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Karin Richter, Monika Plath: Lesemotivation in der Grundschule

Cover Karin Richter, Monika Plath: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 231 Seiten. ISBN 978-3-7799-1337-5. 26,95 EUR.

Reihe: Lesesozialisation und Medien.
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Hintergrund und Aufbau

Die Autorinnen bearbeiten auf dem Hintergrund der fachdidaktischen Diskussion den Lese- und Literaturunterricht in der Grundschule. Ihrer Meinung nach ist die Reduktion des Leseunterrichts auf das Erreichen von Lesekompetenz im Sinne der Beherrschung einer Kulturtechnik, einhergehend mit der Förderung der Lesemotivation, nicht hinreichend. Wer Lesen als das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft ansieht muss daher bereits in der Grundschule neue Wege gehen und altersangemessen Literatur einschließlich ihrer didaktischen Aufbereitung vorantreiben. Literaturästhetische Betrachtung soll nicht erst im Gymnasium beginnen!

Diese durchaus provozierende Argumentation wird auf der Basis der Erfurter Studie (2001) im Vergleich zu Studien des Sächsischen Bildungsinstituts (2008) untersucht. Die repräsentative „Erfurter Studie“ erfasste 1.200 Schülerinnen und Schüler, deren Eltern sowie die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Die teilweise parallelisierte Vergleichsstudie mit 750 Schülerinnen und Schülern aus Sachsen ist dementsprechend reduzierter. Genau genommen handelt es sich nicht um die 3. Auflage, sondern um die überarbeitete 3. Auflage. Diese gliedert sich in den ersten Teil zu Aufgaben und Zielen des Lese- und Literaturunterrichts, in die empirische Untersuchung als dem zweiten Teil und im dritten Teil werden Konsequenzen anhand von sechs praktischen Unterrichtsbeispielen dargestellt.

Inhalt

Ein Grund für die Besonderheit der „Erfurter Studie“ liegt in der Befragung von Kindern unter zehn Jahren. Die Autoren stellen deshalb zunächst überzeugende Überlegungen zur Glaubwürdigkeit der gegebenen Antworten an. Im Mittelpunkt des angestrebten Erkenntnisgewinns steht die Frage nach der Entstehung von Lesemotivation. Untersucht werden u.a. Einflussfaktoren wie Schule, Familie, Peergroup, Nutzung von Print- und audiovisuellen Medien sowie die allgemeinen Freizeitinteressen. Jungen und Mädchen werden in ihren unterschiedlichen Nutzungsmustern dargestellt wobei die Lesemotivation bei Mädchen signifikant stärker hervortritt. Sportliche Betätigung nimmt bei den Freizeitbeschäftigungen bei Mädchen und Jungen den ersten Rangplatz ein. Miteinander Spielen hat ebenso eine hohe Wertigkeit. Das Fernsehen kann nicht ohne weiteres als mächtige „Lesebremse“ gesehen werden; die Autorinnen verweisen auf komplexere Zusammenhänge. Hohe und differenzierte Aufmerksamkeit wird in der Studie der Lieblingslektüre der Schülerinnen und Schüler gewidmet wobei „Harry Potter“ von J.K. Rowling eine unerreichbare Spitzenposition einnimmt (2001! Zu diesem Zeitpunkt lag noch keine Filmversion vor).

Ein wichtiger Einflussfaktor im Rahmen der Schule ist der Deutschunterricht. Spaß an diesem Unterricht nimmt bei Jungen und Mädchen von der 2. Klasse bis zur 4. Klasse kontinuierlich ab. Dies geht einher mit einer suboptimalen Literaturauswahl bzw. Literaturangebotes durch die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer im Deutschunterricht. Die Forscherinnen erkennen sogar einen Widerspruch zwischen kindlichen Lesepräferenzen und der jeweiligen Literaturbearbeitung. Dies trifft besonders auf die sogenannte Anschlusskommunikation zu, d.h. der weitgehend nicht oder doch zu wenig erfüllte Wunsch des Kindes mit Mutter, Vater, Freunden aber eben auch mit den Lehrkräften über das Gelesene aber auch das Gesehene zu sprechen ist sehr hoch. Die reale Häufigkeit ist natürlich deutlich niedriger aber beides, Wunsch und Häufigkeit, sinkt bezogen auf die zuständige Lehrerschaft massiv ab. Mehrfach verweisen die Befunde auf eine ausgeprägte soziale und kulturelle Schichtspezifik hin: Lesehäufigkeit und Lesemotivation ist abhängig vom frühen Vorlesen und dieses Vorlesen korreliert wiederum mit dem sozialen Status der Eltern (u.a. gemessen an der Zahl der sich im Haushalt befindlichen Bücher). Beide Befunde, die gering ausgeprägte Anschlusskommunikation durch die Lehrkräfte und die genannte Schichtspezifik, sorgen für ein Defizit im Bereich der Lesekompetenz, welche, wie bereits gesagt, bei Jungen noch geringer ausgeprägt ist als bei Mädchen. Es gilt die vorhandenen literarischen Kompetenzen sowie die vorhanden Vorlieben und Wünsche der Kinder, bei der Entwicklung der Lesekompetenz weitaus stärker zu berücksichtigen.

Zum Ende des zweiten Teils wird aus o.g. Gründen das Vorlesen in öffentlichen Räumen erörtert und auf entsprechende bundesweite Initiativen hingewiesen. Das wichtige Erlebnis des Vorlesens soll damit auch Kindern nahegebracht werden, die aus lesefernen Elternhäusern kommen. Der Teil III zeigt an sechs praktischen Unterrichtsbeispielen wie Lese- und Literaturunterricht gestaltet werden kann. Die Autorinnen vertreten die Auffassung, dass der Einbezug entsprechender Literatur und der Einsatz vielfältiger Medien ebenfalls motivierend wirkt und Unterforderung vermeidet. Beispiele sind u.a. E.T.A. Hoffmanns oder auch Erich Kästners Literaturschaffen entnommen. An Wolf Erlbruchs „Die fürchterlichen Fünf“ (Kröte, Ratte, Fledermaus, Spinne, Hyäne) wird z.B. auf dem Hintergrund didaktischer und methodischer Überlegungen gezeigt wie eine anspruchsvolle Tiergeschichte motivierende Herausforderungen entfalten kann. Zugänge zum Text über Illustration, Vorlesen, Gespräch und Eigenproduktionen der Schülerinnen und Schüler werden durch entsprechende Texte und Bilder in den Praxisbeispielen wiedergegeben.

Diskussion

Die „Erfurter Studie“ verweist zweifelsohne auf eine defizitäre Phase in der Entwicklung der Lesekompetenz. Gerade auch angesichts der Ergebnisse in den PISA - Studien zeigt die Forschungsergebnisse einen konstruktiven Weg auf. Dieser Weg ist allerdings sehr unterrichtsbezogen und sieht kaum außerunterrichtliche Möglichkeiten.: Unterstützung durch Lesepatinnen und Lesepaten, thematisch ausgerichtete Elternarbeit, Vorlesenächte in der Schule sind dazu nur einige Hinweise. Wünschenswert wären einige Anmerkungen zum Gelingen der veränderten fachdidaktischen Ausrichtung bezüglich der Lesekompetenz und der Lesemotivation. Dass auf Migrationszusammenhänge beim Erwerb von Lesekompetenz nicht eingegangen wird muss kritisch angemerkt werden. Hier zeigt sich auch, dass die Verengung auf die Untersuchungsregion der Landeshauptstadt Erfurt eben nicht repräsentativ ist. Ob die Studie nach wie vor aktuell ist, wie die Autorinnen meinen, darf bezweifelt werden. So kann die Mediensozialisation der Grundschulkinder nach mehr als zehn Jahren nicht mehr nur auf das Fernsehen reduziert werden und ebenso haben sich die Deutschcurricula in den Grundschulen geändert. Zum Beispiel sind in Nordrhein-Westfalen Kinderliteratur und der ästhetische Wert von Sprache als Lernziele in der vierten Klasse im Lehrplan ausgewiesen.

Fazit

Es wird ein wichtiger „Bildungsbaustein“ bezüglich der Erforschung der Entwicklung von Lesekompetenz und Lesemotivation analysiert. Die Umsetzung der Erkenntnisse in die unterrichtliche Lesepraxis in der Grundschule macht den Band zu einer Hilfe für den Unterricht und seine didaktische Reflexion.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 28.08.2012 zu: Karin Richter, Monika Plath: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-1337-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13475.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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