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Stefan Wellgraf: Hauptschüler

Cover Stefan Wellgraf: Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung. transcript (Bielefeld) 2012. 330 Seiten. ISBN 978-3-8376-2053-5. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Die Verachtung der Hauptschüler

Es ist das Dilemma des dreigliedrigen Schulsystems, das es auf patriarchalen und hierarchischen Gesellschaftsvorstellungen beruht, die sich in einer überkommenen Schichtung der Menschen in Arbeiter (Hauptschule) – Angestellte (Realschule) – Intellektuelle (Gymnasium) spiegelt. Obwohl die Vertreter des so genannten traditionellen Schulsystems alles tun, um die Parallelität zur ständischen Gesellschaft, die gleichzeitig eine gesellschaftliche Wertung darstellen, vergessen zu machen, zu relativieren und dabei sogar von „Chancengleichheit“ sprechen, zeigt sich vehement, dass die Versuche, das Schulsystem in Stufen zu organisieren (Primar- / Sekundarstufe), nichts daran ändern, dass sich die Hauptschule zur „Restschule“ entwickelt und die Hauptschülerinnen und -schüler zu Verlierern in der Gesellschaft werden. Die Versuche, wie sie ab den 1960er Jahren in der Bundesrepublik durch die Ablösung des Dreigliedrigen Schulsystems durch die Integrierte Gesamtschule stattgefunden haben, konnten zwar im scheinbar ehernen, immerwährenden und selbstverständlichen Bauwerk der traditionellen Schule in Deutschland einige Unstabilitäten aufzeigen; die Grundfesten jedoch wurden dadurch nicht erschüttert; auch nicht durch die verschiedenen Korrekturversuche, die seit 1945 durch den Ausbau der Volksschuloberstufe durch ein neuntes und zehntes Schuljahr, durch die Einführung von neuen Fächern, wie etwa der Arbeitslehre, die Veränderungen und Anpassungen der Schulabschlüsse, erfolgten. „Die Wirklichkeit des Hauptschülers“, die der Hauptschullehrer und Theaterautor Konrad Wünsche 1972 in seinem „Bericht von Kindern der Schweigenden Mehrheit“ biografisch und eindrücklich beschreibt, ist nicht nur ein historisches Dokument! Die aktuellen, bildungspolitischen Bemühungen in einigen Bundesländern, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems zu einer „Andersgliedrigkeit“, etwa in Niedersachsen durch die (freiwillige) Zusammenlegung der Hauptschule mit der Realschule zu einer „Oberschule“, ist nichts weiter als der eher hilflose Versuch, auf dem Stand zu bleiben, der sich im Rahmenplan des Deutschen Ausschusses von 1959 und dem Hauptschulgutachten des Deutschen Bildungsrates von 1964 mit der Typenbezeichnung „Hauptschule“ fortschreibt. Im „Handbuch pädagogischer Grundbegriffe“ (Kösel-Verlag, München 1970, Bd. II, S. 431) wird bereits auf das Dilemma verwiesen und das Scheitern der Reformen vorhergesagt, „ohne dass freilich zunächst eine grundlegende Änderung des tatsächlichen Zustands und des öffentlichen Bewusstseins erfolgt wäre“. Ob nun die Hauptschule zur „Oberschule“ oder als „Sekundarschule“ organisiert wird, es bleibt ein Etikettenschwindel und ein „Produkt der Verachtung“.

Entstehungshintergrund und Autor

Zu letzterer Bezeichnung jedenfalls kommt Stefan Wellgraf, der an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der pa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder 2011 eine Forschungsarbeit als Dissertation vorgelegt hat. Die Ergebnisse seiner zweijährigen, ethnografischen Feldforschung bei Berliner Hauptschülerinnen und -schülern zeigen auf, „wie Machtverhältnisse mittels Formen von Verachtung im Alltag produziert… (und) gesellschaftliche Exkusionsprozesse (entstehen), bei denen Formen materieller Benachteiligung mit Mechanismen symbolischer Abwertung verbunden werden“. So stellt sich die Arbeit von Stefan Wellgraf nicht in erster Linie als ein „Schulbericht“ dar, sondern als eine biografisch und kulturkritisch motivierte Bestandsaufnahme von der real existierenden Wirklichkeit von Hauptschülerinnen, – schülern, -lehrern und Angehörigen Hier und Heute, auch wenn in einigen Bundesländern die Hauptschule ersetzt wird durch eine andere Organisationsform und sich durchaus Tendenzen zeigen, schichtorientierte Repressionen abzumildern. Der Autor untersucht bei seinen Feldforschungen kulturelle Praktiken von Hauptschülerinnen und -schülern, wie Körper-, Konsum- und Medienpraktiken und analysiert die Selbst- und Fremdwahrnehmungen bei den Beteiligten und stellt fest, „dass diese einerseits nach Anerkennung suchen und gleichzeitig beständig mit Verachtung konfrontiert werden“.

Aufbau und Inhalt

Stefan Wellgraf gliedert seine Arbeit in zwei grundlegende Bereiche: „Selbstwahrnehmungen und kulturelle Praktiken“ und „Repräsentationen – Macht – Kritik“.

Im ersten Teil betrachtet der Autor die sozialen Beziehungen zwischen den Schülerinnen und Schülern und thematisiert damit das Problem, dass die jungen Menschen durch die Zuweisung zur Schulform bereits Beschämung und Verachtung seitens der Gesellschaft erfahren, eine destruktive Wirkung, die sich hält und potenziert: „Einmal als Hauptschüler abgestempelt, fällt es schwer, dieser negativ konnotierten sozialen Markierung wieder zu entkommen“. Die verschiedenen Formen und Situationen von Anerkennung und Verweigerung, von Freundschaft, Zuneigung und Ablehnung, von Zusammenschlüssen und Konfrontationen werden dargestellt und diskutiert.

Körper- und Konsumpraktiken beeinflussen Zuschreibungen und soziale Klassifizierungen, bilden stereotype Forderungen und provozieren oder erzwingen „typische“ Verhaltensweisen, die Chancenungleichheit bei vielen Hauptschülerinnen und -schülern gewissermaßen grund legt und festigt und in Stereotypen, wie etwa aggressive Männlichkeit, rassistische Verhaltensweisen, soziale Diskriminierung, im wahrsten Sinne des Wortes „sichtbar“ und „zelebriert“ werden.

Bedeutsam ist auch die Frage, was mit den Hauptschülerinnen und -schülern, mit oder ohne Hauptschulabschluss, nach der Schule passiert. Welche Erwartungen und Zukunftsvorstellungen sie haben, wie realistisch ihre Zukunftsträume in Bezug auf Familie, Beruf und gesicherte Existenz sind, welche Misserfolge und Demütigungen sie erfahren, welche Überbrückungs- und Fördermaßnahmen ihnen angeboten und wie sinnvoll sie wahr genommen werden, welche Zukunftsängste sie plagen – oder auch nicht.

Aufschlussreich die Interviews, die der Autor als Typisierungen – „Proll“ und „Öko“ – von Einstellungen und Lebenserwartungen mit Hauptschülern und Gymnasiasten führt: „Bürgerlichkeit“ als Grenzziehung und Vorurteilsbildung; aber auch deutliche Hinweise auf die in den jeweiligen Schulformen vermittelten bzw. nicht vermittelten Inhalte, Werte und Normen, etwa in der politischen Bildung, in der klassischen Musik…

Im zweiten Teil „Repräsentationen – Macht – Kritik“ werden die Entstehungszusammenhänge von medialer Berichterstattung über Situationen und Stimmungen an der Hauptschule am Beispiel der Rütli-Schule im Berliner Stadtteil Neukölln diskutiert, wie sie durch die Süddeutsche Zeitung und andere Print-Medien 2006 veröffentlicht, durch den Fernsehbericht „Verweigerte Integration“ bei Frontal21 thematisiert und im öffentlich-rechtlichen Lokalrundfunk Radioeins behandelt wurden: „Die Berichterstattung ist überwiegend negativ konnotiert und wird von einer alarmierenden und bedrückenden Grundstimmung bestimmt“.

Mit dem Forschungsansatz der Cultural Studies (Stuart Hall) verdeutlicht Wellgraf die verschiedenen Ausprägungen und Umgangsweisen mit medialer Stigmatisierung und zeigt auf, wie die negativen öffentlichen Zuschreibungen und Bilder auf bereits labile und frustrierte Selbstbeschreibungen der Schülerinnen und Schüler wirken und sie bestätigen; aber auch, wie die Beteiligten die Mediatisierung ihrer Alltagswelt in eigene, gekonnte, gewollte oder konterkarierende Darstellungen ummünzen.

An welchen Theorien, Lernkonzepten und Vermittlungsmethoden sich Unterricht und Erziehung an den untersuchten Hauptschulen orientieren, ist ohne Zweifel eine wichtige pädagogische und didaktische Fragestellung. Stefan Wellgraf findet das Konzept der „Konfrontativen Pädagogik“ vor, das auf der Homepage des „Deutschen Institut für Konfrontative Pädagogik (IKD)“ mit dem Leitmotiv „Aggressives Verhalten verstehen, aber nicht einverstanden sein“ und mit dem Grundgedanken „Erfolgreiche Täterbehandlung ist erstklassiger Opferschutz“ beschrieben wird (www.konfrontative-paedagogik.de). Es verwundert nicht, dass er das Konzept als „neoliberale Herrschaftstechnik“ wertet, und er fragt sich selbst verwundert, „wie es dem Schulsystem gelingt, einerseits systematisch Ungleichheiten zu reproduzieren und gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, Bildung stehe für die Emanzipation von herkunftsbedingten Einschränkungen und für gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten“. Seine Ideologiekritik formuliert er dabei mit dem Philosophen Louis Althusser (1918 – 1990) und dem Soziologen Pierre Bourdieu (1930 – 2002), die im Bildungssystem einen „ideologischen Staatsapparat“ und auf „Ungleichheit basierendes Klassensystem“ sahen und aufzeigten, dass die Benachteiligungen sich zwangweise in Scham, Wut und Neid artikulieren müssen – Scham, die individuelle und gesellschaftliche Identität verhindert und zerstört, Wut, die nach außen drängt und Neid, die sich nach innen frisst.

Fazit

Die ungeschönte und mit zahlreichen, situationsbedingten Befunden ausgestattete Forschungsarbeit „Hauptschüler“ mündet in die These, dass die gesellschaftliche Produktion des (schulischen) Versagens und chancenarmen Lernens in der Schulform zur Verachtung führt, als „eine auf negativen moralischen Zuschreibungen und emotionalen Abwehrmechanismen basierende Form der gesellschaftlichen Diskreditierung“. Diese Anklage heißt es ernst zu nehmen, wenn der notwendige Perspektivenwechsel von der neoliberal gemachten gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer auf den Grundfesten der Würde des Menschen beruhenden Zivilgesellschaft gelingen soll; dass die Integrierte Gesamtschule eine Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem sein könnte, nimmt der Autor allerdings nicht in den Blick. Das ist bedauerlich! Trotzdem: Die Forschungsarbeit ist ein Stachel im Fleisch derjenigen, die das traditionelle Schulsystem – und damit auch die Hauptschule – ein „bisschen“ verändern möchten und als Aufruf zu verstehen, Schule als gesellschaftliche und bildungspolitische Einrichtung für Chancengleichheit zu schaffen, als „Schule für alle“, lokal und global!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.07.2012 zu: Stefan Wellgraf: Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2053-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13484.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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