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Jacques Le Goff: Geld im Mittelalter

Cover Jacques Le Goff: Geld im Mittelalter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 279 Seiten. ISBN 978-3-608-94693-2. 22,95 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Geld ist Realität und Fiktion

Diese Aussage klingt erst einmal banal und wenig aussagekräftig; gilt doch das Vorhandensein des Zahlungsmittels und gleichzeitig des Wertersatzes als selbstverständlich; und kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wie wenig hinterfragt und auch kritisch betrachtet wird, was Geld eigentlich ist, welche Bedeutung es im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Mensch eingenommen und welche Formen der Vereinnahmung Geld bewirkt hat. Ob der flapsige und vieldeutige Spruch – „Geld ist nicht wichtig, wenn man genug da davon hat“ – mit der Bedeutung „genug“ als genügend oder viel, oder als „ich habe die Nase voll“ oder „mir reicht?s“ – gedeutet wird, immer kommt dabei die Bedeutsamkeit der Geldwirtschaft im Leben der Menschen zum Ausdruck.

Dass dies in der Geschichte der Menschheit nicht immer so war, zeigt D. Graeber mit seinem Buch „Schulden“ auf (David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart 2012, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/13486.php). Der Zusammenhang von (Geld-)Besitz, Ansehen, Macht, Politik und Weltanschauung hat sich dermaßen in das Alltagsdenken eingegraben, dass er sich im individuellen und kollektiven Bewusstsein lapidar wie bedeutsam ausdrückt: „Pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht) – „Geld hat immer recht“. Parallel dazu verlaufen die im Alten Testament geschriebenen Mahnungen: „Wer dem Gold nachjagt, versündigt sich“ (Jesus Sirach, 31,5), wie im Neuen Testament: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Matthäus 19, 23-24).

Entstehungshintergrund und Autor

Auf den bildlichen, mentalitäts- und religionsgeschichtlich überlieferten Darstellungen von Geldgeschäften überwiegen die Abbildungen, die den (Geld-)Geschäftemacher entweder als den gierigen, unersättlichen und skrupellosen „Geldsäckel“, oder als den verräterischen, hinterlistigen Verräter mit dem „Judasgeld“ zeigen. Betrachten wir die Einstellungen und Praktiken, wie Menschen im Mittelalter mit Geld, eben mit Münzen umgegangen sind, kommt eine interessante Beobachtung zutage: Geld hat in dieser geschichtlichen Periode der Menschheitsgeschichte „keine vorrangige Rolle gespielt ( ), weder in ökonomischer oder politischer, noch in psychologischer oder ethischer Hinsicht“.

Das jedenfalls stellt einer fest, der als Nestor der französischen Mittelalterforschung und einer der führenden Historiker Europas gilt: Jacques Le Goff (vgl. dazu auch: Jacques Le Goff, Der Gott des Mittelalters. Eine europäische Geschichte. Gespräche mit Jean-Luc Pourthie, Freiburg im Breisgau 2005, 110 S.). Neben weiteren Arbeiten zum Leben der Menschen im Mittelalter schließt der Autor mit seinen Forschungen über die Bedeutung des Geldes im Mittelalter seine Reflexionen zu dieser Epoche ab und betont: „Die Vorstellungen und Handlungsweisen der Männer und Frauen (unterscheiden) sich grundlegend von unsrigen ( )“, was immerhin die Frage stellen lässt, welche Einsichten sich daraus für die heutigen Forschungen ergeben und womöglich sogar eine Revision unserer Auffassungen von der Entstehung des Kapitalismus erforderlich machen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlussteil gliedert Le Goff das Buch, das mit dem französischen Titel „Le Moyen Age et l?argent. Essai d?anthologie historique“ 2010 in Paris erschienen ist, in 15 Kapitel, die er chronologisch und thematisch anlegt. Er beginnt mit der Nachschau, welche Spur en der Münztätigkeit das Römische Reich dem Christentum des Mittelalters hinterlassen hat. Dabei zeigen sich zwei Entwicklungen: Zum einen wurde die Praxis, dass Münzgeld überwiegend in regionalen Machtzentren geprägt und verwendet wurden, übernommen; zum anderen waren es die Profile und Machtansprüche der zentralen Herrscher, die den Wert des Geldes bestimmten. Reichtum und Macht bildeten mehr und mehr eine Einheit.

Die Sesshaftwerdung der Kaufleute begründete an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert bewirkte, in der nachhinkenden Konsequenz, dass Wucher als Reichtumserwerb durch die Pflicht zur Mildtätigkeit abgemildert wurde und in der zunehmenden Wohlhabenheit der Besitzenden und Mächtigen durch die Stadtentwicklungen und den verstärkt einsetzenden lokal- regional übergreifenden Handelsbeziehungen eine feste Größe entstand.

Das 13. Jahrhundert bezeichnet der Autor als das „Große“ und datiert es von 1160 bis 1330. Der Bedarf von Investitionsmitteln durch die (Handels-)Städte, für den Bau von repräsentativen Gebäuden, Straßen, Brücken, Befestigungs- und Verteidigungsanlagen, Entlohnungen für die Beamten und Soldaten, wie auch den Bau von Kirchen durch Klöster und Klerus, führt zu einem institutionalisierten und wohlorganisierten Abgaben- und Steuersystem und damit zu einem steigenden Geldumlauf.

Die „kommerzielle Revolution“, wie das 13. Jahrhundert von Historikern bezeichnet wird, weil die Produktion von Silber und damit die Münzprägungen und Geldzirkulation in Europa enorme Ausmaße annahmen, gleichzeitig aber auch die Goldmünzen, im wesentlichen durch das afrikanische Gold aus Afrika gespeist, zum grenzüberschreitenden Geldumlauf beitrugen, entstand ein neues Gewerbe: Geldwechsler. Die Zunahme der Geldmenge bedingte allerdings auch Inflation, Wucher und feudale Ausgaben.

Das 13. und 14. Jahrhundert war auch gekennzeichnet durch den Übergang der Feudalherrschaft in die Bildung von Staaten mit zentralen Finanzverwaltungen, aber auch das staatsähnliche Gebilde der Hanse, mit den Europa umspannenden Netzwerken der Handelsstädte und -regionen. Die wichtigsten Rechnungsmünzen waren die Lübecker Mark, das flämische Pfund Grote und das englische Pfund Sterling.

Die christliche Verdammnis des Geldverleihens brachte den Nichtchristen, den Juden, eine Erwerbsquelle und gleichzeitig auch den Ruf des Wucherers ein, der sich erst im 15. Jahrhundert dadurch relativierte, dass Zinsleihe und Reichtum gewissermaßen „geheiligt“ wurde, wenn die Wohlhabenden Kapellen und Kirchen bauten und ihr Geld für christliche Einrichtungen stifteten, was dem Autor zu der Feststellung veranlasst: „Der Wucherer war zur Beute des Paradieses geworden“.

Weil Göttlichkeit in der Welt der Christenmenschen einen unangefochtenen Platz einzunehmen habe, wird Gläubigkeit und Kirchenzugehörigkeit immer enger verstanden. „Neuer Reichtum und neue Armut“ werden in ökonomischer Hinsicht immer bedeutsamer; und die Akzeptanz des Wohlstandes als gesellschaftlicher Erfolg vor allem durch die Habenichtse wurde nicht zuletzt durch christlichen Lebenswandel und nachahmenswerte Beispiele, etwa bei Franz von Assisi, gefördert. Daraus ist das entstanden, was wir mit einer gewissen Distanz vom Wucher und der Gier als Gewinnmaximierung nennen – und doch uns allgegenwärtig umgibt, und wir es tun, wenn wir können.

Der sich im 14. Jahrhundert vollziehende Wertewandel von der Silber- zur Goldmünze brachten die labile Stabilität der Edelmetalle massiv durcheinander und ließ Venedig als überregionalen Handels- und Umschlagplatz zur wirtschaftlichen Blüte und zum europäischen Machtzentrum aufsteigen. Die Einführung der Wechselgeschäfte im 15. Jahrhundert leitete die Form des Geldgeschäftes ein, das von der Barzahlung hin zum bargeldlosen Zahlungsverkehr entstand.

Wie Städte und Staaten mit Geld umgingen, wie sie ihre Finanzen regelten, Steuern und Abgaben erhoben und Schulden machten (vgl. dazu auch: D. Graeber) wird im elften Kapitel thematisiert und an mehreren Beispielen, u. a. der Stadt Frankfurt, diskutiert, sowie am Finanzwesen des Heiligen Stuhls dargestellt.

Die einsetzenden Auseinandersetzungen um den Wert der Arbeit und die stetigen Erhöhungen der Löhne, vor allem der Handwerker und Bauarbeiter, immer im Widerstand gegen die Interessen der Feudalherren und der reichen Bürger, hoben freilich die Unterschiede in den Entlohnungen nicht auf, ja sie verstärkten sie vielmehr, wie sich auch die Entfaltung von Luxus auf der einen und die Entstehung von Hungersnöten andererseits beförderten.

Die durchaus in der historischen Forschung kontrovers geführte Herleitung, dass es die Aktivitäten der Bettelmönche, vor allem die Dominikaner und Franziskaner waren, die mit der freiwillig gewählten Armut die Grundlagen für die Marktwirtschaft legten, relativiert der Autor insofern, als er aufzeigt, dass „von den Armen aus freien Willen ( ) keine ökonomische Haltung, sondern eine bestimmte Lebens- und Denkart erwartet (wurde)“.

Das Geld ist die Wurzel aller Dinge – dieser mehrdeutige Perspektivenwechsel, wie die Humanisten ihn vollzogen, beruht auf der Auffassung, dass Geld, Wohlhabenheit und Reichtum dann nicht der Verdammnis anheim fällt, wenn es der Förderung und Schaffung von Kunst- und Luxusgegenständen diente.

Die Unterschiede und Merkmale, wie sie sich bei den Ausprägungen des Kapitalismus, des Kommunismus und der (christlichen) Caritas darstellen, diskutiert der Autor im 15. und letzten Kapitel- Er widerspricht dabei der Auffassung einiger Historiker, dass sich der Kapitalismus im Mittelalter gebildet habe. Er führt dabei mehrere Gründe an, die gegen die Annahme sprechen, vor allen die fehlende Institutionalisierung der Markt- und Geldwirtschaft, die erst bei der Entstehung der Börse ab 1609 in Amsterdam einsetze; vielmehr war es die religiös bestimmte Caritas, die sowohl als Tugend, wie auch als gesellschaftlicher Wert bedeutsam war und sich als „Ökonomie der Gabe“ zeigte.

Fazit

Der Blick in die Geschichte erlaubt es uns, im Vergangenen Hinweise und Richtwette für Gegenwärtiges und Zukünftiges zu erhalten; diese Binsenweisheit gewinnt nicht zuletzt dadurch an Bedeutung, wenn sie mit der Frage konfrontiert wird, wie die Menschen im Mittelalter mit Geld umgegangen sind. Die erstaunliche Erkenntnis, „dass es keinen mittelalterlichen Geldbegriff gab“, jedenfalls nicht im kapitalistischen Sinn, weil die Edelmetallknappheit und die dezentralisierten Märkte dies gar nicht ermöglichten; vielmehr herrschte eine „Ökonomie der Gabe“ und damit ein Spezifikum, das für die Menschen des Mittelalters charakteristisch war.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.08.2012 zu: Jacques Le Goff: Geld im Mittelalter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94693-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13533.php, Datum des Zugriffs 24.06.2019.


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