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Markus Witte (Hrsg.): Gerechtigkeit

Cover Markus Witte (Hrsg.): Gerechtigkeit. Mohr Siebeck (Tübingen) 2012. 239 Seiten. ISBN 978-3-8252-3662-5. 13,99 EUR.

Reihe: Themen der Theologie - Band 6. UTB - 3662.
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Thema

„In diesem Band wird aus der Perspektive der Kerndisziplinen der protestantischen Theologie und ihrer spezifischen philologischen, historischen, philosophischen sowie kultur- und sozialwissenschaftlichen Methoden den unterschiedlichen Achsen und Dimensionen von Gerechtigkeit nachgegangen“ (S. 3).

Herausgeber

Markus Witte ist Professor für Exegese und Literaturgeschichte des Alten Testaments an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Außerdem leitet Witte das Institut für Kirche und Judentum – Zentrum für christlich-jüdische Studien an der Humboldt-Universität.

Aufbau

  1. Markus Witte: Gerechtigkeit als Thema der Theologie
  2. Guido Pfeifer: Gerechtigkeit aus der Perspektive der altorientalischen Rechtsgeschichte
  3. Markus Witte: Von der Gerechtigkeit Gottes und des Menschen im Altes Testament
  4. Lukas Bormann: Gerechtigkeitskonzeptionen im Neuen Testament
  5. Volker Leppin: „Gerechtigkeit“: Entwicklungslinien in der Kirchengeschichte
  6. Elisabeth Gräb-Schmidt: Gerechtigkeit systematisch-theologisch
  7. Bärbel Beinhauer-Köhler: „Gerechtigkeit“ als religiöses Konzept und seine Varianten im Islam
  8. Ursula Roth: „Gerechtigkeit“ – Thema und Reflexionsperspektive der Praktischen Theologie

Zusammenschau

  1. Markus Witte: Bilder und Bildung der Gerechtigkeit

Inhalt

In seinem Beitrag zur Rechtsgeschichte betrachtet Guido Pfeifer zur Gerechtigkeit die Gesetzesstellen in Textgattungen der altmesopotamischen Überlieferung – und hier dann v. a.:

  • Rechtstexte;
  • nichtjuristische Bestandteile von Rechtssammlungen;
  • Gerechtigkeitserlasse.

Eine weitere Betrachtung widmet Pfeifers Beitrag den religiösen, politischen und gesellschaftlichen Konzepten in der Welt des Alten Orients. Hier wird Gerechtigkeit in Zusammenhang gebracht mit:

  • göttlicher Ordnung;
  • Legitimation von Herrschaft;
  • der Lebenswirklichkeit der altorientalischen Gesellschaften.

Der Autor schließt seinen Artikel ab mit einer Diskussion der Rechtsetzung und Rechtsprechung als konkretisierte Ausprägungen von Recht in der Lebenswirklichkeit des Alten Orients.

Im Alten Testament, so der Herausgeber, „erscheint das Gerechtigkeitsmotiv als eine gesamtalttestamentliche Klammer“ (S. 38). Hier werden die theologischen Gerechtigkeitsspuren:

  • im Pentateuch;
  • in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments;
  • in den Lehrbüchern des Alten Testamens;
  • in den Prophetenbüchern;
  • in den deuterokanonischen (apokryphen) Büchern des Alten Testaments

einer genaueren Untersuchung unterzogen.

Lukas Bormanns Betrachtung beginnt mit den Gerechtigkeitsdiskursen in der Antike und führt weiter in die Untersuchung der Wortgruppe „Gerechtigkeit“ im Neuen Testament. „Sache und Begriff der Gerechtigkeit sind für das Neue Testament zentral“ (S. 73). Gerechtigkeit und Reich Gottes in der Verkündigung Jesu ist ein dritter Punkt in Bormanns Analyse. „Erst in der Fassung der Verkündigung Jesu, wie sie das Matthäusevangelium überliefert, nimmt der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ eine zentrale Position ein. An allen Stellen in Matthäus ist das Wort […] aber redaktionell eingetragen […]. Es wird also erst bei Matthäus zu einem tragenden Begriff der Verkündigung Jesu“ (S. 75). Weitere für den Verfasser untersuchenswerte Aspekte sind:

  • die Gerechtigkeit Gottes, die Rechtfertigung der Gottlosen und Gottes Treue zu Israel bei Paulus;
  • das hellenistische Tugendideal im lukanischen Schrifttum. „Der Sprach- und Sachzusammenhang ‚Gerechtigkeit‘ nimmt im lukanischen Schrifttum eine besondere Stellung ein“ (S. 89);
  • die Gerechtigkeit durch Gottes Strafgericht nach der Johannesoffenbarung.

Die kirchengeschichtliche Betrachtung der Gerechtigkeit nimmt, Volker Leppin folgend, folgende Gesichtspunkte in den Blick:

  • das antike Christentum: Gerechtigkeit als Ethos der christlichen Gemeinde;
  • das Mittelalter;
  • die Reformation;
  • die Neuzeit.

Elisabeth Gräb-Schmidt nimmt das Phänomen Gerechtigkeit systematisch-theologisch in den Blick. „Der Ruf nach Gerechtigkeit, obwohl immer ein utopischer und visionärer Begriff, taucht auf, wo Unrecht nicht mehr zu übersehen ist, sei es in der Frage nach Menschenrechten, nach Überwindung von Armut und Hunger oder nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung“ (S. 125). Gerechtigkeit ist ein Grundbegriff in der abendländischen Philosophie und Theologie. Der Beitrag wagt eine Problemexposition in gegenwärtiger Perspektive. Seine gegenwärtige Relevanz wird aus Sicht der philosophischen und theologischen Tradition beleuchtet. Gerechtigkeit ist ein Horizontbegriff der Ethik. Die Verfasserin macht Ausführungen zur Motivation des Handelns und den Voraussetzungsbedingungen. Sodann macht Gräb-Schmidt Angaben zur gnadentheoretischen Relevanz des reformatorischen Gerechtigkeitsverständnisses. Dies führt dann zur Relevanz des reformatorischen Gerechtigkeits- und Freiheitsverständnisses für die gegenwärtige Ethik.

Bärbel Beinhauer-Köhler beginnt ihren Beitrag zu Gerechtigkeit aus religionswissenschaftlicher Sicht mit methodischen Vorüberlegungen. „Der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ wird […] nicht im großen religionsvergleichenden Überblick, sondern im Rahmen einer ihrerseits vielschichtigen religiösen Tradition näher verfolgt, in dem er historisch gesehen einen nennenswerten Stellenwert besitzt. Es handelt sich um den Islam“ (S. 160 f.). Der theoretischen Annäherung folgt ein Abschnitt zu Gerechtigkeit in der Periode des entstehenden Islam. „Als ein (weiterer – CR) Aspekt von Gerechtigkeit wird die gerechte Herrschaft diskutiert. […] Man ging – und geht in islamisch orientierten Kreisen bis heute – davon aus, dass die politische Herrschaft für soziale Gerechtigkeit zu sorgen hätte und gleichermaßen für ein Umfeld, in dem sich der Islam entfalten könne. Islamische Gesellschaft und ‚gerechte‘ Herrschaft nach dem Willen Gottes bilden eine Einheit“ (S. 166-170). Beinhauer-Köhler betrachtet:

  • die sunnitische Theologie;
  • das Erwirken göttlicher Gnade im Rahmen populärer Frömmigkeit;
  • die Dynamiken des Gottesbildes im Sufismus;
  • die Realisierung der Gerechtigkeit am Ende der Zeit;
  • den Zeichenkomplex um das Gerechtigkeitskonzept

Praktisch-theologisch befasst sich Ursula Roth mit der Gerechtigkeit. Der Autorin folgend hat der Terminus Gerechtigkeit zwei Gesichter:

  1. muss der Gerechtigkeitsbegriff überall dort berücksichtigt werden, „wo die Praxis selbst auf ihn bezogen ist“ (S. 185) und das sind die praktisch-theologischen Teildisziplinen:
    • der materialen Homiletik;
    • der materialen Liturgik;
    • des seelsorgerlichen Gesprächs;
    • der Didaktik des Religionsunterrichts
  2. ist der Gerechtigkeitsbegriff Bestandteil von zwei zentralen Bereichen der christlich-religiösen Praxis:
    • Diakoniewissenschaft;
    • Relgionspädagogik.

Die unter 2. genannten Wissenschaften beziehen sich „bei der Bestimmung ihres Gegenstandsbereiches explizit auf den Begriff der Gerechtigkeit“ (S. 187).

Fazit

Der Herausgeber legt ein theologisches Werk vor, welches sich mit einem Thema – und das ist das Thema Gerechtigkeit - befasst. Die Annäherung aus verschiedenen theologischen Blickwinkeln macht die Lektüre sinnvoll und empfehlenswert. Das Ganze dürfte auch ein Thema für einen christlich orientierten Gerechtigkeitsbegriff in der Soziale Arbeit sein.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.07.2012 zu: Markus Witte (Hrsg.): Gerechtigkeit. Mohr Siebeck (Tübingen) 2012. ISBN 978-3-8252-3662-5. Reihe: Themen der Theologie - Band 6. UTB - 3662. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13550.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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