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Bernd Dollinger, Fabian Kessl u.a. (Hrsg.): Gesellschaftsbilder sozialer Arbeit

Cover Bernd Dollinger, Fabian Kessl, Sascha Neumann, Philipp Sandermann (Hrsg.): Gesellschaftsbilder sozialer Arbeit. Eine Bestandsaufnahme. transcript (Bielefeld) 2012. 214 Seiten. ISBN 978-3-8376-1693-4. 24,80 EUR.

Reihe: Sozialtheorie.
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„Soziale Arbeit fördert den sozialen Wandel“,

auf der Grundlage der Menschenrechte und sozialen Gerechtigkeit, so definiert die International Federation of Social Workers (IFSW) das Wissenschafts-, Berufs- und Tätigkeitsfeld Soziale Arbeit. Die Aufgabenbereiche der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen unterliegen demnach den individuellen und gesellschaftlichen Ansprüchen des Innovierens, des Interventionierens, des Begleitens und des Helfens von Menschen bei ihrem Zusammenleben mit Mitmenschen in der jeweiligen Gemeinschaft wie in globalen Zusammenhängen. Chancen wie Dilemmata werden dabei sofort deutlich, macht man sich bewusst, dass der anthrôpos, der Mensch, im Sinne des philosophischen und ethischen Denkens ein vernunftbegabtes und als zôon politikon auf Gemeinschaftlichkeit und Sozietät angewiesenes Lebewesen ist (Aristoteles); gleichzeitig aber als „Mängelwesen“ (Arnold Gehlen) ein irrendes, fehlgeleitetes, manipulierbares und sozialschädliches Verhalten zeigen kann. So wird verständlich, dass sich im wissenschaftlichen Diskurs wie in der praktischen sozialen Arbeit eine Reihe von Theoriebildungen und Konzepte entwickelt haben, die sich in Begrifflichkeiten darstellen, wie „Kritische Theorie der Sozialen Arbeit“ (Mollenhauer u.a.), „Ökosoziales Paradigma“ (Wolf Rainer Wendt), „Systemische Sozialarbeit“ (Peter Lüssi), „Postmoderne Sozialarbeit“ (Heiko Kleve, Jan V. Wirth), „Theorie der Sozialraumorientierung“ (Wolfgang Budde, Gudrun Cyprian, Frank Früchtel), „Theorie der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“ (Hans Thiersch), „Life-Modell“ (Germain/Gittermain), „Empowerment-Ansatz der Sozialen Arbeit“ (Norbert Herriger), „Reflexive Sozialpädagogik“ (Bernd Dewe, Hans-Uwe Otto)…, bei denen entweder pädagogische, oder/und fürsorgliche bzw. intervenierende Aspekte im Vordergrund stehen. Dass diese Unterscheidungen unbefriedigend sind und den verschiedenen pädagogischen und in der Sozialen Arbeit tätigen Professionen nicht gerecht werden, hat in wissenschaftlichen, verbandsbezogenen und in der praktischen Tätigkeit von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern Bedeutung.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Soziale Arbeit gründet auf und spiegelt (natürlich!) die jeweilige gesellschaftliche Situation wider. Die Konzepte und Aufgabenbereiche balancieren deshalb auf den gesellschaftlichen Prozessen von Anpassung und Widerstand, von Forderung und Förderung und von Idealvorstellungen und Wirklichkeiten. Diesen (an sich) selbstverständlichen Annahmen steht die Beobachtung gegenüber, dass es bisher, im Diskurs des Seins und Sollens von Sozialer Arbeit wenig Antworten darauf gibt, „welche Gesellschaftsbilder in der Sozialen Arbeit gegenwärtig zur Anwendung kommen, und in welcher Weise ‚Soziale Arbeit‘ innerhalb dieser jeweiligen Gesellschaftsbilder gefasst wird“.

Es ist also die „kontextabhängige Praxis“, die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit bestimmen, wie dies die Herausgeber des Sammelbandes „Gesellschaftsbilder Sozialer Arbeit“ als Bestandsaufnahme vorlegen: Der Sozialwissenschaftler Bernd Dollinger vom Department Erziehungswissenschaft und Psychologie der Universität Siegen, der Erziehungs- und Politikwissenschaftler vom Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Universität Duisburg/Essen, Fabian Kessl, der wissenschaftliche Mitarbeiter Sascha Neumann von der Universität Luxemburg und der Sozialwissenschaftler Philipp Sandermann von der Universität Trier.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einführung durch das Herausgeberteam beginnt Sascha Neumann mit einem historischen und aktuellen Theoriediskurs über die Positionen und den Stellenwert der Sozialen Arbeit als Kritik der Gesellschaft: „Wirklichkeit und Möglichkeit“. Dabei wird deutlich, dass es in der heute eher selbstverständlichen Auffassung, dass „Soziale Arbeit (gesellschafts-)kritisch sein muss“, nicht nur einer „Kritik der Kritik“ bedarf, sondern in Beziehung gesetzt werden muss, dass das jeweils vorherrschende Gesellschaftsbild nicht absolut und scheinbar eindeutig festgelegt werden kann.

Sascha Neumann und Philipp Sandermann reflektieren im zweiten Beitrag „Gesellschaft mittlerer Reichweite“, indem sie über „Alltag, Lebensweltorientierung und Soziale Arbeit“ nachdenken. Die Ansprüche der Lebensweltorientierung, die sowohl als „analytische wie normative Theorie aufzutreten“, lässt sich erkennen, dass „im Zuge der alltags-/lebensweltorientierten Transformation der kritischen Alltagstheorie in eine alltags-/lebensweltorientierte, handlungsleitende Theorie ( ) sich das ursprüngliche Gesellschaftsbild der kritischen Alltagstheorie (verändert)“. Um aber „reflexiv sozialwissenschaftliche Beschreibungs- und Erklärungsmodelle zur Sozialen Arbeit entwerfen zu können…, erscheint es unabdingbar, die Soziale Arbeit … konsequenter selbst inmitten der gesellschaftlichen Wirklichkeit anzusiedeln“.

Bernd Dollinger formuliert „Ansätze der Modernisierung und Individualisierung als Referenzen sozialpädagogischer Selbstvergewisserung“, indem er für eine „feste Ordnung des Sozialen“ plädiert und fragt, inwieweit sich die Individualisierungsannahmen in den Modernisierungstheorien für die Soziale Arbeit selbstbestimmend und selbstversprechend auswirken, was bedeutet, dass in der Sozialpädagogik deutlicher „nach der Relevanz von Modernisierungsnarrativen geforscht werden“ sollte.

Philipp Sandermann diskutiert mit seinem Beitrag „Die kommunitaristische Gesellschaft der Sozialen Arbeit“ die Bedeutung des Gesellschaftsbildes des Kommunitarismus im Grundsätzlichen und insbesondere in der bundesdeutschen Sozialpolitik und Sozialarbeitsdebatte. Er erkenne anti-soziale Tendenzen und zeigt mit den Macht- und Deutungsmustern auf, dass „jeder gesellschaftliche Konflikt ( ) zum Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft (wird)“, was wiederum bedeutet, dass das so geformte kommunitaristische Gesellschaftsbild „aktuell seitens des sozialpolitischen und sozialarbeiterischen Feldes zu einer fortwährenden Sicherung und (Re-)Etablierung des wohlfahrtssystemischen Apparats genutzt“ wird.

Die Sozialwissenschaftlerin an der Alice Salomon Hochschule in Berlin, Bettina Hünersdorf, setzt sich mit dem „Gesellschaftsbild der Systemtheorie“ auseinander. Sie stellt fest, dass die Systemtheorie, wie sie z. B. von Niklas Luhmann entworfen wurde, im sozialpädagogischen Theoriediskurs eine große Aufmerksamkeit und Anwendung findet, aber auch äußerst kontrovers diskutiert wird. Den Angelpunkt sieht die Autorin im wesentlichen in der Frage, wie in der Systemtheorie soziale Ordnung in der Gesellschaft verstanden und möglich wird, die sie dadurch beantwortet, dass „die Systemtheorie ( ) systematisch zur Desillusionierung in der Sozialpädagogik bei(trägt)“, was aber gleichzeitig „eine Soziologie des Hilfssystems“ ermöglicht; jedoch nur dann, wenn es dem systemtheoretischen Projekt der Sozialpädagogik gelingt, sich empirisch auszurichten.

Fabian Kessl nimmt Stellung „zur diskursanalytischen Thematisierung von Gesellschaft“, indem er auf die Diskrepanz verweist, wie sich diskursanalytische Bestimmungsversuche in der deutschsprachigen Debatte um Soziale Arbeit darstellen, nämlich entweder als empirisch-methodische Zugangsweise, oder als theorie-systemische Modelle im Verbund mit anderen sozialtheoretischen Ansätzen. Der Autor sieht im diskursanalytischen Ansatz die Chance für einen methodologischen Perspektivenwechsel „hin zu einem zunehmend mikroformatigen Fokus“, und damit „einen entscheidenden Beitrag sowohl zur gegenwartsanalytischen Verortung Sozialer Arbeit als auch zur laufenden Neujustierung einer angemessenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Methodik“.

Christian Schütte-Bäumer, Fachbereichsleiter Soziale Arbeit/Sozialwissenschaftliche Forschung der PalliativTeam gGmbH in Frankfurt/M., beschließt den Sammelband mit seinem Beitrag „Anerkennung von Gewicht“, indem er in den kontroversen Diskurs über „intelligible Identitäten“ eingreift. Es geht um die Frage, wie subjekt- und gerechtigkeitstheoretisch bestimmt werden kann, „wie sich Kriterien für ein gerechtes Leben in einer gerechten Gesellschaft sozialpolitisch wie auch philosophisch fassen lassen“. Dabei setzt er sich mit den Positionen auseinander, wie sie zum einen vom Philosophen Axel Honneth, andererseits von der Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser und der Philosophin Judith Butler vertreten werden. Es wird deutlich, dass „sozialpädagogisches Handeln ( ) …immer auch als Mitkonstruktionsleistung im Hervorbringen von Differenzierungs- und Normalisierungspraxis zu verstehen (ist)“.

Fazit

Die diskursive Bestandsaufnahme darüber, wie Gesellschaftsbilder Soziale Arbeit beeinflussen, bestimmen oder gar konterkarieren, stellt einen wichtigen Baustein bei den Entwicklungen und Auseinandersetzungen über das Selbstverständnis, die Eigenständigkeit wie gleichzeitig die Anschluss- und Kooperationsfähigkeit der Wissenschaftsdisziplin und Profession Soziale Arbeit als Kritische Soziale Arbeit dar. Der Fokus auf „Gesellschaftsbilder“ verweist darauf, dass jedes pädagogische, erziehliche und soziale Tun bei Menschen mit Menschen politisch ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.06.2012 zu: Bernd Dollinger, Fabian Kessl, Sascha Neumann, Philipp Sandermann (Hrsg.): Gesellschaftsbilder sozialer Arbeit. Eine Bestandsaufnahme. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1693-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13483.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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