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Gertraud Schlesinger-Kipp: Kindheit im Krieg und Nationalsozialismus

Cover Gertraud Schlesinger-Kipp: Kindheit im Krieg und Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. ISBN 978-3-8379-2200-4. 34,90 EUR.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit Erinnerungsprozessen von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. Auf der Basis von ca. 200 Fragebogen von „Kriegskindern“ und zehn anschließenden narrativen Interviews aus diesem Personenkreis macht sich die Autorin daran, der „narrativen Wahrheit“ auf die Spur zu kommen.

Autorin

Dipl.-Psych. Dr. phil. Gertraud Schlesinger-Kipp ist Psychoanalytikerin in eigener Praxis und Lehranalytikerin der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert.

  1. Teil 1 (Fragestellung, Literatur, Thesen zu Untersuchung) umfasst fünf Kapitel – das Vorwort, eine Einleitung, Trauma, Psychoanalytische Reflexion und Thesen.
  2. Teil 2 (Untersuchung) umfasst sechs Kapitel – Einleitung zu Methodik, Untersuchung mit Fragebögen, Interviews, Ergebnisse, Diskussion der Thesen und Zusammenfassung. Ein Literaturverzeichnis und Anhang schließen das Werk.

Wie Schlesinger-Kipp in ihrer Einleitung anführt, geht es ihr in ihrer Untersuchung darum, die „Generation der Kriegskinder zu Wort kommen zu lassen, das hinter dem Schweigen über die Kindheitserlebnisse stehende Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutung der frühen Erlebnisse für das Leben zu teilen“ (S. 21-22).

Das 3. Kapitel beginnt die Autorin mit der Darstellung von Trauma aus psychoanalytischer Sicht, wobei sie sich im Hinblick auf das Erleben von Kindern stark an Anna Freud und Dorothy Burlingham orientiert.

Das 4. Kapitel referiert im Überblick psychoanalytische Reflexionen von sechs Autorinnen und Autoren, die einen hilfreichen Einblick in die unterschiedlichen Aspekte von Erleben und Erinnern aus psychoanalytischer Sichtweise geben.

Auf Basis dieser Reflexionen entwickelt Schlesinger-Kipp im 5. Kapitel vier Thesen, die in ihrer Untersuchung überprüft werden sollen:

  1. These 1 bezieht sich dabei auf die zu erwartende Anzahl von vormals traumatisierten Kinder während der Kriegszeit.
  2. These 2 geht davon aus, dass je nach damaligen Alter der Kinder sich die Erinnerungen an Trennung, Bedrohung und Traumatisierung sehr unterscheiden werden.
  3. These 3 fokussiert auf die unterschiedlichen Auswirkungen bei Jungen und Mädchen und
  4. These 4 geht der Frage nach, ob die damaligen Kriegsereignisse als ein starkes Motiv für die Hinwendung zur Psychoanalyse gesehen werden können.

Kapitel 6 +7 stellen die Untersuchungsergebnisse von Schlesinger-Kipp dar, die auf der Basis von 198 Fragebogen von Mitgliedern der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden, beruhen. Während in anderen Untersuchungen häufig berichtet wird, dass ca. 20-25 Prozent der befragten Kriegskinder Traumatisierungen ausgesetzt waren, zeigt diese Stichprobe auf, dass 64 Prozent der Befragten traumatische Erlebnisse angaben.

Den größten Umfang im Buch nimmt das 8. Kapitel ein, welches die persönlichen Interviews wiedergibt. Mit der Wahl eines „narrativen Interviews“ wählte die Autorin ein Verfahren, welches innerhalb eines psychoanalytischen Settings sicherlich grundlegend ist: die Betroffenen ausführlich zu Wort kommen zu lassen, ohne lenkend oder strukturierend einzugreifen. Ausgehend vom psychoanalytischen Konzept der „Nachträglichkeit“ hat sie die Interviewpartner/innen eingeladen, sich über die spätere Bewusstwerdung des eigenen Erlebens zu äußern. Ergebnis eines solchen Unterfangens sind niemals „objektive Wahrheiten“, sondern sinnhafte „narrative Wahrheiten“, die Anschluss an Einzelschicksale ermöglichen. Die 10 Interviews von Psychoanalytiker/innen, die ebenfalls zwischen 1930 und 1945 geboren wurden, bieten daher vor allem Nachgeborenen eine wertvolle Möglichkeit, über die Narrationen einen Eindruck vom jeweiligen Erleben im nationalsozialistischen Alltag zu bekommen. Es ist hier hervorzuheben, dass Schlesinger-Kipp diesen Teil auf einem erfreulich hohen wissenschaftlichen Niveau geleistet hat. Nach einem ersten Interviewtermin unterzog sich die Autorin einer telefonischen Supervision durch einen Psychoanalytiker, um auf Basis dieser Eigenreflexion noch ein zweites Interview zu führen, womit die angerissene Thematik vertieft werden konnte. Auf diese Art und Weise entstanden sehr intensive Darstellungen. Es spricht weiter für die große Sorgfalt, dass für alle zehn Interviews eine kommunikative Validierung sichergestellt wurde, d.h. dass die verschriftlichten Gespräche von den jeweiligen Interviewpartner/innen nachträglich autorisiert wurden.

In ihrer Dichte werden die einzelnen Interviews zu wertvollen Zeitdokumenten, aber wissenschaftlich gesehen auch zu einem sinnvollen Reflexionsgut. Als solches nutzt Schlesinger-Kipp sie für eine komprimierte Ergebnisdarstellung in Kapitel 9.

In Kapitel 10 werden mit Bezug auf die Thesen aus Kapitel 5 die vorliegenden Daten aus der gesamten Untersuchung diskutiert. Schlesinger-Kipp kommt hier zum Ergebnis, dass viel mehr Befragte als vorher angenommen unter starken Kriegseinwirkungen gelitten haben. Auffallend sind dabei unter anderem die deutlich unterschiedlichen Auswirkungen auf Mädchen und Jungen, die den Blick einer genderbezogenen Betrachtungsweise schärfen können.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Menschen, die ein Interesse an historischen Aspekten haben, die sich speziell auf Erziehung und Sozialisation beziehen. Darüber hinaus eignet es sich hervorragend für Studierende der Sozialen Arbeit, der Erziehungswissenschaften und Absolvent/innen von Therapieausbildungen.

Fazit

Es ist ein sehr lesenswertes Buch, welches einen weiteren Beitrag zur notwendigen „Erinnerungsarbeit“ leistet, um die demokratischen Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus lebendig zu halten. Wahrscheinlich nicht geplant, aber vielleicht unbewusst kann mit diesem Buch ein Querverweis zu einer aktuellen gesellschaftlichen Thematik hergestellt werden: der unvermeidlichen Trennung von jüngeren Kindern und die daraus resultierenden psychischen Belastungen bei der favorisierten „U-3-Betreuung“ in Tagesform. Gegen den Strich gebürstet kann das vorliegende Buch Gedanken anregen, sich nochmals kritisch mit den möglichen Belastungen von jüngeren Kindern bei frühzeitigen Trennungserfahrungen zu befassen.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 25.01.2013 zu: Gertraud Schlesinger-Kipp: Kindheit im Krieg und Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. ISBN 978-3-8379-2200-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13549.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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