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Christoph Emminghaus, Melanie Staats u.a. (Hrsg.): Lokale Infrastruktur für alle Generationen

Cover Christoph Emminghaus, Melanie Staats, Christopher Gess (Hrsg.): Lokale Infrastruktur für alle Generationen. Ergebnisse aus dem Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. 190 Seiten. ISBN 978-3-7639-4955-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Thema des Sammelbandes ist die Evaluation des Aktionsprogramms Mehrgenerationenhaus des Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Diese Mehrgenerationenhäuser sind Dienstleistungszentren, in denen generationenübergreifende Interaktion und gegenseitige Unterstützung gefördert werden sollen. Der Aspekt des Zusammenwohnens mehrerer Generationen – eine Assoziation, die der Begriff ‚Mehrgenerationenhaus‘ mitunter auslöst – spielt in diesem Aktionsprogramm keine Rolle. Im vorliegenden Band werden Ergebnisse aus der Begleitforschung zur ersten Förderrunde präsentiert, die von 2006-2011 lief.

Autoren und Autorin

Die AutorInnen gehören zur Rambøll Management Consulting GmbH, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit der Begleitforschung beauftragt wurde.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in fünf Teile mit jeweils mehreren Aufsätzen gegliedert. Innerhalb dieser Aufsätze finden sich jeweils „How To“-Kästen, die erfolgversprechende Handlungsanweisungen knapp zusammenfassen.

In Teil I „Ziel, Evaluation, Methode“ wird das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser und die Wissenschaftliche Begleitforschung dazu vorgestellt. Melanie Staats, Christopher Gess und Anna Iris Henkel beschreiben den Entstehungszusammenhang aus demografischem Wandel und der Reduktion sozialer Netzwerke, aufgrund dessen das Aktionsprogramm 2006 ins Leben gerufen wurde.

Die Begleitforschung untersuchte Umsetzung, Wirkung und Nachhaltigkeit mittels Selbstmonitoring (etwa zu Finanzierung und Personalstruktur, Angeboten und Kooperationspartnern), NutzerInnenbefragung (zur Zufriedenheit mit dem Angebot) und vertiefenden Vor-Ort-Interviews.

In Teil II stellt Jann Nestlinger Entwicklungs- und Steuerungsprozesse vor, die bedarfsorientierte soziale Arbeit und die Vernetzung vielfältiger Angebote in den Mehrgenerationenhäusern ermöglichen. Erklärtes Ziel des Aktionsprogrammes ist, die Einrichtungen zu einer Schnittstelle zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft zu machen. Christopher Gess beschäftigt sich deshalb mit der Vernetzung mit Kooperationspartnern und VertreterInnen der Kommunen, die der zunehmenden Unübersichtlichkeit der Hilfsangebote entgegenwirken soll.

In Teil III wird die Entwicklung zur sozialen Anlaufstelle beschrieben. Meike Reinecke und Christine Rösch machen sich grundlegende Gedanken zu Mehrgenerationenarbeit. Ein niedrigschwelliger Zugang durch die Schaffung offener Räume zur Begegnung wird als essentieller Schritt bewertet, auf den mit anderen Angeboten aufgebaut werden kann. Die Interaktion zwischen den Generationen wird u.a. anhand des Generationenindexes und der Kontaktintensität von Altersgruppen analysiert. Anna Iris Henkel beschäftigt sich mit dem Freiwilligen Engagement in den Mehrgenerationenhäusern. Da Freiwillig Engagierte den größten Anteil an Arbeitsstunden in den Einrichtungen leisten ist deren Motivation, ihre Aktivierung und Begleitung ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dr. Olaf Jürgens untersucht Mehrgenerationenhäuser im ländlichen Raum. Ähnlichkeiten und Unterschiede in den angebotenen Aktivitäten werden bezüglich der Rahmenbedingungen Mittel-, Großstadt oder Metropole, Kleinstadt, Ländlich untersucht.

Teil IV behandelt drei Bereiche der inhaltlichen Arbeit in den Mehrgenerationenhäusern. Christopher Gess und Anna Iris Henkel schlüsseln den Markt für Haushaltsnahe Dienstleistungen auf und untersuchen Mehrgenerationenhäuser als Dienstleistungsagenturen und Vermittlungsstellen. Dr. Olaf Jürgens und Maria Puschbeck analysieren Kinderbetreuungsangebote in den Einrichtungen im Ost-/West-Vergleich und anhand der regionalen Kontexte. Dabei zeigt sich, dass speziell ein Bedarf nach Verzahnung mit bereits existierenden lokalen Angeboten und einem niedrigschwelligen, flexiblen Ergänzungsangebot besteht. Nina Jablonski und Christopher Gess gehen auf erfolgreiche Angebote für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige ein.

Teil V des Bandes umfasst die Nachhaltigkeitsanalyse. Allerdings mit der massiven Einschränkung, dass die Daten bereits während des laufenden Programms erhoben wurden und deshalb lediglich das Nachhaltigkeitspotenzial erfassen können. Das Potenzial zu finanzieller Nachhaltigkeit ist laut Anna Iris Henkel durch die Mischfinanzierung der Mehrgenerationenhäuser gegeben. Allerdings müssen die Projekteinrichtungen ihre Kosten optimieren, was Arbeit im Bereich Management und Controlling verstärkt nötig macht. Das organisatorische Nachhaltigkeitspotenzial analysiert Jann Nestlinger auf Programm- und Einrichtungsebene. Durch die relativ lange Förderdauer von 5 Jahren und das Anschlussprogramm sind die Bedingungen auf Programmebene positiv. Der Finanzierungsmix und die relativ flexible Mittelverwendung wirken sich ebenfalls förderlich aus. Hinzu kommt als stabilisierender Faktor, dass die meisten Mehrgenerationenhäuser in bereits bestehenden Einrichtungen geschaffen wurden. Abschließend beschäftigt sich Christopher Gess mit dem Potenzial zur Inhaltlichen Nachhaltigkeit. Anhand von vier Dimensionen der Nachhaltigkeit ordnet der Autor die 20 näher untersuchten Einrichtungen fünf Nachhaltigkeitsprofilen zu.

Diskussion

Generell liest sich die Evaluation des Projekts positiv. Abweichende Ergebnisse werden nicht ausgeblendet, aber auch kaum tiefer beleuchtet. Zum Beispiel wünscht sich offenbar eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Befragten keinen intensiveren generationenübergreifenden Kontakt (S. 65). Dies führt allerdings nicht zu einer kritischen Reflexion der dementsprechenden Zielsetzung des Aktionsprogramm.

Es fällt auf, dass an keiner Stelle Bezug auf Geschlechterverhältnisse genommen wird. Sowohl im Bereich der Pflege – privat ebenso wie beruflich – als auch im Feld Freiwilligenarbeit sind zahlenmäßig signifikante Geschlechterungleichheiten bekannt, die gesellschaftliche Bedeutung haben. Es bleibt unklar, ob das Geschlecht der NutzerInnen, Freiwillig Beschäftigten und MitarbeiterInnen überhaupt erfasst wurde.

Die Analyse der Nachhaltigkeit ist aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive besonders interessant, da sie Aufschluss über den Nutzen dieser Art von politisch gewollten Einrichtungen und ihrer Förderung bzw. Anschubfinanzierung geben könnte. Die Einschränkung der Aussagekraft der Nachhaltigkeitsanalyse ist deshalb zwar methodisch nachvollziehbar und notwendig, dennoch erfüllt dieser Teil nicht die geweckten Erwartungen. So bleibt offen, inwiefern das Aktionsprogramm und die Einrichtungen tatsächlich relevante Antworten auf die problematischen Auswirkungen des demografischen Wandels sein können. Im Band werden keine Aussagen darüber getroffen, ob eine Fortsetzung oder gar Ausweitung des Programms empfehlenswert scheint, Bedarf an weiteren Einrichtungen und Förderung besteht oder dieser gedeckt ist, etc. Da der größere Zusammenhang des demografischen Wandels und des Pflegenotstands zur Begründung des Aktionsprogramms herangezogen wird, wäre auch eine Einordnung der Ergebnisse der Evaluation in diesen Zusammenhang wünschenswert.

Fazit

Der Sammelband liefert einen guten Überblick über die Ergebnisse der Begleitforschung zum Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. Erfolgsfaktoren innerhalb der Zielsetzung und des Projektrahmens sind gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Eine Einordnung in den größeren politischen Zusammenhang und eine kritische Bewertung des Aktionsprogramms hätten dem Band zusätzlichen Mehrwert verleihen können.


Rezensentin
Lisa Haug
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Zitiervorschlag
Lisa Haug. Rezension vom 05.10.2012 zu: Christoph Emminghaus, Melanie Staats, Christopher Gess (Hrsg.): Lokale Infrastruktur für alle Generationen. Ergebnisse aus dem Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-7639-4955-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13525.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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