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Bernhard Trenkle: Dazu fällt mir eine Geschichte ein

Rezensiert von Prof. Dr.em. Jürg Frick, 31.10.2012

Cover Bernhard Trenkle: Dazu fällt mir eine Geschichte ein ISBN 978-3-89670-774-1

Bernhard Trenkle: Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Direkt-indirekte Botschaften für Therapie, Beratung und über den Gartenzaun. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. 166 Seiten. ISBN 978-3-89670-774-1. 21,95 EUR.

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Thema

Der Autor, Psychotherapeut und Lehrtherapeut in eigener Praxis und Vorstandsmitglied der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose, präsentiert aus seinem reichen Fundus unzählige kürzere oder längere Geschichten als Denkanstösse, die er als Interventionen in seiner Arbeit einsetzt – eingebettet in kurze Fallvignetten aus Therapie, Coaching und Supervision.

Aufbau

In zehn nicht nummerierten Kapiteln sowie einem kurzen Schlusswort variiert und erläutert Trenkle seine Vorgehensweise und Thesen. Ein Literaturverzeichnis fehlt.

Inhalt

Im ersten Kapitel stellt der Autor neun Grundregeln zum Erzählen von selbsterlebten persönlichen Geschichten vor. Hier werden u.a. Aspekte der Zielorientierung und Klarheit, der Örtlichkeit (regionaler Kontext, z.B. Stadt-Land), der Kontraindikation oder der Echtheit (Kongruenz) erläutert. Bei ungutem Gefühl beim Erzählen schlägt Trenkle ganz einfach vor, die Geschichte abzubrechen. Häufig sei es auch sinnvoll, die Geschichte zu verändern – zeitlich und/oder örtlich, um sie dem Problem und dem Klienten anzupassen.

Im Kapitel über Paartherapie-Paarberatung sticht der Hinweis hervor, den Trenkle von Jay Haley übernommen hat, um einen unwilligen Partner in die Paartherapie zu bewegen: «Ich rufe selbst direkt den Mann an und sage: Ich brauche ihre Hilfe in diesem Fall, ich komme mit ihrer Frau in dieser Frage nicht mehr klar. Das versteht jeder Mann.»

Das Kapitel über Erziehungs- Schul- und Verhaltensprobleme handelt u.a. von sich verweigernden Schülerinnen und Schülern und verzweifelten Eltern. Einem Supervisanden, der von einem 9-jährigen aggressiven Jungen erzählt, der ein begeisterter Fussballspieler ist, erzählt Trenkle die unter dem Titel «Von Kuranyi und Zidane lernen heisst für das Leben lernen» die Geschichte eines Fussballers, der stark gefoult wurde, unglücklich stürzte und sich verletzte. Eine zuschauende Mutter mit einem Baby lachte darüber, worauf der Spieler eine Handvoll Schlackensteine auf das Baby warf. Der bis anhin beliebte Spieler zerstörte damit seinen Ruf in dieser Stadt.

Unter «Familienprobleme» erläutert der Autor, wie er die Loyalität eines 49-jährigen Mannes, der immer seine Eltern bei der eigenen Landwirtschaft unterstützt hatte, mit einer Geschichte positiv würdigte und ihm damit ermöglichte, seine daraus entwickelten Fähigkeiten zu erkennen und zu schätzen.

Zum Kapitel «Persönliche Krisen und Entwicklung – Definition von Lebens- und Therapiezielen»: hier zeigt Trenkle, wie wichtig es ist, dass Ratsuchende lernen, ihre Ziele selber zu definieren, die Beratungsperson hier also als Klärungshilfe fungiert. Adaptierte Geschichten in der Beratung vermögen hier den Blick für eigene Ziele und Pläne zu schärfen. Trotzdem: nicht jeder kann ein Meister werden, obwohl Übung sehr wichtig ist – oder mit einer Kapitelüberschrift von Trenkle: «Warum spiele ich nicht wie Paco di Lucia? Oder: Wer am Zweifel verzweifelt, soll am Zweifel zweifeln.» Auch gut spielen ist wertvoll.

Das Kapitel über «Coaching, berufliche Probleme, Burn-out» beginnt mit einem Gespräch mit einem Klienten, der 12 Stunden am Tag arbeitet, sehr erfolgreich ist und trotzdem nur das Unerledigte sieht. Trenkle legt mit seiner Geschichte den Fokus auf das schon alles Erledigte (Perspektivenwechsel) und zeigt zusätzlich indirekt die vom Klienten verinnerlichten negativen Dialoge auf. Dieses Kapitel überzeugt besonders, weil hier sehr anschaulich auch die verinnerlichten und verfestigten Selbst-und Fremdbilder zur Sprache kommen und es zudem deutlich wird, wie der Autor arbeitet.

Unter «Teamprobleme-Teamentwicklung» erzählt der Autor von seinen Erfahrungen, die er unter dem Begriff «Frühwarnsystem» zusammenfasst: eine Praktikantin, die im Praktikum abzocken will, verhält sich dann im Team auch so; ein Bewerber für ein Praktikum, der sich nicht auf den angebotenen Stuhl setzen will – und sich dann später in seiner Arbeit unkooperativ verhält usw. Geschichten, die nicht erste Eindrücke zu Vorurteilen zementieren sollen, aber LeserInnen veranlassen können, erste Eindrücke ernst zu nehmen, ein unangenehmes Bauchgefühl nicht wegzustecken, dabei wachsam zu bleiben.

Im Kapitel «Verschiedenes» plädiert Trenkle u.a. für die folgende Regel seines Lehrers Steve Gilligan: «Ein guter Therapeut bereitet sich gut vor und bereitet sich gut nach. In der Sitzung vergisst er am besten alles. Er denkt also vorher nach und reflektiert danach. In der Sitzung sollte er das sagen und machen, was die Situation gerade erfordert.» Geschichten über die sorgfältige medizinische Abklärung von körperlichen Problemen – als nützliche Warnung gegen eine zu rasche Festlegung auf eine psychische Genese – runden das Kapitel ab.

Das Kapitel über reale und erfundene Geschichten enthält eine Geschichte über Erfolg im Leben, die wie folgt endet: «Du musst diejenigen, die besser sind als du, besser sein lassen, und du musst von ihnen lernen können. Und was genau so wichtig ist: Diejenigen, die dir unterlegen sind, die dir nicht das Wasser reichen können, die musst du achten und ehren lernen, du musst ihnen einen würdigen Platz lassen.» 

Diskussion

Trenkle gelingt es, anschaulich und konkret den Leser, die Leserin, an seiner Vorgehensweise in Beratung, Therapie und Supervision teilzunehmen. Das ist eine Stärke des Buches. An vielen Stellen erscheint es dem Rezensenten, als ob Trenkle sehr rasch, zu rasch den Ratsuchenden eine Geschichte erzählt und so u.U. den Ratsuchenden möglicherweise nicht immer gerecht wird. Mein persönlicher Eindruck: An einigen Stellen hätte ich mich als Ratsuchender nur mit einer Geschichte auf mein Anliegen – statt mit einem weiteren persönlichen Nachfragen und Erzählen-können und somit mit einem Eingehen auf mein individuelles, persönliches Problem – nicht ernst genommen gefühlt. Vielleicht hat dieser Eindruck aber auch mit der – in einem Buch wohl gezwungenermassen verkürzten – Darstellung von Fallvignetten zu tun. An einigen Stellen findet sich diese personalisierte Sicht durchaus, etwa im Schlusskapitel, wo Trenkle schreibt: «Was einem Schmied hilft, hilft einem Bäcker noch lange nicht.» Schade, dass kein Literaturverzeichnis bzw. keine Literaturhinweise vorhanden sind.

Als gute Ergänzung, mit vielen kurzen und treffende Sprüchen und Aphorismen, sei auf das frühere erfolgreiche Buch des Autors – «Das Aha!-Handbuch der Aphorismen und Sprüche für Therapie, Beratung und Hängematte» – hingewiesen.

Fazit

Insgesamt ein Werk, das Personen in beratenden Berufen Anregungen bietet, Ratsuchenden vermehrt anhand von konkreten Geschichten und Beispielen komplexe Sachverhalte näherzubringen, fixierte Einstellungen aufzuweichen.

Rezension von
Prof. Dr.em. Jürg Frick
Langjähriger Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Seit 2017 eigene Praxis (Beratungen, Supervision, Weiterbildungsseminare) und freier Mitarbeiter u.a. an diversen Pädagogischen Hochschulen.
www.juergfrick.ch
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Es gibt 11 Rezensionen von Jürg Frick.

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ISSN 2190-9245