem Friedhof wird das Totsein des Körpers dadurch evident, dass es verborgen gehalten wird.“ (S. 137). Einen abschließenden Blick wirft der Autor auf die anonyme Bestattung und die Bebilderung der Grabstätten, das Potenzial einer Lebendigkeitserinnerung und den Nachweis von Individualität beinhaltend.

Das Buch schließt ab mit einem Epilog des Autors und gleichnamigen Zitat von Bernhard H.F. Taureck (2004): „Der Tod ist wie das Liebesleben deiner Nachbarn.“

Diskussion

Thorsten Benkels Arbeit ist gleichsam die Synthese seiner (bisherigen) Erkenntnisse und setzt da ein, wo die Soziologie bislang ihr Interesse verloren hat – am Friedhof als Ort kultureller Einrichtung, der den Lebenden dient. Der sich eröffnende Sinnstiftungshorizont ist von gesellschaftlich hoher Relevanz im Angesicht der Erkenntnis, dass wir alle sterben und die Toten aus den Blicken, aus den Händen, den Häusern und Wohnungen verschwinden und damit eine Leerstelle formieren, die durch reines Wissen um die Sterblichkeit nicht geschlossen werden kann. Der Umgang mit den Toten ist zu einer Angelegenheit für Bestatter und Friedhofsbürokraten geworden. Allein sich dies vor Augen zu halten, stimmt nachdenklich. Und diese Nachdenklichkeit hört nicht auf angesichts der Erkenntnis, dass die Verwaltung des Todes lediglich für den toten Körper und dessen Transformation zuständig ist, nicht jedoch für den psychosozialen Zustand der Hinterbliebenen. Erst der Friedhof als Ort von Trauer- und Erinnerungsleistung setzt Möglichkeiten zur Sinnstiftung und symbolischer Abschiedsrituale, damit erfüllen Friedhöfe auch in der heutigen Zeit eine nicht zu unterschätzende Funktion. Gräber als lokalisierte Orte binden Hinterbliebene an ihre Vergangenheit, denn der Verstorbene ist Teil der Geschichte. Für jede kulturgeschichtliche und vor allem sozialwissenschaftlich interessierte Leserschaft wird Benkels spezifische Sicht auf diesen sozialen Raum aus der Innenperspektive eindrücklich in Erinnerung bleiben. Benkel eröffnet eine neue Welt und es gelingt, zugegebenermaßen mit ein wenig Selbstironie, dem Tod seinen mysteriumshaften Schleier zu lüften, wider aller Sprachlosigkeit und Kommunikationshemmungen, die uns im Umgang mit dem Tod in der Alltäglichkeit begegnen. Ein besonderes Moment liegt in der Haltung, die sich aus der strikt gewahrten, aber paradox anmutenden Beobachterperspektive ergibt, mit der sich der Autor dem Gegenstand nähert. Denn allein die Tatsache, als Untoter über den Tod zu schreiben, gibt dem Ganzen etwas Skurriles. Wie Benkel resümiert, sind es immer die Lesarten und Erinnerungen der Lebenden, die Aufschluss über das Sterben und den Tod geben, die Toten selbst „irritieren“ nicht mehr. Was uns der Titel verspricht, nämlich eine ‚Annäherung an eine Soziologie des Friedhofs‘, ist hier durchaus und in der Komplexität des Dargestellten gelungen in seiner Integration von Verwaltung und Bürokratie und dem Friedhof als Endstation institutionalisierter Abläufe, und lässt vorerst kaum Fragen offen. Die in Aussicht gestellten vertiefenden Studien genannter Autoren können getrost mit Spannung erwartet werden.

Fazit

Der Buchband wird sicherlich seinem hohen Anspruch gerecht, nicht nur aufgrund der Originalität des Unterfangens und der Eröffnung bis hierin wenig erfasster Blickwinkel auf die Endlichkeit und darüber hinaus. Hervorzuheben ist gesondert der Neuwert der hier erbrachten Erkenntnisse für die Kultur- und Sozialwissenschaften, insbesondere für die Soziologie, darüber hinaus aber durchaus empfehlenswert als gesamtgesellschaftlicher Beitrag für eine breitere Leserschaft auf sprachlich hohem Niveau.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 16.07.2012 zu: Thorsten Benkel: Die Verwaltung des Todes. Annäherungen an eine Soziologie des Friedhofs. Logos Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8325-3126-3. PeriLog - Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung, Bd. 6. Mit einem Beitrag von Matthias Meitzler. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13470.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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