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David Wenzel, Irmtraud Beerlage u.a.: Motivation und Haltekraft im Ehrenamt

Cover David Wenzel, Irmtraud Beerlage, Silke Springer: Motivation und Haltekraft im Ehrenamt. Die Bedeutung von Organisationsmerkmalen für Engagement, Wohlbefinden und Verbleib in Freiwilliger Feuerwehr und THW. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 175 Seiten. ISBN 978-3-86226-123-9.

Reihe: Soziologische Studien - Band 39.
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Thema

Die Bundesrepublik verfügt über ein breit aufgestelltes System an Hilfeleistungen für die Abwehr von Gefahren, die Bewältigung von Katastrophen und den Schutz der Bevölkerung. Dieses System setzt bei dem Großteil der darin enthaltenen Ressourcen auf klassisches Ehrenamt, vor allem bei den Freiwilligen Feuerwehren und beim Technischen Hilfswerk (THW). Dieses klassische Ehrenamt steht – ebenso wie das so genannte „Neue“ Ehrenamt – vor etlichen Herausforderungen und das nicht erst seit der Wehrreform im Jahre 2011 mit dem der Zivildienst, als eine wichtige Grundsäule, etwa im THW weggefallen ist. Der demographische Wandel greift auch auf diesem Feld und Abwanderungen verstärken die daraus resultierenden Effekte noch mancherorts. Was so weit bereits geführt hat, dass lokal bereits Engpässe bei der Sicherstellung des Versorgungsauftrages bzw. bei der Aufstellung der Bevölkerungsschutzorganisationen zu verzeichnen sind. Weiterhin sind engagementwillige Bürger zunehmenden und verdichteten Anforderungen in der Arbeitswelt ausgesetzt und das nicht nur im Blick auf eine gestiegenen, offenbar erforderliche Mobilität. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Thema, das längst nicht zufriedenstellend gelöst ist und damit auch mit Engagementbereitschaft kollidiert. So steht ehrenamtliches Engagement auch im Bevölkerungsschutz in Konkurrenz zu anderen Lebensbereichen. Das Mittel der Wahl, um das Freiwillige Engagement zu Stärken, waren die Erhöhung der Attraktivität der Mitwirkung durch Anwerbekampagnen und durch den Ausbau der Formen der Anerkennung.

Die Autoren dieses Werkes richten das Augenmerk auf die Stärkung der Haltekraft, um nach dem Einstieg, das Engagement dauerhaft zu erhalten. Sie zeigen u. a. auf, wie organisationsinterne Merkmale, so z.B. Führung, Kommunikation und Teamzusammenhalt den Verbleib oder den Ausstieg aus der Organisation beeinflussen können. Daraus entwickeln sie Empfehlungen, wie die Organisationen im Bevölkerungsschutz Engagement stärkende und gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen gestalten können. Der Titel bietet detaillierte Einblicke in die aktuelle Situation des Ehrenamtes im Bevölkerungsschutz. Daneben wird die Diskussion rund um das Freiwillige Engagement in Deutschland aufgegriffen und eine Analyse von Engagement fördernden und hemmenden Faktoren, sowie von Einstiegs-, Bleibe- und Ausstiegsmotiven freiwillig Engagierter erstellt. Ferner werden Hinweise auf Organisationsmerkmale, die Verbleib oder Ausstieg beeinflussen können, geliefert und Handlungsempfehlungen zur Stärkung der Haltekraft generiert.

Die Daten, auf denen diese Analysen und Ableitungen basieren, entstammen einer Teilstichprobe (Einsatzkräfte von Feuerwehr und THW) einer Studie zur nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr „Organisationsprofile, Gesundheit und Engagement im Einsatzwesen“, die unter der Leitung von Irmtraut Beerlage an der Hochschule Magdeburg-Stendal im Auftrage des Bundesministeriums des Innern / Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe durchgeführt wurde. Die Erkenntnisse dieser Erhebung werden vielfach mit nationalen und internationalen Studien auf diesem Forschungsfeld abgeglichen.

Autor und Autorinnen

David Wenzel (Dipl. Gesundheitswirt) studierte Gesundheitsförderung und -management. Er ist freiberuflicher Berater und Dozent für Organisations- und Personalentwicklung, sowie für Gemeinwesenentwicklung. Frau Prof. Dr. Irmtraut Beerlage ist Hochschullehrerin für Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal in den Studiengängen Gesundheitsförderung und -management, Sozialwesen, sowie Sicherheit und Gefahrenabwehr. Silke Springer studierte ebenfalls Gesundheitsförderung und -management und ist als Dipl. Gesundheitswirtin als Koordinatorin des Gesundheitsmanagements der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung (Kapitel 1) führt ins Themenfeld ein und legt den roten Faden für die Leser aus.

Im zweiten Kapitel wird der Bevölkerungsschutz in Deutschland mit seinen rechtlichen Rahmenbedingungen ausgeleuchtet und die (neuen) Herausforderungen sowie die veränderte Gefahrenfront nach dem 11. September 2001 und dem Elbehochwasser 2002 aufgezeigt. Weiter wenden sich die Autoren den Aufgaben und der jeweiligen Struktur der Freiwilligen Feuerwehr (FF) und des THW zu. Der Wandel im Ehrenamt und die damit verbundenen neuen Herausforderungen werden hier weiterhin thematisiert. Eine (leserfreundliche) Zusammenfassung schließt dieses Kapitel.

Im dritten Kapitel geht es um das Ehrenamt im Allgemeinen selbst. Hier werden Entwicklungslinien nachgezeichnet, zentrale Begrifflichkeiten in diesem Kontext eingeordnet, Traditionslinien aufgegriffen und politische Konzeptionen vorgestellt. Im Weiteren wird auf Daten zum bürgerschaftlichen Engagement (Freiwilligensurvey) zurück gegriffen, um anschließend den Stand und die Entwicklung bei THW und FF näher „unter die Lupe zu nehmen“. Die Bedarfe der Förderung aus Sicht der Engagierten und Initiativen und Aktivitäten zur Förderung des Engagements sind zunächst auf breiter Ebene Thema, dem folgt ein engerer Blick auf die Engagementförderung im Bevölkerungsschutz.

Nach einer weiteren Zusammenfassung folgt im vierten Kapitel „Attraktivität und Beendigung von freiwilligem Engagement“ zunächst der eine und andere Blick auf Dispositionen und Barrieren für freiwilliges Engagement. Motive und Erwartungen von Freiwilligen werden beleuchtet, bevor die Bleibegründe der Engagierten und die Haltekraft der Organisationen an Hand nationaler und internationaler Studien und deren Befunde dargelegt werden.

Dann wenden sich die Autoren den Prädikatoren von Ausscheiden (Drop out) zu. Auch das vierte Kapitel erfährt eine Zusammenfassung. Im Folgekapitel (Kapitel 5) werden die Ziele, Fragestellungen und Hypothesen der eigenen Untersuchung entwickelt und Indikatoren festgelegt.

Die Vorstellung des Studiendesigns und die Beschreibung der Durchführung folgt in Kapitel sechs, wo auch verdeutlicht wird, wie die Erkenntnisleitenden Merkmale und Ausprägungen erfasst wurden, wie die Stichprobe ermittelt wurde und wie das Auswertungsverfahren durchgeführt wurde.

Im siebten Kapitel werden dann die Ergebnisse interpretierend vorgestellt. Hier geht es um Merkmale Bleibewilliger und potentieller Aussteiger, um die Gründe für den Verbleib im Ehrenamt, hier werden auch die Gründe für den Ausstieg aus dem Ehrenamt im Bevölkerungsschutz analysiert und die zuvor aufgestellten Hypothesen überprüft. Diese Ergebnisse und deren Einordnungen sind hier nicht im Detail zu referieren.

Allemal aufschlussreich sind sie schon, weiterführend sind jedoch die Diskussion der Ergebnisse und die daraus entwickelten Schlussfolgerungen für die Praxis, die im Kapitel acht in einer Zusammenfassung und Diskussion erarbeitet wurden. Hier gehen die Autoren auch der Frage nach, ob Handlungsbedarf bei Behörden und Organisationen besteht und wenden sich Zielgruppen für die Stärkung der Haltekraft im Ehrenamt zu, dessen Handlungsrahmen entworfen wird. Einige Anmerkungen zur Untersuchungsmethodik und die dadurch erzeugten Aussagebegrenzungen schließen das vorgestellte Buch.

Diskussion und Fazit

Das Gros der Titel zum Themenfeld „Freiwilliges Engagement“ fokussiert die Größenordnungen und die Potentiale, hebt die Bedeutung des Ehrenamtes hervor, widmet sich dem Wandel des bürgerschaftlichen Engagements vor dem Hintergrund von Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen, vor dem Hintergrund sozialer Bewegungen oder vor dem Hintergrundthema „Demographischer Wandel“ … Dieses Werk wendet den Blick und widmet sich konsequent den Bleibewilligen, den Haltefaktoren auf der Organisationsseite und dem zu, was diese in und bei den Engagierten ansprechen müssen, damit sie bleiben. Somit beinhaltet das Werk auch implizit ein Plädoyer für ein professionelles Freiwilligenmanagement, das bspw. eine Anerkennungskultur entwickeln hilft. Im Blickwinkel dieses Buches sind nicht nur die Bleibewilligen, es sind auch die potentiellen Aussteiger und deren Aussteigemotive. Diese zu kennen ist wichtig, vielleicht sogar besonders wichtig bei Organisationen, wie der Freiwilligen Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk. Diese stecken eine Menge an Ressourcen in die Aus-, Fort- und Weiterbildung ihrer ehrenamtlich Engagierten. Ressourcen, die unwiederbringlich fort sind, wenn potentielle Aussteiger den entscheidenden Schritt tun. Somit wären die Verantwortlichen in Behörden, aber vor allem in den Strukturen der Freiwilligen Feuerwehr (FF) und dem THW (und sicher auch noch bspw. die, in den Seenotrettungsdiensten und in den Rettungswachten an Gewässern und den Küsten) diejenigen, die sich (vor allem) mit den gut unterfütterten und nachvollziehbar hergeleiteten Handlungsempfehlungen vertraut machen sollten. Doch: bis diese als Leser dorthin gekommen sind, müssen sie durch eine Menge „harte Kost“ hindurch. Das soll heißen, will man nachvollziehen (können), in welche inhaltlichen Kontexte die Studie und damit deren Erkenntnisse eingebettet sind und vor allem, wie die Studie angelegt wurde, wie die Hypothesenbildung vonstatten ging und diese geprüft wurden …, dann sollte man über sozialwissenschaftliches Rüstzeug verfügen, besser noch, über eigene Forschungskenntnisse verfügen. Daher dürfte das Werk (leider) vornehmlich im wissenschaftlichen Diskurs verbleiben. Schade eigentlich, denn die Erkenntnisse gehören eigentlich in den Korb der Verantwortlichen bei den Bevölkerungsschutzorganisationen und vor allem bei den lokal Verantwortlichen, die in den Regionen angesiedelt sind, die hohe Wanderungsverluste aufweisen, die damit zumeist vom demographischen Wandel besonders „gebeutelt“ sind, viele Auspendler ausweisen … Und davon gibt es einige in deutschen Landen und dazu muss man den Blick längst nicht mehr nur gen Ost wenden.


Rezensent
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 17.09.2012 zu: David Wenzel, Irmtraud Beerlage, Silke Springer: Motivation und Haltekraft im Ehrenamt. Die Bedeutung von Organisationsmerkmalen für Engagement, Wohlbefinden und Verbleib in Freiwilliger Feuerwehr und THW. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-123-9. Reihe: Soziologische Studien - Band 39. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13524.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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