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Friedericke Hardering: Unsicherheiten in Arbeit und Biographie

Cover Friedericke Hardering: Unsicherheiten in Arbeit und Biographie. Zur Ökonomisierung der Lebensführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 201 Seiten. ISBN 978-3-531-18351-0. 39,95 EUR.
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Thema und Aufbau

Zahlreiche Gesellschaftsdiagnosen rekurrieren auf die Notwendigkeit des Umgangs mit unsicheren Lebensbedingungen und neuen Formen der Exklusion bzw. (prekärer) Beschäftigungsverhältnisse. Diese Phänomene entstanden im Zuge des (neoliberalen) Wandels der Arbeitswelt und des Sozialstaates. Vorliegende Publikation greift das Thema nicht primär von einer gesellschaftlich-sozialstrukturellen, sondern insbesondere von biographischer Seite auf und fragt, wie sich Prekarisierung und Subjektivierung der Arbeit auf Biographien auswirkt und welche Modi der Integration von Unsicherheiten in biographischen Konstruktionen ausgebildet werden. Unsicherheiten werden dabei auf drei Ebenen verortet, und zwar auf der Ebene der Arbeitsorganisation, des Karriereskripts und des Biographiemusters. Der Aufbau des Buches folgt dieser Dreigliederung:

  1. im ersten Kapitel wird auf (neue) Unsicherheiten in Beschäftigungsverhältnissen eingegangen;
  2. im zweiten werden Änderungen der Normalbiographie und Erscheinungen der De-Institutionalisierung des Lebenslaufes und
  3. im letzten Kapitel die Selbstthematisierung im Kontext der „Ökonomisierung der Biographie“ näher thematisiert.

Inhalte

Im Kontext der Arbeitsorganisation wird zunächst (in Kapitel eins) auf die Konturen der neuen Arbeitswelt – vom Fordismus bis zum neuen Marktregime – eingegangen und auf die neuen Unsicherheiten in Form von breiten Zonen der Prekarität und in Absetzung von „Normalarbeit“ Bezug genommen. Die Autorin skizziert Mechanismen, die für einen neuen Zwischenbereich zwischen Inklusion/Exklusion und damit für eine neue Kategorie sozialer Differenzierung – des Prekariats – sorgen. Dieser soziale Raum ist mit vielfältigen Belastungen nicht ausschließlich existentieller Art verbunden. Belastungen und Unsicherheiten entstehen auch durch „Subjektivierung der Arbeit“, die sich durch eine Nutzung individueller (extrafunktionaler) Eigenschaften innerhalb der Erwerbstätigkeit auszeichnet und im Bereich der Dienstleistung eine besondere Dynamik entwickelte. Während es im Rahmen tayloristischer Arbeitsorganisation galt – wie die Autorin ausführt –, die eigene Subjektivität im Arbeitsprozess zu minimieren und sogar als Störgröße zu kontrollieren, wird es nun zum wichtigen Potenzial. Statt Vorgaben wird von ArbeitnehmerInnen mehr Selbstverantwortung und -disziplin gefordert, wobei die neuen Kompetenzen schon in Sozialisationsphasen angelegt werden. Leistungsanforderungen sind dabei nicht eindeutig und führen zu Unsicherheiten, die sich noch dadurch ausweiten, dass durch den Wandel vermehrt eigenständige Koordinations- und Planungsaufgaben mitübernommen werden. Die Bedeutung der „ganzen Person“ im Arbeitsprozess wird im Typus des „unternehmerischen Selbst“ bzw. des „Arbeitskraftunternehmers“ besonders ersichtlich, bei dem nicht nur Selbstkontrolle, sondern gleichfalls eine „Selbst-Ökonomisierung“ zu sehen ist. Die Autorin verweist im Fazit des ersten Kapitels schließlich darauf, dass Prekarisierungs- und Subjektivierungsprozesse zusammenspielen und dazu führen, dass das Leben mit prekären Beschäftigungsverhältnissen als persönlicher Makel gewertet und – wie auch in der Gesellschaftsdiagnose der „Risikogesellschaft“ ausgeführt - Arbeitsmarktrisiken dem Einzelnen zugeschrieben werden.

Subjektivierung und Prekarisierung der Arbeit führen auch zu einem Wandel von Karriereskripten – diesen Skripten widmet sich die Autorin im zweiten Kapitel eingehender. Ausgehend von der Erosion zeitlicher Ordnungsschemata und einer weitgehenden Auflösung der Normalbiographie als gesellschaftliche Vorlage – mit dem Schlagwort der De-Institutionalisierung des Lebenslaufes zu fassen – wandelt sich sowohl der faktische Verlauf (Ablauflogik nach dem „Drei-Phasen-Modell“ des Lebenslaufs) als auch der „Code der Biographizität“ (Entwicklungslogik; gesellschaftlich geteilte Deutungen). Im Kern wird die Normalbiographie durch berufsbiographische Skripte, meist in Form von linearen und kontinuierlichen (Aufstiegs-)Karrieren nach Prinzipien wie Leistung und Seniorität, strukturiert. Sie steht im Kontext fordistische Produktionsweisen und ist als „organizational career“ einzustufen, d.h. durch Unternehmen definiert und in zeitstabile Reziprozitätslogiken verortet. Näher wird dann auch auf die De-Institutionalisierung des Lebenslaufs im Kontext von Beck´s Riskogesellschaft Bezug genommen und Biographisierung als Entwicklung statt der stabilen Institution des Lebenslaufs vorgestellt. Mit (vermehrter) biographischer Arbeit wird die Kurzfrist-Logik, wie sie von Arbeitsorganisationen nun ausgeht, überbrückt.
Hardering lenkt den Blick danach auf die sich verändernde Anerkennungsordnung. Bis heute ist Leistung ein grundlegender Faktor für Anerkennung, wobei jedoch Konflikte um die konkrete Ausdeutung des Begriffes bestehen und gesellschaftliche Vorstellungen von (anzuerkennender) Leistung eingehen. Orientiert man sich aber an kurzfristigen Erfolgen, dann fehlt die kontinuierliche Würdigung im Falle abnehmender Leistungskraft (z.B. Krankheit) und wird ein Teil des reziproken Verhältnisses in Langfristperspektive obsolet. Problematisch ist in diesem Kontext auch, dass Anforderungen oft nicht von Beginn an eindeutig formuliert sind, erst im Prozess eines Projekts klarer erkennbar werden. Es entstehen mehr einzelne berufliche Episoden, die aneinandergereiht sind und dazu beitragen, dass sich „protean“ und „boundaryless“-Karrieren bilden. Im Fazit (von Kapitel 2) verweist die Autorin noch darauf, dass zwar das Normalarbeitsverhältnis erodiert, immer aber noch quantitativ dominant ist. Folglich existieren zwei unterschiedliche Karriereskripte nebeneinander, sodass unklar bleibt, welches für eine Person Gültigkeit bekommt. Schon diese Unsicherheit erzeugt eine vermehrte Notwendigkeit zur berufsbiographischen Reflexion, die schließlich zu einer grundlegenden Neustrukturierung der Identitätsarbeit führt. Nunmehr ist beständig Erfolgsfähigkeit nachzuweisen – ein Aspekt, auf den dann im dritten Kapitel noch stärker eingegangen wird.

In diesem dritten Kapitel – zum „Wandel biographischer Skripte“ – widmet sich die Autorin der (Gesamt-) Biographie und stellt die These auf, dass die berufsbiographischen Gestaltungsmodi für die Struktur der Biographie grundlegend geworden sind, folglich (beruflicher) Erfolg als Motor der Ökonomisierung der Biographie zum entscheidenden Strukturprinzip wird. Zunächst geht sie jedoch näher auf den Begriff der Biographie in Abkehr von Identitätsvorstellungen ein. Selbstverortung wird heute wesentlich über die Lebensgeschichte vorgenommen. Biographie und biographisches Arbeiten ist nun an das Medium des Erzählens gebunden, wodurch von der Autorin auch der Diskurs über (post-) moderne Formationen narrativer Konstruktionen aufgenommen wird. Sie referiert dabei zwei Positionen: eine „strong theory of narrative identity“ in Differenz zur „weak theory“. Erstere geht von einer vorsprachlichen (narrativen) Struktur des Lebens aus, letztere sieht in Narrationen nur eine Vermittlungsfunktion von Erfahrungen. In diesem Kontext stellt sich einerseits die Frage, wie viel an Unsicherheit möglich ist, um noch zu einer integrierenden, sinnstrukturierten Biographie aus einer Vielzahl von Lebensereignissen zu kommen, ohne psychische Belastungsgrenzen zu erreichen. Andererseits stellt sich die Frage nach der Gestalt neuer Biographien, die der Inklusion dienen und in denen vermehrt Diskontinuitäten zu verarbeiten sind. Dabei wird ausgeführt, dass zur Selbstthematisierung immer mehr die „Inszenierung“, „Dramatisierung“ oder „Theatralisierung“ gehört. Aufgrund der primären Funktion der Inklusion und Selbstvermarktung werden vermehrt Darstellungskompetenzen zur Präsentation von „Erfolgsfähigkeit“ in Biographien herausgebildet, die dann authentischen Erzählungen widersprechen. Die Autorin argumentiert in der Folge, dass die Effizienzkriterien der Ökonomie nunmehr auch als Gestaltungsrichtlinien für Formen der Subjektivität gültig sind. Die Trennung zwischen Privatem und Arbeit löst sich auf und Erfolgsfähigkeit fungiert nun in beiden Sphären, auch jener der (Gesamt-)Biographie. Dies führt auch dazu – so die These von Hardering –, dass sich die biographischen Zeitlogiken entkoppeln, sodass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander stehen.

Diskussion und Fazit

Die Arbeit – eine Dissertation an der RWTH Aachen – zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur den Diskurs der Biographieforschung aufgreift, sondern (theoretische) Perspektiven rund um Arbeit, Zeit oder Anerkennung, auch aus unterschiedlichen Traditionen heraus, verknüpft. Für Leser entsteht damit ein interessantes Werk, das die Wirkungen der Unsicherheitsproblematik im Kontext der Veränderungen von Arbeit und biographischer Konstruktionen in den Mittelpunkt stellt. Durch die Bezugnahme auf verschiedene Ansätze werden vielfältige Aspekte in Beziehung zueinander gebracht. Die Stärke liegt folglich nicht nur in einer Rekonstruktion, sondern immer wieder in einer Relationierung von Reflexionen. Die Arbeit erweist sich dabei als klar strukturiert, auch wenn durch die Abhandlungen von Unsicherheiten auf drei Ebenen manche Konzepte wiederholt aufgegriffen werden. Da die Arbeit weniger an empirische Studien anknüpft und nicht mit eigenen Daten operiert, wäre wünschenswert – wie auch die Autorin abschließend anführt - , biographische Konstruktionen empirisch zu untersuchen und zu konkretisieren, wie (und inwieweit) sich Maximen der „Erfolgskultur“ durchsetzen und welche Struktur bzw. Bedeutung Erfolgsfähigkeit in Biographien hat.


Rezensent
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 06.08.2012 zu: Friedericke Hardering: Unsicherheiten in Arbeit und Biographie. Zur Ökonomisierung der Lebensführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18351-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13501.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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