Ulrike Domenika Bolls: Meditation für Aspies
Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 06.07.2012
Ulrike Domenika Bolls: Meditation für Aspies. Lebensqualität & Eigenverantwortung mit Asperger-Autismus. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-8423-4928-5. 24,50 EUR.
Thema
Das Buch befasst sich mit Meditationsmethoden für Menschen mit und ohne Autismus. Sie dienen der Entspannung, der Selbstfindung und helfen Lebensqualität zu steigern und Eigenverantwortung zu stärken. Das Buch gibt präzise Tipps, wie der Einstieg praxisnah gelingen kann.
Autorin
Ulrike Domenika Bolls, geb. 1972 bekam erst im Erwachsenenalter die Diagnose Asperger-Autismus. Sie beschäftigt sich nach eigenen Angaben Zeit ihres Lebens mit Selbstfindungsprozessen. Seit 2000 ist sie als Coach für Hochsensible und Hochbegabte mit und ohne Autismus in ihrer Firma highmate© tätig. Diese persönlichen und beruflichen Erfahrungen fließen in das Buch mit ein.
Entstehungshintergrund
Schon vor der Diagnose sammelte die Autorin vielfältige Erfahrungen in Therapien, in unterschiedlichen Meditationsformen und anderen Selbstfindungsprozessen. Sie selber kennt die Situation, Überforderung zu erleben und an Grenzen zu geraten. Sie beschreibt diese Zustände als sog. „meltdowns“ übersetzt „Kernschmelze“. Gemeint sind psychische Zusammenbrüche. Aus dieser Erfahrung hat sie sich auf die Suche nach geeigneten Methoden der Entspannung und emotionalen Entlastung gemacht. Dabei stellte sie fest, dass es kein Buch speziell für Menschen aus dem autistischen Spektrum zu diesem Thema gibt. Diese Lücke will sie mit ihrem Buch schließen.
Aufbau
Die Gliederung umfasst 30 kurze Überschriften, die das Thema Meditation aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Die Überschriften werden im Fließtext auf jeder Doppelseite wiederholt, sodass der Leser sich gezielt orientieren kann.
Ausgehend von der Beschreibung möglicher Vorurteile gegenüber der Meditation wird der Nutzen derselben herausgearbeitet. In Form von Checklisten werden 15 Punkte zusammengestellt, die für das Meditieren im Allgemeinen und aus der Sicht einer Person aus dem autistischen Spektrum im Besonderen sprechen. Ein besonderer Focus liegt auf der Beschreibung von Aspekten der Motivationssteigerung. Danach folgen sieben verschiedene Blickwinkel in Bezug auf die Meditation: Meditation und Emotion, Geist, Körper, Seele, Tiere, Gott, Engel und Energien sowie Mutismus.
Entspannungshilfen für den Alltag wie z.B. Konzentrationsübungen, kleine Pausen, die Erstellung einer Genießerkiste etc. bilden den Einstieg, dazu Fragen zu Zeitpunkt, Ort, Dauer und notwendiger Umgebungsfaktoren aus Sicht von Anfängern und Fortgeschrittene.
Inhalt
Frau Bolls kennt das Gefühl an Grenzen zu geraten. Sie weiß aus diesem Erleben heraus, dass Menschen mit Autismus durch ihre Art der Wahrnehmung- und Informationsverarbeitung dafür Sorge tragen müssen, sich Strategien der Entlastung anzueignen.
Auf 132 Seiten werden verschiedene Meditationsmethoden so vorgestellt, dass sie direkt im Alltag nutzbar sind. Der Stil der Autorin ist klar, präzise und praxisnah. Ihre vielfältigen eigenen Erfahrungen fließen ein und machen das Buch authentisch.
Frau Bolls arbeitet seit 1992 als Meditationslehrerin und meditiert schon viele Jahre. Aus dieser Erfahrung wählt sie als Einstieg ins Thema die Darstellung von bestehenden Vorurteilen und kommt dann zu dem Nutzen, um sich danach der inhaltlichen Betrachtung aus sieben Perspektiven zu widmen.
Einen Kern bildet der Focus auf Erfolgserlebnisse beim Meditieren. Erfolgreich ist man dann, wenn es gelingt ein individuell passendes Setting herauszufinden sowohl in Bezug auf die Meditationsform als auch auf die richtige Wahl der Rahmenbedingungen wie z.B. Ort, Zeitpunkt, Kleidung, Musik.
Die Autorin lässt den Leser an den vielfältigen Erfahrungen teilhaben, wobei sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene berücksichtigt werden. Anfänger finden den Zugang über aktive Formen der Meditation, mit denen man den Geist leichter auf die Handlung fokussieren kann. Neben der richtigen Wahl bedarf es ausreichender Geduld und Übung, damit sch die ganze Wirkung (bis hin zur Selbsterkenntnis) entfalten kann. Durststrecken müssen überwunden werden – auch hier gibt sie praktische Tipps wie z.B. ein sog. Meditationsbuch, in dem Erfahrungen und der Lernverlauf dokumentiert werden. Die Aufzeichnungen helfen Zweifel zu überwinden und Einblicke in die eigene Entwicklung zu erhalten, um neue Motivation zu schöpfen.
Einen Kern des Buches bilden Entscheidungshilfen, in dem die Autorin typische Aspie-Eigenschaften mit neun Meditationsformen verbindet und gezielt Tipps zur Anwendung gibt.
Als Eigenschaften nennt sie: Probleme abzuschalten, Liebe zum Detail, Ritualisierte Abläufe, Bewegungen, Drehen, Probleme mit Bewegung/Körperkoordination, Wörter wiederholen, Summen, Mutismus, Bildliche Vorstellungskraft und Künstlerisch.
Bei jeder Form wird der Ablauf vorgestellt, den sie anhand von Stichworten charakterisiert. Dies sind:
- Dynamische Meditation nach Osho
- Whirling nach Osho
- Geh-Meditationen
- Nadrabrahama Meditationen nach Osho
- Achtsamkeitsmeditation (Vipassana)
- Mantra Meditation
- Stilles Sitzen nach Zasen
- Koan Meditation
- Mandalas malen
Diskussion
Frau Bolls ist es gelungen, kompakt und klar verständlich auf nur 132 Seiten das umfangreiche Thema der Meditation zu beleuchtet. Sie hat das Buch in der Du-Form geschrieben, so als würde sie mit dem Leser im Gespräch sein. Diese Form ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Mit der Zeit macht dieser Stil zunehmend deutlich, dass der Leser direkt angesprochen ist. Dieses stilistische Mittel fordert auf, die dargestellten Inhalte auf sich zu beziehen und eigene Erfahrungen/Erkenntnisse zu sammeln. Der prägnante Sprachstil der Autorin ist auf Aspies zugeschnitten, aber auch Nichtautisten sog. Neurotypische -NTs- kommen die praktischen Informationen und die Kürze der Darstellung zu Gute. Wichtige Informationen wurden herausgearbeitet und auf überflüssige Informationen wurde verzichtet.
Meditationen sind eine passende Form der Entspannung für Aspies, weil sie das bieten, was Aspies brauchen: feste Abläufe und feste Orte, Vorhersehbarkeit, ein Ritual, durch das man zur Ruhe kommt, seine Gedanken einfängt usw. Genau diese Kriterien sind auch für NTs hilfreich.
Es ist der Autorin anzumerken, dass sie sowohl über eine Menge Fachwissen als auch eine Fülle an eigenen Erfahrungen in der Anwendung von Meditationen verfügt. Es ist ihr gelungen, prägnant zu formulieren, ohne oberflächlich oder unpräzise zu werden.
Fazit
Das Buch (nach Angaben der Autorin einzigartig in Bezug auf den Personenkreis aus dem autistischen Spektrum) präsentiert ohne ideologischen Hintergrund eine Auswahl an Methoden zur Meditation. Es ist Frau Bolls gelungen, in einer wunderbaren leichten Art und Weise das Thema darzustellen.
Der Verzicht von Fachsprache (außer Eigennamen) und komplexen Anleitungen erleichtert den Einstieg. Der Leser erfährt, dass es nicht schwer ist, Formen der Entspannung und Meditation zu lernen und im Alltag als Ausgleich für Stress auslösende Situationen anzuwenden.
Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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