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Ingo Elbe, Sven Ellmers u.a. (Hrsg.): Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse

Cover Ingo Elbe, Sven Ellmers, Jan Eufinger (Hrsg.): Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. ISBN 978-3-89691-896-3.
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Der Verwertungsprozess des Werts

„Hannibal ante portas“, so formulierten unsere Altvordern eine Situation, in der sie darauf hinweisen wollten, dass ein Ereignis bevorsteht, vor dem es zu warnen gilt. Dabei ist immer von einer Person oder einem Zusammenschluss die Rede, die Macht und Herrschaft beanspruchen, nicht immer zum Vorteil der Gemeinschaft, sondern als Eigennutz und vorwiegend mit ideologischer Begründung. Dieser Herrschaftsanspruch war also direkt zu benennen und auch zu identifizieren. Karl Marx hat in seiner Ökonomie- und Gesellschaftskritik darauf hingewiesen, dass „der Verwertungsprozess des Werts ( ) einen Typus von anonymer Herrschaft hervor(bringt), deren Kennzeichen nicht in der Unterordnung des Willens einer Person unter den einer anderen besteht“, sondern der Kapitalismus als Gesellschaftsformation „eine Unterordnung der Willen und Zwecke aller Akteure unter den Akkumulationsimperativ …, der ‚Produktion um der Produktion willen‘ bedinge“. Der Wandlungsprozess in der bürgerlichen Gesellschaft vom rechtsphilosophischen hin zum politökonomischen Denken, den Marx und auch die Moderne aufgreifen, ist ja bestimmt von der „Abspaltung der Kategorie des Staatsinteresses von der Herrscherwillkür und metaphysischen Normkonstrukten“ und führt zur „Entstehung eines ‚transpersonalen Bezugspunkt[es] des Staates‘“ (vgl. dazu auch: Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10350.php).

Herausgeberteam

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg, Ingo Elbe, der Mentor für Praktische Philosophie an der FernUniversität in Hagen, Sven Ellmers und das Vorstandsmitglied des Instituts für Sozialtheorie e.V. an der Universität Bochum, Jan Eufinger, geben den Sammelband mit dem Ziel heraus, Konzepte moderner Herrschaftsordnungen zu diskutieren und dabei insbesondere den Diskurs um „ anonyme Herrschaft“ in der Marxschen und modernen Diktion zu reflektieren.

Aufbau und Inhalt

Macht, Herrschaft (und Moral) sind Kategorien, die Marx in seiner Ökonomiekritik besonders hervorhebt (vgl. dazu auch: Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php). Der Berliner Volkswirtschaftler und Redakteur der Zeitschrift „Prokla“, Michael Heinrich entfaltet in seinem Beitrag „Individuum, Personifikation und unpersönliche Herrschaft in Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie“ differenzierte Aspekte des Marxschen Verständnisses von Kapitalismus und Kommunismus, in denen im ersteren die Vergesellschaftung von Waren und Arbeitskraft dazu führen, die „… freien Arbeiter und Arbeiterinnen dazu (zu)bring(en)t, sich selbst darum zu bemühen, ausgebeutet zu werden“. Während „der Kapitalist ( ) die Logik des Kapitals (exekutiert), (erleiden) die Arbeiter und Arbeiterinnen sie“, und wiederum andererseits in „einer kommunistischen Gesellschaft… endlich Raum zur Entfaltung ihrer Individualität erhalten“, jedoch durchaus nach dem Prinzip: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“.

Der (Bielefeld) Berliner Sozialwissenschaftler Hartwig Schuck setzt sich in seiner „realistische(n) Analyse“ mit „Macht und Herrschaft auseinander, indem er den Versuch unternimmt, „sich den wirklichen (Hervorhebung, JS) gemeinsamen, essentiellen Merkmalen sozialer Macht (und analog: sozialer Herrschaft) analytisch anzunähern“. Er bezieht sich dabei auf neuere angloamerikanische Machttheorien, wie etwa die von Thomas Wartenberg (1992) und Jeffrey Isaac (1987), diskutiert die vielfältigen, realistischen Formen der Machtausübung, bringt „Machtverhältnisse und Interessen“ in Beziehung zueinander und zeigt auf, dass „Herrschaftsverhältnisse per definitionem eine Zumutung darstellen (und) eine immanente Tendenz zur Verschleierung ihres Herrschaftscharakters (haben)“.

Der Hamburger Erwachsenenbildner Tobias Reichardt vermittelt in seinem Beitrag „Unpersönliche Herrschaft in der griechischen Polis“ einen historischen Überblick, indem er Mythen und Wirklichkeiten miteinander vergleicht, auf Eng- und Weiterführungen in der Weiterentwicklung der athenischen Verfassung hin zur Demokratie verweist und herausarbeitet, dass „die griechische Polis ( ) eine Herrschaftsform dar(stellt), die weitgehend unpersönliche Strukturen an die Stelle unmittelbar persönlicher Abhängigkeiten setzte“; er widerspricht aber auch dem Mythos, dass es sich dabei um eine „Befreiung des Individuums“ gehandelt habe; vielmehr „um die Befreiung einer begrenzten Zahl von Individuen“.

Der Sozialwissenschaftler Hendrik Wallat bringt mit seinem Text „Die Herrschaft des Gesetzes und ihre Suspension“ einen „Beitrag zur politischen Philosophie des Rechts(staats)“. Es geht um die historische Forderung und gleichzeitig aktuelle Herausforderung, „dass nicht Menschen, sondern Gesetze herrschen sollen“. Es sind die „Dimensionen der Suspension der Herrschaft des Gesetzes in der Gegenwart“, die sich in der „Symbiose von unmittelbarer Gewaltherrschaft, ökonomischer Macht und Kriminalität (als) ‚Konsens des Schreckens‘“ zeigt.

Der Osnabrücker Politikwissenschaftler Matthias Bohlender diskutiert „Liberales Regierungsdenken“, indem er eine „Genealogie einer politischen Rationalität“ darstellt. Er weist darauf hin, dass „Liberalität“ im eigentlichen Sinn „eine reflexive Führungspraxis, eine Führung von Lebensführungen, die …Ausarbeitung eines spezifischen Regierungswissens (Hervorhebung, JS)…, die Festlegung von spezifischen Regierungszielen (Hervorhebung)… und unterschiedliche Formen von Regierungspraktiken (Hervorhebung)“ beinhaltet, was „es den Regierenden wie den Regierten … auferlegt, ihr Verhältnis als eines zwischen freien Individuen zu begreifen“.

Ingo Elbe zeigt „die ‚Herrschaft der Norm‘ zwischen Geltung und Gewalt“ auf , indem er die Positionen des österreichisch/US-amerikanischen Rechtspositivisten Hans Kelsen (1881 – 1973) zu den Gütern „Eigentum, Recht und Staat“ kritisch befragt. Mit der Kelsenschen Definition, dass Rechtswissenschaft Normwissenschaft sei, ergibt sich zwangsläufig, dass „die Herrschaft der Norm… nichts anderes als personale Herrschaft (Hervorhebung, JS) in einer sachlich verschleierten Gestalt“ ist. Elbe gesteht zwar Kelsen zu, dass er in seiner Rechtssystematik zwar erkennt, „dass gesellschaftliche Verhältnisse in ihrem Wandel auch die Rechtsinhalte verändern“, daraus aber keine Konsequenzen gezogen, sondern vielmehr die Rechtsnorm als Zwangsnorm festgelegt habe.

Der Kulturwissenschaftler Christian Voller entwickelt mit seinem Beitrag: „Im Zeitalter der Technik?“ eine „Genealogie eines spezifischen, insbesondere in Deutschland wirkmächtigen, Technikfetischs“ und zeigt auf, dass „dessen intellektuelle Herkunftslinien auf die Technikdebatte der Weimarer Republik, namentlich die Schriften der sogenannten Konservativen Revolution verweisen“. Der „zum selbstherrlichen Subjekt fetischisierten Technik“ wurde nichts entgegen gesetzt, so dass sich nichts anderes entwickelte als der „menschenfeindliche Affekt“.

Der Kölner Medienanalyst Fabian Kettner setzt sich mit Hannah Arendts Konzept anonymer Herrschaft und seinen Folgen auseinander, indem er seinen Beitrag „Die Herrschaft des Niemand“ titelt. In der Darstellung von anonymer Herrschaft als politisches und ökonomisches Phänomen, die Arendt vornimmt, sieht der Autor nicht mehr und nicht weniger als dass „die ganz konsequente Kulturkritik anonymer Herrschaft ( ) in Realitätsverleugnung (endet) – und ( ) sich Freunde bei den Revisionisten (schafft)“.

Sven Ellmers schließlich beendet den Sammelband über anonyme Herrschaft mit Anmerkungen zum Kapitalbegriff von Pierre Bourdieu: „Die Energie der sozialen Physik“. Während Bourdieu „soziales Handeln nicht auf das Ergebnis einer bewusst vollzogenen Entscheidung oder Regelbefolgung (reduziert), sondern ( ) soziale Praxis durch das entschlüsseln (will), was er Habitus (Hervorhebung, JS) nennt“, kritisiert Ellmers das Konzept, indem er ihn die Benutzung eines „formunspezifischen Kapitalbegriff(s“) vorwirft: „Es führt zu keinem Erkenntnisgewinn, von Kapital zu sprechen, wenn bloß eine (formunspezifische) Herrschaftsressource gemeint ist“.

Fazit

Über „anonyme Herrschaft“ als realexistierende Machtform nachzudenken ist nicht nur deshalb notwendig, weil sich „die Herrschaftsorganisation des modernen Kapitalismus ( ) grundlegend von allen vorherigen Gesellschaftsformationen (unterscheidet)“, sondern sich auch „als sachliche Verhältnisse der Personen oder gesellschaftliche(n) Verhältnisse der Sachen“ darstellen. Es sind die differenzierten Zugangsweisen und Diskussionsformen, die danach fragen, ob es alternative Systeme zu den scheinbar eindeutigen Machtsystemen im neoliberalen, kapitalistischen System gibt und mit der provozierenden Frage „Wie das Marxsche ‚Kapital‘ lesen?“ (Michael Heinrich) mittlerweile auch eine Bewegung in Gang gebracht hat, die ernsthaft und wissenschaftlich feststellt, dass der Kommunismus Voraussetzung des Individuums sei (Jürgen Meier, „Amokläufe zum Ich“, Essen 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11802.php) und reicht bis zu dem erst einmal ungewöhnlichen Vorhaben, die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht übernehmen, 2002, www.socialnet.de/rezensionen/10535.php).

Der Diskussionsband „Anonyme Herrschaft“ ist es wert, in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs um die trotzige Aussage zu bringen: „Eine andere, bessere und gerechtere (Eine?) Welt ist möglich!“


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.08.2012 zu: Ingo Elbe, Sven Ellmers, Jan Eufinger (Hrsg.): Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. ISBN 978-3-89691-896-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13528.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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