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Holger Wyrwa: Konfliktsystem Mobbing

Cover Holger Wyrwa: Konfliktsystem Mobbing. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-89670-857-1. 27,95 EUR.
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Mobbing als ungeschehenes Geschehen

Mit dem aus dem Englischen übernommenen Begriff “Mobbing“ sollen Verhaltensweisen benannt werden, bei denen Menschen von anderen Menschen insgeheim angegriffen werden, indem über sie schlecht geredet wird oder Gerüchte verbreitet werden. Ursprünglich benutzte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff, indem er das Konkurrenz- und Revierverhalten von Tieren als das „sogenannte Böse“ beschreibt. Übertragen auf menschliches Verhalten fragt Margarete Mitscherlich „Müssen wir hassen?“ (Margarete Mitscherlich, Müssen wir hassen? Über den Konflikt zwischen innerer und äußerer Realität, München 1972). Beschrieben wird also ein Konflikt, der beim menschlichen Zusammenleben entsteht und nicht offen und fair ausgetragen wird, sondern sich hinter der vorgehaltenen Hand und unter Ausschluss der Betroffenen ereignet. Mobbing geschieht in allen Lebensbereichen, in der Nachbarschaft, der Schule, am Arbeitsplatz, in den Medien und in der Freizeit. Weil die Angriffe immer als „Hörensagen“ verbreitet werden und das Mobbingopfer keine Chance hat, sich zur Wehr zu setzen und Gerüchte richtig zu stellen, sind die psychischen Auswirkungen von Mobbing gravierend. In der Soziologie, Pädagogik und Psychologie werden die Ursachen und Folgen des sozial abweichenden Verhaltens erforscht und Präventions- und Therapiekonzepte entwickelt. Dabei werden die vielfältigen Formen von Persönlichkeitsstörungen thematisiert, wie etwa die Zusammenhänge zwischen Macht und Narzissmus (Werner Berschneider, Wenn Macht krank macht. Narzissmus in der Arbeitswelt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11203.php), der Vorurteile (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php), der Gewaltphänomene (Joachim Bauer, Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12108.php), die Zusammenhänge zwischen kulturellen Identitäten und interkulturellen Konflikten dargestellt (Wilhelm Berger, u.a., Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10333.php), über berufliche Tätigkeiten und Zwänge reflektiert (Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php). Dabei geht es auch um Fragen von Selbstbewusstsein und Selbstidentifikation (Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php), um die Fähigkeit zur eigenen moralischen Standortbestimmung (Kurt Bayertz, Warum überhaupt moralisch sein?, München 2004), darüber, wie der Mensch Selbstwirksamkeit als Denkprozess realisieren kann (Jürgen Stock, Das wäre doch gedacht! Wie wir uns aus der Falle eingefahrener Denkmuster befreien, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11725.php), wie Einstellungen und Wertvorstellungen zustande kommen und erforscht werden können (Siegfried Schumann, Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12920.php), und nicht zuletzt, wie Veränderungsprozesse wirksam werden können (Daniel N. Stern, u.a., Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13911.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Annahme, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen gemobbt werden – und zwar so, dass psychische, persönlichkeitsverändernde und krankmachende Auswirkungen entstehen – muss die Theorie und Praxis der Sozialwissenschaften, insbesondere der Psychologie, Psychotherapie und Mediation auf den Plan rufen. Wenn der Anthropos, der Mensch, als zôon politikon ein Lebewesen mit Verstand und Gewissen ausgestattet ist, das kraft seines Verstandes in der Lage ist, ein „gutes Leben“ in Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu führen (Aristoteles), stellt Mobbing ohne Zweifel eine Verhaltensweise dar, die sozial schädlich und damit zu bekämpfen ist. Denn es ist der Mensch, der sein Denken und Tun selbst verantwortet, der selbst denkt und nicht denken lässt (Karl Heinz Bohrer,: Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php) und fähig ist, sich selbst als Individuum human zu verwirklichen (Jürgen Straub, Hg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der Humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php).

Zwar ist der Diskurs über „Mobbing“ mittlerweile breit gefächert, und die theoretischen und praktischen Einlassungen umfassen die vielfältigen Situationen, bei denen Mobbing relevant ist; aber es gibt bisher wenige Arbeiten, die sich vom Praktiker an Praktiker richten, die als Psychotherapeuten, Supervisoren und Coachs tätig und bereit sind, sowohl die traditionellen inner-, als auch die wirkenden inter- und intrapsychischen Aspekte in ihre Beratung und Therapie einzubeziehen: „Mobbing ist in erster Linie ein Kampf, der sich zwischen mindestens zwei Individuen abspielt und immer auf einer asymmetrischen Machtverteilung, einem Machtgefälle, basiert“.

Der in Gelsenkirchen als Pädagoge und Psychotherapeut tätige Holger Wyrwa outet sich in seinem Buch „Konfliktsystem Mobbing“ als jemand, der lange Zeit selbst gemobbt wurde und sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hat. Sein Theorie- und Praxismodell für Therapie und Beratung gründet auf „einem systemisch orientierten biopsychosozialen Verständnis vom Menschen, der als Homo construens – ein differenzstrukturierendes und ein ordnungs- bzw. individuell wie sozial sicherheitsherstellendes Wesen – zu betrachten ist“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Handbuch in vier Teile.

Im ersten Teil stellt er die theoretischen Grundlagen vor, auf die er sein Theorie-Praxis-Modell bezieht. Aus den in der Fachliteratur akzeptierten Grundzügen – systematische Wiederholung destruktiver Handlungen, Zielgerichtetheit, Machtgefälle, Zeitdauer und Ausgrenzungsabsicht – definiert er den extremen Konflikt Mobbing „als ein(en) Akt der Gewalt, welcher die systematische Wiederholung personenzentrierter destruktiver Handlungen über einen längeren Zeitraum hinweg beinhaltet, der zielgerichtet ist, primär auf einem asymmetrischen Machtverhältnis basiert und darauf ausgerichtet ist, ein Individuum bewusst zu schädigen“. Dabei hebt er besonders hervor, dass Mobbing eine extreme Form von Gewalt darstellt („ein Krieg im Kleinen“) und widerspricht damit der landläufigen Auffassung: „Wir machen doch nur Spaß“. Der prozessuale Verlauf von Mobbing vollzieht sich in eskalierenden Phasen, die zu zahlreichen gesundheitlichen Schädigungen und Persönlichkeitsveränderungen führen.

Im zweiten Teil formuliert Wyrwa das Theoriemodell, indem er sein „systemisch-existenzielles Mobbinginventar“ zusammen sammelt. Es ist die Diffusität, die Unerkennbarkeit und unterschiedliche Ausprägung, die Mobbing so schwer analysierbar macht: „Mobbing ist ein nicht geschehenes Geschehen; etwas, das gleichzeitig offensichtlich und zugleich verborgen ist“. Das Konfliktsystem des Mobbings beruht dabei auf der Erkenntnis, dass ein Mensch allein nicht mobben kann; er braucht dazu mindestens ein Gegenüber, und Mobbing gedeiht in spezifischen, gesellschaftlichen, gruppendynamischen und Organisations-Strukturen: „Mobbing ist ein intrapsychisches und ein interpsychisches Phänomen“.

Der dritte Teil befasst sich mit dem systemisch-existenziellen Mobbinginventar als Praxismodell. Es sind die therapie- und beratungsbezogenen Spezifika, die es dem Therapeuten oder dem Coach so schwer machen, zwischen Opfer und Täter zu unterscheiden. Bei der existentiellen und systemischen Psychotherapie wird davon ausgegangen, „dass von Mobbing Betroffene nicht grundsätzlich Opfer sein müssen, sondern auch Mittäter sein können“. Der Autor stellt als Therapie- und Beratungsphasen drei Module vor: Die akute Phase, in der die meist vorhandenen und geäußerten Ausnahme- und Überforderungssituationen der Gemobbten dargelegt und erkennbar gemacht werden; die reflexive Phase dient dazu, den Betroffenen instand zu setzen, „das Mobbing systematisch zu reflektieren, um darüber gegebenenfalls neue Einsichten in und Ansichten über das Problem zu gewinnen“; um in der dritten, existentiellen Phase die Chance zu erreichen, mit der Situation umzugehen, vielleicht sogar die menschlichen Begrenztheiten zu erkennen und eigene existentielle Lösungsmöglichkeiten zu finden. Die Schritte hin, Angst zu überwinden und Mut und Zuversicht zu gewinnen, werden mit mehreren Submodulen aufgezeigt.

Im vierten Teil werden fünf Fallberichte vorgestellt und diskutiert. Die skizzierten und protokollierten Verlaufssituationen der Fallbeispiele orientieren sich an den genannten drei Phasen. Sie ermöglichen es Praktikern, sie selbst zu analysieren und in Ansätzen in der eigenen Praxis anzuwenden.

Fazit

Holger Wyrwa gelingt es aufzuzeigen, dass sich die Problematik Mobbing als extreme, kriegerische und Kampfsituation darzustellt. Was der Mobber tut ist „Worte in Umlauf zu bringen, deren Wunden schlagende Kraft keine für ihn sichtbaren Spuren beim Gemobbten hinterlassen“. So zeigt sich Mobbing als „Maskierung des Inhumanen“. Natürlich bleiben auch bei diesem Theorie-Praxis-Modell mehr Fragen als Antworten übrig. Diejenigen, die einfach nachvollziehbare Rezepte erwarten (wer tut das seriös schon!), werden mit den Analyse- und Fundsachen nicht fündig werden.

Der Autor stellt mit dem systemisch-existentiellen Mobbinginventar eine Reihe von Denkstrukturen und Methoden zur Verfügung, die es dem Therapeuten, Supervisoren und Coacher ermöglichen, professionell(er) zu intervenieren und zu therapieren; aber auch die in Erziehungs- und Bildungsprozessen Beteiligten können daraus neue Erkenntnisse gewinnen und die Aufmerksamkeit schärfen, was in ihrem Umfeld vor sich geht (vgl. dazu auch: Matthias Busch / Marlies Witte, Mediation. Ein Rollenspielbuch, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8762.php sowie: Joachim Münch / Irit Wyrobnik, Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11625.php). Die alarmierenden Zahlen von Mobbingfällen in unserer Gesellschaft machen es notwendig, ein Bollwerk gegen (über-)machtzentrierte, menschenverachtende und die Menschenwürde verletzenden Verhaltensweisen zu errichten. Dabei geht es auch darum, Zivilcourage zu zeigen und mit wachen Augen und sozialer Aufmerksamkeit unsere Umgebung wahrzunehmen (Ulrich Beer, Zivilcourage, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12604.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.10.2012 zu: Holger Wyrwa: Konfliktsystem Mobbing. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-89670-857-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13511.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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