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Tamara Carigiet Reinhard: Schulleistungen und Heterogenität

Cover Tamara Carigiet Reinhard: Schulleistungen und Heterogenität. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung der Bedingungsfaktoren der Schulleistungen am Ende der dritten Primarschulklasse. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2012. 423 Seiten. ISBN 978-3-258-07741-3. D: 65,90 EUR, A: 67,80 EUR, CH: 69,00 sFr.

Reihe: Prisma. Beiträge zur Erziehungswissenschaft aus historischer, psychologischer und soziologischer Perspektive, Bd. 17.
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Schulisches Lernen und Chancengleichheit

Der Begriff „Chancengleichheit“ und seine Umdeutung in „Chancengerechtigkeit“, insbesondere beim schulischen Lernen, wurde im pädagogischen und gesellschaftlichen Diskurs allzu lange ideologisiert und mit dem Verdacht auf „Gleichmacherei“ belegt. Es geht nicht darum, dass „alle Individuen ( ) mit den gleichen Leistungsausweisen aus dem Bildungsprozess hervorgehen (müssten), sondern … allen gleiche Chancen zu bieten, ihre individuellen Fähigkeiten zu entwickeln“. Gravierend stellen sich soziale und Bildungsungerechtigkeiten in Organisationsformen ein, die, wie das dreigliedrige Schulsystem, eine eher homogene statt heterogene Zusammensetzung praktizieren. Spätestens seit den Ergebnissen der europäischen und nationalen Schulvergleichsuntersuchungen (PISA, u.a.) wird der Fingerzeig auf dieses Problem gelenkt und z. B. dem deutschen , traditionellen Schulsystem bescheinigt, dass schulische Leistungen, Lern- und Schulerfolg in entscheidendem Maße von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler bestimmt werden.

Die Kritik an Schulsystemen, in denen die Selektion vor der Integration steht, hat in Deutschland ja schon viel früher eingesetzt, als nämlich Ende der 1960er Jahre die Integrierten Gesamtschulen als Alternative zur traditionellen Schule ihre Arbeit begannen. Neben der Zielsetzung, dass alle Schülerinnen und Schüler, egal welcher Herkunft und intellektueller Fähigkeit Eine Schule besuchen sollen, wird in der IGS ein besonderes, curriculares und methodisches Augenmerk darauf gerichtet, differenzierte Lernangebote anzubieten und mit lerndiagnostischen Verfahren zu befördern. So haben z. B. die niedersächsischen Integrierten Gesamtschulen in den Anfangsjahren ihrer Gründungen die Frage nach dem Wert und den Ungerechtigkeiten der Benotung in der Arbeitsgemeinschaft „Lerndiagnostik“ thematisiert und ein alternatives Leistungsbewertungssystem entwickelt.

In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt zeigt sich auch in der ethnischen und gesellschaftlichen Zusammensetzung der jeweiligen Bevölkerung ein Wandel von der eher homogenen hin zur heterogenen Gemeinschaft. Die parteipolitisch und ideologisch motivierte Behauptung in der deutschen Gesellschaft, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, wurde ja erst durch die Kraft des Faktischen revidiert – und hat auf die Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung und eher zögerlichen oder überwiegend ökonomisch und germanozentrierten Integrationsbemühungen weiterhin negative Bedeutung.

Entstehungshintergrund und Autorin

Es ist die Vielfalt der Menschheit, die humane Existenz schafft! Diese (neue, globale) Entdeckung darf nicht an der Schule Halt machen – und auch nicht an den Grenzen von nationalen Egoismen. Bei den kontroversen, gesellschaftlichen und pädagogischen Auseinandersetzungen über das „richtige“ Schulsystem bedarf es des Blicks über den Gartenzaun und der Bereitschaft zum interkulturellen Dialog, und zwar in Theorie und Praxis. In den europäischen Ländern, die sich in besonderer Weise als Einwanderungsstaaten entwickelt haben, entstanden im Laufe der Jahrzehnte unterschiedliche Konzepte, wie auf die zunehmende Heterogenität in den Schulen reagiert werden soll. Von der „Ausländerpädagogik“, bei der das Anderssein des Fremden möglichst an die Richtungen der dominanten Mehrheitsgesellschaft angepasst werden sollte, bis hin zur heutigen Auffassung, dass eine „Pädagogik der Vielfalt“ Integration und Emanzipation in der Gesellschaft schaffen könne, ist ein weiter Weg; in Deutschland genau so wie in der Schweiz.

Die Schweizer Pädagogin Tamara Carigiet Reinhard hat im Mai 2011 an der Philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern eine Forschungsarbeit als Dissertation vorgelegt, die sich mit Fragen der Chancengerechtigkeit von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher sozialer Herkunft befasst, und zwar fokussiert auf den Lern- und Leistungsstand in der dritten (Grund-)Primarschulklasse in der Unterrichtssprache Deutsch. Die Untersuchung „unter dem Aspekt der (Ungleichheits-) Dimensionen Ethnizität und Sozialstatus“ ist für Schweizer Verhältnisse von besonderer Bedeutung auch deshalb, weil die Schweiz, neben Luxemburg und Liechtenstein, zu den europäischen Ländern mit der größten Einwanderungsquote in Europa gehört: 21,9 % (2010), was bedeutet, dass im Landesdurchschnitt rund 30 % der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund die Schule besuchen. Weil aber die Schweiz ein Einwanderungsland ist, das von anderen Einwanderungsländern umgeben ist, dürften die Ergebnisse der Studie auch für den deutschen, pädagogischen und gesellschaftlichen Diskurs von Bedeutung sein und Parallelen aufzeigen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und Problemdarstellung, sowie der abschließenden Schlussbetrachtung mit Empfehlungen für Schule und Unterricht, gliedert die Autorin ihre Forschungsarbeit in drei Teile:

  1. „Theoretische und empirische Grundlagen“ –
  2. „Methodisches Vorgehen“ –
  3. „Ergebnisse der Untersuchung“.

Weil Schule als gesellschaftliche Einrichtung kein isoliertes Feld darstellt, sondern eingebunden ist in die vielfältigen, individuellen, gesellschaftlichen und sozialen Faktoren menschlichen Daseins, muss eine Untersuchung zum Stand der Chancengerechtigkeit in der Schule die verschiedenen Ebenen der intellektuellen und sozialen Einflüsse einbeziehen. Mit dem von der Autorin gewählten mehrebenenanalytischen Modell, mit dem Mikro-Modell innerhalb der Klasse, das die individuellen Person- und Familienmerkmale und die schülerbezogenen Lehrererwartungen berücksichtigt, und dem Makro-Modell, das das Leistungsniveau der Schulklassen, der Klassenzusammensetzung, -größe und -atmosphäre einbezieht, differenziert sie zwei Forschungsfragen heraus:

  1. „Inwiefern vermögen Person- und Familienmerkmale der Schülerinnen und Schüler, inwiefern schülerbezogene Lehrererwartungen die individuellen Schülerleistungen im Fach Deutsch („Effektivität“) erklären?“
  2. „Gibt es kontexutelle Merkmale der Schulklassen oder Merkmale auf Seiten der unterrichtenden Lehrpersonen, welche mit den Leistungskriterien „Effektivität“ und „sozioökonomische bzw. sprachlich-kulturelle Selektivität“ in Zusammenhang stehen?“

Das Untersuchungsdesign wird im zweiten Teil dargestellt. Die Autorin kann für ihre Forschungsarbeit von den insgesamt 145 Schulklassen im Kanton Bern, die sie als „heterogene“ oder „sehr heterogene“ 3. Grundschuljahrgängen herausdifferenziert, 42 Schulklassen zur Teilnahme am Forschungsprojekt gewinnen. Bei den Vor- und Hauptuntersuchungen wurden Eltern-, Schüler- und Lehrerbefragungen und zu ausgewählten Aspekten Stichproben, sowie bei den SchülerInnen ein vom Züricher Institut für Bildungsevaluation entwickelter und erprobter Schulleistungstest durchgeführt, mit dem vier Lehrplanbereiche – Texte lesen und verstehen, Sprachbetrachtung, Texte für andere schreiben und schriftlicher Ausdruck, Zuhören und Verstehen – abgefragt wurden. Aus den differenziert dargestellten Analyseinstrumenten lassen sich eine Reihe von bemerkenswerten und teilweise auch überraschenden Fragestellungen und Ergebnissen aufzeigen.

Sie werden im dritten Teil ausführlich referiert und diskutiert. Es sind zum einen die individuellen Determinanten der Schulleistungsmerkmale der Schülerinnen und Schüler, die schülerbezogenen Variablen, wie sie sich bei den Lehrpersonen zeigen und als Lehrerurteil darstellen; zum anderen sollen die Ergebnisse daraufhin analysiert werden, wie sie für die Prognose von Schulleistungen in der Unterrichtssprache Deutsch bestimmend sind. Die Forderung nach gesellschaftlicher Egalisierung, als demokratisch-globale Herausforderung, lässt sich nur mit einem hohen Grad von Teilhabefähigkeit erreichen, die nur zu haben ist mit Sprachkompetenz. Die im erziehungswissenschaftlichen Diskurs aufgewiesenen Probleme der Selektivität bei Lern- und Erziehungsprozessen wird von der Autorin als (sozioökonomische bzw. / und kulturelle) „Entkoppelung“, und damit als „die Streuung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Abhängigkeit von ihrem sozioökonomischen bzw. kulturellen Hintergrund in Form der Regressionssteigerung“ benannt. Die Analysen aus den von der Autorin eingeführten Mehrebenenmodelle, bezogen auf die individuellen, gruppenspezifischen und Lehr-/Lernsituationen, verweisen eindeutig auf die Defizite, wie sie bereits bei den internationalen, pädagogischen Vergleichsuntersuchungen aufgezeigt werden: „Die Bildungslaufbahn von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bzw. nicht-schweizerischer Staatsangehörigkeit (verläuft) nicht nur in Hinblick auf die Bildungsbeteiligung, die Rezeptionsquote oder die Zuweisung zu Sonderklassen und Sonderschulen weniger erfolgreich als die akademische Laufbahn von einheimischen Schülerinnen und Schülern“.

Fazit

Es sind Untersuchungen wie diese, die auf das anscheinend tabuisierte, pädagogische Missing Link verweisen, das gesucht und analysiert werden müsste auf der Leitlinie Chancengleichheit, zwischen Effektivität und sozialer Selektivität. Die in der Forschungsarbeit untersuchten Faktoren bei Schülerleistungen im Fach Deutsch (Unterrichtssprache), bezogen auf Geschlecht, Alter, kognitiven Grundfähigkeiten, sozioökonomischem Status und sprachlich-kultureller Herkunft, verweisen auf die unterschiedlichen Einflüsse, die überwiegend beeinflussbar sind und mit dem schulischen Auftrag einer bestmöglichen individuellen Förderung auch bewältigt werden können. Denn auch das zeigt sich in der Untersuchung, obwohl sie sich (nur) auf den Primar-(Grundschul-) Bereich bezieht: „Schulleistungen (sind) nicht nur als Produkt oder Ergebnis auf der Ebene der individuellen Schülerinnen und Schüler, sondern (können) ebenso als Produkt höher gelegener Ebenen wie der Schulklassen, Schulen oder ganzer Bildungssysteme angesehen werden ( )“, ja müssen! Ein weiteres Ergebnis der Forschungsarbeit sollte Bildungstheoretiker und -praktiker, Politiker und Eltern aufhorchen lassen „Schülerinnen und Schüler in sprachlich-kulturell eher oder sehr heterogen zusammengesetzten Schulklassen (erbringen) im Schnitt gleich gute Leistungen ( ) wie Schülerinnen und Schüler in homogenen Schulklassen“. Für die Lehreraus- und -fortbildung sollte ein weiterer Aspekt Aufmerksamkeit erzeugen: Die aufgewiesenen Akkulturationseinstellungen zeigen zwar keine Ablehnung des interkulturellen Dialogs oder gar von ethnozentrierten Einstellungen; jedoch „zeigt sich … eine eher zurückhaltende Einstellung der Lehrpersonen, was gewisse Forderungen einer ‚multilingualen Schule? … betrifft“. Einen Wermutstropfen für die interkulturellen Euphoriker hält die Autorin mit ihrer Arbeit weiterhin bereit: Wie in zahlreichen anderen Studien zur Bedeutung von Schule im Leben der Menschen aufgewiesen wird, „dass die Schule (ev. bereits vor dem Schuleintritt) vorliegende Leistungsunterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern nach sozialer Herkunft, Migrationshintergrund oder auch nach Geschlecht nicht durch Unterricht auszugleichen vermag“; die Ergebnisse lassen vielmehr sogar vermuten, „dass die Disparitäten im Laufe der Grundschulzeit und bis zum Abschluss der Sekundarstufe I zunehmen“. Dafür allerdings macht die Autorin die „Selektivität des schweizerischen Bildungssystems“ verantwortlich.

Die Zielsetzung der Forschungsarbeit von Tamara Carigiet Reinhard ist es, ein Erklärungsmodell der schulischen Leistungen von Grundschülern im Fach Deutsch als Unterrichtssprache zu entwickeln. Sie zeigt dabei die Bedeutung der Sprache als Kommunikations- und Emanzipationsmittel auf. Interessant könnte es sein, die Ergebnisse mit anderen Forschungsarbeiten zu vergleichen, die Fragen der Effektivität und sozialer Selektivität bei Schulleistungen in mathematisch-naturwissenschaftlichen, künstlerisch-musikalischen und gesellschaftswissenschaftlich-praktischen Fächern untersuchen.

Obwohl der Buchhandelspreis des Buches wohl nicht dazu beiträgt, dass das Buch auf den Arbeitstischen von vielen Grundschullehrerinnen und -lehrern liegen dürfte, sollte die Forschungsarbeit in den pädagogischen Bibliotheken nicht fehlen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.07.2012 zu: Tamara Carigiet Reinhard: Schulleistungen und Heterogenität. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung der Bedingungsfaktoren der Schulleistungen am Ende der dritten Primarschulklasse. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2012. ISBN 978-3-258-07741-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13495.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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