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Peter Schmidt: Ein Kaktus zum Valentinstag

Cover Peter Schmidt: Ein Kaktus zum Valentinstag. Ein Autist und die Liebe. Patmos Verlag (Ostfildern) 2012. 224 Seiten. ISBN 978-3-8436-0211-2. 19,99 EUR.
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Thema

Im Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“ geht es um die ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte eines Mannes, der erst in der Mitte seines Lebens erfährt, dass er Autist ist. Autismus ist eine unsichtbare Behinderung, die nur am Verhalten erkennbar ist. Peter Schmidt zeigt auf, dass „Liebe mit Autismus“ (a.a. O. S 8) keine Unmöglichkeit darstellt.

Autor

Peter Schmidt hat Geophysik studiert und promoviert. Viel später- erst mit 41 Jahren- erfährt er, dass er Autist ist. Plötzlich fasst ein einziges Wort „Autismus“ zusammen, was andere als „komisch“ oder „merkwürdig“ bezeichnen.

Aufbau und Inhalt

Die Autobiografie umfasst 224 Seiten, verteilt auf 55 Kapitel.

Es beginnt mit 278 Vor-Wörtern und endet mit 882 Nach-Wörtern.

Für Peter Schmidt erfüllt sich ein Traum: Angeleitet von seiner Vermieterin in preußischer Flirtkunst und durch sein eingehendes Studium von Liebesfilmen gelingt es ihm, seine zukünftige Frau Martina, das „Gnubbelchen“, kennen und lieben zu lernen. Er gründet mit ihr eine Familie. Das Paar bekommt zwei Kinder, die „RaRas“ Ramona und Raphael. Er macht aus seinem Interesse für Geografie und Naturwissenschaften – vor allem interessieren ihn Straßen – einen Beruf, studiert Geophysik und promoviert.

Peter Schmidt schreibt aber auch über Schattenseiten in seinem Leben – das Leben eines Außenseiters, der an Grenzen kommt und auf manches verzichten muss. Zum Beispiel träumt er von einer wissenschaftlichen Karriere und will Professor werden. Diese Karriere bleibt ihm verwehrt, weil es nicht reicht, „nur“ ein intelligenter Forscher zu sein, sondern – wie er selber formuliert – „Weil es im universitären Betrieb nicht um die Sache geht, sondern wie anscheinend überall um Menschen.“ (a. a. O. S 181). Er wechselt in die freie Wirtschaft und besucht Seminare, um soziale Fähigkeiten und Führungskompetenzen zu trainieren und er muss ein weiteres Mal erleben, dass ihm auch hier der Weg in eine leitende Position verschlossen bleibt. Wieder einmal wird ihm deutlich, dass er anders ist und nicht erklären kann, warum.

Peter Schmidt ist ein intelligenter Mensch. Doch er kommt immer wieder an Grenzen, in denen seine Intelligenz ihm nicht nützlich ist. In solchen Situationen erlebt er Stress-Momente, in denen er so außer sich gerät, dass er nicht mehr in der Lage ist, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen. Nach einem Streit mit seiner Familie beschreibt er diesen Zustand so: „Gläserne Stille. Denn es ist alles wie Glas, das man durchschauen kann. Das zwischen dem Innen und dem Außen liegt. Unsichtbar. Ich erinnere mich an einen Vogel, der am Fenster sterben musste. Der wollte da einfach nur langfliegen, aber plötzlich gefror die Luft. Beständig fliege ich gegen etwas, das unsichtbar ist. Ich begreife es nicht, genauso wenig wie dieser Vogel.“ (a.a.O. S. 181)

Seine Frau Martina steht ihm hilfreich zur Seite. Sie führen ein Leben, das anders ist als in anderen Familien. Als Vater sieht er seine Aufgabe darin den Kindern ein Zuhause der Erholung und des Wohlfühlens zu schaffen. Auf Sanktionen und Strafen verzichtet er, sieht darin keinen Sinn. „Bei mir dürfen sie alles machen und so sein, wie sie wollen, solange es niemanden stört.“ (S. 201).

Obwohl er Vieles in seinem Leben erreicht hat verzweifelt er zunehmend, weil er sich nicht erklären kann, was mit ihm los ist. Per Zufall begegnet ihm die Diagnose Aspergersyndrom und in diesem Moment hat er das Gefühl in einen Spiegel zu schauen. Im Alter von 41 Jahren wird diese Diagnose bestätigt, was ihn entlastet. Es gibt Momente, da ist er froh, die Diagnose erst so spät erfahren zu haben. Eine frühere Diagnosestellung hätte womöglich verhindert so viel im Leben zu erreichen. Statt Stärken und Kompetenzen anzuerkennen rücken Diagnosen oft Defizite und Schwächen in den Mittelpunkt, sodass ihm sicherlich viele Dinge nicht zugetraut worden wären.

Diskussion

Bis vor einigen Jahren gab es nur Fachbücher, die quasi aus einer Außensicht über Autisten geschrieben wurden. Peter Schmidt eröffnet mit seinemBuch Einsichten in eine autistische Innenwelt. Es ist eine Autobiografie, die unterhaltsam zu lesen ist und durch einen eigenen Sprachstil besticht. Zugleich ist es ein Fachbuch, weil aus 1. Hand Informationen über eine Weltsicht und Denkweise erfahrbar werden.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl auf ein Wechselbild zu schauen. Aus der einen Perspektive sah ich die Person Peter Schmidt, die merkwürdige Strategien und Schlussfolgerungen anwendet z.B. wie er bei der Suche nach einer Frau eine Checkliste mit Kriterien aufstellt. Er entscheidet sich für seine zukünftige Frau Martina, weil sie anders als andere Frauen 12 von 15 Punkten erreicht oder wie er am Valentinstag seiner Frau als Liebesbeweis einen Kaktus schenkt, weil es für ihn keinen Sinn macht, Schnittblumen zu verschenken, denen man in der Vase beim Sterben zusieht.

Aus der anderen Perspektive begegnete ich einem Menschen, der geniale Lösungswege nutzt. Das Erstellen einer Checkliste vereinfacht die Suche nach einem Lebenspartner ungemein und an einem Kaktus hat man definitiv länger Freude als an Schnittblumen.

Was ist es also dann, was die Menschen als „komisch“ erleben und warum er selber oft das Gefühl hat, das Leben sei unverständlich und Kräfte zerrend?

Peter Schmidt wirkt nach außen hin merkwürdig, weil er anders denkt als andere es erwarten. Man erwartet im Small Talk, dass Belanglosigkeiten ausgetauscht werden. Wenn das Gegenüber diese unsichtbare Regel nicht kennt kann der Rahmen eines Small Talks z.B. durch die Länge des Redebeitrags oder die Intimität des Themas gesprengt werden.

Beim Beispiel mit dem Kaktus wird erwartet, dass er weiß, dass es eine implizite Information gibt, die ein und dieselbe Sache – der Kaktus – in einem unterschiedlichen zeitlichen Kontext unterschiedlich bewertet wird. Durch seine Unwissenheit tappt Peter Schmidt ungewollt in ein Fettnäpfchen.

Die Beispiele zeigen, dass aus Sicht eines Autisten die Umwelt oft unvorhersehbar ist. Der Überblick geht verloren, was belastenden Stress auslöst. Menschen mit Autismus treten oft in Fettnäpfchen und ihre ‚Tragik' ist, dass sie diese im Vorfeld nicht erkennen können. Die Folge ist, dass soziale Situationen zunehmend vermieden werden und viele sich aus dem Kontakt zurückziehen. Sie werden zu Außenseitern, um den Stress zu minimieren und nicht immer als „Buhmann“ dazustehen.

Diese Rückzugsstrategien verschaffen aber nicht unbedingt Erleichterung, denn Menschen sind soziale Wesen und auf andere als Gegenüber angewiesen. Peter Schmidt hatte das Glück in seiner Frau einen Menschen zu finden, der Brücken ins Leben baut und Übersetzungshilfen gibt, wenn er etwas nicht versteht oder nicht bewältigen kann. Sie gibt ihm die nötigen Freiräume, um ein gesundes Maß an Nähe und Distanz zu regulieren. Das Glück so einen Menschen an der Seite zu haben bleibt manchem Autisten verwehrt.

Fazit

Schon lange habe ich kein (Fach-) Buch mehr gelesen, was mich derart in seinen Bann gezogen hat. Der offene Erzählstil erlaubt es dem Leser ganz nah an die Person Peter Schmidt heranzutreten. Er gibt freimütig Einblicke in sein Leben mit den erlebten Höhen und Tiefen. Diese Einblicke haben mich persönlich und fachlich bereichert.

Fieberhaft habe ich auf Erscheinen dieses Buches gewartet, weil es nur wenige Bücher zum Thema gibt. Peter Schmidt räumt mit dem Vorurteil auf, dass Autismus und Liebe eine Unmöglichkeit darstellen. „Liebe mit Autismus, so sollte man meinen, das schließt sich gegenseitig aus. Das ist doch wie ein schwarzer Schimmel, eine Unmöglichkeit.“ (a.a. O.S. 8). Das Buch macht eindringlich deutlich, dass das Bedürfnis nach Liebe und Akzeptanz etwas ist, was bei jedem Menschen – ob Autist oder Nicht Autist – gleich ist. Unterschiedlich sind die Erlebnismöglichkeiten und Ausdrucksformen. Diese können so vielfältig sein, wie es die Menschen auf dieser Welt sind.

Ich kann das Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“ uneingeschränkt empfehlen. Jeder, der es nicht liest, hat Einblicke in eine andere Art des Denkens, die m.E. einfach verblüffen ist, verpasst!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 30.10.2012 zu: Peter Schmidt: Ein Kaktus zum Valentinstag. Ein Autist und die Liebe. Patmos Verlag (Ostfildern) 2012. ISBN 978-3-8436-0211-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13548.php, Datum des Zugriffs 20.07.2017.


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