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Martina Hahn, Frank Herrmann: Fair einkaufen - aber wie?

Cover Martina Hahn, Frank Herrmann: Fair einkaufen - aber wie? Der Ratgeber für fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und Genuss. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. 4. Auflage. 340 Seiten. ISBN 978-3-86099-610-2. 24,90 EUR.
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„Der Faire Handel ist erwachsen geworden“

Und doch: Beim Bewusstsein der Menschen, dass man ist, was man isst, anzieht, kauft und benutzt, tut sich eine Lücke auf. Die Herkunft, Machart und Produktion eines „billigen“ Produkts, ob als Lebensmittel oder als sonstiges Konsumgut, wird beim Kauf selten hinterfragt. In Umfragen kommt zutage, dass rund 90 Prozent der deutschen Konsumenten vom Händler ein ökologisch und sozial unbedenkliches Produkt angeboten bekommen möchten. Der Spruch „billig ist geil“ verdeutlicht zudem, dass im Konsumverhalten Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Gelänge es aber, „billig“ in „preiswert“ umzuwandeln und die „Jagd nach dem Schnäppchen“ als Ausnahme- und nicht als Allgemeinzustand zu charakterisieren, kämen wir dem humanen Grundsatz – „Leben und leben lassen“ – ein gutes Stück näher. Die Meistererzählungen über gutes, nachhaltiges Konsumverhalten liegen auf den Tisch (Moritz Gekeler, Konsumgut Nachhaltigkeit. Zur Inszenierung neuer Leitmotive in der Produktkommunikation, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12966.php), die Erkenntnis, dass eine Verhaltensänderung bei den Menschen in allen Altersstufen und Lebenslagen notwendig ist, ist unstrittig (Claus Tully / Wolfgang Krug, Konsum im Jugendalter. Umweltfaktoren, Nachhaltigkeit, Kommerzialisierung, Schwalbach/Ts. 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11517.php), dass ökonomisches Wachstum allein nicht das humane Menschsein ausmacht und es eines Perspektivenwechsels bedarf, wie dies seit Jahrzehnten in den Berichten des Club of Rome und den Prognosen, u.a. der Weltkommission "Kultur und Entwicklung“ (1995) dramatisch gefordert wird: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, Bonn 1997, S. 18; vgl. auch: Hildegard Kurt, Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit, Stuttgart 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10087.php), dass also „Leben lernen“ eines Hau-Rucks des Denkens und Handelns bedarf (Luc Ferry, Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9345.php), dürfte mittlerweile zum Allgemeinverständnis gehören. Das große Aber aber bleibt, angesichts des sich immer selbstverständlicher und dominanter gerierenden kapitalistischen und neoliberalen, lokalen und globalen Immer-Mehr-Denkens und Handelns (Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird. Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13468.php), der Verschwendungssucht bei den Wohlhabenden (Stefan Kreutzberger / Valentin Thurn, Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13468.php) und den Habenichtsen (Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss: Neue Strategien im Kampf gegen Unterernährung und Armut, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php) in der Welt.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Das Öko-Siegel „Fair trade“ hat mittlerweile eine stärkere Aufmerksamkeit im Handel und bei der Kundschaft gewonnen; doch zufrieden können damit weder Du noch Ich sein. Die Suche nach den fairnessbewussten, ökosozial und gerechtigkeitsorientierten Verbrauchern muss also weiter gehen, durch Information und Aufklärung und dem Aha-Erlebnis, „dass es oft gar nicht so schwer ist, mit dem Einkaufskorb zum Weltpolitiker zu werden“, wie dies das Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, im Vorwort zu einem bemerkenswerten Ratgeber für faires Einkaufen ausdrückt. Die Politologin und Journalistin Martina Hahn und der Dipl.-Volkswirt und Journalist Frank Herrmann legen ein Handbuch vor, das eingereiht werden kann in die vielfältigen, mit obigen Literatur- und Rezensionshinweisen nur angerissenen Thematik, die die Menschheit heute und morgen in immer stärkerem Maße herausfordert. Es ist die Ausschau nach einer humaneren, gerechteren, nachhaltigeren und faireren Einen Welt, und der Zugriff nach fair produzieren und fair gehandelten Konsumgütern, die ein gutes Gefühl beim Käufer erzeugen und ein Bewusstsein bringen können, dass „Mehr wird, wenn wir teilen“, wie dies die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften 2009 formuliert (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), dass der Schritt weg vom Wachstumswahn und hin zum Bruttosozialglück ein kurzer und machbarer sein kann (Petra Pinzler, Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13332.php) und eine gehbare, ökonomische und humane Initiative vorhanden ist (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Aufbau und Inhalt

Das Autorenteam gliedert den Ratgeber in fünf Kapitel und beschließt ihn mit einem Infoteil.

Im ersten Kapitel wird „Fairer Handel“ definiert, auf den Zusammenhang mit dem (ungerechten) Welthandel hingewiesen, die Zielsetzungen und Arbeitsweisen von internationalen und nationalen Organisationen zu Fair Trade diskutiert, der Zusammenhang zur Entwicklungszusammenarbeit hergestellt, die Frage beantwortet, woran der Kunde fair gehandelte Produkte erkennt, auch thematisiert, wer und wie fairer Handel kontrolliert wird und wo faire Produkte erworben werden können.

Im zweiten Kapitel werden rund 30 Lebensmittel und Konsumgüter in alphabetischer Reihenfolge genannt, von Ananas, Bällen, Blumen, Fruchtsäften, über Elektronik, Reis, Teppichen bis Zucker, mit Informationen über unmenschliche und unfaire Herstellungsmethoden und unzureichende Entlohnungen in den Produktionszentren des Südens, es werden Produktionsziffern genannt und in Beziehung gesetzt zu dem verschwindend geringen Volumen von fair produzierten und gehandelten Gütern. Gewissermaßen mit Aufforderungscharakter werden grafisch herausgehobene Hinweise gegeben, wie jeder einzelne Konsument Fair Trade unterstützen kann, und zwar mit besonderen Sach- und Produktinformationen für die Kunden in den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz.

Das dritte Kapitel setzt sich auseinander mit „Fair gehandelte Kleidung – Mode im Tiefgang“. Mit der Gegenüberstellung von fair erzeugter und mit dem Fairtrade-Siegel versehener Kleidung aus Baumwolle zu den Produkten, die teilweise bei Zuständen wie „moderne Sklaverei in den Nähfabriken“ in Bangladesch und anderen Produktionsstätten in den Ländern des Südens hergestellt werden, der Information, wer wie viel beim Jeanskauf verdient: ca 1% die Arbeiterin bzw. der Arbeiter; 11% für Transport, Steuern und Import; 50% der Einzelhandel, Verwaltung und Mehrwertsteuer; 13% für Material und Gewinn der Fabrik im Billiglohnland; 25% der Markenname, Verwaltung und Werbung. Noch gravierender stellt sich die Beantwortung der Frage: „Wer bekommt die 100.- Euro für meine Sportschuhe? (Löhne: 0,4%, Herstellungskosten: 13%, Transport und Steuern 5,6%, Einzelhandel: 30%, Mehrwertsteuer: 19% und Markenfirma: 32%). Auf der Anklagebank sitzen dabei auch die Konzerne der Sportartikelhersteller Adidas, Nike, Puma und andere, ebenso Discounter wie Lidl, Hersteller und Händler von Outdoor-Produkten. Dabei liegen Verhaltenskodizi längst auf dem Tisch, etwa von der Clean Clothes Campaign (CCC), oder von der Fair Wear Foundation (FWF), ebenso die Informationen und Adressen von Fairhändlern, wie etwa die Weltläden (GEPA, El Puente, EZA), Südwind/CCC, Stiftung Warentest. Unzureichend ist die Kontrolle der Produkte, und es werden staatliche Regulierungen gefordert, denn „freiwillige Maßnahmen bleiben immer unzureichend“.

„Globaler Tourismus – viel Schatten, wenig Licht“, titeln die Autoren das Problem im vierten Kapitel. Obwohl in Deutschland die Umsätze in der Tourismusindustrie zurück gingen, zählen die Deutschen weiterhin zu den reisefreudigsten Nationalitäten in der Welt. Die janusköpfige Situation freilich – Billigst- und Dumpingangebote bei Flug- und Fernreisen, All-Include-Schnäppchen – stellt sich zu Lasten von Umwelt und Ausbeutung dar. Auch hier liegen internationale und nationale Siegel, Normen und Kodizes vor, wie etwa CSR-Tourism-Certified, Arbeitskreis tourismus&entwicklung, ECOTRANS e.V., Evangelischer Entwicklungsdienst (EED). Mit dem Motto „Fair unterwegs“ sind fair bewusst Reisende auf der sicheren Seite.

Ein bisher weitgehend unbeachtetes und ungenutztes Feld beim fairen Handeln stellen dabei „Geldanlagen“ dar. Angesichts der Finanzkrisen und der spekulativen Praktiken auf den Finanzmärkten der Welt, von den scheinbar seriösen Sparkassen um die Ecke bis zu den Shareholders, muss dieses fünfte Kapitel viel stärker in den Blickpunkt von Verbrauchern geraten. „Wissen Sie eigentlich, was Ihr Geld gerade macht? Kauft es Streumunition aus Deutschland, spekuliert es mit Weizen aus den USA oder holzt es in Costa Rica Regenwald für eine Ananasplantage ab?“ Diese provozierende Frage ist es allemal wert, zur Kenntnis genommen zu werden. Denn „nachhaltiges Investment“ ist möglich – und sogar lohnend, moralisch und pekuniär, etwa, um sich bei Ethikfonds zu beteiligen. Auch hier ist der Anleger nicht auf das profitorientierte Angebot einer x-beliebigen Bank angewiesen; der „Frankfurter-Hohenheimer-Leitfaden (FHL)“ hilft ihm mit Bewertungskriterien, ethische Investitionen zu tätigen. Die Autoren nennen auch vertrauenswürdige fairzertifizierte Banken und Finanzinstitute in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Im Infoteil erhalten die Leserin und der Leser eine Fülle von Internet-Adressen und Literaturhinweisen zu den im Buch angesprochenen Themenbereichen zum Fairen Handel.

Fazit

Es wäre zu wünschen, wenn der informative Ratgeber, der nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben ist, Eingang in den notwendigen und für die Menschheit existentiellen Diskurs finden und eine echte Aufmerksamkeit beim alltäglichen und gesellschaftlichen Handeln, beim schulischen Lernen und der außerschulischen Bildungs- und Aufklärungsarbeit erzeugen würde; denn es muss gelingen, den dringlichen Perspektivenwechsel vorzunehmen und sich bewusst zu machen: „Fair ändert die Welt“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.07.2012 zu: Martina Hahn, Frank Herrmann: Fair einkaufen - aber wie? Der Ratgeber für fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und Genuss. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. 4. Auflage. ISBN 978-3-86099-610-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13529.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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