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Martina Kirchpfening: Hunde in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Dorothea Dohms, 11.04.2013

Cover Martina Kirchpfening: Hunde in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-497-02289-2

Martina Kirchpfening: Hunde in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 165 Seiten. ISBN 978-3-497-02289-2. 29,90 EUR.
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Autorin

Martina Kirchpfening, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Kreisjugendrings Freyung-Grafenau im Bayerischen Wald, hat selbst Hunde für den Einsatz in der Sozialen Arbeit ausgebildet. Das 2005 von der damaligen Karlsfelder Streetworkerin Kirchpfening initiierte Projekt „Café und Arbeit“ gilt heute weit über die Gemeindegrenzen hinaus als beispielhaft. Das Projekt, gefördert vom Karlsfelder Verein „Jugendkultur und Arbeit“ und kurzzeitig auch aus dem Europäischen Sozialfonds, hat sich inzwischen im Landkreis Dachau und jetzt auch bayernweit hohes Ansehen erworben. Sein Ziel ist es, arbeitslosen, wenig qualifizierten und schwer vermittelbaren Jugendlichen durch Beschäftigung und Qualifizierung den Einstieg ins Arbeitsleben zu ermöglichen und gleichzeitig in Form eines attraktiven, an der Jugendkultur orientierten Cafés ein lebendiges Miteinander von freiwillig engagierten jungen und älteren Leuten zu gestalten.

Entstehungshintergrund und Thema

Angefangen hat alles vor etwa 12 Jahren, als die Autorin, „Hundebesitzerin mit Vollzeitjob“, ihre neue Stelle in der Aufsuchenden Jugendarbeit einer Gemeinde im Westen Münchens antrat. Ihr Arbeitgeber erlaubte das Mitbringen des Hundes im Dienst, und so kam der Hund bei der Arbeit der Streetworkerin zum Einsatz, einem Einsatz, der sich in der Folgezeit um einiges anstrengender erwies, als zuvor gedacht und das Mensch-Hund-Team schnell an seine Grenzen führte. Seitdem hat die Autorin – haben ihre Hunde – viel dazugelernt, was z. B. das „Einbeziehen der Bedürfnisse und Talente des Hundes, die Berücksichtigung der Anliegen von Kollegen“ und den „Bedarf der Kinder und Jugendlichen im Zusammenhang mit deren persönlichen sozialen Gegebenheiten und Erfordernissen“ betrifft. Heute sind mit der Autorin zwei Hunde im Einsatz, und es ist wohl an der Zeit, ihre in 12 Jahren gesammelten Erfahrungen und ihren Wissenszuwachs auf dem Gebiet tiergestützter Intervention und Interaktion, inzwischen als „unterstützende Maßnahme im Sozialwesen“ zunehmend etabliert, weiterzugeben.

Inhalt

Der Hund

Zunächst einmal sollte man sich bei dessen Einsatz Gedanken machen über sein Aussehen und seinen Körperbau. Ein großer, schwarzer Hund, bewegungsfreudig und mit einer Portion Hetztrieb ausgestattet, würde wohl in einer KiTa nicht nur bei den Kindern Erschrecken hervorrufen, während sein Einsatz bei der Arbeit in einem Offenen Jugendtreff durchaus willkommen sein kann. Unverzichtbar ist auch eine strenge Gesundheitsvorsorge, die sicherstellt, dass der Hund vor jedem Einsatz körperlich fit und schmerzfrei ist und bei dem Spiel mit den Jugendlichen nicht überfordert wird. „Einige Grundeigenschaften des Hundes sollten in seinem Wesen vorhanden sein.“ Sie sollten zertifizierbar sein und durch ein „aufgabenspezifisches Training“ untermauert werden, das eine „sichere Bindung des Hundes zu seiner Führerin“ garantiert, wie auch den daraus resultierenden „Grundgehorsam“. Empfohlen wird hier die Zertifizierung der ESAAT (European Society for Animal Assisted Therapy), des bisher einzigen standardisierten Qualitätsrasters. Ob allerdings die vorhandenen Richtlinien für die Eigenschaften von „Therapiehunden“ so ohne weiteres für Hunde in der Sozialen Arbeit anwendbar sind, sei vorerst dahingestellt. Fragen etwa, wie die nach dem Alter des Hundes bei seinem Einsatz oder nach seiner besonderen Sozialisation sind bisher noch nicht hinreichend beantwortet. Ebenfalls Voraussetzung für den Einsatz des Hundes ist der Wesens- und Verhaltenstest, denn: Bestimmte Rassen haben bestimmte Grundeigenschaften (wie z. B. Herdenschutzhunde, Laufhunde, Vorsteh- oder Hütehunde). Dies zu bedenken ist besonders wichtig bei der Wahl eines Mischlingshundes, dessen Eltern unbekannt sind. Eher abgeraten wird von Hunden aus dem Tierheim oder durch Vermittlung aus dem Internet. Generell gilt für die Autorin, die für einen seriösen Züchter bei der Wahl eines Therapiehundes plädiert: Je unauffälliger sich ein Welpe in seinem Rudel verhält – also weder besonders offensiv, fordernd oder besonders ängstlich oder zurückhaltend – desto leichter fügt er sich in Gruppen ein und wird sich in der späteren Ausbildung als „ausreichend führig“ erweisen.

Der/Die HundeführerIn

Voraussetzungen:

  • Einverständnis der Einrichtungsleitung bzw. der verantwortlichen Behörden
  • Eingewöhnungszeit für den Hund
  • Zustimmung der Eltern bei der Kinder- und Jugendarbeit
  • Versicherungsschutz (der sich unterschiedlich gestalten kann, da er abhängig ist von der Frage, ob ein Mensch-Hund-Team im Rahmen einer Festanstellung tätig ist oder ehrenamtlich/freiberuflich in einer Einrichtung arbeitet)
  • Klare Kommunikationsregeln beim Umgang mit dem Hund
  • Ein Rückzugsort für den Therapiehund

Eine sozialpädagogische Qualifikation ist außerdem Voraussetzung für den/die HundeführerIn, der/die darüber hinaus theoretische und praktische Kenntnisse in der Hundeausbildung besitzen sollte. Fortbildung im Bereich der tiergestützen Intervention wird ebenso empfohlen wie die Organisation eines Netzwerkes von Mitarbeitern, die hundgestützt arbeiten wollen. Die Frage, ob eher ehrenamtliche Mitarbeit oder Mitarbeit auf freiberuflicher Basis zum Zuge kommt – letztere würde eine Art Existenzgründung voraussetzen – , ist nicht leicht zu beantworten, denn auch hier gelten die Regeln des freien Marktes (Angebot und Nachfrage). Ausführlich beschäftigt sich die Autorin in diesem Zusammenhang mit der Analyse des Unterschieds zwischen „Tätigkeit“ und „Beruf“, da ein eigenständiges Berufsbild sich bisher noch nicht etabliert hat und die tiergestützen Interventionsformen noch keinen Eingang in die klassischen Lehrpläne der Sozialarbeitsausbildung gefunden haben.

Die Arbeitsfelder

1. Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA). Hier werden als Ziele genannt: Die Entwicklung von sozialer Kompetenz, die Persönlichkeitsentwicklung (Ausdauer, Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen, Mitgefühl), die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen bei Entscheidungen, das Tier betreffend, die Übernahme von Verantwortung und nicht zuletzt die Prävention, um „Gefährdungen und Benachteiligungen zu vermeiden“. Beispiel: Eine Zielgruppe sind die Besucher eines Jugendtreffs. Angebote der hundgestützten Sozialen Arbeit könnten hier sein

  • Projektarbeit (Erlernen des richtigen Umgangs mit dem Hund, Kommando- und Zirkusarbeit, Parcours-Einübung und Einübung von Kunststücken)
  • Aktionen in freier Natur (Wandern und Trekking, Orientierungsläufe, Abenteuerspiele, Ausflüge zu einem Hundeplatz, einer Hundeschule)
  • Gruppen- und Einzelarbeit (selbständiges Ausführen des Hundes, Mitwirkung bei der Fütterung und Pflege, bei Training und Erziehung)
  • Gemeinwesenarbeit (Aktionen und Angebote, um das „Gruppenzugehörigkeitsgefühl zu fördern und zu stärken“ und/oder generationsübergreifende Aktionen im öffentlichen Raum anzustoßen)

2. Aufsuchende Jugendarbeit / Streetwork (AuJa). Die Aufsuchende Jugendarbeit als freiwilliger Zugang zu Jugendlichen im öffentlichen Raum bietet Hilfe zur Selbsthilfe und kann dabei den „Hund als Eisbrecher“ einsetzen. Zielgruppen für das hundgestützte Angebot sind hier „benachteiligte Jugendliche im öffentlichen Raum“. Als mögliche Angebote nennt die Autorin

  • Cliquenarbeit (der Hund als „Medium und Seismograph für Gruppenprozesse“, Empathie und Emotionen innerhalb einer Gruppe)
  • Einzelarbeit (z. B. kann der Gang mit dem Hund in einer persönlichen Stresssituation „beruhigend und deeskalierend wirken“.)
  • Projektarbeit (gemeinsames Hundetraining etwa mit Kindern oder Zirkusarbeit schafft öffentliche Beachtung und eine positive Außenwahrnehmung.)

3. Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS). Sie kann dazu beitragen, die Motorik zu fördern und sollte darüber hinaus die Stärkung von Selbstvertrauen und emotionaler Intelligenz zum Ziel haben. Mögliche Angebote wären hier im Klassenverband, „Achtsamkeit im Umgang untereinander und mit dem Tier zu lernen“. In der Projektarbeit sind neben Exkursionen (auch Aufenthalte im Schullandheim) Angebote zur Unfallverhütung und zum artgerechten Umgang mit Hunden sinnvoll.

4. Kindertagesbetreuung. Hier zeigt sich die Autorin eher zurückhaltend, da ihr bei der Altersgruppe der unter 6-Jährigen das „Risiko von Missverständnissen sehr groß“ erscheint und ein Gefahrenpotential enthalten könnte. Dennoch könnte auch hier unter bestimmten Voraussetzungen – etwa mit Hilfe des Hundes einer Erzieherin – der Einsatz eines Therapiehundes in der Gruppenarbeit sinnvoll sein.

5. Einrichtungen der Jugendhilfe. Hierbei handelt es sich um Einzel- und betreute Wohnformen. Ein Hund würde hier zur Wohngruppe gehören und so ein Stück „Familiensituation“ schaffen können. Er wäre hilfreich bei der „Persönlichkeitsbildung…, Selbstbestimmung, Selbststeuerung und der erfolgreichen Alltagsbewältigung“. Der Hund würde eingesetzt in die Tagesstrukturierung des Haushalts (Füttern, Pflege, Ausführen, Tierarzt usw.) Die Verantwortung für ihn würde gleichmäßig auf alle Wohngruppenmitglieder verteilt.
Eine ausführliche Beschreibung von Projekten und Aktionen beschließt sodann den Hauptteil des Buches und mündet schließlich in einen umfangreichen Anhang mit folgender Auflistung:

  • Aus- und Weiterbildungsanbieter für hundgestützte Intervention (Deutschland)
  • Fragebogen zur Selbstevaluation (auch als Download)
  • Rückmeldebogen für Klienten zum Einsatz von Hunden im Streetwork (ebenfalls als Download)
  • Planungsschritte für das Projekt „Trekking mit Hunden“
  • Schulklassenprojekt – die kleine Hundeschule
  • Sachwortregister

Fazit

Im vorliegenden Buch paart sich fundierte Sachkenntnis mit lebendig beschriebenen Alltagserfahrungen aus der Sozialen Arbeit. Die angeführten, zahlreichen Beispiele aus der Praxis einer Hundeführerin, die sich und ihren Hund auf anfangs wohl eher wenig bekanntem Terrain „einarbeiten“ muss, führen uns vor allem vor Augen, wie unverzichtbar das vertrauensvolle Verhältnis des Hundes zu „seinem“ Menschen sein muss, damit die Soziale Arbeit mit seiner Hilfe zum Erfolg führen kann. Disziplin, Gehorsam, Rücksichtnahme bei dem, was der Hund leistet, was ihm abgefordert wird, das sind die wichtigsten Bausteine dieses Erfolges. Denn bei allem spielerischen Umgang mit dem Tier sollte eines niemals aus den Augen verloren werden: Für den Hund bedeutet sein Einsatz in der Sozialen Arbeit Schwerstarbeit. Helfen wird das Buch auch dabei, neuen Ansätzen und weiterführenden Überlegungen zur tiergestützten Intervention Raum zu geben. Anregungen und kritische Stellungnahmen halten sich dabei die Waage und sind auch hier wohltuend getragen von den persönlichen Erfahrungen der Autorin, legen überdies Zeugnis ab von deren Empathie für die vielfältigen Beziehungen von Mensch und Hund in der Sozialen Arbeit.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 11.04.2013 zu: Martina Kirchpfening: Hunde in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-497-02289-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13504.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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