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Michael Macsenaere, Klaus Esser: Was wirkt in der Jugendhilfe?

Cover Michael Macsenaere, Klaus Esser: Was wirkt in der Jugendhilfe? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-497-02325-7. 19,90 EUR.

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Thema und Anliegen

Das vorliegende Buch greift die Wirkungsdebatte in der Jugendhilfe der letzten Jahre auf und versucht, die Frage nach den Wirkungen einzelner Hilfearten der erzieherischen Hilfen mit den vorliegenden empirischen Befunden zu Wirkfaktoren und Effekten unterschiedlicher pädagogischer Interventionen zu verbinden. „Hierzu werden die Faktoren zusammengetragen, die sich – empirisch abgesichert – in der Praxis der Hilfen zur Erziehung als wirksam erwiesen haben. Neben der Darstellung der erfolgsfördernden Faktoren wird einführend beschrieben, was Wirkungen in den Erziehungshilfen sind, und wie sie zur Qualitätsentwicklung und Steuerung genutzt werden können“ (7)

Anliegen dabei ist, die Orientierung der PädagogInnen und Entscheidungsträger und damit die qualitative Steuerung der Erziehungshilfen zu verbessern. „Damit soll Lernenden und Lehrenden in den Praxisfeldern der Erziehungshilfe ebenso wie den in der Praxis und in der Planung und Organisation Verantwortlichen ein aktueller Überblick über die bisher untersuchten Wirkungszusammenhänge ermöglicht werden.“ (9)

Aufbau

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert.

  1. Im ersten Abschnitt „Was ist Wirkung in der Erziehungshilfe?“ wird die Wirkungsdebatte der letzten Jahre referiert und die Kontroverse über die Steuerbarkeit pädagogischer Wirkungen diskutiert.
  2. Diesen Ausführungen schließt sich in einem weiteren Abschnitt „Was wirkt in der Erziehungshilfe?“ ein Überblick über die empirische Wirkungsforshung in diesem Praxisfeld an.
  3. Schließlich referieren die Autoren im dritten Abschnitt „Wie wirken die einzelnen Hilfearten?“ entlang der systematischen Struktur des SGB VIII § 27 ff Befunde zu Effekten und Effizienz der einzelnen Hilfen.

Inhalt

Lange galt das sogenannte „Technologie-Defizit“ sozialer und pädagogischer Arbeit (Luhmann) als veritabler Hinderungsgrund für kausale Wirkungszuschreibungen in der Pädagogik. Das „Technologie-Defizit“ besteht vereinfacht gesagt darin, dass Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen von Menschen in der Regel nicht eindeutig auf lineare Ursache-Wirkungszusammenhänge zurück geführt werden können, weil neben den intentionalen Interventionen gleichzeitig auch immer eine Fülle anderer Einflüsse auf den Menschen einwirken, mithin das Zusammenwirken all dieser Einflüsse eine spezifische Identifizierung einzelner Ursachen ausschließt. Obwohl dieses Grundproblem natürlich nicht behoben ist, setzten vor dem Hintergrund des Kostendrucks der öffentlichen Haushalte und zunehmender Legitimationsprobleme der Erziehungshilfen vor knapp zehn Jahren massive administrative Bemühungen ein, die Finanzierung einzelner Maßnahmen zunehmend von den erreichten Wirkungen abhängt zu machen. Begleitend dazu startete das Bundesmodell „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“, das an 11 Standorten wirkungsorientierte Steuerung entwickeln und erproben, praktikable Instrumente zur Wirkungsmessung und -dokumentation etablieren sowie die erforderlichen Kooperationsstrukturen gestalten sollte.

Die Autoren referieren ausführlich diesen Arbeits- und Diskussionszusammenhang und verständigen sich auf ein eingeschränktes Wirkungsverständnis. „Die Bezeichnung Wirkung zielt auf des Verhältnis eines Impulses zu einem Zustand vor Eintreten des Impulses. Der Impuls ist dann wirksam, wenn der Zustand sich nach seinem Eintreten verändert hat und wenn davon ausgegangen werden kann, dass das nachherige Anders-Sein auf den Impuls zurückzuführen ist. Wirkung ist damit als das Resultat eines durch einen ursächlichen Impuls hergestellten bzw. sichtbar gemachten Kausalzusammenhangs anzusehen… Ausgehend von der Logik des Wirkungsbegriffs wird deutlich, dass angesichts des Fehlens konsistenter Ursache-Wirkungs-Bezüge in der sozialen Arbeit nur auf der Ebene von Plausibilitätsannahmen von Wirksamkeit einer Maßnahme bzw. Hilfe gesprochen werden kann.“ (12f)

Die Beschreibung von (vermuteten) Wirkungen aus der jeweiligen Perspektive beteiligter Akteure (Jugendlicher, Betreuer, Eltern. Jugendamt usw.) ist dabei eine Möglichkeit solche Plausibilitäten zu erzeugen.

Dennoch bleibt die Einschränkung bestehen: „Empirische Wirkungsstudien geben die Wirksamkeit von Maßnahmen nicht in einem ursächlichen, sondern in einem wahrscheinlichkeitstheoretischen Sinne an.“ (49)

Im zweiten Abschnitt „Was wirkt in der Erziehungshilfe?“ geben die Autoren einen prägnanten Überblick über die durch empirische Forschung identifizierten Wirkmerkmale in den Erziehungshilfen. „Wirkmerkmale geben – ähnlich wie Qualitätsmerkmale – die zentralen Felder an, die für den Erfolg und damit für die Wirksamkeit einer Erziehungshilfe übergeordnet bedeutsam sind.“ (28) Dazu gehören: Passung, Ausgangslagen, Indikation, sozialpädagogische Diagnostik, Case Management, Ressourcenorientierung, Partizipation, Kooperation, Hilfedauer, Elternarbeit und wirkungsorientierte Steuerung.

Der dritte Abschnitt schließlich widmet sich der jeweiligen Wirkung der einzelnen Hilfearten. Einschränkend weisen die Autoren eingangs darauf hin, dass die Gewichtung und Ausführlichkeit der Darstellung der einzelnen Hilfearten und damit auch der Grad der Differenzierung von Wirkfaktoren sehr unterschiedlich ist. Hier spiegelt sich das unterschiedliche Forschungsinteresse wider - so liegen zur Heimerziehung zahlreiche differenzierte Studien vor, während beispielsweise Erziehungsbeistand oder Soziale Gruppenarbeit vergleichsweise wenig untersucht wurden. Entsprechend unterschiedlich umfangreich und ergiebig sind daher auch die Ausführungen zu den einzelnen Hilfearten.

In ihrem abschließenden kurzen Fazit blicken die Autoren zunächst auf die Geschichte und Entwicklung des SGB VIII zurück und stellen fest: „Die Themen, Diskurse und Spannungsfelder der vergangenen Jahre haben Theorie und Praxis der Erziehungshilfe modifiziert. Sozialraumorientierung, Inklusion, Prävention, Partizipation und Kinderschutz sind nur einige der fachlichen Implikationen, die Einrichtungen und Dienste in ihrer Zielsetzung und Ausrichtung verändert haben und weiter verändern. Die Praxis der erzieherischen Hilfen wurde zudem durch übergreifende demografische, juristische und wissenschaftliche Entwicklungen nachhaltig beeinflusst.“ (140)

Die Durchsicht vorliegender Studien regt die Autoren zudem an, für weitere Untersuchungen der Bindungs- und Traumaforschung, zur Gewaltprävention in öffentlicher Erziehung sowie zu gelingenden Formen der Nachsorge zu plädieren.

Fazit

Das vorliegende Buch bietet einen knappen, gut verständlichen Überblick über den Wirkungsdiskurs und vorliegende Befunde zu den Wirkmerkmalen und Wirkfaktoren des gesamten Spektrums der Erziehungshilfen und erfüllt damit sicher das selbst gesteckte Ziel, eine erste Orientierungs- und Entscheidungshilfe für PraktikerInnen und Entscheidungsträger zu bieten. Angesichts der teilweise sehr knappen Ausführungen zu einzelnen Hilfearten sei allerdings ausdrücklich davor gewarnt, sich auf die hier präsentierten Informationen zu beschränken.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 22.03.2013 zu: Michael Macsenaere, Klaus Esser: Was wirkt in der Jugendhilfe? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-497-02325-7.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02562-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13513.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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