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Mirko Niehoff, Emine Üstün (Hrsg.): Das globalisierte Klassenzimmer

Cover Mirko Niehoff, Emine Üstün (Hrsg.): Das globalisierte Klassenzimmer. Theorie und Praxis zeitgemäßer Bildungsarbeit. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2011. 181 Seiten. ISBN 978-3-934575-48-6. D: 23,80 EUR, A: 24,50 EUR.

Reihe: Theorie und Praxis der Schulpädagogik - Band 6.
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Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Mirko Niehoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Arbeitsschwerpunkt Politikdidaktik an der FU Berlin. Emine Üstün ist Lehrerin für Politik/Wirtschaft und Englisch an einem Kasseler Gymnasium.
Die Autorinnen und Autoren, mehrheitlich Frauen, arbeiten zum großen Teil als Bildungsreferentinnen, Trainerinnen und Beraterinnen oder als Mitarbeiter an außerschulischen Bildungseinrichtungen. Lehrpersonen sind in der Minderheit. Ein Lehrer berichtet über ein Projekt, eine Gesamtschullehrerin über ihren Umgang mit einem Schüler aus schwierigen Verhältnissen.

Thema

Der Band soll Grundprinzipien oder Perspektiven einer „kritischen interkulturellen Pädagogik“ (S.40) aufzeigen – vor allem der Selbstreflexion über die eigene „Verstrickung“ in Machtverhältnisse und rassistische Sichtweisen wird hohe Bedeutung beigemessen – und soll beispielhaft Umsetzungsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb der Schule vorstellen.

Entstehungshintergrund

Die Flut an Literatur über Interkulturelle Pädagogik enthält bisher wenige anregende Beispiele für eine gute Praxis. Vielfach werden lediglich wichtige Grundsätze und Voraussetzungen interkulturellen Bildungsarbeit wiederholt. Bestenfalls geben Kontroversen darüber Denkanstöße zur Überprüfung der eigenen Arbeit. Insofern weckt der vorliegende Sammelband einige Erwartungen.

Aufbau und Inhalt

Die acht Beiträge des Bandes sind nach den einleitenden Erläuterungen der beiden Herausgeber/innen aufgeteilt in „theoretische Reflexionen“ (Teil I), „Praxisbeispiele aus dem globalisierten Klassenzimmer“ (Teil II) und außerschulische Projekte (Teil III).

Die Herausgeber/innen skizzieren rückblickend die „Geschichte des Umgangs mit migrationsbedingter Vielfalt im Klassenzimmer“ seit der Ausländerpädagogik der 1970er Jahre, wobei sie die verschiedenen pädagogischen Ansätze kennzeichnen. Außerdem erinnern sie an den Reformbedarf unseres Schulsystems, bevor sie eine knappe Vorschau auf die Beiträge geben.

Tami Ensinger, Bildungsreferentin und Trainerin im Bereich Rechtsextremismus, eröffnet Teil I mit dem Aufweis der „Möglichkeiten einer subjektorientierten Praxis“ (S.32). Vor allem „die Einsicht in eigene Verstrickungen in Macht- und Dominanzverhältnisse“ sei für eine „rassismuskritische Perspektive“ ausschlaggebend. Menschen mit Migrationsgeschichte sollten nicht als Repräsentanten „ihrer“ Kultur betrachtet und nicht in eine Opferrolle gedrängt werden (S.39f.). Eine kritische interkulturelle Pädagogik müsse „Selbstkonstruktionen/ Selbstbeschreibungen von Menschen in der Migrationsgesellschaft auf respektvolle Weise ermöglichen“ (S.40). Vf. betont die Bedeutung von Mehrsprachigkeit. Deren Würdigung setze voraus, „die Bedeutung von Sprache insgesamt zu reflektieren“, speziell auch die soziale Funktion von Sprachen (S.42f.).

Christa Kaletsch, ebenfalls Trainerin und Beraterin, hebt eingangs die notwendige Neudefinition der Lehrerrolle hervor. Lehrer/innen müssten sich stärker als Moderatoren und Lernende verstehen (S.53). Auch sie findet es wichtig, „eigene Verstrickungen in rassistische Diskurse (zu) entdecken“ (S.56), wofür in pädagogischen Fortbildungen Reflexionsräume angeboten werden müssten. Überhaupt sind Anstöße zur Selbstreflexion für die Vf. zentral (S.58f.). Unter diesem Leitgedanken stellt sie einige Übungen aus ihrer Fortbildungspraxis vor. Andere Übungen sollen einen diskriminierungskritischen Blick und Zivilcourage fördern.

Überlegungen zu Toleranz und Toleranzbildung bilden den Beitrag von Tanja Westfall-Greiter. Sie problematisiert die üblichen Normalitätsvorstellungen, betont die Gegenseitigkeit von Toleranz und die jeweils nötige Kontextualisierung.

Hans-Peter Killguss und Michael Trube von der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln geben einen Einblick in ihre Arbeit. Dazu skizzieren sie zunächst nochmals alternative pädagogische Ansätze, um zu diskutieren, welche Aspekte davon „für eine Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus fruchtbar gemacht werden können“ (S.87) – eine politische Kategorie, die sie definieren. Anschließend erläutern sie einige Übungen zur Konfrontation mit gesellschaftlichen Diskursen und eigenen Vorurteilen.

In Teil II berichtet zunächst Benjamin Haas über eine Unterrichtseinheit in einer multikulturell zusammengesetzten 9. Klasse, die zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus veranlassen sollte. Nach Ausführungen über Antisemitismus, speziell auch bei muslimisch geprägten Jugendlichen, und generell über Geschichtskonstruktionen von „Jugendlichen aus migrantischem Milieu“ folgen didaktische Überlegungen (Lernausgangslage, Ziel, Methodik), an die sich die Beschreibung des Vorgehens anschließt. Mindmap und Fragebogen dienten der Vergewisserung der Voreinstellungen der Schüler/innen. Situationen aus der NS-Zeit sollten diesen ermöglichen, die Perspektiven von Tätern, Zuschauern und Opfern von damals einzunehmen.

Im folgenden Beitrag schildert Doris Ayaita, wie sie in einer 7. Realschulklasse auf den mathematisch begabten, aber sprachlich unbeholfenen und daher schwierigen Schüler Hasan aufmerksam wurde und ihn mit hoher Sensibilität und didaktischer Fachkompetenz schrittweise so weit förderte, dass er die Eignung für das Gymnasium erhielt. Die Fallschilderung enthält viele verallgemeinerbare pädagogische Prinzipien und Voraussetzungen erfolgreicher Arbeit, u. a. Kooperation im Kollegium.

In Teil III wird über zwei außerschulische Projekte berichtet. Aycan Demirel und Yasmin Kassar von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus haben mit 16 Schülern einer Kreuzberger Schule, überwiegend muslimisch geprägt, nach gründlicher Vorbereitung eine Reise nach Israel unternommen – zusammen mit der Nachbereitung ein Projekt von einjähriger Dauer. Den Jugendlichen sollte Gelegenheit geboten werden, „sich über einen längeren Zeitraum mit Fragen der eigenen Identität sowie mit der Geschichte und Gegenwart des Nahostkonflikts zu beschäftigen“ (S.143). Die Vf. schildern sehr offen die Schwierigkeiten des Vorhabens.

Gabriele Rohmann, Anja Tuckermann und Guntram Weber berichten abschließend aus ihren Schreibwerkstätten, deren Ziel es unter anderem war oder ist, „vielfältige Identitäten sicht- und hörbar zu machen“ (S.155), für die Jugendlichen selbst und andere.

Diskussion

Der Band stellt mit seinem Praxisbezug eine erfreuliche Ergänzung der breiten und anschwellenden Literatur über interkulturelle und rassismuskritische Bildungsarbeit dar. Der theoretische Teil enthält noch einige redundante Ausführungen über Interkulturelle Pädagogik. Die theoretischen Reflexionen aus dem Blickwinkel von Trainerinnen und Beraterinnen, die in der pädagogischen Fortbildung arbeiten, sind aber gewinnbringend. Die meisten Praxisbeispiele zeigen, was mit Engagement und Professionalität auch unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Besonders die Fallschilderung von Doris Ayaita möchte man vielen Lehrerinnen und Lehrern zur Lektüre empfehlen.

Fazit

Der Band ist für Praktiker/innen innerhalb und außerhalb der Schule von Nutzen, kann aber auch für die pädagogische Aus- und Fortbildung empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 12.07.2012 zu: Mirko Niehoff, Emine Üstün (Hrsg.): Das globalisierte Klassenzimmer. Theorie und Praxis zeitgemäßer Bildungsarbeit. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2011. ISBN 978-3-934575-48-6. Reihe: Theorie und Praxis der Schulpädagogik - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13509.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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